Martinskirche

Die Renovierungsarbeiten und der Orgelneubau in der Martinskirche dauern weiter an. Aus diesem Grund kann die Kirche bis Pfingsten 2017 wochentags nicht besichtigt werden.

Profil und Öffnungszeiten

Die Martinskirche (auch St. Martin) ist die größte Kirche Kassels. Sie bietet 1.400 Besuchern Platz.
Mit ihren nach dem 2. Weltkrieg neu gestalteten Doppeltürmen und den kupfernen, blau-grün leuchtenden Helmen ist die Kirche schon von Ferne her deutlich zu erkennen. Die Turmspitzen geben der Kirche den Charakter des Unverwechselbaren. Und so konnten sie neben dem Herkules-Monument in Wilhelmshöhe zu einem Wahrzeichen Kassels werden.
St. Martin ist die Predigtstätte des Bischofs der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und eines der beiden Dekane des Stadtkirchenkreises Kassel. Der zuständige Gemeindepfarrer hat auch einen Auftrag für Citykirchenarbeit und leitet die Kircheneintrittsstelle an St. Martin.

Die Martinskirche ist eine offene Kirche für die ganze Stadt. Viele Besucherinnen und Besucher finden hier einen Ort der Stille und des Gebets. Schulklassen erkunden hier die Geschichte ihrer Stadt, und Touristen entdecken kunsthistorisch interessante Ausstattungsstücke in einem architektonisch bedeutsamen Raum.

Besondere inhaltliche Schwerpunkte bilden thematisch orientierte, musikalisch reich ausgestaltete Gottesdienstreihen und Gottesdienste zu besonderen Ereignissen und Jubiläen. Dabei kommt dem Aspekt der Erinnerung eine herausragende Aufgabe zu. Nicht nur im alljährlichen ökumenischen Gedenkgottesdienst am 22. Oktober, dem Tag der Zerstörung der Martinskirche und der gesamten Innenstadt Kassels im Jahr 1943, wird an das Vergangene erinnert. Die innere und äußere Gestalt der Kirche selber erzählt von der wechselvollen Geschichte der Stadt und des Landes.

Die Martinskirche ist seit dem ausgehenden Mittelalter das kirchenmusikalische Zentrum der Stadt und der Region. Die 1502 gegründete Hofkapelle übernahm hier auch liturgische Aufgaben. In den 1960er Jahren begründete Klaus-Martin Ziegler den Ruf der Martinskirche als einem national und international renommierten Zentrum für Neue Musik in der Kirche.

Während die Pflege der Musik an St. Martin eine lange Tradition hat, ist die intensive Auseinandersetzung mit bildender und darstellender Kunst erst in neuerer Zeit zu einem wichtigen Thema geworden. Besonders die seit 1997 durchgeführten documenta-Begleitausstellungen der Landeskirche und des Stadtkirchenkreises haben den Dialog von Kirche und Kunst gefördert und vorangetrieben. Ein Produkt des langjährigen Zusammenwirkens von Martinskirche und Staatstheater Kassel ist die Gottesdienstreihe Inspiriert! – Theater im Gottesdienst. Mehre Male im Jahr finden aktuelle Inszenierungen ihren Reflex in einem Gottesdienst.

Öffnungszeiten: in der Regel täglich 9 bis 17 Uhr - wegen des Orgelneubaus ist die Kirche derzeit wochentags geschlossen.

Geschichtliches

Die Martinskirche wurde ab der Mitte des 14. Jahrhunderts auf dem höchsten Punkt der mittelalterlichen Stadt Kassel errichtet.

Auf dem Merian-Stich von 1646 erkennt man die Martinskirche – bis Ende des 19. Jahrhunderts nur mit einem Turm – als das bedeutendste Gebäude des Stadtteils „Freiheit“. Zu der eigentlichen Altstadt, direkt an der Fulda gelegen, und der Unterneustadt auf der anderen Flussseite, kam ab 1330 im Westen die „Freiheit“ (der Name bezieht sich auf anfängliche Steuerfreiheiten) hinzu. Landgraf Heinrich II. von Hessen, ein Ur-Urenkel der heiligen Elisabeth, gründete diesen Stadtteil, um der zunehmenden Bedeutung Kassels als Handels- und Residenzstadt zu entsprechen.

Mit dem Bau der Martinskirche muss wenige Jahre später begonnen worden sein. Die Größe der Kirche und ihre Erhebung zu einer Stiftskirche, an der zwölf Chorherren ihren Dienst versahen, unterstrichen den Machtanspruch der aufstrebenden Landgrafschaft Hessen. Das Martinsstift sollte das geistliche Zentrum des Fürstentums werden. Die Weihe der Kirche – vermutlich nur des bis dahin fertiggestellten Chores – erfolgte 1367. Die Kirchenpatrone waren der heilige Martin, die Jungfrau Maria und die heilige Elisabeth. Erst 1462 – zweiundzwanzig Jahre vorher war das Gewölbe teilweise eingestürzt – erfolgte die Weihe des gesamten Kirchenraumes.

