Bischof Prof. Dr. Martin Hein (3 v.l., Foto: medio.tv/Küster)
Bischof Prof. Dr. Martin Hein (3 v.l., Foto: medio.tv/Küster)
Montag: Nachgefragt ...

Bischof Prof. Dr. Martin Hein stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer.

Fischer: Herr Bischof Hein, Sie haben die Freiheit in den Mittelpunkt Ihres Berichts gestellt. Um welche Freiheit geht es Ihnen?

Bischof Hein: Zunächst einmal ist das Jahr 2009 ein Jubiläumsjahr, das mit Ereignissen der Freiheit zu tun hat. 60 Jahre Verabschiedung des Grundgesetzes, sozusagen die Ordnung der Freiheit des freiheitlich demokratischen Rechtsstaates, 20 Jahre Erinnerung an die Beseitigung der innerdeutschen Grenze, an den Fall der Berliner Mauer und damit an die Wiedererlangung der Freiheit für die Menschen im Osten Deutschlands. Das sind die Voraussetzungen, die auf der politischen Bühne wichtig sind. Umgekehrt wollte ich auch Bezug nehmen auf die Programmschrift der EKD, die vor drei Jahren veröffentlicht wurde unter dem Titel „Kirche der Freiheit“. Mir ging es darum zu zeigen, wie beide Fragestellungen sowohl im politischen als auch im innerkirchlichen Bereich mit dem Begriff der Freiheit gut umschrieben werden können. Und ich glaube, dass gerade Freiheit etwas ist, was uns als Evangelische Kirche von den Ursprüngen her seit der Reformation ins Stammbuch geschrieben ist.

Fischer: Stichwort Wirtschaft. Welche Freiheit gilt dort oder gibt es da auch Grenzen?

Bischof Hein: Nach christlichem Verständnis ist Freiheit niemals grenzenlos. Weil sie uns sonst in die Gefahr begeben würde, uns selbst zu Göttern zu machen. Sondern Freiheit hat ihre Grenze – zum einen am Gebot Gottes und zum anderen an der Freiheit der anderen. Rosa Luxemburg hat einmal gesagt, die Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden. Das ist ein im Grunde zutiefst christlicher Satz. Ich habe den Eindruck, dass im Blick auf die Entwicklungen im Wirtschaftsbereich viele im Grunde nichts aus der Krise gelernt haben, die wir nun mehr oder weniger hinter uns haben. Sie haben überwintert oder wie es die Bundeskanzlerin sagt: manche Bänker riskieren schon wieder eine dicke Lippe.
Ich glaube, dass die Kirche darauf hinweisen muss, dass es keinen unbegrenzten, unbeherrschten Marktliberalismus geben darf, also eine unbegrenzte Freiheit der Märkte, sondern dass auf internationalen Ebenen Regulative eingebaut werden müssen. Das heißt also, wir kommen wieder stärker zu einer Ordnungspolitik des wirtschaftlichen Lebens. Das haben vor einem halben Jahr ganz viele, auch aus dem Bereich der Unternehmen und Banken, unterschrieben. Inzwischen habe ich den Einruck, dass diese Unterschriften klammheimlich wieder zurück gezogen werden.

Fischer: Ein anderes Stichwort sind die Bürgerrechte. Wie viel Freiheit sollen die Bürger aus christlicher Sicht haben?

Bischof Hein: So viel Freiheit wie möglich. Martin Luther hat es ja in seiner Programmschrift von der Freiheit eines Christenmenschen so ausgedrückt, dass ein Christenmensch ein freier Herr aller Dinge ist und zugleich, dass er auf der anderen Seite auch ein dienstbarer Knecht aller Dinge ist. Das heißt, die Grenzen der Freiheit sind dort, wo sie gegen das Gebot der Liebe verstoßen oder wo sie dazu führen, dass die Freiheit anderer massiv eingeschränkt wird. Aber man sollte die Grenzen der Freiheit auch nicht zu eng ziehen. Weil wir uns als Evangelische Kirche von unseren Ursprüngen her als eine Freiheitsbewegung verstehen, sollte man dem Gedanken der Freiheit sehr viel zutrauen und nicht vorschnell bereits die Grenzen ziehen.
Das führt manchmal dazu, dass man den Eindruck gewinnt, in der Evangelischen Kirche ist alles nur beliebig. Das ist es nicht. Sondern ich glaube, es ist tatsächlich aus den Ursprüngen, auch der Wiederentdeckung der Bibel heraus, begründet. Kirche der Freiheit ist ein hoch anspruchsvolles Programm.

Fischer: … und eine große Aufgabe. Wie viel Freiheit kann sich die Kirche denn zwischen Sparzwängen auf der einen und der demografischen Entwicklung auf der anderen Seite noch leisten?

Bischof Hein: Wir sind sicher nicht frei, diese Rahmenbedingungen nach unserem Belieben zu verändern. Die werden uns mehr oder weniger vorgegeben. Aber wir haben gegenwärtig die Freiheit, in einer angemessenen Weise so darauf zu reagieren, dass wir das Gesetz des Handelns noch in der eigenen Hand halten. Wer jetzt vorausschauend plant, bewahrt sich für die nächsten Jahre die Freiheit. Wer jetzt glaubt, alles noch beim alten belassen zu können, wird in wenigen Jahren in Zwänge versetzt werden, die ich unserer Kirche nicht wünsche.

