Predigerseminar der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
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Auf den Spuren der Waldenser“ - Ein Reisebericht von Pfarrerin Bettina von Haugwitz über das Gelnhäuser Kirchenkreiskolleg in Torre und Bobbio Pellice.

Die Waldenserkirche finanziert sich aus den Beiträgen ihrer Mitglieder und erhält zusätzlich den so genannten „otto per mille“ . Das ist eine staatlich erhobene Steuer, deren Verwendungszweck jeder Steuerzahler selber bestimmt. Die Waldenser verwenden es ausschließlich zur Unterstützung von Kultur- und Hilfswerken im Inland oder von Projekten in den Entwicklungsländern. Dieses Engagement verschafft den Waldensern großes Ansehen unter der italienischen Bevölkerung. Fast 1 Million Italiener spenden ihr „otto per mille“ den Waldensern.

Vom 17. bis 26. Mai waren wir, eine Gruppe von 15 Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises Gelnhausen, mit Ihrem Dekan Klaus Peter Brill und Studienleiter Dr. Diethelm Meißner vom Predierseminar unterwegs in Norditalien, um dort der evangelischen Minderheitskirche der Waldenser einen Besuch abzustatten. Im Zentrum der Studienreise stand der Ort Torre Pellice als der zentrale Ort in den Waldensertälern des Piermonts.

Zu den Reisevorbereitungen gehörte auch ein Studientag zur Geschichte der Waldenser im Januar im EBZ in Bad Orb. Die Waldenser waren Schüler eines Kaufmanns von Lyon namens Valdo, der um 1160-1180 lebte. Sie setzten sich für die wahrheitsgetreue Verkündigung des Evangeliums und für das Ideal der Armut ein. Auf diese Weise wollten sie das Leben der Apostel nachahmen. Nachdem sie von der römisch-katholischen Kirche exkommuniziert worden waren, sich in ganz Europa zerstreut hatten und von der Inquisition verfolgt wurden, waren die Waldenser gezwungen ihren Glauben heimlich auszuüben. Sie zogen sich in das Gebiet der die Cottischen Alpen, in die nur schwer zugänglichen Täler Pellice, Angrogna, Chisone, Germanasca, Pragela und Pérouse westlich von Turin, zurück.  Zu Beginn des 16.Jahrhunderts schloß sich die Bevölkerung in diesem Gebiet zu einem großen Teil der Reformation an. Das führte in den darauffolgenden Jahrhunderten zu verheerenden Verfolgungsmaßnahmen, so dass es sogar zur Vertreibung der Waldenser aus ihren Tälern im Jahr 1686 kam. Die kühne Wiedereroberung „il glorioso rimpatrio“ drei Jahre später und später die Anerkennung ihrer politischen und bürgerlichen Rechte im Jahr 1848 markierten den Beginn großer gesellschaftlicher Veränderungen. Noch heute wird jedes Jahr das Ereignis der Emanzipation am 17. Februar in der Waldenserkirche gefeiert. In dieser Zeit wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass heutzutage die Waldensertäler das einzige Gebiet in ganz Italien sind, in welchem die Hälfte der Bevölkerung protestantischen Glaubens ist. Es herrscht dort ein ethnisch-kulturelles Klima, das für Italien ungewöhnlich ist. Diese wechselhafte und über lange Strecken dramatische Geschichte der Waldenserkirche wurde  uns in dem Museum der „Stiftung Waldensisches Kulturzentrum“ in Torre Pellice von dem italienischen Kollegen Davide Rostagn noch einmal ausführlich nahe gebracht.

Seit vielen Jahren schon unterhalten Kirchengemeinden des Kirchenkreises Kontakte zu verschiedenen Organisationen der Waldenser In Italien. Den intensivsten Austausch gibt es mit der Kirchengemeinde Waldensberg – schließlich wurde der Ort um 1699 von waldensischen Christen besiedelt  -  und  dem dortigen Pfarrer Hans-Jörg Haag. Eine Partnerschaft mit Bobbio Pellice geht auf das Jahr 1994 zurück und hat eine kommunale Partnerschaft etwa zehn Jahre später zur Folge.

