DIE KÜNSTLER

PATRYCJA GERMAN (Polen)

Die Künstlerin über Ihre Arbeiten:

"Meine Arbeiten sind Skizzen, nichts Großes, keine Geheimnisse, keine Belehrungen. Sie sind Selbstbeobachtung, eine Reflexion auf das eigene Ich; Notate aus dem persönlichen, privaten Bereich, ohne erzählerischen Fluss. Ich bin auf der Suche nach Bildern, die Einsichten in die Realität des Menschen erlangen lassen: Trauer, Lebenskraft, Eros, Elend. Dabei glaube ich an die subversive Kraft des Fragens, auf störrische, unablässige Weise, als wäre in der Tat eine zufriedenstellende Antwort möglich. Die Frage ist, wie weit muss ich gehen, um eine Sache von mir selbst zu abstrahieren, um sie auf Allgemeingültigkeit zu überprüfen?

Was passiert, wenn man an der Stelle weitermacht, an der etwas gewöhnlicherweise beendet wird, wenn man darüber hinausgeht, wo man sonst immer aufhört ? Was passiert, wenn man trotz des vorprogrammierten Scheiterns sich der Situation, der tiefsitzenden Angst vor dem Versagen stellt ? Werden wir bedrängt oder überwältigt von den seelischen Zuständen unseres Gegenüber? Ich beobachte die Obszönität des öffentlichen Bekenntnisdrangs auf der einen Seite und gleichzeitig eine große Scheu vor dem Offenlegen der Gedanken und Gefühle auf der anderen Seite.

Mein Körper ist nicht, wie er bei einer Schauspielerin oder Tänzerin sein sollte: passiv reagierend, als ob er im Moment der Kreation nicht existierte, sondern bietet viele Widerstände, führt mich an meine Grenzen. Ich beschränke mich bewußt auf die elementare Wirkung einfachster Bewegungsabläufe und konzentriere mich auf eine Idee, verzichte auf illustrierende, unterhaltsame Elemente und missachte somit die Erwartung des Publikums im Hinblick auf dramaturgische und spektakuläre Momente. Rhythmische Übungen, endlose Wiederholungen, einfachste Handlungen- sie sind wie Muster oder Rituale alter Kulturen, sie versetzen Performer und Publikum zusammen in einen anderen Geisteszustand, weg vom Alltagsbewußtsein. Das ermöglicht dem Betrachter, Zusammenhänge zu erspüren, das nicht ganz Greifbare hinter dem bloßen Klischee einer Figur. Selbstdarstellung als Ausgangspunkt, wird nach und nach aufgelöst. Mein Ziel ist es, die Gegensätze zu entschärfen, bis es keinen Unterschied zwischen Abstraktion und Figuration gibt und Posen und Poesie zusammenfallen. Und ein Zustand ohne Absicht erreicht ist." (Patrycja German)

Dr. Margrit Brehm über Patrycja German:

"In den jüngsten Produktionen gilt das Interesse von Patrycja German der Interaktion mit einem Gegenüber. Die den Mitspielern zugedachte Rolle legt sie zwar in Grundzügen fest und vermittelt sie den Betreffenden in Form einer verbalen oder gestischen Handlungsanweisung (also ohne Erklärungen), aber wie bei einer Versuchsanordnung ist damit nur eine Grundkonstellation definiert. Die Spannung der Arbeiten liegt in ihrer Unkalkulierbarkeit, dem Möglichkeitspotential, das aus der Interaktion resultiert. Wie wird der/die Andere reagieren? Wie gehe ich mit dieser Reaktion um?" (Dr. Margrit Brehm, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden)

Hintergrund:

1979 geboren in Wroclaw/ Polen. Lebt und arbeitet in Berlin.
Aktuelle Ausstellungen und Performances 2007: 2. bis 10.8.07 Performance Festival "stromereien", Zürich, sept. 07 "leibesübungen", kunsthalle göppingen

Weitere Informationen unter: www.galerie-beckers.de, www.galerie-kugler.at

 

Überblick der Künstler:

» Patrycja German (Polen)
» Sigalit Landau (Israel)
» Yves Netzhammer (Schweiz)
» Julia Oschatz (Deutschland)
» Jay Schwartz (USA)

 

Patrycja German: "Barszcz", 2004
Patrycja German: "Barszcz", 2004
Patrycja German: "Barszcz", 2004
Patrycja German: "Barszcz", 2004.
(Quelle: Ev. Forum Kassel)

SIGALIT LANDAU (Israel)

Gleich im Eingangsbereich der Martinskirche soll die Arbeit "Eye Drum" von Sigalit und Daniel Landau aus dem Jahr 2001 präsentiert werden. Sie führt den Besucher mit seinem Eintritt in die Kirche quasi in das "Thema" der Ausstellung VISION | AUDITION ein und kann daher quasi als Sinnbild der Gesamtausstellung verstanden werden. Die Arbeit soll eingelassen in ein großes Podest im Zentrum des Eingangsraumes stehen. Es handelt sich um einen Loop, der während der gesamten Ausstellungszeit läuft.

