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Ländlicher Raum

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Ländliche Familienberatung
für Betriebe aus der Landwirtschaft und dem ländlichen Raum

Wir hören zu und unterstützen wenn...
• wichtige Entscheidungen auf dem Betrieb, der Familie oder der Betriebsgemeinschaft 
  anstehen,
• die Generationen sich nicht füreinander öffnen,
• Gespräche fehlen und Streit die Familie belastet,
• es in der Partnerschaft kriselt,
• die Arbeit über den Kopf wächst,
• finanzielle Schwierigkeiten zu bewältigen sind,
• keine Perspektive sichtbar ist,
• Sie einfach jemanden suchen, um sich auszusprechen.

Beratungsangebot
Unser Beratungsangebot ist für Menschen aus ländlichen Familienbetrieben oder Betriebsgemeinschaften aus der Landwirtschaft

Wir bieten an...
• vertrauliche und unabhängige Beratung,
• Unterstützung bei der Suche nach eigenen, tragfähigen Lösungen und Begleitung bei 
   der Umsetzung,
• gut zuzuhören und Hilfe beim Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse, Gefühle und 
   Wünsche,
• mit Ihnen gemeinsam anstehende Gespräche in der Familie, Betriebsgemeinschaft, 
   oder Partnerschaft  offen und konstruktiv zu führen,
• Unterstützung bei Gesprächen mit Ämtern, Behörden, Banken, Gläubigern...
• bei Bedarf und Wunsch auch Vermittlung
    - zu Ehe-, Familien- und Lebensberatungen
    - an Schuldner- und Insolvenzberatungen
    - an sonstige Fachberatungsdienste

Die Kosten
Wir beraten kostenfrei.
Finanziert wird die Beratungsarbeit größtenteils aus Mitteln der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Sie wird dabei unterstützt von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, sowie durch Spenden. Jede Spende ist herzlich willkommen, hat aber keinen Einfluss auf Güte und Dauer des Beratungsprozesses.


Kontakt:
Familie&Betrieb
Elisabeth-Seitz-Straße 16
34613 Schwalmstadt-Treysa
Fon: 06691/23008
familieundbetrieb@ekkw.de

www.laendliche-familienberatung-hessen.de

2017-01-31

Linktipp

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:

www.laendliche-familienberatung-hessen.de

Hinweis:

Sie erreichen uns am Telefon:

06691/ 2 3 008
Montag bis Freitag,
jeweils von 09.15 - 13.00 Uhr

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Dienst auf dem Lande

  • Wie lebt es sich auf dem Land?
  • Was beglückt und was bedrückt Menschen hier?
  • Wie sehen die Unterschiede der Lebenswelten Stadt und Land aus? Gibt es sie überhaupt?
  • Woher kommt unser täglich Brot? Fair Einkaufen - gut Essen, was heißt das?
  • Wie wirken sich agrar- und ernährungspolitische Entscheidungen aus?
  • Welche gesellschaftlichen Veränderungen müssen diskutiert werden?
  • Was bedeuten diese Fragen für die Menschen im ländlichen Raum?
  • Und was heißt `Leben und Arbeiten´ im Dorf für (künftige) Pfarrerinnen und Pfarrer?

Wir bearbeiten diese und andere Fragestellungen und Themen des Lebens im ländlichen Raum. Wir nehmen Anliegen und Sorgen der Menschen auf und suchen gemeinsam mit ihnen nach Antworten. Wir streben dabei an, die Lebens- und Arbeitssituation ländlicher Familien und Betriebe (besser) kennen zu lernen und  bäuerlich-dörfliche Traditionen und Werte, auch im kirchlichen Kontext, (besser) verstehen und einordnen zu können.

Wir wollen innerhalb und außerhalb der Kirche über den gegenwärtigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis informieren und notwendiges Erfahrungswissen fördern.

Wir achten dabei erlebte Erfahrungen und ganzheitliches Lernen, bis in Seele, Herz und Verstand hinein. 

