Im August 2004 fuhr ich zum ersten Mal in meine neue Vikariatsgemeinde nach Berndorf in Waldeck. Mit einem Blick auf die Landkarte hatte ich festgestellt, dass Berndorf 4 km nördlich von Korbach lag. Für die Zugfahrt kaufte ich mir eine Zeitung, um mir die Zeit zu vertreiben. Schon beim Betrachten der Titelseite war ein Artikel nicht zu übersehen: 3:1 für Klinsmanns Nationalelf. In seinem Debut als neuer Bundestrainer hatte Klinsmann in Wien gegen Österreich einen guten Einstand gehabt. Einen Moment freute ich mich an dem Elan, mit dem Klinsmann ans Werk ging und fühlte mich dadurch irgendwie auch für die eigene neue Aufgabe motiviert. Dann erreichte ich Korbach, stieg aus dem Zug und traf zum ersten Mal meinen Mentor. Kurz darauf stieg ich mit ihm in brütender Sommerhitze zum ersten Mal den Weg hinauf zu „meiner“ neuen Kirche in Berndorf. Wir traten durch die dicke Tür in das Innere der Kirche und wurden von einer angenehmen Kühle empfangen, die die Mauern trotz der Hitze draußen bewahrt hatten. Vorne auf dem Altar erblickte ich ein nicht großes, schlichtes Kreuz aus Metall und Holz. Unter diesem Zeichen würde ich nun die nächsten zwei Jahre hier in Berndorf meine ersten Gottesdienste halten und viele Erfahrungen sammeln. Still fragte ich mich, wie es wohl werden würde? Würde ich in meinem Vikariat auch einen guten Start haben können?
Heute blicke ich auf die Zeit des Vikariates zurück – mittlerweile als frisch ordinierter Pfarrer. Und ich frage mich nun noch einmal: Wie war´s im Vikariat?
Um es kurz zu umschreiben: abwechslungsreich, intensiv und am Ende gar nicht so einfach. Die ersten Tage galten einem ersten Kennen lernen der Menschen in der neuen Gemeinde. Dann ging es für drei Wochen mit dem Auto nach Hofgeismar ins Predigerseminar. Dort lernte ich meine Kolleginnen und Kollegen kennen, mit denen ich die Zeit des Vikariates zusammen erleben sollte. Gut zwei Jahre lagen nun vor uns, in denen wir uns auf die eigenständige Arbeit als Pfarrerinnen und Pfarrer in der Gemeinde vorbereiten sollten. Und während Jürgen Klinsmann und seine Mannen Kurs auf die WM 2006 nahmen, nahmen auch wir Kurs auf das Jahr 2006 mit unserem Kurs „Sommersemester 06“, aber nicht auf die WM, sondern auf das Examen und die Ordination.
Die Kursarbeit stand jeweils in Korrespondenz zu dem, was gerade in der Gemeinde geschah, manchmal vorbereitend, manchmal reflektierend und nachbereitend. Der Arbeitstag im Predigerseminar wurde durch die Andacht, das Angelusläuten um zwölf Uhr und das Abendgebet „gerahmt“. So begann die Arbeit in Hofgeismar mit der Einführung in den Gottesdienst und in den Aufbau der Gottesdienstagende. In der Gemeinde wurde das Gelernte dann in ersten eigenen Gottesdiensten erprobt. Eine Seelsorgewoche im Seminar bereitete auf die Erfahrungen bei Hausbesuchen in der Gemeinde vor. Und bald machte ich dort erste Erfahrungen mit Menschen, die ich besuchte, im Seelsorgegespräch, im Austausch über Lebens- und Glaubenserfahrungen und über die Höhen und Tiefen des Lebens. Mir wurde bewusst, welchen Vertrauensvorschuss ich durch mein neues Amt genoss und wie anders im Vergleich zum Studium meine Rolle im Gegenüber zu den Menschen nun war. Die Arbeit in der Gemeinde entdeckte ich auch als Übungsfeld, eigene Ideen und Fähigkeiten in das Gemeindeleben einzubringen. Meine Begabungen liegen im musikalischen Bereich, und so nutzte ich manche Gelegenheit, mit meiner Geige und auch der Gitarre zur musikalischen Gestaltung von Gemeindeveranstaltungen beizutragen.