Auch zu anderen Gemeinden bestehen Kontakte. Die Kirchengemeinde Neuenhaßlau-Gondsroth unterstützt die Waldenserschule in Torre Pellice seit mehr als 30 Jahren finanziell.  Das „Liceo di Valdese“ ist das einzige Waldensergymnasium in Italien. 1831 gegründet und vier Jahre später erbaut, war es die Antwort auf ein echtes Bedürfnis der Waldenserbevölkerung: Die eigenen Kinder, die aufgrund religiöser Diskriminierung an öffentlichen Schulen nicht geduldet wurden, sollten eine Schulbildung erhalten. Am Ende des 19.Jahrhunderts wurde das „Collegio Valdese“ zu einem humanistischen Gymnasium, mit den Rechten und Pflichten einer staatlichen Schule. Verwaltet wird das Gymnasium heute durch ein Komitee, welches durch die „Tavola Valdese“, die Leitung der Waldenserkirche, ernannt wird.  Unterrichtet werden zwischen 80 und 100 Schülerinnen und Schüler. Von der 9. bis zur 13. Klasse können die Absolventen dort ihr Abitur erhalten,  um sich anschließend weiter zu qualifizieren. Das Ausbildungskonzept sichert allen Schülerinnen und Schülern, unabhängig von ihrer Herkunft und Überzeugung, eine Vertiefung des Grundwissens zu.  Toleranz, Respekt und Eigenverantwortung  sind die Grundwerte, die den jungen Menschen neben einer umfassenden humanistischen Bildung in dieser Schule vermittelt werden sollen –  erklärt uns bei einem Besuch der Schulleiter Dr. Canale.

Die Schülerinnen und Schüler sollen zu verantwortlichen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen und als freie Menschen am kulturellen und sozialen Leben Europas teilnehmen – lautet das erklärte pädagogische Ziel. Gerade weil das Collegio eine protestantische Schule ist, verzichtet es in seiner Pädagogik und Didaktik auf eine konfessionelle Prägung, misst aber der Vermittlung christlicher Grundwerte große Bedeutung zu.

Ein Projekt, das seit einigen Jahren großen Erfolg hat, ist der Schulchor. Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler singt in diesem Chor begeistert mit. In der Vielsprachigkeit ihrer Lieder wollen sie so die Botschaft von Frieden, Toleranz und Brüderlichkeit vermitteln und weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaustragen. Dazu besuchte der Chor in den vergangenen Jahren Waldenser Gemeinden in der italienischen Diaphora und gab Konzerte in Deutschland, England und der Schweiz.  Auch der Main-Kinzig Kreis steht auf dem Tournee - Plan des kommenden Jahres und man darf darauf gespannt sein, wie sich der Schulchor hier bei uns in Gelnhausen präsentieren wird!

Das Collegio Valdese befindet sich in dem so genannten waldensischen Viertel von Torre Pellice, das in der Zeit der Emanzipation (Gnadenedikt des Königs Carlo Alberto aus dem Jahr 1848, vgl. oben) entstanden ist.  Hier konzentrieren sich die wichtigsten Gebäude der Waldenserkirche: Der Tempio Valdese (Kirche), die Casa Valdese (Sitz der Synode, „tavola valdese“, mit Synodalsaal ), das Collegio (Gymnasium), das Centro Culturale mit seinen beiden Museen, sowie die Foresteria (Gästehaus).

Einmal im Jahr tagt in Torre Pellice die „tavola valdese“ (Synode), in der sich die Vertreter der Gemeinden konstituieren, um ihre Kirche zu organisieren und zu leiten.