Visuell zeigt "Eye Drum" in seiner gesamten Länge nichts als einen kleinen Ausschnitt eines menschlichen Gesichts, nämlich ein rechtes Auge, das ab und an blinzelt, nach rechts oder links blickt oder sich auch für eine kurze Zeit schließt. Durchbrochen wird dieser Blick auf das Auge durch eingeschossene Lichtblitze, Bildfragmente aufleuchtender Neon-Röhren.

Ab und an sieht man auch an Stelle des Augapfels eine sich langsam drehende, violett-rötlich eingefärbte Musikwalze auf der Iris. Wenn diese Musikwalze Klänge erzeugen würde, würden sie von dem die Walze umschließenden Augenlid erzeugt. Mit dem Auftreten der Musikwalze wird das Auge zugleich sinnfällig "blind". Akustisch hört der Betrachter neben den Geräuschen der aufflammenden Neonröhren vor allem die musikalischen Geräusche der sich drehenden Musikwalze.

Hintergrund:

Sigalit Landau wurde 1969 in Jerusalem (Israel) geboren und lebt und arbeitet in Tel Aviv.

Weitere Informationen unter: www.galerie-beckers.de

 

Überblick der Künstler:

» Patrycja German (Polen)
» Sigalit Landau (Israel)
» Yves Netzhammer (Schweiz)
» Julia Oschatz (Deutschland)
» Jay Schwartz (USA)

 

Sigalit Landau: "Eye Drum", 2001.
Sigalit Landau: "Eye Drum", 2001.
(Quelle: Ev. Forum Kassel)

YVES NETZHAMMER (Schweiz)

Yves Netzhammer ist einer der renommiertesten und wichtigsten Medienkünstler der jüngeren Generation in der Gegenwart. Er arbeitet – anders als der Video und Medienkünstler Björn Melhus, der bereits 2002 im Begleitprogramm der evangelischen Kirche zur documenta 11 gezeigt wurde – ausschließlich mit künstlichen Figuren (Stellvertretern), die gezielt und metaphernreich Metamorphosen unterzogen werden.

Es ist eine sehr sinnliche, faszinierende, rätselhafte und zugleich aber auch höchst intellektuelle Kunst, die viel Konzentration und Wahrnehmungsbereitschaft verlangt. Die Realisierung seiner Arbeiten umfasst neuerdings neben rein medialen Arbeiten auch eine Kombination von Wandzeichnung und Bildprojektion, die gerade in der Karlskirche eine kaum zu überbietende Faszination auslösen wird. Yves Netzhammer ist ein international tätiger Künstler.

Seine letzte große Einzelausstellung war 2005 in der Bremer Kunsthalle unter der Leitung von Wulf Herzogenrath, die als wichtiger Impulsgeber für künftige Kunstentwicklungen gilt. Die dort präsentierte Ausstellung "Die Anordnungsweise zweier Gegenteile bei der Erzeugung ihres Berührungsmaximums" wurde von führenden Kunstzeitschriften besprochen und gewürdigt.

Hintergrund:

Yves Netzhammer wurde 1970 in Schaffhausen (Schweiz) geboren und lebt und arbeitet in Zürich.

Weitere Informationen unter: www.netzhammer.com und www.galerie-beckers.de

 

Überblick der Künstler:

» Patrycja German (Polen)
» Sigalit Landau (Israel)
» Yves Netzhammer (Schweiz)
» Julia Oschatz (Deutschland)
» Jay Schwartz (USA)

 

Yves Netzhammer: "Digitale Zeichnung", 2007
Yves Netzhammer: "Digitale Zeichnung",
2007. (Quelle: Ev. Forum Kassel)

JULIA OSCHATZ (Deutschland)

Dr. Beate Ermacora, Leiterin des Kunstmuseums Mülheim an der Ruhr,
über die Künstlerin:

"In den Arbeiten von Julia Oschatz spielt ein merkwürdiges, gesichtsloses Mischwesen mit langen Ohren, halb Mensch, halb Tier, weder männlich noch weiblich die Hauptrolle. Egal wohin uns die Reise in Oschatz begehbaren, aus Pappkartons gefertigten Ruinen, Höhlen oder Schiffe, in ihren gezeichneten, gemalten, gefilmten oder animierten Landschaften führt, die Stellvertreterfigur mit ihrer Tarnkappe war schon vor uns da, um als Abenteurer fremde Landschaften zu erkunden und mögliche Erfahrungen zu prüfen. Julia Oschatz bedient sich aus dem großen Fundus vorhandener Bilder und Geschichten. Dabei greift sie einerseits das Thema des durch Jahrhunderte mit vielfältigen Metaphern belegten Natur- und Landschaftsbegriffes auf, um es mit dem nicht minder metaphernreich besetzten Klischee des Heldentums zu kombinieren. Cartoons, mittelalterliche Druckgrafik, Expeditionsberichte, Abenteuerfilme, Reiseprospekte, Computerspiele oder Highlights der Kunstgeschichte dienen ihr gleichermaßen als Vorlagen wie als Aktionsraum.

Da sich das identitätslose Wesen stets in klischeehaften Bildern wiederfindet, ohne so recht zu wissen, wie es dorthin gekommen ist, stellt es die Frage, wie es aus diesen Bildern und ihren Vorstellungsräumen wieder herauskommt.

Kleinformatige, von einem bleichen Grauton überschattete Landschaftsdarstellungen werden in Petersburger Hängung wie Ausschnitte aus Filmsequenzen präsentiert. Schnell wechselnde Erzählfragmente und eine offene Dramaturgie kennzeichnen die Videoarbeiten, die aus einem Mix an geklauten Filmschnipseln, eigenen Aufnahmen und Zeichnungsanimationen bestehen. Unter Hinzuziehung von Sprach- und Symbolspielen webt die Künstlerin ein dichtes Netz an widersprüchlichen Bezügen und Bedeutungen, in dem sich die hybride Stellvertreterfigur zurechtfinden muss. Da sie jedoch keine Augen hat, fehlt ihr die Orientierung. Dieser skurille Umstand führt zu Handlungen, die den vorgegebenen Szenerien stets zuwiderlaufen. Mit Witz und Humor thematisiert die Künstlerin unser Verhältnis zu Kunst, Utopien und der Konstruktion von Realität. dabei wirft sie vor allem Fragen auf, die um die Verortung des Ich im eigenen Körper und in der Gegenwart kreisen."

Eigens für die Martinskirche realisiert die Künstlerin die neue Arbeit "HERMITAGE HERITAGE".

Hintergrund:

geb. 1970 in Darmstadt, lebt und arbeitet in Berlin. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen. Bühnenbilder und Computeranimationen für Theaterprojekte. Aktuelle Ausstellungen 2007: 6.6.-18.8. Galerie Anita Beckers, Frankfurt/Main

Weitere Informationen unter: www.julia-oschatz.de oder www.galerie-beckers.de

 

Überblick der Künstler:

» Patrycja German (Polen)
» Sigalit Landau (Israel)
» Yves Netzhammer (Schweiz)
» Julia Oschatz (Deutschland)
» Jay Schwartz (USA)

 

Julia Oschatz: "NOTATALL", 2007
Julia Oschatz: "CUT AND RUN", 2006.
(Quelle: Ev. Forum Kassel)
Julia Oschatz: "NOTATALL", 2007
Julia Oschatz: "CUT AND RUN", 2006.
(Quelle: Ev. Forum Kassel)
Julia Oschatz: "Cut and Run", 2006
Julia Oschatz: "VAGER VAGABUND“, 2006.
(Quelle: Ev. Forum Kassel)

JAY SCHWARTZ (USA/Deutschland)

Über Jay Schwartz:

jay schwartz was born in san diego, california, usa, in 1965. he studied piano and composition at arizona state university, where he graduated in 1989, after which he received a scholarship for doctoral studies in musicology at the university of tuebingen in germany.

from 1992-1995 he was assistant composer in residence for incidental music at the state theater in stuttgart. he has composed for numerous music theater and dance theater pieces, for film, and for concert music in Europe and has created sound installations for prestigious international venues. his music has been commissioned by and performed at renowned festivals such as the donaueschinger musiktage, the venice biennale, the ultraschall festival berlin, the international computer music conference in sweden, and various contemporary music festivals and venues in berlin, dresden, cologne, frankfurt, stuttgart and vienna.