Fischer: Herr Bischof, vielen Dank!

2009-11-26 6756


Nachgefragt ...

 

Bischof Prof. Dr. Martin Hein stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer.

Fischer: Herr Bischof Hein, Sie haben die Freiheit in den Mittelpunkt Ihres Berichts gestellt. Um welche Freiheit geht es Ihnen?

Bischof Hein: Zunächst einmal ist das Jahr 2009 ein Jubiläumsjahr, das mit Ereignissen der Freiheit zu tun hat. 60 Jahre Verabschiedung des Grundgesetzes, sozusagen die Ordnung der Freiheit des freiheitlich demokratischen Rechtsstaates, 20 Jahre Erinnerung an die Beseitigung der innerdeutschen Grenze, an den Fall der Berliner Mauer und damit an die Wiedererlangung der Freiheit für die Menschen im Osten Deutschlands. Das sind die Voraussetzungen, die auf der politischen Bühne wichtig sind. Umgekehrt wollte ich auch Bezug nehmen auf die Programmschrift der EKD, die vor drei Jahren veröffentlicht wurde unter dem Titel „Kirche der Freiheit“. Mir ging es darum zu zeigen, wie beide Fragestellungen sowohl im politischen als auch im innerkirchlichen Bereich mit dem Begriff der Freiheit gut umschrieben werden können. Und ich glaube, dass gerade Freiheit etwas ist, was uns als Evangelische Kirche von den Ursprüngen her seit der Reformation ins Stammbuch geschrieben ist.

Fischer: Stichwort Wirtschaft. Welche Freiheit gilt dort oder gibt es da auch Grenzen?

Bischof Hein: Nach christlichem Verständnis ist Freiheit niemals grenzenlos. Weil sie uns sonst in die Gefahr begeben würde, uns selbst zu Göttern zu machen. Sondern Freiheit hat ihre Grenze – zum einen am Gebot Gottes und zum anderen an der Freiheit der anderen. Rosa Luxemburg hat einmal gesagt, die Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden. Das ist ein im Grunde zutiefst christlicher Satz. Ich habe den Eindruck, dass im Blick auf die Entwicklungen im Wirtschaftsbereich viele im Grunde nichts aus der Krise gelernt haben, die wir nun mehr oder weniger hinter uns haben. Sie haben überwintert oder wie es die Bundeskanzlerin sagt: manche Bänker riskieren schon wieder eine dicke Lippe.
Ich glaube, dass die Kirche darauf hinweisen muss, dass es keinen unbegrenzten, unbeherrschten Marktliberalismus geben darf, also eine unbegrenzte Freiheit der Märkte, sondern dass auf internationalen Ebenen Regulative eingebaut werden müssen. Das heißt also, wir kommen wieder stärker zu einer Ordnungspolitik des wirtschaftlichen Lebens. Das haben vor einem halben Jahr ganz viele, auch aus dem Bereich der Unternehmen und Banken, unterschrieben. Inzwischen habe ich den Einruck, dass diese Unterschriften klammheimlich wieder zurück gezogen werden.

Fischer: Ein anderes Stichwort sind die Bürgerrechte. Wie viel Freiheit sollen die Bürger aus christlicher Sicht haben?

Bischof Hein: So viel Freiheit wie möglich. Martin Luther hat es ja in seiner Programmschrift von der Freiheit eines Christenmenschen so ausgedrückt, dass ein Christenmensch ein freier Herr aller Dinge ist und zugleich, dass er auf der anderen Seite auch ein dienstbarer Knecht aller Dinge ist. Das heißt, die Grenzen der Freiheit sind dort, wo sie gegen das Gebot der Liebe verstoßen oder wo sie dazu führen, dass die Freiheit anderer massiv eingeschränkt wird. Aber man sollte die Grenzen der Freiheit auch nicht zu eng ziehen. Weil wir uns als Evangelische Kirche von unseren Ursprüngen her als eine Freiheitsbewegung verstehen, sollte man dem Gedanken der Freiheit sehr viel zutrauen und nicht vorschnell bereits die Grenzen ziehen.
Das führt manchmal dazu, dass man den Eindruck gewinnt, in der Evangelischen Kirche ist alles nur beliebig. Das ist es nicht. Sondern ich glaube, es ist tatsächlich aus den Ursprüngen, auch der Wiederentdeckung der Bibel heraus, begründet. Kirche der Freiheit ist ein hoch anspruchsvolles Programm.

Fischer: … und eine große Aufgabe. Wie viel Freiheit kann sich die Kirche denn zwischen Sparzwängen auf der einen und der demografischen Entwicklung auf der anderen Seite noch leisten?

Bischof Hein: Wir sind sicher nicht frei, diese Rahmenbedingungen nach unserem Belieben zu verändern. Die werden uns mehr oder weniger vorgegeben. Aber wir haben gegenwärtig die Freiheit, in einer angemessenen Weise so darauf zu reagieren, dass wir das Gesetz des Handelns noch in der eigenen Hand halten. Wer jetzt vorausschauend plant, bewahrt sich für die nächsten Jahre die Freiheit. Wer jetzt glaubt, alles noch beim alten belassen zu können, wird in wenigen Jahren in Zwänge versetzt werden, die ich unserer Kirche nicht wünsche.

Fischer: Herr Bischof, vielen Dank!


radio Interview:

Bischof Martin Hein im Gespräch mit Pfarrer Christian Fischer:

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