Ihre bauliche Vollendung fand die Martinskirche erst Ende des 19. Jahrhunderts.

Nun erst wurde auch der Nordturm aufgerichtet, und beide Türme erhielten dieselbe neugotische Gestalt, fertiggestellt 1892. Die Pläne dazu lieferte der Architekt Hugo Schneider, der wenige Jahre später die benachbarte Lutherkirche erbaute.

1526 führte Landgraf Philipp der Großmütige (1504-1567), einer der Hauptakteure der Reformationsgeschichte in Deutschland, das evangelische Bekenntnis in seiner Landgrafschaft ein.

 

Das bedeutete die Auflösung des Chorherrenstifts St. Martin. Eine neue Bedeutung wuchs der großen dreischiffigen Hallenkirche nun zu als Grablege der hessischen Landgrafen und ihrer Familie (zuvor Elisabethkirche Marburg).

Das Innere der Martinskirche wurde bis zur Zerstörung 1943 wesentlich geprägt durch das kolossale Philipps-Epitaph, das gleichsam wie ein Hochaltar den Chorraum der Kirche begrenzte. Nach dem Wiederaufbau der Kirche fand es seinen Platz an der Nordwand des Kirchenschiffes.

Das Grabmal gehört zu den wenigen historischen Ausstattungsstücken, die relativ unversehrt den Zweiten Weltkrieg überdauert haben. Das fünfeinhalb Meter breite und zwölf Meter hohe Epitaph für Landgraf Philipp den Großmütigen und seine erste Frau, Christina von Sachsen, gehört zu den eindrucksvollsten Monumenten des Übergangs von der Renaissance zum Barock. Geplant und begonnen von dem niederländischen Hofbildhauer Elias Godefroy, wurde es 1572 von dessen Schüler Adam Liquir Beaumont vollendet. Seine Grundform ist die eines nach oben hin erweiterten römischen Triumphbogens. Der Gesamteindruck ist geprägt durch den Gegensatz der verwendeten Materialien, dunkler polierter Marmor und hellgelber Alabaster.

An der Nordseite des Chores wurde schon 1550 für die ein Jahr zuvor verstorbene Landgräfin Christina (+1549) ein Grabdenkmal errichtet.

Es stammt von dem damals bedeutendsten hessischen Bildhauer Philipp Soldan.

Unterhalb des Chorraums befindet sich die erste landgräfliche Gruft. Sie wurde nur jeweils zu den Beisetzungen geöffnet. Eine zweite, begehbare Gruft wurde unter dem der Kirche angegliederten sogenannten Kapitelsaal errichtet und von 1640 bis 1782 als Grabstätte genutzt.

Von den ursprünglich dort aufgestellten Prunksarkophagen wurden im Wesentlichen nur die des Landgrafen Karl (1654-1730, Erbauer der Karlskirche, des Herkules und der Orangerie), seiner Gemahlin Maria Amelia und vier ihrer Kinder nicht gänzlich zerstört. Sie stehen heute in einem neu hergerichteten Gruftraum an historischer Stätte. (Zugang mit Führung nach Vereinbarung).

Das bedeutendste musikalische Ereignis in der Geschichte St. Martins war der Besuch Johann Sebastian Bachs im September 1732. Auf Einladung des Kasseler Stadtrates reiste Bach gemeinsam mit seiner Frau Anna Magdalena von Leipzig in die hessische Residenzstadt, um die abgeschlossene Renovierung der von Hans Scherer erbauten Orgel zu begutachten. Mit einer Sänfte wurde Bach am 28.9.1732 in die Kirche getragen, wo er seine Dorische Toccata und Fuge d-moll gespielt haben soll. Ab 1599-1608 erhielt der junge Heinrich Schütz seine Ausbildung am Kasseler Hof. 1613/14 wird auch er als zweiter Hoforganist in der Kasseler Hauptkirche musiziert haben.

Architektur und Gegenwart

Mit dem Wiederaufbau der Kirche wurde 1953 begonnen. Interessanterweise sah keiner der zuvor in einem Ideenwettbewerb vorgelegten Entwürfe die Rekonstruktion des zerstörten Kirchengebäudes vor.

Wegen der starken Brandschäden hielt man eine Wiedereinwölbung für unmöglich, und einige Architekten stellten sogar die erhaltenen Langhausmauern zur Diskussion. Verwirklicht wurde schließlich der von dem Trierer Baurat Heinrich Otto Vogel vorgelegte Plan, dem eine Lösung des statischen Problems gelang. Seine Absicht war, in der Hülle der in vorreformatorischer Zeit entstandenen Kirche einen evangelischen Gottesdienstraum zu schaffen, in dem sich die Gemeinde um Gottes Wort versammeln konnte. Die Anknüpfung an gotische Formen sollte eine Verbindung herstellen zwischen Alt und Neu.

