Ziele
Nach dem Abschluss der universitären Ausbildungsphase beginnt mit dem Vikariat die praktisch- theologische Ausbildung für den Beruf der Pfarrerin bzw. des Pfarrers.
Ziel des Vikariates ist es, Vikarinnen und Vikare auf die theologisch verantwortete Wahrnehmung der Aufgaben des Pfarramtes vorzubereiten. So sollen grundlegende Fähigkeiten entdeckt und entfaltet, zentrale pfarramtliche Handlungskompetenzen angeeignet und eingeübt werden. Vikarinnen und Vikare sollen eine spirituelle und pastorale Identität entwickeln.
Fähigkeiten und Kompetenzen
Pfarrerinnen und Pfarrer haben die Aufgabe, in unterschiedlichen Kontexten das Evangelium zu bezeugen. Dazu sind grundlegende Fähigkeiten und zentrale Handlungskompetenzen gefragt.
Zu den grundlegenden Fähigkeiten gehören:
- sensible Wahrnehmungsfähigkeit individueller und gesellschaftlicher Prozesse
- theologische Urteils- und Sprachfähigkeit
- Fähigkeit und Bereitschaft zur Klärung, Entfaltung und Pflege einer eigenen Spiritualität und zur Kenntnis und Würdigung anderer Formen von Spiritualität
- Sicherheit im Einsatz des gesamten theologischen Methodenensembles in Planung, Entscheidung, Durchführung und Auswertung von Projekten
- sichere Kommunikationsfähigkeit in unterschiedlichen Kontexten
- Fähigkeit zur Entwicklung von Stilsicherheit in öffentlicher Präsenz
- Fähigkeit zur kollegialen Zusammenarbeit und Beratung
- Fähigkeit zur Reflexion der eigenen Rolle und Ausbildung einer pastoralen Identität
Diese grundlegenden Fähigkeiten sind zum einen persönliche Begabungen, die nicht gelehrt oder antrainiert werden können, gleichzeitig können sie jedoch entfaltet und gefördert werden.
Auf dem Hintergrund dieser grundlegenden Fähigkeiten soll im Vikariat ein Lernprozess beginnen, in dem sich die Vikarinnen und Vikare jene zentrale Handlungskompetenzen aneignen, die zu einer professionellen Führung des Pfarramtes notwendig sind.
Gottesdienstliche Handlungskompetenz
Hier geht es um das Verfassen von Ansprachen und Predigten, um die Gestaltung unterschiedlichster Gottesdienste, um kleine Formen, die etwa auch das seelsorgliche und alltägliche Handeln bestimmen. Insbesondere sind die unterschiedlichen Kasualgottesdienste von hoher Bedeutung.
Seelsorgerliche Kompetenz
Unter den Bedingungen der Individualisierung sind die Pfarrerinnen und Pfarrer als Menschen gefragt, die das sensible Angebot einer Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens machen, die die Stärken des Gegenübers hervorheben, aber auch bereit sind, den Horizont von Schuld und Vergebung wahrzunehmen und gestaltend aufzunehmen. Sie müssen psychologische Kenntnisse besitzen, um manifeste psychopathologische Krankheitsbilder zu erkennen, nötigenfalls an entsprechende Beratungsstellen zu verweisen, aber auch um unterschiedliche Kommunikationssituationen, insbesondere Schwellen- und Krisensituationen zu verstehen.
Pädagogische Handlungskompetenz
In den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern des Pfarramtes ist diese Kompetenz gefragt (z.B. im Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht, Arbeit mit Erwachsenen).
Leitungskompetenz
In der gegenwärtigen Gestalt des volkskirchlichen Pfarramts wird von Pfarrerinnen und Pfarrern in unterschiedlichen Bereichen erwartet, dass sie Leitung ausüben (Leitung unterschiedlicher Gemeindegruppen, Koordination und theologische Fortbildung von ehren-, neben- und hauptamtlichen MitarbeiterInnen, Rolle der Dienstvorgesetzten). Ebenso wird von ihnen erwartet, dass sie in der Lage sind, in gemeinsamer Verantwortung mit dem Kirchenvorstand Gemeindeleitung wahrzunehmen. Leitung der Kirchengemeinde geschieht in vielfältigen Formen und durch unterschiedlichste Personen. Die spezifische Funktion und Bedeutung der Pfarrerinnen und Pfarrer liegt in der Fähigkeit zur geistlichen Leitung, die ein Bewußtsein dessen voraussetzt, was "mich selbst" innerlich leitet.
Kompetenz zur Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung
Gerade unter den Bedingungen einer ländlich strukturierten Volkskirche sind Pfarrerinnen und Pfarrer vielfältig gefordert, in kommunalen und anderen öffentlichen Zusammenhängen und in gemeinsamer Verantwortung mit den gemeindlichen und kirchlichen Gremien, das Evangelium in seiner gesellschaftlichen Relevanz zu bezeugen.
Ein wichtiger Rahmen für die Ausbildung bilden die Schwerpunkte und Leitlinien, die durch die Landessynode gesetzt sind. Hier sei besonders auf die Erklärung zum Verhältnis von Christen und Juden verwiesen. Außerdem besteht der Anspruch, in allen Handlungsfeldern die Dimensionen der Ökumene und der Diakonie bewußt zu machen. Schließlich sollen die Einsichten der "Gender" - Forschung in der Planung und Durchführung von Arbeitsprojekten im Blick sein.
Die genannten grundlegenden Fähigkeiten und Handlungskompetenzen gehören zu den notwendigen Bedingungen für eine angemessene Ausübung des Pfarrberufes. In diesem Horizont geschieht die Ausbildung mit dem Ziel, die genannten Fähigkeiten zu entdecken, zu wecken und zu entfalten und die genannten Kompetenzen anzueignen und einzuüben.
|