Aktuell: Interview zur Herbsttagung der Landessynode mit Vizepräsident Volker Knöppel

Vizepräsident Dr. Volker Knöppel stellte sich den Fragen von medio-Radioredakteur Torsten Scheuermann am 23.11.2018 in Kassel.

Scheuermann: 2018 wurde das Wirtschaftswachstum zwar etwas nach unten korrigiert, trotzdem herrscht noch ein Aufschwung in Deutschland und damit ein steigendes Steueraufkommen. Wie ist die Entwicklung in Kurhessen-Waldeck?

Vizepräsident Dr. Knöppel: Wir profitieren im Moment tatsächlich von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik. Davon, dass der Export boomt, davon, dass viele Menschen in Lohn und Brot stehen und wir eine geringe Arbeitslosenquote haben und viele von denen, die in Beschäftigungsverhältnissen sind, auch so gut verdienen, dass dann auch Kirchensteuer erhoben wird.
Wir haben einschließlich des Monats Oktober 2018 jetzt ein Plus von etwa 5 Prozent gegenüber den Kirchensteuereinnahmen des gleichen Vorjahreszeitraums. Das ist eine recht erfreuliche Entwicklung.

Scheuermann: Sie haben ganz aktuell erste Ergebnisse einer EKD-Studie über die zukünftige Entwicklung des Steueraufkommens erhalten. Welche wichtigen Erkenntnisse ziehen Sie da für die EKKW?

Knöppel: Diese Studie zeigt uns, dass die Kirchensteuereinnahmen, die wir haben, nicht nur auf der guten wirtschaftlichen Lage beruhen, sondern vor allem auch darauf, dass viele Menschen, die zu den Babyboomer Jahrgängen gehören, gut verdienen und in einem hohen Grade kirchlich gebunden sind und einen hohen Anteil des Kirchensteueraufkommens ausmachen. Wir wissen deshalb aber auch, dass diese Menschen in zehn bis spätestens 15 Jahren aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und das wird gravierende Folgen für die Einnahmesituation unserer Landeskirche haben.

Scheuermann: Welche besonderen Ergebnisse nehmen Sie noch aus der Studie?

Knöppel: Zwei Ergebnisse sind bemerkenswert. Einmal können wir aufgrund der Studie feststellen, dass 10% unserer Gemeindeglieder ein zu versteuerndes Einkommen von 30.000 Euro und mehr haben. Und dieser Personenkreis bringt etwa zwei Drittel des Kirchensteueraufkommens unserer gesamten Landeskirche auf. Das ist eine bemerkenswerte Feststellung, deshalb auch ein ganz großer Dank an diese Menschen, dass sie das tun und Mitglied der Kirche sind. Und eine zweite Beobachtung ist etwas bedauerlicher, das betrifft nämlich das Austrittsverhalten unserer Gemeindeglieder. Wir sehen, es gibt neben dem Durchschnitt bei langjähriger Betrachtung doch zwei Lebensalter, in denen man gehäuft austritt. Das sind einmal die 26-Jährigen und einmal die 48-Jährigen. Und das können wir auch nochmal genauer analysieren, bei den 26-Jährigen sind es vornehmlich die jungen Männer und bei den 48-Jährigen überwiegt das Austrittsverhalten der Frauen.

Scheuermann: Und welche Gründe gibt es für dieses Austrittsverhalten?

Knöppel: Das ist ja erst mal nur die statistische Betrachtung. Wenn man es aber interpretiert, sieht man: Bei den jungen Männern hat es wohl etwas mit der Familiengründungsphase und mit dem Einstieg in das berufliche Leben zu tun. Bei dem Austrittsverhalten der etwa 48-jährigen Frauen könnte es damit zu tun haben, dass die Kinder aus dem Haushalt gehen, das Kindergeld entfällt, der Kinderfreibetrag entfällt und beim Eintritt in das Erwerbsleben oder bei der Erhöhung des Stundenumfangs einer Tätigkeit dann natürlich die Steuerklasse 5 ganz entscheidend zugreift.

Scheuermann: Und wie wollen Sie diesem Phänomen begegnen?

Knöppel: Zunächst einmal war das ein Zwischenbericht, wir müssen den Abschlussbericht im Frühsommer des nächsten Jahres abwarten. Ich glaube aber, an dieser Erkenntnis wird sich nichts mehr ändern, sondern sich eher bestätigen. Wir sind jetzt genauer in der Lage zu analysieren, welcher Personenkreis ist das, der uns verlässt. Wir müssen davon ausgehen, wer die Kirche verlässt, hat auch einen längeren Entfremdungsprozess schon hinter sich gebracht. Ich denke, es ist ganz wichtig zu schauen, in welcher Lebenssituation befinden sich diese Menschen. Denen müssen wir uns in der Zukunft in einer besonderen Weise zuwenden. Und wir müssen uns vielleicht auch mit der Frage beschäftigen, was haben eigentlich unsere Gemeindeglieder davon, dass sie in der Kirche sind. Also, welchen Benefit haben sie, das ist eine neue, andere Betrachtungsweise. Wir müssen auf die Menschen zugehen und sie in ihrer Lebenssituation abholen und ansprechen.

Scheuermann: Vielen Dank für das Gespräch!