Wir wollen zwischen Menschen aus verschiedenen Denk- und Handlungssystemen Kommunikation ermöglichen. Dabei liegt der Hauptakzent auf dem Erschließen und Benennen von Verstehensblockaden. Die Entideologisierung und Desillusionierung der Denksysteme ist eine zentrale Aufgabe in der konstruktiven Weltzuwendung unseres Dienstes.

Wir arbeiten zusammen mit anderen kirchlichen Werken in der Gemeinschaft der EKD-Gliedkirchen und in ökumenischer Offenheit.

Wir bieten an

  • Gesprächsrunden und Vorträge,
  • Vorbereitung und Durchführung von Seminaren, Studientage, Tagungen und Exkursionen,
  • Fortbildung von Studierenden der Theologie (Landpraktika), der Sozialpädagogik/-arbeit, der landwirtschaftlichen Fachschulen sowie Landpfarrer(inne)n in Fragen der kirchlichen Landpastoral,
  • EU-Forum Nordhessen e.V. - Teil eines EU-Netzwerkes,
  • Beratung Familie und Betrieb / Landwirtschaftliche Familienberatung für Familien aus Landwirtschaft und Handwerk mit familiären und wirtschaftlichen Fragen und Problemen.
2010-04-29
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Armut in der Landwirtschaft – Armut hinter goldenen Fassaden?!

Armut hinter goldenen Fassaden. Dieser Satz beschreibt aus meiner Sicht die Situation, in der viele landwirtschaftliche Familien leben sehr eindrücklich. Der Satz stammt nicht von mir. Er stammt aus einer Erntedankbotschaft aus den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts des damaligen Bischofs des Bistums Rottenburg-Stuttgart Walter Kasper.

Wenn wir – von außen – ein Haus betrachten, dann sehen wir zunächst nur die Fassade. Wir sehen, ob diese Fassaden gepflegt sind oder nicht, ob die Farbe frisch aussieht oder ob sie stumpf ist, ob der Putz bröckelt oder ob aufgeräumt ist. Wir sehen das, lange bevor wir Menschen begegnen oder gar mit ihnen sprechen. Und genauso ist das mit landwirtschaftlichen Betrieben. Genauso ist es, wenn wir Betriebsstätten, Hofstellen, Bauernhöfe betrachten. Wir sehen nur die Fassade. Und wir sehen eine Fassade, die geprägt ist von einem Wirtschaftsbetrieb. Es ist ein anderer Wirtschaftsbetrieb, als es der Bauernhof war, den wir von Kindheit an mit ganz anderen Augen betrachten als andere Wirtschaftsbetriebe.
Die meisten von uns haben irgendwann einmal Bauernhof gespielt. Wir waren damals Bäuerin und Bauer und haben unseren Hof gespielt. Das spiegelt eine tiefe Verbindung mit den Lebensgrundlagen wieder und das vermittelt zugleich eine Vorstellung von dem was Landwirtschaft emotional bedeutet und ausmacht. Demgegenüber steht die Wirklichkeit unserer gegenwärtigen Wahrnehmung. Tatsächlich wird der Personenkreis, der Landwirtschaft aus echter eigener Anschauung und hintergründigem Verstehen kennt, ja immer kleiner.

