Aktuell: Interview zur Frühjahrstagung 2019 der Landessynode mit Bischof Prof. Dr. Martin Hein

Bischof Hein stellte sich den Fragen von Pfarrer Christian Fischer, Leiter des Medienhauses der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, 2. Mai 2019 in Kassel.

Fischer: Herr Bischof, das ist Ihre letzte Synode als Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Wie fühlt sich das an, Herr Bischof?

Bischof Hein: Ich kann nicht leugnen, dass mich das in einer gewissen Hinsicht sentimental stimmt. Nimmt man die Sondersynode hinzu, habe ich an rund 40 Synodaltagungen vorne auf meinem Platz teilgenommen. Das bestimmt dann schon das eigene Gefühl. Ich werde am Samstag zum Abschluss der Synode mit den Synodalen einen Abendmahlsgottesdienst feiern. Dann ist mir ganz deutlich bewusst, jetzt ist es vorbei. Jetzt haben andere die Aufgabe, die Kirche verantwortlich zu leiten. Abschied hat immer etwas Melancholisches.

Fischer: Werfen wir einen Blick zurück. Was haben Sie an den synodalen Beratungen geschätzt?

Bischof Hein: Die hohe Konzentration auf die Sachfragen. Wir haben viel weniger Polarisierungen in den Sachfragen und auch keine Fraktionsbildungen. Das habe ich in der EKD-Synode oft als lähmend erlebt. Da gab es im Vorfeld je nach kirchenpolitischer Ausrichtung Absprachen, so dass dann hinterher die Ergebnisse nicht überraschend waren. Hier in Kurhessen-Waldeck gibt es solche Fraktionen wie «Offene Kirche», «Lebendige Gemeinde» oder wie immer man sie nennt, nicht. Ich hatte den Eindruck, hier wird nach dem Verlauf der Diskussion entschieden, unabhängig davon, wie man sich vorher selbst positioniert. Und das fand ich  ausgesprochen hilfreich. Die einzige Frage, die immer Bedeutung hatte, war die Berücksichtigung der verschiedenen Regionen. Nordhessen, der Raum Kassel, ist eben doch anders als Oberhessen mit Marburg. Und der Bereich des Rhein-Main-Gebietes mit dem Schwerpunkt Hanau tickt nochmal anders. So kommen Stimmen aus den verschiedenen Regionen zusammen. Die Synode dient auch dazu, diese Unterschiedlichkeiten wahrzunehmen.

Fischer: Gibt es zurückblickend eine Diskussion, die Sie als Highlight erlebten? Bei der Sie sagen, das war eine Sternstunde der Synode der EKKW in Ihrer Amtszeit?

Bischof Hein: Im Jahr 2015 haben wir auf einer Synodaltagung den Maßnahmenkatalog verabschiedet, der sich mit den Perspektiven unserer Landeskirche bis zum Jahr 2026 befasst. Wir haben dort eine ganze Fülle von Entscheidungen getroffen, die wir möglicherweise in ihrer Auswirkung aufs Ganze gar nicht einschätzen konnten, die aber ungemein wichtig waren und die wir seither konstant und mit Augenmaß zu erfüllen suchen. Dass es der Synode ohne tiefgreifende Dissonanzen gelungen ist, sich für diesen Maßnahmenkatalog zu entscheiden, um so unsere Kirche auf Zukunft hin stabil aufzustellen, das fand ich schon ausgesprochen beeindruckend. Es war auch hilfreich, weil wir als Kirchenleitung die beschlossenen Maßnahmen umsetzen mussten und weiterhin müssen, uns dabei aber immer wieder auf das Mandat der Synode berufen können. