Aktuell: Bischof Martin Hein: Laut und deutlich «Nein!» sagen zu Rassismus und Antisemitismus

Schmalkalden/Kassel/Hanau/Bad Hersfeld (medio). «Wir brauchen die Orte der Erinnerung». Davon zeigte sich Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht überzeugt. Bei einer Gedenkveranstaltung am Ort der zerstörten Synagoge im thüringischen Schmalkalden machte Hein deutlich, dass es kein Schweigen über die Verfolgung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger geben dürfe.

Gerade jetzt werde die lang gehegte Hoffnung, man habe die Lehren der Geschichte verstanden, widerlegt, heißt es in einer Mitteilung der Landeskirche. Hein gestand: «Das schockiert mich.» Noch mehr schockiere ihn, dass der um sich greifende Hass quer durch die Gesellschaft gehe, «dass es eben nicht nur Abgehängte, Desintegrierte, Zurückgelassene sind, die brutal grölen oder subtil hetzen, sondern dass er aus der so genannten Mitte kommt, aus den Reihen derer, die sich für anständig halten». Dies sei kein neuer Rassismus, kein neuer Antisemitismus, vielmehr sei es der alte. Daher dürfe man nicht verstummen, sondern müsse deutlich widersprechen: «Nein! Laut und deutlich: Nein! Wer auch nur zögert, weil es doch um besorgte Bürger gehe, wer auch nur zögert, weil es doch um Wähler gehe, wer auch nur zögert, weil es ja doch vielleicht so schlimm nicht gewesen sein wird – der soll ein Nein! hören, nichts als ein Nein!», so Bischof Hein.

Und wer dann nach Gründen frage, dem zeige man die Orte der Mahnung und Erinnerung wie Auschwitz, Buchenwald, das Holocaust-Denkmal in Berlin, aber auch die lokalen Erinnerungsorte wie den Ort der zerstörten Synagoge in Schmalkalden oder die zahlreichen Stolpersteine in den deutschen Städten. Diese Orte der Erinnerung seien «der Stachel im Fleisch für die einen, der Ort der Trauer und des Erschreckens für die anderen».

Nach Heins Überzeugung sollten die Orte des Erinnerns immer auch Orte der Versöhnung sein, die aber nicht verharmlose, sondern nach Wegen suche, dass es nie wieder geschehe, hier nicht und auch nicht im Rest der Welt. So bleibe der Kampf gegen den alten Hass eine niemals ruhende Aufgabe. Hein schloss mit den Worten: «Und es ist schlimm, dass ich das sagen muss. Und es ist gut, dass ich es sagen darf: hier und heute, aber auch überall und immer, wann immer es gesagt werden muss!»

Hein sprach im Rahmen einer Gedenkveranstaltung, an der auch der Thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow und 15 Nachfahren von Schmalkalder Juden teilnahmen, teilte Dekan Ralf Gebauer vom Evangelischen Kirchenkreis Schmalkalden mit. Im Anschluß gab es eine Gesprächsrunde in der Stadtkirche in Schmalkalden, bei der die Situation der Juden in Israel Thema war und eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft geschlagen wurde, so Gebauer weiter.

2018-11-09 26115

80. Jahrestag der Reichspogromnacht
Bischof Martin Hein: Laut und deutlich «Nein!» sagen zu Rassismus und Antisemitismus

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten die Nationalsozialisten Einrichtungen und Eigentum jüdischer Bürger. Unser Foto zeigt die zerstörte Synagoge in Eschwege. (Foto: Stadtarchiv Eschwege, Foto: Fotoateliers Tellgmann)

Schmalkalden/Kassel/Hanau/Bad Hersfeld (medio). «Wir brauchen die Orte der Erinnerung». Davon zeigte sich Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht überzeugt. Bei einer Gedenkveranstaltung am Ort der zerstörten Synagoge im thüringischen Schmalkalden machte Hein deutlich, dass es kein Schweigen über die Verfolgung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger geben dürfe.

Gerade jetzt werde die lang gehegte Hoffnung, man habe die Lehren der Geschichte verstanden, widerlegt, heißt es in einer Mitteilung der Landeskirche. Hein gestand: «Das schockiert mich.» Noch mehr schockiere ihn, dass der um sich greifende Hass quer durch die Gesellschaft gehe, «dass es eben nicht nur Abgehängte, Desintegrierte, Zurückgelassene sind, die brutal grölen oder subtil hetzen, sondern dass er aus der so genannten Mitte kommt, aus den Reihen derer, die sich für anständig halten». Dies sei kein neuer Rassismus, kein neuer Antisemitismus, vielmehr sei es der alte. Daher dürfe man nicht verstummen, sondern müsse deutlich widersprechen: «Nein! Laut und deutlich: Nein! Wer auch nur zögert, weil es doch um besorgte Bürger gehe, wer auch nur zögert, weil es doch um Wähler gehe, wer auch nur zögert, weil es ja doch vielleicht so schlimm nicht gewesen sein wird – der soll ein Nein! hören, nichts als ein Nein!», so Bischof Hein.