Wenn wir der Frage nach Armut in der Landwirtschaft nachgehen, dann findet das vor diesem Hintergrund statt. Er hat emotionale und ökonomische Anteile. Der emotional aufgeladene Bauernhof unserer Kindheit ist zugleich ein Wirtschaftsbetrieb, der nach den Gesetzen des Marktes funktioniert.
„Armut hinter goldenen Fassaden“ beschreibt die Wirklichkeit der Betrachtung und zugleich die grundlegende Schwierigkeit, erinnertes Gefühl und ökonomische Fakten in Verbindung zu bringen. Grundsätzlich unterliegt Armut in der Landwirtschaft den gleichen Bedingungen wie Armut in der übrigen Gesellschaft, mit einigen Besonderheiten allerdings:
Als Besonderheit ist die ganz eigene Prägung der Altersarmut zu nennen. Freilich findet auch sie ihre grundsätzliche Entsprechung in der übrigen Bevölkerung, hat aber andere, historisch begründet ganz andere Ursachen. Die Altersversorgung der Bäuerinnen und Bauern ist – vor Einführung der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung – materiell ausschließlich an die Ertragsleistung des Hofes gebunden, der von Generation zu Generation möglichst in der Familie weitergegeben wurde. Auch nach der Einführung der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung war die Altersrente in gewisser Weise als Taschengeld gedacht. Die aktuelle Rentenhöhe von rund 500 Euro für Ehepaare macht das sehr deutlich. Sie sollte den in der Landwirtschaft so genannten Altenteilern ein Mindestmaß an Selbstbestimmung ermöglichen. Juristisch ist die Altersversorgung an die jeweilige Ausgestaltung der erbvertraglichen Regelungen gebunden. Und emotional ist sie abhängig von der Erfüllung und der Erfüllbarkeit dieser vertraglichen Regelungen. Die emotionale Ausgestaltung ist dabei so unterschiedlich wie die Menschen, die aufeinander angewiesen sind. Das Meistern dieser Generationenbeziehungen ist sicher eine der größten Herausforderungen für die Betriebsleiterfamilie. Das gilt in besonderer Weise für die Frauen der Betriebsleiter, die die Versorgung und Pflege der Altenteiler überwiegend übernehmen.
Solange landwirtschaftliche Betriebe ökonomisch ein Auskommen für zwei bis drei Generationen erwirtschaften, kann die Altersversorgung sichergestellt werden. Wenn der Betrieb das nicht mehr sicherstellen kann, dann sind Altenteiler wie Betriebsleiter in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Der Betrieb muss aus wirtschaftlichen Gründen dann u.U. ganz aufgegeben werden. Für die Altenteiler bedeutet das dann materielle Armut, die häufig nur durch Hilfen der Gemeinschaft aufgefangen werden kann.

Ganz allgemein gesprochen ist für mich Armut zunächst der Verlust von Lebensqualität. Das ist eine Definition, die mir die ganz unterschiedlichen Formen von Armut bündelt und zugleich offen ist für die individuelle Wahrnehmung von Armut. Armut ist in Deutschland und Mitteleuropa freilich etwas ganz anderes als Armut in den Hunger- und Kriegsgebieten unserer Erde.
Der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Prof. Dr. Gerhard Wegener hat unlängst in einem vielbeachteten Vortrag auf der Landessynode der EKKW Armut aus kirchlicher Perspektive beleuchtet. Er nennt „Gerechte Teilhabe“ als kirchliche Leitorientierung. Vor dem Hintergrund einer solchen Orientierung können wir auch Armut in der Landwirtschaft den jeweils Betroffenen gemäß einordnen. Teilhabe heißt für mich, dass jeder Mann und jede Frau seiner und ihrer Bestimmung gemäß leben kann. Dabei geht es immer um eine subjektive und individuelle Wahrnehmung. Menschen in der Landwirtschaft werden das sicher ganz anders beschreiben als Menschen aus anderen Berufsgruppen und mit anderen Tätigkeitsfeldern.
Aus vielen Gesprächen mit Bäuerinnen und Bauern weiß ich, dass das Vermögen an Grund und Boden nicht wirklich als Vermögen oder gar Reichtum angesehen wird. Und auch einen echten materiellen Wert besitzt es immer nur dann, wenn es auch einen Markt für Grund und Boden und einen entsprechend hohen Verkehrswert gibt. In Ballungsräumen und ihrem unmittelbaren Umfeld ist der Verkauf von Land sicher kein so großes Problem wie in den Mittelgebirgsregionen. In Nordhessen ist das häufig ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Dass Bäuerinnen und Bauern Grund und Boden als Grundlage des Wirtschaftsbetriebes prinzipiell nicht veräußern wollen, ist einerseits unmittelbar einsichtig. Sie halten häufig selbst dann daran fest, wenn es im Grunde keine Alternative dazu gibt. So habe ich erlebt, dass ein alleinstehender Landwirt eher dazu bereit war sein Wohnhaus zu verkaufen als sein Land.
Die Evangelische Landjugendakademie Altenkirchen und die Uni Kassel haben in den vergangenen eine ganze Reihe von Hofübergabe-Seminaren außerhalb der Eigentümerfamilie durchgeführt. Eine Erfahrung: Bäuerinnen und Bauern ohne Hofnachfolger in der eigenen Familie suchen einen Nachfolger/eine Nachfolgerin, weil sie den Hof als Wirtschaftsbetrieb fortgesetzt sehen wollen und sich nur als Verwalter auf Zeit und nicht als Eigentümer verstehen.
Das sind für mich eindrucksvolle Beispiele für die mit der Leitorientierung „Gerechte Teilhabe“ verbundene Selbstbestimmung.
In wie weit die rasanten Veränderungen auf den Weltagrarmärkten und die wachsende Bedeutung von Biomasse zur Energiegewinnung den Bodenmarkt verändern werden, kann heute sicher noch nicht in der ganzen Tragweite abgesehen werden. Sicher ist in jedem Fall, dass Boden wieder verstärkt als Kapitalanlage begehrt ist.

