"Verstehst du auch, was du liest?" Diese Frage stellt der Apostel Philippus dem äthiopischen Schatzmeister, der auf dem Weg durch die judäische Wüste von Jerusalem nach Gaza über eine Stelle im Buch des Propheten Jesaja nachdenkt (Apostelgeschichte Kap. 8 Verse 26-40).

Anhand dieser Frage möchten wir Sie mit dem Studium der Evangelischen Theologie, seinen Fächern und Inhalten bekannt machen.

Die Frage des Philippus zielt auf Verstehen, d. h. Auslegen und Verständnis von Texten. Dabei handelt es sich um mehr als bloße Informationsweitergabe; sondern vielmehr darum, dass Sinn und Bedeutung eines Textes für die Leserinnen und Leser auf dem Hintergrund ihrer eigenen Situation erkennbar werden. Auf diese Weise lassen sich neue Einsichten gewinnen.

Dass dieser Prozess nicht nur im Theoretischen verbleibt, sondern auch ganz praktisch zu neuen Orientierungen im Leben führen kann, zeigt wiederum das Beispiel des äthiopischen Schatzmeisters: Nachdem er mit der Hilfe von Philippus ein neues Verständnis des Textes gewonnen hatte, ließ er sich taufen.

Altes und Neues Testament

Im Theologiestudium geht es zunächst um die biblischen Bücher, d. h. die Schriften des Alten und Neuen Testamentes. In beiden Fächern lässt sich eine eher historisch von einer eher theologisch arbeitenden Fragestellung unterscheiden. In historischer Richtung kann man z. B. fragen: Wer waren die Verfasser der biblischen Bücher, in welcher Situation haben sie ihre Schriften verfasst und welche Bedeutung haben ihre Texte in der Folgezeit ihrer Überlieferung jeweils erlangt? In theologischer Richtung kann man z.B. fragen: Welche bleibende Bedeutung haben die biblischen Texte für den christlichen Glauben entfaltet und welche gegenwärtige Verbindlichkeit besitzen sie für christliche Kirche und Theologie? Historische und theologische Fragerichtung gehören zusammen und dürfen nicht auseinander gerissen werden.

Die Kirchengeschichte

In der Kirchengeschichte (auch: Historische Theologie) versucht man, die zweitausendjährige Geschichte der christlichen Kirchen und Theologie in ihren Grundzügen zu untersuchen. Üblich ist die Einteilung in fünf Epochen: Alte Kirchengeschichte, Mittelalter, Reformationszeitalter, Neuere Kirchengeschichte und Kirchliche Zeitgeschichte. Um der Gefahr eines zu engen Begriffs von Kirche vorzubeugen, wird nicht nur nach der kirchlichen, sondern auch nach der außer-kirchlichen Wirkungsgeschichte des Christentums gefragt, um auch kritische Formen christlicher Religiosität in den Blick zu nehmen.

Die Dogmatik

Greift man die Frage des Philippus wieder auf und richtet sie auf den Glauben ("Verstehst du auch, was du glaubst?"), so kommt man zur Dogmatik. Sie ist eine Unterdisziplin der Systematischen Theologie, d. h. hier geht es darum, die Lehre des christlichen Glaubens in ihrem Zusammenhang darzustellen und begreifbar zu machen. Dabei ist die Philosophie eine unentbehrliche Gesprächspartnerin. Die Aussagen des christlichen Glaubens, die in den Bekenntnissen nebeneinander stehen, sollen zueinander ins Verhältnis gerückt werden. Dabei stellt sich die Aufgabe, nach der möglichen Vereinbarkeit scheinbar widersprüchlicher Glaubensaussagen zu fragen, ohne damit schon jede Spannung ausgleichen zu wollen: Wenn Gott "allmächtig" ist, wie konnte er dann zulassen, dass sein Sohn Jesus Christus gekreuzigt wurde? Wenn Gott mich geschaffen hat, warum muss ich ihn dann um die Vergebung meiner Sünden bitten? Wie kommt es eigentlich, dass es so verschiedene Religionen unter den Menschen gibt? Hat nur eine recht oder steckt in jeder Religion ein "Körnchen Wahrheit"? Mit der letzten Frage öffnet sich ein Blickfeld, das für christliche Dogmatik zunehmend an Bedeutung gewinnt: der Dialog zwischen den christlichen Konfessionen und zwischen den Weltreligionen (Ökumene; Religions und Missionswissenschaft).

Die Ethik

Die Ethik als die zweite Subdisziplin der Systematischen Theologie fragt nach dem guten und richtigen Handeln. Welche Handlungsorientierungen folgen eigentlich aus dem christlichen Glauben? Was heißt z. B. "Gerechtigkeit","Verantwortung","Gewissen" oder auch "Liebe"? Die Ethik versucht, diese großen Begriffe aus der christlichen Tradition mit Leben zu füllen, indem sie sich den ethischen Problemen gegenwärtiger Lebensführung zuwendet. Als Sozialethik lässt sie gesellschaftliche, politische und rechtliche Aspekte gegenwärtiger Problemlagen in die Urteilsbildung einfließen.

Die Praktische Theologie

Die Begegnung mit Philippus führte bei dem äthiopischen Schatzmeister zu dem Wunsch, sich taufen zu lassen. Mit der Taufe kommt ein Stück kirchlichen Lebens in den Blick. Sicherlich ist die Theologie als Ganze auf Praxis ausgerichtet, weil sie sich auf die Praxis des Glaubens bezieht, der ihr vorausgeht und über den sie nachdenkt. Die Praktische Theologie fragt in besonderer Weise nach der kirchlichen und der religiösen Praxis in Kirche und Gesellschaft. Um zu einem tieferen Verständnis menschlichen Verhaltens in religiöser Perspektive zu kommen, führt die Praktische Theologie einen Dialog mit den sog. Humanwissenschaften, vor allem mit der Psychologie, Pädagogik und Soziologie. Sie versucht, die aus diesem Dialog gewonnenen Einsichten fruchtbar zu machen für eine theologische Lehre vom Gottesdienst, von der Predigt, von der Seelsorge und vom Unterricht. Weil Gemeinde aber mehr ist als die Summe der pastoralen Handlungsfelder, gewinnt das Verständnis von Gemeinde und Kirche als Organisationen mit komplexen Kommunikations- und Leitungsstrukturen für die Praktische Theologie zunehmend an Bedeutung (Gemeindeaufbau, Kirchentheorie, Kybernetik).

Für einige Disziplinen sind Sprachkenntnisse erforderlich: Hebräisch (Altes Testament), Griechisch (Neues Testament und Kirchengeschichte), Lateinisch (Kirchengeschichte und Dogmatik).

Das Alte Testament ist nicht nur der erste - größere - Teil der Bibel, auf den die Schriften des Neuen Testamentes sehr häufig Bezug nehmen, es ist auch - bis heute - die Heilige Schrift des Judentums. Von daher ist die Frage nach dem Stellenwert des Alten Testamentes für die christliche Theologie und Kirche mit der nach dem Verhältnis zwischen Judentum und Christentum verknüpft.

Im Neuen Testament steht die Frage nach dem Ursprung des Christentums, nach Leben, Wirken und Geschichte des Jesus von Nazareth sowie der Entstehung und Entwicklung der christlichen Gemeinde im Vordergrund des Interesses.

Von Anfang an hat die christliche Gemeinde damit begonnen, die für sie zentralen Inhalte ihres Glaubens in die Form kurzer Bekenntnisse zu fassen. Beispiele sind das Apostolische Glaubensbekenntnis und Martin Luthers Kleiner Katechismus.

Die Kirchliche Zeitgeschichte beschäftigt sich mit der politischen und sozialen Geschichte der Kirche im 19. und 20. Jahrhundert (z. B. Kirche unter Diktaturen und in der Demokratie).