Und wer dann nach Gründen frage, dem zeige man die Orte der Mahnung und Erinnerung wie Auschwitz, Buchenwald, das Holocaust-Denkmal in Berlin, aber auch die lokalen Erinnerungsorte wie den Ort der zerstörten Synagoge in Schmalkalden oder die zahlreichen Stolpersteine in den deutschen Städten. Diese Orte der Erinnerung seien «der Stachel im Fleisch für die einen, der Ort der Trauer und des Erschreckens für die anderen».

Nach Heins Überzeugung sollten die Orte des Erinnerns immer auch Orte der Versöhnung sein, die aber nicht verharmlose, sondern nach Wegen suche, dass es nie wieder geschehe, hier nicht und auch nicht im Rest der Welt. So bleibe der Kampf gegen den alten Hass eine niemals ruhende Aufgabe. Hein schloss mit den Worten: «Und es ist schlimm, dass ich das sagen muss. Und es ist gut, dass ich es sagen darf: hier und heute, aber auch überall und immer, wann immer es gesagt werden muss!»

Hein sprach im Rahmen einer Gedenkveranstaltung, an der auch der Thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow und 15 Nachfahren von Schmalkalder Juden teilnahmen, teilte Dekan Ralf Gebauer vom Evangelischen Kirchenkreis Schmalkalden mit. Im Anschluß gab es eine Gesprächsrunde in der Stadtkirche in Schmalkalden, bei der die Situation der Juden in Israel Thema war und eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft geschlagen wurde, so Gebauer weiter.

Bischof Prof. Dr. Martin Hein bei einer früheren Veranstaltung in Schmalkalden. (Archiv-Foto: Media.tv/Schauderna)

Zahlreiche Gedenkveranstaltungen in der Landeskirche

Zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 fanden in der Landeskirche zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. Die Stadt Kassel, die jüdische Gemeinde und die evangelische und katholische Kirche hatten auf dem alten jüdischen Friedhof bereits am Mittwoch (7.11.) einen Kranz am Denkmal für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus niedergelegt, teilte die Stadt mit. In Kassel fanden die Ausschreitungen bereits zwei Tage vor der eigentlichen Nacht am 9. November statt.

Ebenfalls am Mittwochabend luden die Gemeinde Guxhagen, die evangelische Kirchengemeinde und die Gedenkstätte Breitenau zu einer gemeinsamen Gedenkfeier in die ehemalige Synagoge vor Ort ein. Unter anderem sprach Gunnar Richter, Leiter der Gedenkstätte Breitenau, über das Geschehen während der Reichspogromnacht in Guxhagen. Zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Nacht fand ab 22 Uhr ein ökumenisches Friedensgebet in der Martinskirche in Kassel statt.

Eine über mehrere Tage verteilte Veranstaltungsreihe zum Thema bot die Stadt Hanau an. Start war Mittwoch, der 7. November, mit einem Vortrag von Ival Agidan in der Alten Johanniskirche mit dem Titel «Mod Helmy - Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete». In den folgenden Tagen gab es weitere Vorträge sowie eine Tafelausstellung im Rathaus. Am Freitag (9.11.) gab es zudem eine Gedenkveranstaltung in der Synagoge Klein-Krotzenburg. Den Abschluss bilden am Sonntag mehrere Gedenkgottesdienste in verschiedenen Hanauer Kirchen.

Auch in Bad Hersfeld und Umgebung finden zahlreiche Veranstaltungen statt: Am Donnerstag (8.11.) wurde ab 17 Uhr zu einer ökumenischen Gedenkandacht in die Lullus-Sturmius-Kirche eingeladen, anschließend wurde um 18 Uhr an der Gedenkstätte am Schillerplatz der Ereignisse gedacht. Bereits am Dienstag (6.11.) zeigte das Kinocenter Bad Hersfeld ab 18 Uhr eine digitalisierte Neufassung des Anfang der 1980er Jahre entstanden Filmes «Jetzt - nach so vielen Jahren». Der Film setzt sich mit dem Schicksal der jüdischen Bevölkerung des 15 Kilometer von Bad Hersfeld entfernten Dorfes Rhina auseinander, das bis 1923 mehrheitlich eine jüdische Bevölkerung hatte. Die beiden Filmemacher Pavel Schnabel und Harald Lüders waren anwesend.

Pogromnacht 1938 in Kassel: Ein Zeitzeuge erzählt

Hintergrund: «Reichspogromnacht»

Vorwand für die schrecklichen Taten in der «Reichspogromnacht» war ein Attentat auf einen deutschen Botschaftsmitarbeiter in Paris am 7. November durch den 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan - doch waren die Pogrome schon von langer Hand in der Nazi-Hierarchie geplant. In einer Rede am 9. November 1938 hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels das Signal gegeben, gegen die Juden vorzugehen. In Kassel und anderen Orten in den Regionen Nordhessen und Magdeburg-Anhalt (heute Sachsen-Anhalt) hatte die Gewalt sogar schon am 7. November begonnen. (08.11.2018)


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