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Nachgefragt...

Foto: Prälatin Marita Natt vor der Presse in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Küster) Prälatin Marita Natt vor der Presse in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Küster)
Prälatin Marita Natt stellte sich den Fragen von medio-Redaktionsleiter Pfarrer Christian Fischer am 27.04.2012 in Hofgeismar.

Fischer: Frau Prälatin Natt, Sie sind zuständig für die Pfarrstellen in unserer Landeskirche. Vor welchen Herausforderungen steht die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck im Bezug auf die Pfarrstellen?

Prälatin Natt: Wir müssen zukünftig für weniger Menschen in größeren Wohnbereichen eine verlässliche seelsorgerliche Begleitung sicherstellen. Das ist eine große und  anspruchsvolle Aufgabe.
Zunächst aber ist es eine Herausforderung für mich, dass unsere Pfarrstellen gut besetzt sind mit Theologen und Theologinnen, die ihre Arbeit engagiert, mit Liebe und mit Herzblut tun. In unseren Gemeinden, den Schulen und Einrichtungen erlebe ich  in der Regel eine gut ausgebildete und motivierte Pfarrerschaft. Das soll auch so bleiben! Für unsere Pfarrerinnen und Pfarrer sehe ich die große Herausforderung darin, zukünftig damit leben zu müssen, in größeren Einheiten ihren Dienst zu versehen. Manche spüren sehr deutlich, dass mehr  Kooperation mit den Nachbargemeinden nötig sein wird. Man wird gemeinsam überlegen müssen, wo Stärken, wo Schwächen sind, welche Arbeitsfelder aufgeteilt, wie mehrere Gottesdienste sonntäglich gestaltet werden können. Wir brauchen dazu sicher noch mehr als bisher unsere Prädikantinnen und Prädikanten, die Lektorenschaft. Sehr dankbar sehe ich, wie viele Menschen sich hier ehrenamtlich in unserer Landeskirche engagieren. Ich denke, zukünftig ist noch mehr als bisher unsere Dienstgemeinschaft gefragt

Fischer: Sind die Pfarrerinnen und Pfarrer dazu bereit?

Prälatin Natt: Mehr oder weniger! Ich erlebe ganz Unterschiedliches. Es gibt solche, die bereits wunderbar in einer Region zusammen arbeiten, sich ergänzen und das Miteinander  auch als Bereicherung empfinden. In Gemeinden, in denen es nur kleine Konfirmandengruppen gibt, ist es zum Beispiel für alle Beteiligten ein Gewinn, miteinander den Konfirmandenunterricht zu gestalten, mit 15 oder 25 Konfirmanden statt mit fünf zur Freizeit zu fahren.  Die Arbeit in Gemeindekreisen wird zukünftig nachlassen. Auch da wird es gut sein, sich gegenseitig zu stützen und zu entlasten, die je eigenen Begabungen und Talente für alle einzubringen. Solche Erfahrungen gibt es bereits und sie werden  mir als ausgesprochen positiv geschildert. Ich höre auch, das sich viele Pfarrerinnen und Pfarrer durch gemeinsame Dienstbesprechungen, durch regelmäßigen Austausch  gestärkt fühlen.

Fischer: Wo klappt das leider nicht so gut?

Prälatin Natt: Nun, es gibt immer noch auch die Kollegen und Kolleginnen, die der Ansicht sind: «Selig sind die Beene, die am Alter stehen allene». Sie glauben, man könne am besten allein arbeiten, sie empfinden das Miteinander eher als Konkurrenz. Andere verweigern sich beim Thema Intranet. Dadurch werden sie leider immer weniger informiert und dadurch immer mehr isoliert sein.

Fischer: Und was machen Sie, wenn ein Pfarrer sagt: «Kooperation ist nicht so meine Sache»?

Prälatin Natt: Ich versuche, auf Pfarrkonferenzen dafür zu werben. Aber zunächst sind die Dekane und Dekaninnen gefragt. Als Dienstvorgesetzte  sollen sie die Kollegen und Kolleginnen darin unterstützen, begleiten und ermutigen. Die Vorschläge zur Pfarrstellenanpassung sind ja in den  Kirchenkreises diskutiert worden, Kirchenvorstände und Pfarrerschaft wurden im Vorfeld mit einbezogen. So ist es jedenfalls gewünscht gewesen. Wir setzen dann die Vorschläge, die uns geschickt wurden, um und wundern uns manchmal, dass so böse Reaktionen kommen. Eventuell ist dann auch ein klärendes Gespräch nötig, um den Kollegen deutlich zu machen, warum diese Wege jetzt so gegangen werden müssen.