Ethische Probleme der Gegenwart sind: Gibt es ein gerechtes Wirtschaftssystem? Wie sind unterschiedliche Lebensformen aus christlicher Sicht zu bewerten? Sind die Menschenrechte christlich begründbar? Müssen Christen Pazifisten sein oder ist die Anwendung von Gewalt unter bestimmten Umständen, z. B. militärische Intervention auswärtiger Staaten in einem Bürgerkrieg, gerechtfertigt? Soll verbrauchende Embryonenforschung zum Zweck der Therapie schwerer Krankheiten erlaubt werden?

 

 
 
 
Das Grundstudium

Im Grundstudium arbeiten sich die Studierenden in die Kerndisziplinen ein und erwerben eine Grundorientierung. Der Besuch von Vorlesungen führt zum Erwerb von Überblickswissen. Proseminare vermitteln die für die jeweilige Disziplin erforderlichen Methoden. Eine gute Kenntnis der biblischen Schriften ist für das Theologiestudium unentbehrlich (Bibelkunde). Das Grundstudium wird mit der Zwischenprüfung abgeschlossen.

Das Hauptstudium

Im Hauptstudium geht es darum, die erworbenen Kenntnisse zu vertiefen und eigene Studienschwerpunkte zu setzen. Die eigenständige theologische Urteilsbildung auf der Grundlage methodischen Könnens und kritischen Verständnisses ist das Ziel des ganzen Studiums. Vorlesungen und Seminare widmen sich speziellen Fragestellungen in den einzelnen Disziplinen. In dem Versuch, das eigene Wissen in den fächerübergreifenden Zusammenhang der ganzen Theologie zu rücken, besteht die eigentliche Herausforderung der zweiten Hälfte des Theologiestudiums. Selbstorganisierte Formen des Lernens, z. B. in Arbeitsgruppen und zur Examensvorbereitung, ergänzen das Lehr- und Studienangebot. Über die Zulassungsvoraussetzungen zum Examen informieren die jeweiligen staatlichen oder kirchlichen Prüfungsordnungen. Das Studium wird mit der Ersten Theologischen Prüfung/Diplom- Prüfung abgeschlossen. Die durchschnittliche Studiendauer beträgt 6-7 Jahre, je nach Sprachenvoraussetzungen.


 
 
 
Ich bin Stadtjugendpfarrerin. Faszinierend finde ich an meiner Arbeit, Jugendliche in der kulturellen Vielfalt ihrer Lebensstile und Lebensdeutungen wahrzunehmen. Dazu gehört für mich vor allem auch, sie bei der Aneignung von Lebensräumen und Glaubensräumen zu unterstützen. Da verwandelt sich eine Kirche auch mal zu einer riesigen Bühne mit Tanzfläche, auf der es heißt: "jam yo´to heaven!"

Anja Baum


 
 
 
Der Weg in den Pfarrberuf ist für mich Berufung. Nach dem Studium und dem Vikariat habe ich meine ersten Erfahrungen in der Gemeindearbeit in einem Kirchspiel auf dem Land gemacht. Von da aus hat mich der Weg nach Marburg an die Elisabethkirche geführt. Je länger desto mehr fasziniert mich hier die Gestalt der Heiligen Elisabeth, die in ihrer Christusmystik Gottes- und Nächstenliebe verschmolz und vorlebte. Wenn nach dem Wort Karl Rahners der Christ von morgen Mystiker sein wird, wenn er denn sein will, dann finden Pilger und Suchende aller Zeiten bei dieser Frau eine nachgehenswerte Spur.
Mit Menschen diese Spur zu entdecken durch spirituell ausgerichtete Kirchenführungen, meditative Gottesdienste oder auch durch die Internetarbeit der Gemeinde, ist für mich eine der spannenden Herausforderungen als Pfarrer.

Bernhard Dietrich

 
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