Predigerseminar der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
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Stenkelfeld ist überall! - Ein Rückblick der besonderen Art auf das Pfarrfamilienkolleg 2010 von Pfarrer Ralf Ruckert

"Über (das) Leben im Pfarrhaus" - Unter diesem bewusst doppeldeutig formulierten Titel trafen sich wieder neun Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Ehepartnern und Kindern zum Pastoralkolleg in Brotterode. Ihr Ziel: sich auszutauschen über das manchmal schöne, manchmal auch beschwerliche Leben im Pfarrhaus und sich gegenseitig zu stärken für die spezifischen Herausforderungen an die Familie. Unterstützt wurden sie dabei durch Hendrikje Robrecht-Kauenhoven, Familientherapeutin aus Göttingen, Lutz Richter, Pastoralpsychologe aus Treysa und Dr. Michael Dorhs vom Predigerseminar.

Ein Tag im Pfarrfamilienkolleg der Evangelisch-Lutherischen Kirche zu Stenkelfeld - frei nach den Erfahrungen des Hofgeismarer Predigerseminars in Botterode 2010...

Was die wenigsten wissen: Die Gemeinde Stenkelfeld – malerisch im Dreieck zwischen Schmöller Heide, Hachmannsfelder Gehölz und Stenkelfelder See gelegen – , die seit 1995 von den Kulturjournalisten Detlev Gröning und Harald Wehmeier intensiv erforscht wird (vgl. die Berichterstattung von Radio Stenkelfeld über NDR2), verfügt auch über eine Predigerseminar.

Donnerstag, 17. April, 11 Uhr 23
Im mit einem auf dem Fußboden ausgebreiteten überwiegend violetten Batiktuch und einem Strauß halb verwelkter Gerbera dekorierten Seminarsaal der malerisch am Stenkelfelder See gelegenen Familienbildungsstätte Sankt Käthe der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche hat sich das Pfarrfamilienkolleg “Quelle der Einkehr – einander erbauen ohne abzubauen” mühsam eingefunden zu einer kollegialen Beratung zum Thema “meine gemeine Gemeinde und ich oder nich”.

11 Uhr 25
Der nach dem hastigen Genuß von dreizehn Flaschen Köstritzer Schwarzbier und einer halben Stange Davidoff am Vorabend nunmehr verkaterte Hilfsprediger Radulf R. hat wieder einmal die Frühstücksausgabe verpasst und tuschelt daher mit seiner Nachbarin über das zu erwartende Mittagessen aus der Seminarküche. Die Worte kommen ihm wegen seines übernächtigten Zustands nur genuschelt über die Lippen. Unter anderem verwendet er die Formulierung “Suppe mit Aspik”. Ein Fehler, der sich noch rächen soll.

11 Uhr 26
“Gruppendynamik”, so lautet die Vokabel, die Rs. kürzlich auf dem zweiten Bildungsweg ordinierte Ehefrau fälsch1icherweise aus dem Gemurmel heraus gehört hat. Nach dem vermeint1ichen Erstschlag, aus dem die Jungpastorin R. eine erneute Anspielung auf die in ihrer Ehe längst überfällige Vereinbarung über die Rollenverteilung herausgehört hat, sieht sie nunmehr die Stunde gekommen, ihrerseits zum Beziehungsgeflecht im Kolleg im allgemeinen und in ihrer Familie im Besonderen Stellung zu nehmen. Von nun an überschlagen sich die Ereignisse.

11 Uhr 29
Claudia R.s Ansinnen „das ist mein Anrufbeantworter, und den höre – wenn überhaupt – ich selber ab, wann geht das endlich in deinen winzigkleinen Kopp“ trifft Studienleiter Kopp völlig unerwartet und reißt den mit knapp ein Meter 59 zweifelhaft gesegneten Geistlichen aus seiner durch das übliche Schlafdefizit verursachten Lethargie. Sein daraufhin gezielt geworfener eintausendsechshundert Seiten starker Band „Eheberatung von und mit Harmoniebedürftigen“ verfehlt Claudia R. nur knapp und trifft den bis dahin teilnahmslosen Studienleiter Pastor Lutz von Türen dort hin, wo es weh tut. Von Türen wird der Polizei später in der urologischen Notaufnahme zu Protokoll geben, das Familienkolleg habe bis dahin keinerlei psychodynamische Auffälligkeiten gezeigt und werde allgemein als irenisch eingestuft. Zudem habe er, als er in gebückter Haltung nach vorne über stürzte die gestaltete Mitte vernichtet und damit wohl eine zusätzliche Brisanz ausgelöst.

11 Uhr 30
Das gesamte Kolleg ist nunmehr außer Rand und Band, nachdem Pastor von Türen mit schmerzverzerrtem Gesicht ein vernehmliches “Disziplinargesetz!” gewimmert hatte. Nur dem beherzten Einschreiten des durch das Geräusch von heftigen Schlägen gegen die Heizkörper angelockten Haus-Meisters Joachim Ö. ist es zu verdanken, daß von Türen nicht zum Gleichgewicht auch noch den Kopf verliert. Mit vorgehaltenem Buttermesser und der ihm eigenen liturgischen Präsenz gelingt es dem Meister, den Pastor Studienleiter einem selbsternannten Standgericht zu entreißen. Pfarrerinnen mit großem I, Pfarrmänner und Pfarrfrauen scheinen jetzt zu allem entschlossen.

11 Uhr 35
Im Verlauf des gruppendynamischen Prozesses stürzt Pfarrfrau Maren B. aus einem Fenster des im zweiten Stockwerk gelegenen Seminarraums und trifft beim Aufprall den Zivildienstleistenden der Einrichtung Konrad Ö. unglücklich am rechten Schlüsselbein. Ö., der gerade dabei ist, das Grillpicknick für das Kolleg am Abend vorzubereiten, schlägt mit seinem künstlichen Schneidezahn auf die Bordsteinkante. Der dabei entstehende Funkenschlag trifft die poröse Leitung des Gasgrills an ihrer empfindlichsten Stelle.

11 Uhr 35 und siebzehn Sekunden
Das Schild an der Heizungsanlage mit der Aufschrift „im Umkreis von 15 Metern kein offenes Feuer, nicht rauchen!“ wird durch die mit großer Wucht darüber hinweg fliegende glühende Gasflasche ad absurdum geführt. Eine fünfzehn Meter hohe Feuersäule versetzt die Teilnehmer eines ebenfalls im Hause tagenden Pastoralkollegs “Exodus heute - mit Mose aus der alltäglichen Gefangenschaft” in religiöse Verzückung, die noch stundenlang anhalten und die Löscharbeiten der Feuerwehr behindern wird.

11 Uhr 40
Die Familienbildungsstätte Stenkelfeld und Teile der umliegenden Straßenzüge sind nicht mehr. Durch rauchende Trümmer irren verstörte Menschen ohne Hoffnung: Pfarrfamilienmitglieder wie du und ich, die nur mal eben einander erbauen wollten ohne abzubauen.

 

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