Im Folgenden nenne ich sechs Dimensionen von Armut, die in der aktuellen Armutsforschung auch im kirchlichen Kontext unterschieden werden und beziehe sie jeweils in Stichworten auf die Menschen in der Landwirtschaft:

  • 1. Materielle Armut leuchtet als Dimension unmittelbar ein. Ich habe sie eingangs beschrieben.
  • 2. Körperliche Schwäche
    Diese Dimension ist bei den älteren Bäuerinnen und Bauern sicher noch nicht so weit verbreitet, Vielfach wird noch ein eigener Garten bewirtschaftet und hauswirtschaftliche Fähigkeiten und -techniken sind noch verbreitet.
  • 3. Isolation
    Gerade für Menschen ab dem Rentenalter in der Landwirtschaft spielt das eine große Rolle. Ein Landwirt sagte mir einmal: „Früher bin ich mit dem Schlepper auf den Acker gefahren und habe über den Tag verteilt ein Dutzend Berufskollegen getroffen. Da war immer Zeit für ein Gespräch. Mein Sohn bewirtschaftet heute Flächen in drei Gemarkungen und trifft manchmal die ganze Woche keinen Berufskollegen mehr. Das ist Armut.“
  • 4. Verletzlichkeit
    Arme Menschen und arme Familien haben in der Regel wenig Reserven, um sich gegen Schwierigkeiten im Leben physisch und psychisch puffern zu können. Das erlebe ich vielfach auch dann, wenn faktisch Grund und Boden vorhanden, aber nicht verkäuflich ist.
  • 5. Machtlosigkeit
    Das Empfinden, das Leben als unabänderliches Schicksal annehmen zu müssen. Hoffnungslosigkeit und Resignation führen häufig in die Depression.
  • 6. Spirituelle Armut
    Waren früher die Bäuerinnen und Bauern Träger kirchlicher Tradition und damit auch eines spirituellen Reichtums, so hat sich das in den letzten zwanzig Jahren drastisch verändert.
    Einige der Feste rund um Aussaat (Flursegnungen) und Ernte (Erntedank) haben sich gerade in kirchlichen Festtagen überliefert, ihr Inhalt ist heute vielfach nachrangig. Im Vordergrund stehen dabei häufig eher Rummel und Verkauf.

