Zum zweiten Mal hat das Predigerseminar in Zusammen- arbeit mit dem Bereich Mission und Ökumene im Haus der Kirche eine ökumenische Studienreise nach Indien durchgeführt. Das Besondere des diesjährigen Kollegs war eine enge Beteiligung indischer Kolleginnen und Kollegen. Schwerunkt war die Frage nach den Konsequenzen für die Christologie im interreligiösen Dialog.
Es ist nun mittlerweile das zweite Mal, dass das Predigerseminar in Zusammenarbeit mit dem Bereich Mission und Ökumene im Haus der Kirche eine ökumenische Studienreise nach Indien angeboten hat. Reinhard Brand und Eberhard Will fuhren im Jahr 2004 mit einer Gruppe von kurhessischen Pfarrerinnen und Pfarrern nach Mangalore in Südindien. Einige bei dieser Begegnung geknüpften Kontakte sind vertieft worden, es gab Pastoralkollegs in Hofgeismar mit indischer Beteiligung - und in 2008 entstanden die ersten Vorüberlegungen zu einer zweiten Studienreise.
Das Besondere dieser Reise war eine engere Beteiligung indischer Kolleginnen und Kollegen. Am Ende waren neben zwölf deutschen Teilnehmenden vier indische Pfarrer und eine Pfarrerin gemeinsam mit uns unterwegs. Geleitet wurde die Reise von Dr. Eberhard Will, Bernd Müller und dem Verfasser dieses Berichtes.

Um es vorweg zu nehmen: diese gemeinsame Studienreise mit Kolleginnen und Kollegen aus unserer Partnerkirche ist ein richtiger Höhepunkt gewesen. Ein großer Reisebus verschaffte uns die Möglichkeit, bei den längeren Fahrten immer wieder einmal den Sitzplatz zu wechseln und untereinander ins Gespräch zu kommen. Erleichternd war dabei die Erfahrung, dass auch nicht alle indischen Teilnehmenden perfekt Englisch gesprochen haben. Eine gewisse Scheu und Zurückhaltung am Anfang hatte sich am Ende unserer Reise in ein fröhliches Miteinander verwandelt - bis dahin, dass wir uns am Ende gegenseitig versucht haben, Witze vorzutragen (dabei wurde deutlich, dass auch der Humor in gewisser Weise kulturell verankert ist).
Während die erste Studienreise in 2004 sich mit der Frage nach der Überwindung der Gewalt beschäftigte, hatte die diesjährige Studienreise den Schwerpunkt des interreligiösen Dialogs - genauer gesagt: die Frage nach den Konsequenzen für die Christologie im interreligiösen Dialog. Aufgenommen war damit eine Erfahrung aus dem christlich-jüdischen Gespräch. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die Christologie geradezu zum Scheidepunkt geworden - so elementar der Glaube an Jesus als den Christus für die Identität des Christentums ist, so schwierig wurde die damit zusammenhängende (Selbst-)Abgrenzung gegenüber dem Judentum eingeschätzt - bis hin zum Vorwurf des latenten Antisemitismus. - Welche Rolle spielt die Christologie innerhalb des interreligiösen Kontextes von Indien, der vom Miteinander (oder zumindest Nebeneinander) einer Vielzahl von Religionen und religiösen Ausdrucksformen geprägt ist. - Obwohl diese Fragestellung ein Fokus für die Planung der Reise gewesen ist, geriet sie im praktischen Verlauf eher in den Hintergrund. Vielleicht war es die Vielzahl der Eindrücke, manchmal auch Schwierigkeiten in der Absprache oder schlichtweg im Vollzug der Reise die Ausrichtung auf andere Fragestellungen.

