Informationen zur ausgewählten Veranstaltung

Sparte: Ausstellung
Termin: 14.10.2017 bis 15.10.2017, 00:00 Uhr

Pfarrkirche St. Jakobi: Ausstellung "Martin Luther und der kulturelle Wandel im konfessionellen Zeitalter"

Beschreibung:

Unter dem Titel »Martin Luther und der kulturelle Wandel im konfessionellen Zeitalter« haben das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) und Studierende des Lehrstuhls für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Erfurt unter Leitung von PD Dr. phil. habil. Jens Brachmann eine multimediale Wanderausstellung konzipiert.
In sieben Stelen werden Anregungen gegeben, um aktuelle gesellschaftliche Wandlungsprozesse für die Schule exemplarisch über kulturelle Veränderungen im Zeitalter der Reformation zu erschließen.
Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern über die historischen Gründe von Spaltung, über religiöse Intoleranz und Diskriminierung während der Zeitenwende um 1500 mit Blick auf unseren heutigen
Erfahrungshorizont nachzudenken, macht die Reformation zu einem Bildungsgegenstand von besonderer Bedeutung. Die Ausstellung ist diesem didaktischen Ansatz verpflichtet.

Zur Ausstellung

Ziel war es, das Spektrum der Themenjahre des Reformationsjubiläums selbst zum Lerninhalt zu machen und dabei auch Aspekte zu beleuchten, die im Kontext des 21. Jahrhunderts stehen. Sie eröffnen mannigfaltige Zugänge für die schulische Arbeit. Damit erfüllen sie die Anforderungen, die an individualisierende Lernarrangements gestellt werden. Diese zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie ein ausgewogenes Verhältnis von Instruktionslernen, eigenaktivem und kooperativem Lernen mittels offener Lernformen aufweisen. Dabei gilt der Grundsatz: Ebenso unterschiedlich und vielfältig, wie die Schüler_innen muss der Unterricht für und gemeinsam mit ihnen sein. Das ist keine leichte Aufgabe und damit ist zugleich auch der Maßstab beschrieben, an dem sich die Qualität der Impulse orientieren muss.
Ganz im Sinne reformatorischer Grundgedanken geht es darum, ein Bewusstsein für die Wirkungen von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen bei Schüler_innen zu erzeugen und zu zeigen, dass jeder Einzelne bei aktiver Teilnahme und Teilhabe an der Gestaltung des Wandels als Individuum bedeutend ist.
Deshalb haben das ThILLM und Studierende des Lehrstuhls für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Erfurt unter Leitung von PD Dr. Jens Brachmann und Rigobert Möllers eine Wanderausstellung entwickelt, die bewusst den Titel: »Martin Luther und der kulturelle Wandel im konfessionellen Zeitalter« trägt.
Sie hat nicht zum Ziel, die Veränderungsprozesse der Reformationsepoche und Luthers Beitrag für die Herausbildung der Kultur der Moderne für Fach-, Kirchen- oder Bildungshistoriker aufzubereiten. Die Zuschreibung Luthers als Überfigur der Moderne hat dazu geführt, dass die Beschäftigung mit dem Reformator kaum noch überschaubare Ausmaße erreicht hat. Tausende, ja Zehntausende Aufsätze, Bücher oder Filme beschäftigen sich mit seinem Leben und seinen Werken, mit seiner Stellung innerhalb der Religions- bzw. Ideengeschichte oder mit der Rekonstruktion seiner persönlichen Umgebung. Die Wanderausstellung »Martin Luther und der kulturelle Wandel im konfessionellen Zeitalter« ist daher einem anderen Ansatz verpflichtet.
Hauptadressat hierfür sind vielmehr Schüler - hauptsächlich der Sekundarstufe -, die das Präsentationsangebot im Rahmen des fächerübergreifenden Unterrichts allein oder gemeinsam mit ihren Fachlehrern an außerschulischen Lernorten nutzen können. Dieser Grundsatz einer konsequenten Schülerorientierung war leitend für das didaktische Gesamtkonzept der Exposition.
In acht Stelen werden Anregungen gegeben, um aktuelle gesellschaftliche Wandlungsprozesse für die Schule exemplarisch über kulturelle Veränderungen im Zeitalter der Reformation zu erschließen. Die Exposition will zunächst Impulse vermitteln. Dabei können Schulen auf dieser Grundlage ihren eigenen Beitrag zur Unterrichtsentwicklung im Rahmen der Themenjahre entwickeln.
