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Montag, 23. November 2009

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Bericht vor der Synode
Bischof Hein: Evangelische Kirche ist «Kirche der Freiheit»

2009-11-25
Bischof Prof. Dr. Martin Hein (Foto: medio.tv/Küster)
Bischof Prof. Dr. Martin Hein (Foto: medio.tv/Küster)
Hofgeismar (medio). Die evangelische Kirche wird auch in Zukunft ihre «Verantwortung für die Gestaltung und Weiterentwicklung des freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens» ernst nehmen. Dies hat der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Martin Hein, zum Auftakt der Tagung der Landessynode in Hofgeismar am Montag bekräftigt.

 In seinem Bericht unter der Überschrift «Bewährte Freiheit» sagte Hein: Es sei eine Selbstverständlichkeit, dass die evangelische Kirche sich in den politischen Diskurs einbringe – «nicht unbedingt durch parteipolitische Stellungnahmen, aber doch durch sachliche Positionierung». Als «Kirche der Freiheit» bewege sich die evangelische Kirche hier im Spannungsfeld eines «Willens zur Gestaltung und der Fähigkeit zum Kompromiss». (Im Jahr 2006 hatte die Evangelische Kirche in Deutschland das Impulspapier «Kirche der Freiheit» mit Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert vorgelegt.) Nach christlichem Verständnis sei Freiheit von Christus geschenkt, nicht vom Menschen erkämpft. Der theologische Begriff von Freiheit sei daher nicht vorschnell mit dem politischen zu identifizieren. Die christliche Freiheit bedeute Freiheit zur Liebe und zur Solidarität, sagte Hein.

Religionsfreiheit des Grundgesetzes achten – Warnung vor «aggressivem Atheismus»

Hein rief dazu auf, die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit zu achten. Diese Freiheit sei seit jeher zunächst vorrangig die «positive Freiheit», eine Religion zu haben und auszuüben. In jüngerer Zeit werde demgegenüber immer mehr die negative Religionsfreiheit betont, wonach die Freiheit keiner Religion anzugehören, einen besonderen Schutz bedürfe. Hein nannte in diesem Zusammenhang das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs, wonach Kreuze in Schulräumen gegen die Religionsfreiheit verstoßen und die Menschenrechte verletzen. Hein warnte zugleich vor einem «immer aggressiveren ausdrücklichen Atheismus», der bis in die Kirchengemeinden seine Wirkungen entfalten könne.

«Friedliche Revolution»: Versöhnung setzt Begegnung von Tätern und Opfern voraus

Hein würdigte die «Friedliche Revolution» in der ehemaligen DDR vor 20 Jahren. Die Landeskirche sei durch Jahrzehnte währende unmittelbare Nachbarschaft vieler Gemeinden zu Grenze und Todesstreifen wie durch den im Freistaat Thüringen gelegenen Kirchenkreis Schmalkalden geprägt. Die DDR sei politisch aus vielen Gründen in sich zusammengefallen; «vor allem ist sie aber an den Friedenslichtern der Demonstranten gescheitert», betonte Hein. «In der inneren Freiheit jener Menschen liegen die Wurzeln der wiedergewonnenen äußeren Freiheit!»  Mit Blick auf das DDR-Regime sagte Hein: «In diesem System gab es viele Opfer – und es gab viele Täter!» Der Bischof warnte in diesem Zusammenhang vor einer oberflächlichen Versöhnung. «Wirkliche Versöhnung kann nur dort geschehen, wo sich Opfer und Täter ohne Zwang begegnen und wo die Täter zu dem stehen, was sie getan haben, und es nicht einfach beiseite wischen. Solch eine Versöhnungsarbeit dauert lange, weit mehr als eine Generation, und sie braucht geschützte Orte. Das heißt auch: «Die Aufgabe unserer Kirche bei diesem Thema ist noch lange nicht beendet!» betonte Hein.

Universitäre Theologie als Freiheit zum Denken unverzichtbar

Hein unterstrich, dass die Freiheit des theologischen Denkens für die evangelische Kirche unverzichtbar sei. Mit Blick auf den 125. Geburtstag des Marburger Neutestamentlers Rudolf Bultmann erklärte Hein, das unbedingte Denken-Dürfen führe gerade nicht prinzipiell zur Auflösung der biblischen Tradition und des christlichen Glaubens, sondern profiliere dessen Grundaussagen schärfer. Auch die Theologie Luthers sei als «universitäre Theologie» gegen die gängigen Positionen seiner Zeit entstanden. Es müsse deshalb keinen Gegensatz zwischen Glauben und Verstehen geben. «Universitäre Theologie, die sich im Kontext der Wissenschaft zu legitimieren hat, und evangelische Kirche gehören um der evangelischen Freiheit willen zusammen!»  Hein unterstrich, dass das Theologiestudium an einer staatlichen Universität auch in Zukunft regelhaft Voraussetzung für den Dienst als Pfarrer der Landeskirche sei.  

Konfirmation stammt aus der Reformationsgeschichte in Hessen – 475 jähriges Jubiläum 2014 als «Jahr der Konfirmation» begehen!

Hein regte an, das Jahr 2014 als «Jahr der Konfirmation» zu begehen. Als «wohl segensreichstes» Geschenk der hessischen Reformationsgeschichte sei die «Erfindung» der Konfirmation in der «Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung» aus dem Jahr 1539 zu nennen. Die Praxis der Konfirmation und des Konfirmandenunterrichts habe sich zwar gewandelt. Die Konfirmandenzeit bleibe ein «verlässliches Angebot an junge Menschen, Erfahrungen mit der Kirche und dem Glauben zu machen» Sie gewähre Freiheit zur kritischen Auseinandersetzung und schließlich zur Entscheidung für die Konfirmation. Als weiteres Reformationsjubiläum steht im Bereich der Landeskirche der 475. Jahrestag der  sogenannten  «Schmalkaldischen Artikel» im Jahr 2012 an.  