his pieces have been performed and commissioned by acclaimed orchestras and ensembles such as the berlin symphony orchestra, the frankfurt radio symphony orchestra, the orchestra sinfonica nazionale rai, the orchestra of the staatskapelle weimar, ensemble modern, ensemble aventure, the neue vocalsolisten, and the raschér saxophone quartet. in 2000 he won the bernd-aloisezimmermann- prize for composition from the city of cologne, germany.

he is a three-time recipient of the strobel-fellowship for electronic music from the southern german broadcasting corp. (swr). he received the nachwuchsausziechnung (rising artist prize) from ensemble modern and the international society of new music in 1997. his instrumental and orchestral works were recently chosen by the deutsche musikrat (germany's national board of music) to be released on cd by the label wergo in 2007.

additional upcoming activities include a sound-installation at the international art festival documente xii in kassel, germany, as well as commissions by the radio symphony orchestra and choir stuttgart and by the radio symphony orchestra frankfurt. his works are published and represented by universal edition in vienna, london and new york. he currently resides in cologne, germany.

Jay Schwarz: "Autosonic Gong" - Über das Archaische

Der Gong als Klangscheibe reicht zurück bis zu den frühen menschlichen Gemeinschaften, in Zeiten, in denen er im Kult profanes Signalinstrument war.

Gongformen sind seit der frühen Geschichte im westafrikanischen, nordamerikanischen und im ganzen südostasiatisch-malaiischen Raum und im östlichen Mittelmeerraum zu finden. Bei Begräbnisriten und Kriegszügen nahm der Gong in diesen Kulturen eine hoch geachtete Stellung ein. Der Legende nach soll in China eine frühe Form des Gongs als Schlagkasten in strömendes Wasser gehängt worden sein, um durch seinen dumpfen, donnerähnlichen Klang die Feinde zu erschrecken.

Für eine Herkunft des Gongs aus Vorderasien spricht die Tatsache, dass der Gong in dem Ritual der yemenitischen Juden, die im Jahre 597 v. Chr. nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem nach Südarabien emigrierten, gebraucht wurde und in diesen Gegenden der Welt bis heute zu finden ist. Auf dem Landweg könnte er über die berühmte "Seidenstraße" nach Osten in den asiatischen Raum gelangt sein so wie viele andere Kulturgüter auch. Altchinesische Quellen erwähnen den Gong als ein von den Barbaren aus dem Westen übernommenes Instrument, das schon im frühen buddhistischen Ritus verwendet wurde.

Jay Schwartz installiert acht Gongs unterschiedlicher Größe im Mittelschiff der Martinskirche. Das Tamtam, eine besondere Art Gong, besitzt Resonanzen, die im konventionellen Spielen durch das Anschlagen zum Schwingen gebracht werden. Durch das elektrostatische Verfahren werden die acht Tamtams ohne jegliche Berührung zum Schwingen gebracht. In geringem Abstand von den Tamtams werden auf der einen Seite Mikrophone, auf der anderen Lautsprecher platziert. Durch das Anschalten und die Kontrolle des Lautsprecher-Mikrophon-Kreises wird eine elektroakustische Rückkoppelung verursacht, das Tamtam fängt die Rückkoppelung ab, beginnt in seinen Resonanzen zu schwingen und macht sich selbständig. Die so erzeugten Klänge werden also weder elektronisch noch elektrisch verstärkt, sondern sind organisch. Das Tamtam spricht mit seinen ihm ur-innenwohnenden Lauten.

Jay Schwartz macht diese Klänge hörbar als Reminiszenz an vor- und frühgeschichtliche religions- und kulturübergreifende Rituale und lässt die kräftige Plastizität des Klanges den sakralen Raum umfassen. Mit seiner in der europäischen Hochkultur angesiedelten musikalischen Erfahrung bändigt er den Klang kompositorisch, ordnet ihn in einen abendländischen Kanon ein und versucht, ihn zur Ruhe zu bringen. Der Klang jedoch verweigert sich dem Einordnen, ist archaisch und avantgardistisch zugleich, spricht in den Hörenden dem Urmenschlichen zu. Das Gewaltige, Primitive, Urschreiende, Ausschweifende und Erhabene des Klanges umzingelt ihn.
(unter Verwendung eines Textes von Jay Schwartz)

Hintergrund:

Jay Schwartz, 1965 in Kalifornien geboren, lebt seit 1995 in Köln. Er gilt als einer der wichtigsten Komponisten im Bereich der Neuen Musik und arbeitet auf internationaler Ebene zusammen mit bedeutenden internationalen Orchestern, Schauspiel- und Tanztheatern.

Weitere Informationen unter: www.jayschwartz.eu

 

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