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«Neuer Wein in Kalebassen»
Bibelübersetzungen aus Sicht der Völkerkunde

Von Christian Prüfer (epd)

Frankfurt a.M. (epd). In der Kultur eines Volkes in Zentralafrika kommt das Küssen nicht vor. Das mag zwar verwunderlich, aber auch nicht weiter schlimm sein. Was aber tun, wenn man im Zuge einer Bibelübersetzung den «heiligen Kuss», zu dem der Apostel Paulus am Ende des 1. Briefes an die Thessalonicher auffordert, adäquat übersetzen soll?

Da ist guter Rat teuer und Fantasie gefragt. Im oben beschriebenen Fall haben die Übersetzer schließlich erkannt, dass Händeschütteln und Umarmen in der betreffenden Volksgruppe üblich und in der Bedeutung einem Kuss durchaus vergleichbar sind. In der Kanyoksprache im Kongo - um die es hier geht - hat man folglich «grüßt euch mit einer Umarmung» übersetzt.

In der Praxis kommt es häufig vor, dass Fachleute vor dem Problem stehen, Begriffe zu übersetzen, die in den einheimischen Kulturen vollkommenen unbekannt sind. Besonders kompliziert erschien die Sache beim Volk der Yali in den Urwäldern Irian Jayas (Indonesien).

Dessen Angehörige kennen gleich drei wichtige Begriffe nicht, die in einem einzigen biblischen Satz vorkommen: «Niemand reißt einen Lappen von neuem Kleid und flickt ihn auf ein altes Kleid (...) niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche» heißt es im 5. Kapitel des Lukasevangeliums.

Da aber die Yali weder Textilkleidung noch Wein oder gar Schläuche kannten, mussten die Übersetzer hier einen völligen Neuansatz wagen. Die Lösung sah so aus, dass man die unverständlichen Begriffe Kleid, Wein und Schläuche in verständliche Begriffe aus dem Lebensalltag der Menschen umwandelte: «Niemand flickt ein altes Netz (Tragetasche) mit neuem Garn, niemand füllt frisches Quellwasser in brüchige Bambusgefäße», hieß die Lösung.

Die wundersame Wandlung des Weins zu Wasser mag streng gläubigen, westlichen Christen möglicherweise zu weit gehen, doch ist der Bedeutungshorizont von frischem Quellwassser in der Yali-Sprache noch am ehesten mit dem von Wein in der Bibel zu vergleichen. Ähnlich wurde übrigens auch bei einer Bibelübersetzung im Sudan verfahren, wo man übersetzte: «Neuer Wein in Kalebassen».

Eine Bibelübersetzung stellt in vielen Ländern Afrikas, Asiens oder Südamerikas oft die einzig nennenswerte Literatur dar, die in der betreffenden Sprache überhaupt vorliegt. Das gilt für die Ureinwohner Taiwans genauso wie für das Volk der Nama in Namibia, früher auch Hottentotten genannt.

Hier mussten bei der Übersetzung sprachliche Eigenheiten, etwa die vier verschiedenen Schnalzlaute, die es in der Nama-Sprache (Hottentotten) in Namibia gibt, beachtet werden. Da diese nicht durch Buchstaben kenntlich gemacht werden können, hat man spezielle Zeichen verwandt, die allen, die die Sprache nicht kennen, unverständlich sind und auf den ersten
Blick als Druckfehler erscheinen.

Gelegentlich kommt es auf die Feinheiten einer Übersetzung aber gar nicht an, manchmal ist lediglich die pure Existenz der Bibel wichtig. Aus Haiti etwa, einer Hochburg des Voodoo-Zaubers, wird berichtet, dass Menschen Seiten aus der Bibel herausreißen, mit heißem Wasser übergießen und als Tee trinken. Dies soll als wundersames Heilmittel gegen Krankheiten wirken. Und eine über der Haustür versteckte Bibel soll sogar gegen böse Geister schützen.

Die größten Probleme beim Übersetzen - man mag es kaum glauben - treten aber unter anderem bei der Schreibung biblischer Personennamen auf. Etwa ob es nun Jesus oder Yesu heißen soll, ob Maria oder Mary - das hat schon erbitterte Diskussionen und Zerwürfnissehervorgerufen. Es menschelt eben in allen Kulturen. (17.03.03)
2005-10-27

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