Ergänzt wurde die Gemeindearbeit durch ein weiteres Aktionsfeld, die Schule. Das Schulpraktikum, das ich an der Alten Landesschule in Korbach absolvierte, erlebte ich als besondere Herausforderung, weil ich mich durch das Studium nur teilweise glänzend für die pädagogischen Aufgaben vorbereitet fühlte. Es folgte auf das Schulpraktikum eine sehr schöne, lange Zeit in der Gemeinde, in der ich viele Menschen in meinem Kirchspiel näher kennen lernen konnte. Ein Höhepunkt war für mich die erste Trauung, die ich eigenständig halten konnte. Allmählich wuchs mein Erfahrungsschatz.
In Hofgeismar wurden die Erfahrungen dann jeweils reflektiert – zum Beispiel durch Videoanalysen von Gottesdiensten. Ein Ort der Ruhe und der Auszeit waren für mich die regelmäßigen Andachten in Hofgeismar. Ich nahm sie gern als Gelegenheit wahr, um unter Gottes Segen in den Tag zu starten oder mit dem Abendgebet zu schließen und einen Impuls für den Tag zu bekommen. Oft auf spielerische Weise brachte ich mich hier auch mit meinem Kollegen Markus Wagner ein - meistens im Duett von Geige und Orgel.
In regelmäßigen Abständen reiste ich nach Marburg und traf mich dort mit einem Teil meiner Kolleginnen und Kollegen zu den pastoralpsychologischen Studientagen. Hier wurden wir für Seelsorgesituationen in der Gemeinde sensibilisiert und konnten eigene „Fälle“ in die Besprechung einbringen. Ich erlebte diese Tage als einen Freiraum von Gemeinde und Predigerseminar, den ich sehr zu schätzen lernte. Frei von jeder Bewertung konnten hier Erfahrungen und Probleme aus der Gemeindeseelsorge, aber auch private Anliegen in einem geschützten Raum besprochen werden. Mir halfen diese Stunden immer wieder auch dazu, zu mir selbst zu kommen.
So rückte allzu schnell das Jahr 2006 mit dem Examensgottesdienst, dem so genannten „Semester“ und dem Examen näher. Und während Jürgen Klinsmann, Michael Ballack und Co. Deutschland das „Sommermärchen“ bescherten, schwitzten wir Vikarinnen und Vikare in Hofgeismar auf der Baustelle, denn das Predigerseminar wurde umgebaut. Zwischen dem Hotel „Hans im Glück“, der Akademie und dem Vikarswohnort hin und her pendelnd wurde mein Auto zu einem regelrechten „Campingmobil“. In großer Hitze machten wir uns dann auch auf die Studienreise nach England. Sie brachte uns durch zahlreiche ökumenische Kontakte die anglikanische Kirche näher, deren Lebendigkeit wir mit Staunen zur Kenntnis nahmen.
Im September dann gelang uns allen der erfolgreiche Abschluss des zweiten Examens, aber leider aber wurde der Spätsommer dieses Jahres für unseren Kurs dann doch nicht zu dem erhofften „Sommermärchen“. Nur neun von uns konnten das ersehnte und erarbeitete Ziel erreichen und wurden am 29. Oktober von Bischof Prof. Dr. Martin Hein in Windecken- Nidderau ordiniert. Vier Kurskollegen konnten – trotz bestandenen Examens – nicht mit uns ordiniert werden. Für unseren Kurs war das ein herber Schlag und eine große Enttäuschung, weil wir selbstverständlich davon ausgegangen waren, alle gemeinsam in unseren neuen Gemeinden beginnen zu werden. Und so wurde die Freude über das erreichte Ziel von der gemeinsam erlebten Enttäuschung getrübt.
Was dennoch bleibt, ist die Dankbarkeit für zwei für mich sehr schöne, intensive Jahre des Vikariates und die Hoffnung und der Wunsch, dass wir letztlich alle unser angestrebtes Berufsziel doch noch erreichen werden.
Christian Röhling