Die Eindrücke von dieser Reise sind so vielfältig, dass es mir selbst schwer fällt, in wenigen Sätzen so etwas wie einen Ertrag dieser Reise zu formulieren. Vielleicht statt dessen einige Eindrücke, die für die unterschiedlichen Erträge stehen:
Der zwiespältige Charakter von Religion: Vom Dach eines Hauses in einem ärmeren Viertel von Hyderabad aus erklärt eine Sozialarbeiterin uns die hier verlaufenden religiösen Grenzen - für die wir keinen Blick haben. Eine Straße teilt das Wohngebiet. Auf der einen Seite leben Hindus, zu erkennen an den safrangelben Fahnen an manchen Häusern. Auf der anderen Straßenseite wohnen Moslems. Grüne Farbanstriche deuten darauf hin, oder der Halbmond an manchen Wänden. In den 80er Jahren gab es in Hyderabad mehrfach blutige Unruhen, bei denen Moslems und Hindus - Nachbarinnen und Nachbarn - sich blutig bekämpft haben. Die Arbeit des (christlichen) Henry-Martyn-Instituts in diesem Viertel hat erste Ansätze zur Verständigung über religiöse Grenzen hinweg geliefert. Als 2003 in Hyderabad erneut Unruhen ausbrachen, bildeten muslimische und hinduistische Frauen gemeinsam eine Menschenkette auf dieser Straße, um Übergriffe von beiden Seiten zu verhindern - mit Erfolg. Religion ist den 1947 unabhängig gewordenen Staaten Indien und Pakistan konstitutiv als ein trennendes Merkmal mit in die Wiege gelegt worden - und wird in beiden Staaten zur Legitimierung von Gewalt eingesetzt. Zugleich kann aus religiösen Motiven heraus die Deeskalation von Gewalt vorangebracht werden.

Theologische Konfliktlinien jenseits der kulturellen Differenzen: Ich habe im Verlauf unserer Gespräche nicht den Eindruck gehabt, dass die theologischen „Konfliktlinien“ z.B. bezüglich der Gottesfrage im interreligiösen Dialog sich unbedingt an kulturellen Unterschieden festmachen würden. Eine sehr intensive Gesprächsrunde unter indischen und deutschen Teilnehmenden zur Christologie hat mich vielmehr darin bestärkt, dass die Einstellung zur „Absolutheit“ des Christentums quer durch die Herkunft geht. Theologisch begegnen wir in vielen Kirchen und Gemeinden dem eher traditionalistisch geprägten Erbe der europäischen Missionare. Selbst wenn viele Theologiestudenten und mittlerweile auch manche Studentin an befreiungstheologisch orientierten Fakultäten ausgebildet werden, schlägt sich dies in den Gemeinden nicht unbedingt unmittelbar nieder - zu den Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Gleichberechtigung der Geschlechter oder Einstellung zu Menschen anderer Herkunft (Kastensystem) findet sich in indischen Kirchen und Gemeinden eine mindestens ebenso große Spannweite möglicher Einstellungen und Haltungen wie in Deutschland.
Differenzierte Wahrnehmung von Islam und Hinduismus: Der Alltag in Indien ist sehr viel stärker als in Deutschland von der Begegnung unterschiedlicher religiöser Traditionen geprägt. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass deren Angehörige sehr viel übereinander wissen! Ich nehme die Herausforderung zur religiösen Alphabetisierung als eine Aufgabe auch für unseren Kontext mit. Menschen, die mehr über den Glauben und die Praxis der Anderen wissen, verlieren die Furcht vor dem Unbekannten oder Halb-Bekannten der Anderen. Der Kontakt untereinander kann zur Annäherung und zur Freundschaft führen - einer wichtigen Basis, um religiös motivierten Auseinandersetzungen den Nährboden zu entziehen (man denke für unseren europäischen Kontext an die Gräuelerzählungen über jüdische Hostienschändungen und ihre Konsequenzen). Während der Hinduismus für uns so fremd ist, dass uns zur Wahrnehmung schlichtweg die Kategorien fehlen, verstehen wir den Islam in Indien vor allem vor dem Hintergrund unserer Kontakte zu türkischen Muslimen. Für mich hat sich beides relativiert und differenziert. Der scheinbar so pluralistische und offene Hinduismus wurde historisch dazu verwendet, lokale religiöse Traditionen zu integrieren und in den hinduistischen Hauptgottheiten unterzuordnen. Die Herrschaft der von Norden kommenden Brahmanen über die südlichen Völker Indiens wurde auf diese Weise religiös untermauert. - Der Islam hat historisch z.B. über den Sufismus den Versuch einer Integration hinduistischer Elemente unternommen, er hat in seiner indischen Ausprägung wenig gemeinsam mit dem, was wir aus der Türkei kennen.
Diese wenigen Zeilen geben einen Teil meiner persönlichen Reiseeindrücke wieder, vieles wäre noch anzufügen. Wer an mehr interessiert ist: im Downloadbereich ist das Tagebuch dieser Reise mit Fotos einzusehen.
Reistagebuch als PDF-Dokument
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