Fischer: Das war der Blick auf die Pfarrerinnen und Pfarrer und deren Realität. Die andere Seite ist die Realität der Gemeinden. Wie gehen denn die Gemeinden mit der Pfarrstellenanpassung um? Manche Gemeinde muss ja eine viertel, eine halbe Stelle abgeben...

Prälatin Natt: Etwas Gewohntes verändert sich! Das ist verständlicherweise mit Schmerzen verbunden, das bedeutet Trauerarbeit, die verbunden ist mit Nichtwahrhabenwollen und Aggression. Häufig wird auf eine lange Geschichte des Kirchengebäudes, der Gemeinde verwiesen. Da entstehen in den Gemeinden Verlustgefühle, die ich verstehen kann. Hin und wieder gibt es auch verletzende Reaktionen. Bischof und Prälatin bekommen ziemlich heftige Briefe, die zum Teil «unter die Gürtellinie» gehen. Das bedaure ich sehr; denn es schadet uns insgesamt als Kirche, wenn wir so miteinander umgehen. Es gibt aber auch viele Gemeinden, die nach Alternativen suchen. Manchmal setzen wir uns dann noch einmal mit Dekan, Dekanin zusammen und überlegen, ob es eine bessere Lösung geben könnte.

Fischer: Überraschen Sie diese Reaktionen?

Prälatin Natt: Nein! Aber ich gestehe, dass mich dieser Anteil meines Dienstes im Prälatenamt besonders belastet – nicht selten bis in die Träume hinein. Als langjährige Gemeindepfarrerin habe ich Verständnis für die betroffenen Gemeinden. Als Kirchenleitung weiß ich, dass wir nicht so weiter machen können wie bisher. Im vergangenen Jahr haben wir ca. 12.000 Menschen verloren.
Diese Zahl entspricht ungefähr der Zahl der Verstorbenen! Das zeigt, es sind nicht die Austritte, die uns schwächen. Aber wir werden weniger, das ist die unausweichliche Folge des demographischen Wandels. Und wir müssen reagieren.
Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Gemeinden nicht sagen: «Es ist uns egal, was passiert.» Die heftigen Reaktionen zeigen mir, dass unseren Kirchenmitgliedern viel daran liegt, die Kirche im Dorf zu behalten. Und die Kirchenvorstände setzen alles daran, uns zu überzeugen. Das achte ich  hoch! All dies ist ehrenamtliches Engagement. Trotzdem müssen wir mit Blick auf die Zukunft handeln! Am besten gemeinsam!

Fischer: Manche Kirchenvorstände werden erfinderisch und sagen: Wenn da noch Geld fehlt, dann bekommen wir das vielleicht selbst zusammen. Wie stehen Sie denn dazu, Pfarrstellen aus der Gemeinde heraus zu sponsern?

Prälatin Natt: Das soll nicht die Regel werden, aber Ausnahmen von der Regel sind hin und wieder ja ganz belebend. An einer Stelle in unserer Landeskirche, in Wehrda-Rhina, versuchen wir mit dem Patron von Campenhausen und dem Kirchenvorstand darauf zuzugehen, eine viertel Pfarrstelle für die Dauer von fünf Jahren sponsern zu lassen. Das wird durch den Pfarrer vor Ort dokumentiert werden. Wir starten hier einen Versuch.

Fischer: Also ganz neue Elemente der Finanzierung. Ist das der Einstieg in ein neues Finanzierungskonzept für Pfarrstellen?

Prälatin Natt: Nein, das ist es nicht. Hier geht es wirklich darum, dass der Versuch, eine Pfarrstelle zu erhalten, gewürdigt wird. Dem «Einsparen» ein «Aufbauen» entgegen zu stellen war der Wunsch vor Ort. Wir haben uns einmalig darauf eingelassen.

Fischer: Mit den Pfarrstellen stehen auch die Pfarrhäuser in manchen Gemeinden zur Disposition. Wie gehen die Gemeinde damit um?