So kann man anhand der Ausstellung gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern an dem neben der französischen Revolution so bedeutsamen europäischen Kapitel der Weltgeschichte exemplarisch über die historischen Gründe von Spaltung, über religiöse Intoleranz und Diskriminierung während der Zeitenwende um 1500 mit Blick auf unseren heutigen Erfahrungshorizont nachdenken, auch das macht die Reformation zu einem Bildungsgegenstand von besonderer Bedeutung.
Intendiert war eine niederschwellige Impulsgebung zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten der Reformationszeit, die bekanntes Wissen zur Epoche bündelt und zusammenfasst, eine problemorientierte Aufbereitung zeitgenössischer Phänomene gestattet und den Brückenschlag zu unserer heutigen Lebenswelt zulässt, ohne dabei im Infotainment eines beliebigen Geschichtenerzählens zu versanden.
Ausgehend vom avisierten Rezeptionsniveau der Adressaten möchte die Ausstellung statt dessen bewusst an das im kollektiven Gedächtnis präsente, allbekannte Vorwissen zur historischen Figur Luther anknüpfen und ausgehend hiervon exemplarisch in die vielfältigen Wandlungsprozesse im 16. Jahrhundert einführen.
Dabei erfolgt die Annäherung an diese Umbruchsepoche auch nicht willkürlich. Vielmehr greift sie in sieben sehr unterschiedlichen thematischen Zugängen eine Logik auf, die einer Denkfigur Luthers selbst verpflichtet ist - der Ordnung der Welt und der sozialen Erfahrungsräume der Zeit um 1500 nach einem geistlichen sowie nach einem weltlichen Regiment, mithin als über die Unterscheidung zwischen einerseits dominant theologisch-religiösen sowie andererseits historisch-politischen (i.e. profanen) Sachverhalten und Praktiken der Daseinsbewältigung:
Dass die sieben thematischen Perspektiven auf den reformatorischen Aufbruch und den kulturellen Wandel der frühen Neuzeit ausstellungsdramaturgisch dabei unterschiedliche Funktionen haben, wird bereits durch die äußere Formgebung angedeutet:
Raumgreifend, dominant mittig positioniert und vielfältige Blickachsen eröffnend findet sich zunächst die Stele: Lebensgeschichte und Epoche. Während die halbkreisförmig um diese herum gruppierten anderen sechs Stelen jeweils die Form vierseitiger Prismen aufnehmen, wurde für diese zentrale Stele die Form eines aufgeschnittenen Zylinders gewählt: Auf der unregelmäßig aufgeschnittenen Deckfläche werden - unvollständig und höchst selektiv - Lebensdaten Luthers präsentiert. Deren kreisförmige Anordnung lässt dabei die Assoziation von Jahresringen zu. Hierdurch wird nicht nur unterstrichen, dass Lebensgeschichten gleichsam organisch wachsen, sondern dass sich im Lebenslauf fette wie dürre Jahre ablösen und deren Interferenzen zum Epochenverlauf nur ausnahmsweise gesellschaftliche Innovationsschübe zulassen. Der für Luthers Leben produktive und für das Ausstellungsszenario daher ergiebige Zeitrahmen wird dabei durch die Jahre 1513 (dem endgültigen Wechsel nach Wittenberg und dem Beginn der intensiven Auseinandersetzung mit den Paulus-Briefen) und 1525 (der Heirat mit Katharina von Bora und dem daraus resultierenden Rückzug ins Private) begrenzt.
Auf der Mantelfläche der ersten Stele, die sich gleich einer Rinde einprägend um den exemplarischen Lebenslauf legt, wird in Form von Headlines demgegenüber auf epochale Ereignisse, Phänomene und Krisen verwiesen. Diese Themen werden auf den flankierenden Stelen vertiefend aufgenommen. Ziel dieser Stele ist es mithin, einzuführen in das Ausstellungsthema insgesamt und dabei gleichzeitig den Erzählmodus zu rechtfertigen, die Darstellung der gewaltigen Epochenzäsur am Beginn der frühen Neuzeit exemplarisch über die eher provinzielle Lebensgeschichte des Reformators vorzustellen.
Die übrigen sechs Stelen sind symmetrisch angeordnet. Links findet sich dabei die thematische Auseinandersetzung mit der reformatorischen Kernidee und deren Konsequenzen für das neue Glaubensverständnis, den neuen Ritus, das protestantische Menschenbild bzw. die reformatorische Ethik (Glaube und Freiheit) sowie die Darstellung der Institution der römischen Kirche, die durch ihre fehlende spirituelle Strahlkraft und ihre höchst weltlichen Interessen dem reformatorischen Aufbruch unmittelbar zuarbeitet (Kirche und Welt)