Die Waldenser sind für die Trennung von Staat und Kirche und verweigern jede Konkordats-Politik. Ihre Beziehungen zum Staat sind durch die 1984 getroffenen, der Kirche keinerlei Privileg zusichernden Vereinbarungen, geregelt.

Die jüngsten Entscheidungen der „tavola“ haben nicht nur in der italienischen Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit gesorgt, berichtet uns der Direktor des Claudiana-Verlags in Turin, Herr Manuel Kromer.  Auch wir waren erstaunt über die positive Entscheidung  zur Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Eine Entwicklung, die in unserer Landeskirche noch längst nicht zum Abschluß gekommen ist. 

Auch mit medizinethischen Fragestellungen hat sich die Synode im vergangenen Jahr beschäftigt. Für den Fall, dass ein Patient nicht mehr einwilligungsfähig ist, wurde ein Konzept zur vorsorglichen Willenserklärung erarbeitet. Mit „ihrer“ Patientenverfügung sind die Waldenser Vorreiter auf diesem Gebiet. Mit solch fortschrittlichen Entscheidungen trifft die Waldensersynode den Nerv der Zeit und legt ihre Finger in die Wunde katholischer Moraltheologie.

Ca. 30.000 Gläubige gehören der evangelischen Kirche Italiens an. Die Hälfte davon lebt in den piemontesischen Tälern. Neben den Waldensern gehören auch Baptisten und vor allem Methodisten dazu, die ebenfalls in der Synode vertreten sind. Die Waldenserkirche finanziert sich aus den Beiträgen ihrer Mitglieder und erhält zusätzlich den so genannten „otto per mille“ . Das ist eine staatlich erhobene Steuer, deren Verwendungszweck jeder Steuerzahler selber bestimmen darf. Dieses Geld wird bei den Waldensern jedoch ausschließlich zur Unterstützung von Kultur- und Hilfswerken im Inland oder von Projekten in den Entwicklungsländern verwendet.

Bei unserem Besuch der Kirche in Pinerolo berichtete uns der protestantische Pfarrer Marco Gisola zum Beispiel von dem dortigen sozialen Zentrum, in dem hauptsächlich Unterstützung und Hilfe für Arbeitslose und deren Familien an-geboten wird. Darüber hinaus bewirbt die Waldenserkirche in ganz Italien große Projekte zur Integration und Sozialisation von Menschen mit Migrationshin-tergrund,  wie derzeit Hilfsprojekte für die afrikanischen Flüchtlinge aus Lampedusa.

Das ist ein Engagement, das den Waldensern großes Ansehen unter der Bevölkerung verschafft und dazu führt, dass aktuell fast 1 Million Italiener ihr „otto per mille“ den Waldensern spenden. „Natürlich gebe ich mein otto per mille den Waldensern. Die nehmen das Geld nur für die, die es wirklich brauchen. Nicht für die  eigene Tasche!“ versichert uns ein Taxifahrer in Turin als wir ihn nach den Waldensern fragen. Ob er persönliche Kontakte habe, einen Waldenser kennen würde, fragen wir weiter – diese Frage verneint er.

Neben den zahlreichen Gesprächen mit italienischen Kollegen in den Waldensertälern, in Mailand, Turin und Pinerolo, den Mitgliedern der Synode und Gemeindegliedern ist eines der am meisten beeindruckenden Erlebnisse der Besuch des Zentrums „Agape“ in Prali.

1947 von dem waldensischen Pfarrer Tulio Vinay unter dem Eindruck der verheerenden Folgen des 2. Weltkrieges gegründet, und mit der Hilfe von Hunderten von Freiwilligen 1951 schließlich fertiggestellt, ist dort ein Ort internationaler Begegnung entstanden, der offen ist für die Arbeit an politischen, sozialen und religiösen Themen. Agape liegt 1600 Meter hoch in den Bergen im „Val Germanasca“. Als Ort der Begegnungen kommen dort Menschen aus der ganzen Welt zusammen, die ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Religion und ihre Gewohnheiten mitbringen. Agape ist ein Ort, in dem das Anders-Sein akzeptiert, ja sogar erwünscht wird – berichten zwei junge Männer aus Deutschland, die dort als so genannte „Residenten“ ein freies soziales Jahr leisten.