An dieser Stelle will ich meine Ausführungen zusammenfassen und abschließend noch auf mein Bild von gerechter Teilhabe zurückkommen: Armut in der Landwirtschaft hat in ihren Ausprägungen Ähnlichkeit mit Armut in der Gesamtgesellschaft, weist allerdings Besonderheiten auf, die mit dem Begriff nicht einfach zu fassen sind. Hof- und Wirtschaftsgebäude, Grund und Boden leisten nur dann einen Wert zur materiellen Versorgung, wenn sie nicht längst als Kreditsicherheiten dienen und es auch einen wirklichen Markt- oder Verkehrswert gibt.

In meiner Tätigkeit in der ländlichen Familienberatung haben wir so etwas wie ein Motto, das Gerechte Teilhabe möglicherweise sehr gut beschreiben hilft: "Wir wollen Menschen wieder in Bewegung bringen". Wir sind dabei getragen von der Überzeugung, dass jeder Mensch über je eigene Fähigkeiten und Ressourcen verfügt. Wenn Menschen in den genannten Dimensionen von Armut leben, sind diese Ressourcen oft verschüttet, zugedeckt und häufig wenig sichtbar. Eine Aufgabe von Familienberatung kann es dann sein, diese Ressourcenschätze wieder heben zu helfen und Menschen darin zu stärken, je eigene Fähigkeiten (wieder) zu entdecken, eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und neue erste Schritte zu gehen. Dabei Unterstützung zu leisten ist aus meiner Sicht ein Auftrag, der unmittelbar aus dem Evangelium erwächst.
Tun wir das in kirchlichen Einrichtungen und Kirchengemeinden: sei es in der Tafelarbeit, der Familienhilfe, der Hausaufgabenhilfe, der Familienberatung oder anderen Angeboten - darauf kommt es aus meiner Sicht an: Ermutigen wir Menschen dazu, wieder in Bewegung zu kommen!

Hartmut Schneider,
Geschäftsführer Familie&Betrieb - Ländliche Familienberatung

2010-07-09
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Agrogentechnik – Gentechnisch veränderte Organismen (GVO)

Züchtung ist schon seit Jahrtausenden ein menschlicher Eingriff in die Natur, mit dem Ziel bestimmte Eigenschaften von Pflanzen und Tieren zum Nutzen der Menschen durch Auslese und gezielte Kreuzung zu erhalten. Diese menschliche Tätigkeit wurde entweder im Solidari-tätsprinzip der Gesellschaft zur Verfügung gestellt oder entlohnt (Sortenschutzgesetz mit Zertifizierung und entsprechender Gebühr, höhere Preise für Zuchttiere und Saatgut) und konnte dann von Landwirten und Züchtern genutzt und weiter entwickelt werden.
Demgegenüber handelt es sich bei gentechnischen Verfahren um etwas qualitativ anderes, denn hier werden
  • direkt und gezielt Eingriffe in Erbanlagen vorgenommen,
  • Gene isoliert und gezielt in andere Organismen transferiert und dabei auch
  • Artgrenzen überschritten (sogar die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Pflanze).

Ermöglicht wird das dadurch, dass Gene universelle Bausteine des Lebens sind, es handelt sich um die gleichen Bausteine bei Bakterium, Pflanze, Tier und Mensch. Jüngste For-schungsergebnisse zeigen, dass das Wirken und Zusammenwirken der Gene viel komplexer ist, als bisher bekannt: Verschiedene Eigenschaften liegen auf einem Gen, eine Eigenschaft entstammt mehreren Genen; Marker grenzen nur sehr ungefähr das gesuchte Gen, die Epigene (Räume zwischen den Genen) kommen erst jetzt verstärkt in den Blick und erklären z.B. die Häufigkeit von nicht erwarteten Auswirkungen von Genmanipulationen. Hier steht die Grundlagenforschung noch weithin am Anfang. (Ethisch) Kritisch zu bewerten ist die große Eingriffstiefe, die bei GVO gegenüber konventioneller Züchtung geschieht, insbesondere die Überschreitung von Artgrenzen, dabei erfolgt eine massive Veränderung des Erbgutes, wie sie in der natürlichen Evolution (trotz Mutationssprüngen und Gendrift) niemals vorkommt.

