Vielleicht müssten wir das häufiger tun: Das, was wir haben, Jesus geben. Um es dann wieder aus seiner Hand zurückzunehmen und dabei die Erfahrung zu machen, dass es reicht. Es kommt auf einen Versuch an. Es kommt auf ein Gebet an. Die Ängste sind nicht mehr ganz so schwer, nicht mehr ganz so beängstigend. Und ich schöpfe wieder Mut, gewinne neues Zutrauen in mich und meine Möglichkeiten. Weniger Angst, mehr Zutrauen und Freude – das alles gilt nicht ein für allemal, aber für den Moment, für das nächste Stückchen Weg.
Votum
Wir feiern unsere Andacht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Lied
EG 452/1.2.5 „Er weckt mich alle Morgen“
Psalm 107 34 (EG 718)
Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
So sollen sagen, die erlöst sind durch den Herrn,
die er aus der Not erlöst hat,
die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden.
Die irre gingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege,
und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,
die hungrig und durstig waren
und deren Seele verschmachtete,
die dann zum Herrn riefen in ihrer Not,
und er errettete sie aus ihren Ängsten
und führte sie den richtigen Weg,
dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:
die sollen dem Herrn danken für seine Güte
und für seine Wunder,
die er an den Menschenkindern tut,
dass er sättigt die durstige Seele
und die Hungrigen füllt mit Gutem.
Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
Lied
EG 272 „Ich lobe meinen Gott“
Gebet
Christus, du Morgenlicht.
Dein ist dieser neue Tag.
Wecke uns auf.
Öffne uns für dein Wort.
Erfülle uns mit Hoffnung.
In deinem Namen leben wir.
Gemeinde: Amen.
Lesung (Joh 6,1-15)
1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt.
2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern.
4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.
5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?
6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.
7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme.
8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:
9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?
10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.
11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.
12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.
13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.
14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich ader Prophet, der in die Welt kommen soll.
15 Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.
Liebe Hausgemeinde,
es reicht! Ich weiß nicht, wie oft ich diese beiden Worte in den vergangenen Wochen – während des Erfahrungsberichtes – vor mich hin gesagt oder zumindest gedacht habe. Anscheinend ging es dem einen oder anderen ähnlich. An manchen Tagen hatte man aber auch wirklich keine Lust mehr. Und während des Erfahrungsberichtes noch TKH vorbereiten und während der TKH-Wochen schon wieder an die Themen für die mündlichen Prüfungen denken – es reicht! Und vielleicht meint man das ja auch „im Haus“! Entweder weil wir tatsächlich reif sind für die große, weite kurhessische Welt oder weil wir gemeinsam bisweilen unausstehlich sind.
Es reicht! Wir alle kennen diese beiden Worte aber auch in umgekehrter Reihenfolge – als Frage formuliert: Reicht es? Diese Frage hat zumeist einen bangen Unterton. Reicht das, was ich an Zeit und Energie investiert habe – für die Familie, für den Beruf, für mich selbst? Reichen Kraft und Gesundheit noch aus für den Endspurt des Vikariates? Reicht das, was wir ihnen für Examen und Pfarramt mitgegeben haben?
In der Erzählung aus dem Johannesevangelium stellen sich die Jünger Jesu die gleiche bange Frage: „Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?“ Mit anderen Worten: Reicht das für so viele – fünf Brote und zwei Fische für 5000 Männer – die Frauen und Kinder noch nicht einmal mitgerechnet? Aber – wir haben es gehört – es reichte! Und wie! Männer, Frauen und Kinder wurden nicht nur alle satt, es blieben sogar noch zwölf Körbe mit Brocken übrig. Was war geschehen? Was war dazwischengekommen – zwischen die bange Frage der Jünger: Reicht das? und das Aufsammeln der Reste, nachdem alle sattgeworden waren? Ich denke, die Antwort lautet schlicht: Jesus. Jesus ist dazwischengekommen. „Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten.“ Und es reichte.
Die Menschen, die dieses Wunder miterlebt haben, waren begeistert von diesem Jesus, wollten ihn sogar zum König machen. Kein Wunder – wenn jemand die Massen satt machen kann. Wir heute fragen uns eher, wie diese wundersame Vermehrung wohl von Statten gegangen sein mag. Doch darauf gibt die Erzählung keine Antwort. Sie hält lediglich fest: „Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten.“ Es reichte. Punkt. Mehr muss man nicht wissen.
Zwei Worte sind der Erzählung jedoch wichtig: Geben und nehmen. Die Jünger geben das, was sie haben, Jesus – fünf Brote und zwei Fische. Jesus nimmt es und gibt es ihnen zurück. Und die Jünger und die übrigen Menschen nehmen es zurück. Doch nun sind die fünf Brote und zwei Fische nicht mehr dieselben. Sie sind verwandelt. Weil sie durch seine, durch Jesu Hände gegangen sind. Das ändert alles. Das macht, dass mehr als 5000 Menschen von fünf Broten und zwei Fischen satt werden. Das macht aus der bangen Frage: Reicht das? die Feststellung: Es reicht!
Vielleicht müssten wir das auch tun, häufiger tun: Das, was wir haben, Jesus geben. Um es dann wieder aus seiner Hand zurückzunehmen und dabei die Erfahrung zu machen, dass es reicht. Es kommt auf einen Versuch an. Es kommt auf ein Gebet an. Bevor ich mich in meinen Sorgen und in der bangen Frage: Reicht es? verliere, will ich das, was ich habe, was ich in mir habe, Jesus geben. Ihm sagen, dass ich Angst davor habe, dass die Kräfte nicht reichen, dass mein Vertrauen, dass mein Zutrauen in mich, meine Fähigkeiten und Ressourcen nicht reicht. Ich gebe meine Ängste und Befürchtungen und meine Möglichkeiten Jesus. Er nimmt sie und er gibt sie mir zurück. Meine Sorgen lösen sich nicht in Luft auf, und meine Möglichkeiten sind nicht mit einem Mal grenzenlos, aber sie sind auch nicht mehr dieselben, sie sind verwandelt. Die Ängste sind nicht mehr ganz so schwer, nicht mehr ganz so beängstigend. Weil ich nicht mehr allein mit ihnen bin, sondern sie geteilt, dem mitgeteilt habe, der mich und mein Leben und meine Zukunft in der Hand hält. Und ich schöpfe wieder Mut, gewinne neues Zutrauen in mich und meine Möglichkeiten, neue Freude über das, was ich habe und kann. Weniger Angst, mehr Zutrauen und Freude – das alles gilt nicht ein für allemal, aber für den Moment, für das nächste Stückchen Weg.
Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein – hat selbst Bonhoeffer formuliert. Müsste – denn die Angst vor der Zukunft ist trotz allem noch da oder kommt immer wieder. Aber dadurch, dass ich sie Jesus gebe – immer wieder gebe – und verwandelt von ihm zurücknehme – geht es wieder weiter, geht es wieder ein Stückchen weiter, kann ich zumindest für den Moment sagen: Es reicht!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.
Lied
EG 584 „Meine engen Grenzen“
Vater unser
Segen
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