Prälatin Natt: Kämpferisch. Sie kennen vielleicht das kleine Büchlein: «Im Pfarrhaus brennt noch Licht». Ich stelle fest: In vielen Gemeinden spielt dieses «Licht im Pfarrhaus» eine ganz große Rolle. Sicher gibt es da einen Unterschied zwischen Stadt- und Landgemeinden. In der Stadt wissen viele nicht, wo ihr Pfarrer oder ihre Pfarrerin wohnt. Aber im Dorf weiß man das ganz genau und legt großen Wert darauf, zumal nicht selten viel Eigenarbeit in Pfarrhäuser investiert wurde. Die Gemeinden identifizieren sich mit ihren Pfarrhäusern. Darum ist diese Frage oft auch das Zünglein an der Waage, ob ein Pfarrstellenanpassungsprozess gelingt oder nicht. Viele Gemeinden wollen fusionieren, aber die Frage «Wo wohnt der Pfarrer, wo ist die Pfarrstelle?» bleibt umstritten. Allerdings entstehen auch hin und wieder recht gute alternative Ideen zur Nutzung. So  überlegen manche, Gemeinderäume ins Pfarrhaus zu verlegen oder eine Kindergartengruppe dort zu installieren. Auf alle Fälle soll das Pfarrhaus bleiben. Das ist für mich schon eine sehr interessante und beachtenswerte Erfahrung.

Fischer: Frau Prälatin Natt, zu einem ganz anderen Thema: Sie haben auf der Synode eine neue Trauagende, also eine Gottesdienstordnung für die Trauung, vorgestellt. Was ändert sich denn für Paare zukünftig vor dem Traualtar in Kurhessen-Waldeck?

Prälatin Natt: In der neuen Agende finden sich sehr viel mehr Textvorschläge und Gestaltungsmöglichkeiten zur gottesdienstlichen Feier anlässlich einer Trauung als in der alten, die wir bisher genutzt haben. Damit reagieren wir auf die differenzierten Bedürfnisse und Lebenswirklichkeiten von Paaren heute. Es gibt – um ein Beispiel zu nennen- einen Entwurf, wie Trauung und Taufe in einem Gottesdienst gestaltet werden können.
Es wird eingegangen auf den interkonfessionellen, multireligiösen und pluralen Kontext von Beziehungen. Bewusst ist  kein Vorschlag für die Segnung gleichgeschlechtlicher Menschen, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben, mit aufgenommen. Hier erarbeitet die Liturgische Kammer im Augenblick eine gesonderte Vorlage, um Pfarrerinnen und Pfarrern eine liturgische Grundlage an die Hand zu geben. In den Kreissynoden ist die neue Agende ausführlich diskutiert worden. Geäußerte Änderungswünsche wurden zu großen Teilen eingearbeitet. Die Synode hat einstimmig dem Kirchengesetz zur Einführung zugestimmt. Mit großem Dank an die liturgische Kammer!

Fischer: Wollen Sie mit der neuen Agende auch ein bisschen Lust machen auf die Trauung?
 
Prälatin Natt: Es würde mich riesig freuen, wenn mehr Menschen zum Traualtar gingen! Es herrscht leider bei vielen Paaren der Eindruck, die kirchliche Trauung müsse mit einem großen, teuren Fest verbunden sein. Aber es geht doch um etwas ganz anderes: Gottes Segen für ein Leben zu zweit zu erbitten, vor Gott «Ja» zu einander sagen, zu den Stärken und zu den Schwächen, die jede und jeder von uns hat.
Ich meine, es ist für zwei Menschen eine wunderbare Basis als Gesegnete in ein Leben zu zweit und als Familie zu starten. Mit der neuen Trauagende können wir dazu noch viel attraktiver und zeitgemäßer einladen als bisher! Das hoffen und wünschen wir!

Fischer: Frau Prälatin, vielen Dank für dieses Gespräch.

(27.04.2012)

2012-05-02

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Neue Finanzierungsidee: In Wehrda-Rhina versucht die Landeskirche mit dem Patron von Campenhausen und dem Kirchenvorstand darauf zuzugehen, eine viertel Pfarrstelle für die Dauer von fünf Jahren sponsern zu lassen. Hören Sie hier einen Beitrag zum Thema von medio-Reporter Siegfried Krückeberg:

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