Diskussionspunkte

Potentielle gesundheitliche Risiken durch GVO:
Umweltmediziner befürchten und beobachten bereits Allergene und neue giftige Inhalts-stoffe. Bei evtl. negativen Folgewirkungen sind weltweit sehr viele Menschen betroffen, das heißt,

  • es besteht ein sehr hohes Schadenspotential,
  • es besteht ein Mangel an komplexen Langzeituntersuchungen,
  • es sind weniger risikoreiche Alternativen vorhanden, so dass das Vorsorgeprinzip gelten kann und muss.

Potentielle ökologische Risiken durch GVO:

  • Resistenzbildung der bekämpften Organismen tritt ein (bei GVO-Baumwolle bereits nach 3 Jahren in großem Stil), d.h. es entstehen neue Problemunkräuter und Schädlinge. Dies bewirkt eine Steigerung der Erforschung und des Einsatzes neuer Herbizide und Fungizide, Nicht-Zielorganismen werden geschädigt (Bsp. Bienen, Wasserorganismen)
  • Es erfolgt ein Gentransfer in die Ursprungszentren der Kulturpflanzen (Bsp. Mais, Reis). Es handelt sich um lebende, vermehrbare Organismen. Eine Rückholbarkeit ist nicht gewährleistet, es besteht Irreversibilität!
  • Es gibt nur eine mangelhafte ökologische Begleitforschung, auch hier gilt: Das Vor-sorgeprinzip ist zu beachten.

Potentielle sozioökonomische Risiken durch GVO:

  • Marktkonzentration und Monopolbildung im internationalen Saatgutmarkt (25 % Anteil GVO bei internationalem Saatguthandel = ca. 5 Mrd. US-Dollar).
  • Multinationales Unternehmen „Monsanto“ hält > 90 % Weltmarktanteil bei GVO-Saatgut.
  • Da es kein internationales Kartellrecht gibt, sind weitere Teilfusionen bei GVO zu erwarten.
  • Verlust der Saatgutautonomie der Landwirte und Züchter, dadurch steigende ökonomische Abhängigkeit von großen Konzernen.
  • Somit wird die Ernährungssouveränität der Völker weiter reduziert. Wer die Macht über das Saatgut hat, hat letztlich Macht über die Welternährung.
  • Forschung erfolgt aus ökonomischem Interesse heraus vorwiegend im Bereich GVO, wird durch Patente im klassischen Züchtungsbereich erschwert (teuer) oder unmöglich.
  • Rückgang des Sortenangebots – Verengung der genetischen Basis der Arten.
2010-04-29
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Patente auf Leben im Bereich der Agrogentechnik

Patente wurden bis 1987 nur auf technische Erfindungen erteilt, für Züchtungen gab es einen Sortenschutz. Man muss unterscheiden zwischen Erfindung und Entdeckung: Patente sind angemessen für technische Erfindungen, also tote Materie. Sie sind nicht angemessen für den Bereich des Lebendigen, dort kann es nur Entdeckungen geben.
1998 beschloss das europäische Parlament und Rat (in Anlehnung an US-amerikanisches Recht) Patente auf Lebewesen und Gendiagnostik zuzulassen. 2005 wurde die Umsetzung der EU-Biopatentrichtlinie in deutsches Recht von der Bundesregierung verabschiedet. In ihr ist nun eigentlich ein Verbot der Patentierung von Pflanzensorten und Tierarten vorgesehen. Dieses Verbot wird jedoch aufgrund einer schwachen Auslegungspraxis ständig umgangen. Hinzu kommen Unklarheiten der Europäischen Patentgesetze. Der wissenschaftlich-tech-nische Fortschritt im Bereich der Gentechnologie ist wesentlich schneller als die Gesetzgebung.