Die Verankerung der reformatorischen Idee in der Alltagskultur und der Wandel der Lebensverhältnisse der Bauern und Bürger wird auf den drei Stelen der rechten Seite vorgestellt: Beginnend mit den sozialen Konflikten der Zeit (Mensch und Kultur) über die Veränderung des Medienkonsums und der Wahrnehmungsweisen durch die wechselseitige Befruchtung von reformatorischem Aufbruch und Medienrevolution (Sprache und Medien) wird hier ein Bogen bis hin zur Etablierung des modernen Institutionensystems von Bildung und Unterricht gespannt (Erziehung und Schule).
Der Arbeitsauftrag, eine Wanderausstellung zu konzipieren, die der Beanspruchung des Transportes und des häufigen Aufbaus über mehrere Jahre hinweg ausgesetzt sein wird, zwang zu vielfältigen Kompromissen. So konnten keine Originalarchivalien und originalen Artefakte für die Präsentation genutzt werden. Sichtbar wird demgegenüber jedoch das Bemühen um Authentizität dadurch, dass in der Ausstellung selbst nur mit traditionellen Kulturtechniken, d.h. den Medien der Reformationszeit (Text, Bild, Lied) im möglichst unmittelbaren Zugriff originaler Transkription gearbeitet wird. Das Deutsch der Lutherzeit steht hier bewusst als eine irritierende Zumutung an den nachmodernen Rezipienten - diese Sprache verweigert sich einem schnellen und bequemen Konsum ebenso wie die verwendeten ikonographischen Zeugnisse.
Ergänzt wird die Exposition durch ein virtuelles Angebot auf einer achten Stele. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass sich Kinder und Jugendliche teilweise besser in virtuellen digitalen Welten bewegen als im realen Leben. Unser Engagement bedient jedoch nicht einfach willfährig diese Entwicklung sondern versucht, diese Welten zusammenzuführen und mit Erkenntnisgewinnen für Schüler_innen zu verbinden. So kann z.B. in einer speziell aufbereiteten virtuellen Ausgabe der Gutenbergbibel „geblättert“ werden. Anhand verschiedener Originaltexte, denen man gleichzeitig nachhören kann, lassen sich exemplarisch die Wandlungsprozesse der Schriftsprache nacherfahren. Durch eigenen Vergleich mit der Anwendung der Schriftsprache im social network wird ein Bogen ins „Jetzt“ geschlagen, um die Motivation gerade der Schüler_innen für das Lesen und Schreiben weiter zu steigern, die sonst eher Probleme damit haben.
Wie einst Luther auf die Erfindung des Johannes Gutenberg setzte, um Pamphlete, Schriften und Flugblätter in riesigen Auflagen zu verbreiten, so werden wir auf eine nachhaltige Verbindung von traditionellen und neuen Medien setzen und ergänzende Materialien zur Ausstellung im Thüringer Schulportal zur Verfügung stellen. Hier kann die Präsentation mit Schülern nicht nur vor- und nachbreitet werden, vielmehr findet sich hier ein umfangreiches Portfolio einschlägiger, nach den Ausstellungsthemen geordneter und aufbereiteter Materialien. Diese sind für unterschiedliche Niveaustufen konzipiert und erlauben die vertiefende Beschäftigung mit dem Leben Martin Luthers und dem kulturellen Wandel im konfessionellen Zeitalter.
Wir verknüpfen diese Ausstellung auch mit dem Ansatz des Lernens am anderen Lernort. In den Leitlinien der aktuell durch das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und das Thillm weiterentwickelten Thüringer Lehrpläne, erhält der außerschulische Lernort sein bisher größtes Gewicht in der schulischen Bildung im Kontext schulinterner Lehr- und Lernplanung. Indem wir die Ausstellung gerade an solchen Orten zeigen, eröffnen sich weitere Kontexte und Möglichkeiten des Austauschs, werden Spuren der Reformation mit ihren inhaltlichen Zugängen für die schulische Arbeit greifbar, wird die fächerübergreifende Auseinandersetzung mit der Reformation und ihren Wirkungen auf Kultur, Kunst, Sprache, Wissenschaft und Gesellschaft an außerschulischen Lernorten angeregt.


Ort:

Pfarrkirche St. Jakobi, 36199, Rotenburg an der Fulda

Kosten:

Eintritt frei. Spenden am Ausgang sind willkommen!

Veranstalter:

Ev. Kirchengemeinde Rotenburg

Kontakt:

Tel.: 06623/7370
pfarramt.rotenburg1-nord@ekkw.de

zurück zur Übersicht