Das Agape-Zentrum besteht aus mehreren Gebäuden, durch die wir geführt werden. Im Größten befindet sich der „Salone“, der zentrale große Saal, mit zwei riesigen Fensterfronten vom Boden bis zur Decke. Sie geben den Blick frei nach draußen, auf die schöne Umgebung und auf die Grasflächen, die im Sommer zum Fußballspielen, zum Sonnenbad oder auch einfach als Treffpunkt genutzt werden, erfahren wir von den beiden „Residenti“. Der Salone ist jedoch nicht nur Speisesaal, hier werden auch alle Veranstaltungen der Camps abgehalten.

Daneben gibt es die drei so genannten Kassetten. Das sind die kleineren Häuser, in denen sich die einfach eingerichteten Schlafräume und Bäder für die Gäste befinden. Insgesamt beläuft sich die Kapazität auf etwa 120 Schlafplätze, die in den Sommermonaten komplett ausgebucht sind. Die Arbeit im Ökumenischen Zentrum ist vielfältig und in der Zeit der Vollbelegung anstrengend. Essen kochen, Geschirr spülen, aufräumen, Reparaturen ausführen und vor allem ausgedehnte Reinigungsarbeiten füllen die Tage in dieser Zeit aus. Dazu kommen intensive Besprechungen, denn das Zentrum wird basisdemokratisch geleitet, d.h. inhaltliche und organisatorische Planung erfolgt im Team. Eine Situation, für die man vor allem starke Nerven braucht, verraten uns die beiden „Residenti“.

In den Wintermonaten versinkt das Zentrum in meterhohem Schnee. Der Kontakt zur Außenwelt ist spärlich und beschränkt sich auf Besuche mit dem Snow-board im nur 300 Meter entfernten Prali. Diese Zeit wird so gut wie möglich zu Hausmeisterarbeiten und Reparaturen genutzt – was aber in den nicht beheizten Räumen schwer fällt, müssen die beiden jungen Männer zugeben. Glücklicherweise gibt es seit diesem Jahr endlich einen Internetanschluß – darauf hatten sie schon lange gewartet.

In dem letzten Gebäude, dem „Casa Residente“, stehen Wohnmöglichkeiten für die Hauptamtlichen, derzeit eine Geschäftsführerin und eine Pfarrerin, zur Verfügung. Agape strahlt mit den großen Fensterfronten und dem Dach, das nach innen gewölbt ist, Offenheit und Transparenz aus. In Agape verdichtet sich für uns die Rede von Toleranz, Respekt und Geschwisterlichkeit und wir bekommen eine Ahnung davon, wie wesentlich diese Grundprinzipien für waldensische Wirklichkeit sein können. Agape – ein avantgardistischer Ort der Versöhnung und des Miteinanders.

Das war die die letzte Station unserer Reise in die Waldensertäler des Val Pellice. Viel haben wir über die Waldenserkirche erfahren. Die Studienreise  hat uns die Geschichte der Waldenser lebendig werden lassen. Auch die Herausforderungen der Waldenserkirche als Minorität im katholischen Italien und die Verschiedenartigkeit der Waldensergemeinden haben wir mit großem Interesse wahrgenommen. Was bleibt ist einerseits die Idee von einer Partnerschaft des Kirchenkreises mit den piermontesischen Waldensern und andererseits die wertvolle Erfahrung einer kollegialen Gemeinschaft, die uns für unsere gemeinsame Arbeit hier im Kirchenkreis und in unseren Gemeinden stärken wird.

Reisetagebuch (PDF-Dokument)

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