Bisher hat das Europäische Patentamt von ca. 3.800 Patent-Anmeldungen bei Tieren 283 Gen-Patente bewilligt. Bei Pflanzen gibt es 4.640 Patentanmeldungen, 623 Gen-Patente wurden bewilligt. Es gab mittlerweile auch Patentrücknahmen durch Gerichtsverfahren. Im Jahr 2008 steht bei der Großen Beschwerdekammer des Europäischen Patentamtes ein Grundsatzurteil zur Patentierbarkeit von Nutzpflanzen und Nutztieren an. Es soll geklärt werden, wie genau ein im wesentlich biologischer Prozess zur Züchtung von Pflanzen und Tieren definiert ist und welche züchterischen Verfahren unter das Verbot der Patentierung fallen. Werden nämlich einfache technische Elemente wie eine Gen-Diagnose verwendet, können ganz normale züchterische Verfahren Gegenstand von Patenten werden.

Besonders problematisch sind weit reichende strategische Globalpatente (z.B. auf das ge-samte Erbgut von Reis; auf sämtliche Gene, die den Blühvorgang bei 24 Kulturpflanzen in-duzieren etc.). Biopiraterie benachteiligt die Entwicklungs- und Schwellenländer, aus denen viele der genetischen Ressourcen stammen.
Patentanträge von Konzernen auf Pflanzen und Tiere verstärken internationale Marktkonzentrationsprozesse im Landwirtschaftssektor und bewirken eine „Privatisierung“ genetischer Ressourcen. Der weltweite Lebensmittelsektor macht täglich einen Umsatz von zwei Milliar-den Dollar. Bereits heute teilen sich 5 multinationale Unternehmen den Großteil dieses Marktes.

Diskussionspunkte

  • Patente auf Leben sind ethisch höchst fragwürdig.
  • Das Patentrecht ist kein geeignetes Rechtsinstrument für den Bereich des Lebendigen.
  • Die Patentvergabe für ca. 20 Jahre stellt zwar keinen „Besitz“ dar, ermöglicht aber eine Monopolstellung durch Lizenzvergabe. Das schafft große Abhängigkeiten für Landwirte und verursacht Einschränkungen bei Forschung und Züchtung.
  • Die Privatisierung der Verfügungsrechte über Nahrung (Saatgut) ermöglicht großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss.

Pressemitteilung vom 14.04.2008, HMULV:
“Agrarministerkonferenz lehnt Patente auf landwirtschaftliche Nutztiere ab“

Hessischer Landwirtschaftsminister Dietzel: „Tiere sind keine menschliche Erfindung, auch wenn sie mit einem technischen Verfahren hergestellt oder verbunden sind, das patentierbar ist. Diese Auffassung spiegelt nicht nur den in Deutschland, mittlerweile auch in der Verfassung verankerten ethischen Tierschutzgedanken wieder, sondern auch unseren christlichen Glauben. Es widerspricht zutiefst dem in Europa zugrunde liegenden kulturellen Verständnis von der Einzigartigkeit von Lebewesen, von der Würde des Menschen und von der Achtung vor den ebenfalls individuellen Mitgeschöpfen, den Tieren. Derartige Patente werden weit reichende Folgen für die traditionelle, bäuerliche Landwirtschaft haben. Über die Zuchtziele wird dann zunehmend weniger die potentielle innerland-wirtschaftliche züchterische Entscheidungskompetenz bestimmen, sondern einige gegebenenfalls ausländische Konzerne. Wir sind aufgerufen, hier deutlich ein Zeichen zu setzen und werden prüfen, ob das Land Hessen hier nicht zu gegebener Zeit beim Europäischen Patentamt Widerspruch einlegen kann“.

2010-04-29