(29.11.2018)

2018-11-29 26358

Nachgefragt...
Interview zur Herbsttagung der Landessynode mit Vizepräsident Volker Knöppel

(Foto: medio.tv/Schauderna)

Vizepräsident Dr. Volker Knöppel stellte sich den Fragen von medio-Radioredakteur Torsten Scheuermann am 23.11.2018 in Kassel.

Scheuermann: 2018 wurde das Wirtschaftswachstum zwar etwas nach unten korrigiert, trotzdem herrscht noch ein Aufschwung in Deutschland und damit ein steigendes Steueraufkommen. Wie ist die Entwicklung in Kurhessen-Waldeck?

Vizepräsident Dr. Knöppel: Wir profitieren im Moment tatsächlich von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik. Davon, dass der Export boomt, davon, dass viele Menschen in Lohn und Brot stehen und wir eine geringe Arbeitslosenquote haben und viele von denen, die in Beschäftigungsverhältnissen sind, auch so gut verdienen, dass dann auch Kirchensteuer erhoben wird.
Wir haben einschließlich des Monats Oktober 2018 jetzt ein Plus von etwa 5 Prozent gegenüber den Kirchensteuereinnahmen des gleichen Vorjahreszeitraums. Das ist eine recht erfreuliche Entwicklung.

Scheuermann: Sie haben ganz aktuell erste Ergebnisse einer EKD-Studie über die zukünftige Entwicklung des Steueraufkommens erhalten. Welche wichtigen Erkenntnisse ziehen Sie da für die EKKW?

Knöppel: Diese Studie zeigt uns, dass die Kirchensteuereinnahmen, die wir haben, nicht nur auf der guten wirtschaftlichen Lage beruhen, sondern vor allem auch darauf, dass viele Menschen, die zu den Babyboomer Jahrgängen gehören, gut verdienen und in einem hohen Grade kirchlich gebunden sind und einen hohen Anteil des Kirchensteueraufkommens ausmachen. Wir wissen deshalb aber auch, dass diese Menschen in zehn bis spätestens 15 Jahren aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und das wird gravierende Folgen für die Einnahmesituation unserer Landeskirche haben.

Scheuermann: Welche besonderen Ergebnisse nehmen Sie noch aus der Studie?

Knöppel: Zwei Ergebnisse sind bemerkenswert. Einmal können wir aufgrund der Studie feststellen, dass 10% unserer Gemeindeglieder ein zu versteuerndes Einkommen von 30.000 Euro und mehr haben. Und dieser Personenkreis bringt etwa zwei Drittel des Kirchensteueraufkommens unserer gesamten Landeskirche auf. Das ist eine bemerkenswerte Feststellung, deshalb auch ein ganz großer Dank an diese Menschen, dass sie das tun und Mitglied der Kirche sind. Und eine zweite Beobachtung ist etwas bedauerlicher, das betrifft nämlich das Austrittsverhalten unserer Gemeindeglieder. Wir sehen, es gibt neben dem Durchschnitt bei langjähriger Betrachtung doch zwei Lebensalter, in denen man gehäuft austritt. Das sind einmal die 26-Jährigen und einmal die 48-Jährigen. Und das können wir auch nochmal genauer analysieren, bei den 26-Jährigen sind es vornehmlich die jungen Männer und bei den 48-Jährigen überwiegt das Austrittsverhalten der Frauen.

Scheuermann: Und welche Gründe gibt es für dieses Austrittsverhalten?

Knöppel: Das ist ja erst mal nur die statistische Betrachtung. Wenn man es aber interpretiert, sieht man: Bei den jungen Männern hat es wohl etwas mit der Familiengründungsphase und mit dem Einstieg in das berufliche Leben zu tun. Bei dem Austrittsverhalten der etwa 48-jährigen Frauen könnte es damit zu tun haben, dass die Kinder aus dem Haushalt gehen, das Kindergeld entfällt, der Kinderfreibetrag entfällt und beim Eintritt in das Erwerbsleben oder bei der Erhöhung des Stundenumfangs einer Tätigkeit dann natürlich die Steuerklasse 5 ganz entscheidend zugreift.

Scheuermann: Und wie wollen Sie diesem Phänomen begegnen?

Knöppel: Zunächst einmal war das ein Zwischenbericht, wir müssen den Abschlussbericht im Frühsommer des nächsten Jahres abwarten. Ich glaube aber, an dieser Erkenntnis wird sich nichts mehr ändern, sondern sich eher bestätigen. Wir sind jetzt genauer in der Lage zu analysieren, welcher Personenkreis ist das, der uns verlässt. Wir müssen davon ausgehen, wer die Kirche verlässt, hat auch einen längeren Entfremdungsprozess schon hinter sich gebracht. Ich denke, es ist ganz wichtig zu schauen, in welcher Lebenssituation befinden sich diese Menschen. Denen müssen wir uns in der Zukunft in einer besonderen Weise zuwenden. Und wir müssen uns vielleicht auch mit der Frage beschäftigen, was haben eigentlich unsere Gemeindeglieder davon, dass sie in der Kirche sind. Also, welchen Benefit haben sie, das ist eine neue, andere Betrachtungsweise. Wir müssen auf die Menschen zugehen und sie in ihrer Lebenssituation abholen und ansprechen.

Scheuermann: Vielen Dank für das Gespräch!

(29.11.2018)


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