Mit wenigen Ausnahmen folgte Vogel dem Prinzip, die historische Substanz, soweit noch vorhanden, zu bewahren, alles Neue aber als Neues deutlich hervortreten zu lassen. Die neue Gestalt der Kirche sollte das Ereignis der Zerstörung nicht vertuschen sondern offen legen. Nach außen hin wurde das durch die neuen markanten, weithin sichtbaren Türme erreicht. Im Inneren durch die Verwirklichung einer äußerst schlicht gehaltenen, trotz der gotischen Formzitate modern anmutenden lichten Halle.

  

Im Innenraum wurde ein neues Raumkonzept verwirklicht. Er teilt sich nun in zwei durch eine flexibel zu handhabende Glaswand getrennte Bereiche. Der Chorraum, ergänzt durch das erste Hauptschiffjoch, wurde als Gemeindekirche mit separatem Eingang vorgesehen (und in dieser Funktion bis 1995 genutzt). Das historische Gewölbe wurde hier wieder hergestellt. Das große Kirchenschiff sollte als Fest- und Konzertkirche dienen. Der helle, lichte, weite Raum lehnt sich an gotische Formen an, trägt aber deutlich die Signatur der 50er Jahre. Die Fertigstellung der Türme erfolgte 1960.

Die Wiedereinweihung der Martinskirche fand am 1. Juni 1958 statt. Die Landeskirche hatte sich nach dem Krieg eine neue Verfassung gegeben mit einem Bischof an ihrer Spitze. Als Predigtstätte des Bischofs wurde St. Martin bestimmt. Die Funktion von St. Martin als Bischofskirche konnte anknüpfen an die von Philipp dem Großmütigen begründete Tradition der Martinskirche als hessischer Hauptkirche, die auch hessischer Dom genannt wurde.

Bei großen feierlichen Veranstaltungen können die beiden unteren Reihen der Glaswand geöffnet werden. Dadurch entsteht ein Zentralraum, in dessen Mitte Kreuz und Altar stehen.

In den beiden Türmen befinden sich sieben neu gegossene Glocken, die 1961 geweiht wurden. Sie klingen auf die Töne g  (Christusglocke, genannt Osanna), b° (Vaterunserglocke), d’(Abendglocke), es¹ (Mittagsglocke), f’ (Taufglocke), g’ (Morgenglocke), b’ (Abendmahlsglocke).

Die beiden größten Glocken hängen im Südturm. Es sind die Vaterunser-Glocke, die seit dem Jahr 2000 mit ihrem Schlag die Stunden anzeigt, und die neue Osanna-Glocke, die mit 5.300 kg Gewicht größte und schwerste Glocke im Geläut. Ihr tiefer Ton ertönt nur an Karfreitag und zum Gedenkgottesdienst am 22. Oktober. An den hohen kirchlichen Feiertagen erklingen alle sieben Glocken gemeinsam. Ihr Gesamtgewicht beträgt 14.496 kg. Die Glockengießerei der Gebrüder Rincker in Sinn schuf hier ein repräsentatives Großgeläut, vergleichbar dem der neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, das derselben Werkstatt entstammt. Die alte, zerstörte Osanna-Glocke ist in der Vorhalle der Kirche aufgestellt.

Sie wurde 1818 von der Kasseler Firma Henschel aus dem Material der mittelalterlichen Osanna-Glocke angefertigt.

Alle Fenster der Martinskirche sind Buntglasfenster.
Während die von Hans Leistikow gestalteten Glasfenster im großen Raum der Kirche als freundliches Farbenspiel von Dreiecken gestaltetet sind, weisen die Fenster in der Chorkirche eine Fülle von bildhaften, vornehmlich biblischen Motiven auf. Sie wurden von Hans Gottfried von Stockhausen geschaffen. Im Zentrum über dem Altar sieht man den auferstandenen Christus mit den zwölf Aposteln. Die Fenster links und rechts davon verweisen auf das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Sie zeigen die zwölf Tore des himmlischen Jerusalems mit den darauf thronenden Engeln. Das nördliche Fenster zeigt Szenen der Passion und Auferstehung Christi, das eine der beiden südlichen Fenster zeigt sechs Werke der Barmherzigkeit, das andere eine Darstellung des heiligen Martin mit der Martinskirche im Hintergrund.

Das Altarbild wurde von Christiane Wollenhaupt-Brenner nach byzantinischen Motiven als Mosaik gestaltet. Die reiche bildhafte Ausschmückung der Kirche nach dem Wiederaufbau steht im Kontrast zum reformierten bilderlosen Kirchenraum, wie ihn die sogenannte zweite Reformation unter Landgraf Moritz dem Gelehrten zu Beginn des 17. Jahrhunderts propagierte. Dass St. Martin einmal die Hauptkirche des niederhessischen Reformiertentums war, ist heute nicht mehr zu erkennen.

Martinskirche: Von Gruft bis Turm (Video auf HNA Online: http://bcove.me/i8krdmxh).