Grenzen der Freiheit: Wiedererstarken des Wirtschaftsliberalismus - Sterbehilfe

Kritik äußerte Hein am Wiedererstarken des Wirtschaftsliberalismus. Um die Frage neuer  Regeln für das Wirtschaften sei es in den letzten Monaten «seltsam still geworden». Er habe den Eindruck, dass manche der für die Krise Verantwortlichen «überwintert» hätten, um anschließend weiterzumachen wie bisher. Es sei Aufgabe einer «Kirche der Freiheit», einen ungezügelten Marktliberalismus kritisch danach zu befragen, wessen Freiheit hier eigentlich im Blick sei. Die Schlussfolgerung, dass wenn jeder an sich selber denke, schon an alle gedacht sei, sei kein tragfähiges Zukunftskonzept. Hein verwies in diesem Zusammenhang auf kirchliche Projekte in Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Wissenschaft, wie das Projekt «Wirtschaften im Dienst des Menschen», das die Folgen der Globalisierung für die Region beleuchtet, das Angebot «Zwischenräume» – als spirituelles Angebot für in der Wirtschaft Tätige und ihre Familien sowie die Seelsorge vor Ort.

Als drängende Frage nach den Grenzen der Freiheit stellt sich, so Hein, zudem die der «Sterbehilfe» dar. Es sei ethisch ein fundamentaler Unterschied, ob man einen Menschen sterben lässt oder sein Leben aktiv beendet. Die Berufung auf die Freiheit zur Selbstbestimmung sei irreführend und inakzeptabel, wenn damit der assistierte Suizid oder die Verabredung tödlicher Substanzen durch Dritte gemeint sei.   

«Die Freiheit Bewähren» – Ermutigung zu Strukturveränderungen in der Kirche

Hein ermutigte dazu, notwendige Strukturreformen in der Kirche anzugehen und umzusetzen. Anpassungen im Bereich der Pfarr- und Mitarbeiterstellen seien zwar durchaus schmerzhaft. Die Zukunft und die wesentliche Aufgabe der Kirche, dass das «Evangelium rein gepredigt und Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden», seien jedoch bei den anstehenden moderaten Veränderungen nicht gefährdet. Der Bischof kritisierte, dass das Bewusstsein hierfür in den letzten Jahren «nicht wesentlich gewachsen» sei.
 
Keine Religionskunde - Bekenntnisgebundenen Religionsunterricht auch für Muslime

Hein erteilte den Plänen der hessischen FDP nach einem Fach «Religionskunde» eine klare Absage. Die Landeskirche gehe davon aus, dass die in der Hessischen Landesverfassung formulierten Grundsätze auch weiterhin gelten. Danach ist der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach und der Lehrer «unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechts an die Lehren und Ordnungen seiner Kirche und Religionsgemeinschaft gebunden.» In Treue zur Landesverfassung befürworteten die evangelischen Kirche in Hessen auch einen bekenntnisgebundenen Religionsunterricht für Muslime, eine Unterricht in deutscher Sprache nach ordentlichen Lehrplänen, der von an deutschen Universitäten ausgebildeten Lehrern in Übereinstimmung mit anerkannten islamischen Religionsgemeinschaften erteilt wird. Diese Position sei auch anlässlich des «Tages des Dialogs» gegenüber hessischen muslimischen Verbänden bekräftigt worden.  Ein Fach Religionskunde sei demgegenüber keine Alternative.   
 
Dank an Synodale – Evangelische Kirchenleitung nicht ohne Synode denkbar

Ausdrücklich dankte Hein den Mitgliedern der 11. Landessynode, deren Legislaturperiode mit der Novembertagung regulär zu Ende geht. Besonders der Dienst der Ehrenamtlichen sei hier hervorzuheben, die hierfür oft privaten Urlaub nehmen. «Evangelische Kirchenleitung gibt es nicht ohne Synoden!» betonte Hein. Synodale bekleideten deshalb ein wichtiges und unverzichtbares Amt. Ausdrücklich dankte er der scheidenden Präses der Landesynode, Kirchenrätin Ute Heinemann (Fuldatal), die aus der Synode ausscheiden wird, sowie ihren beiden Stellvertretern Kirchenrat Dekan Rudolf Schulze (Melsungen) und Kirchenrat Dr. Thomas Dittmann (Kassel).  Die neue 12. Landessynode wird sich im April 2010 konstituieren. 

Auftaktgottesdienst - Prälatin Alterhoff: «Gott hat Geduld mit unseren Vorhaben»

Im Auftaktgottesdienst zur Synode hatte die theologische Stellvertreterin des Bischof, Prälatin Roswitha Alterhoff, um Gottvertrauen geworben: «Unsere Zeit, auch die der zu Ende gehenden und kommenden Synodalperiode, ist aufgehoben in Gottes Zeit. Gott hat Geduld mit unseren Vorhaben. Wir stehen unter der Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Deshalb können wir getrost an unsere Arbeit gehen!» betonte Prälatin Alterhoff. (23.11.2009)

Im Wortlaut:

Lesen Sie hier den Bericht von Bischof Martin Hein im Wortlaut:

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Nachgefragt ...

Bischof Prof. Dr. Martin Hein stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer:

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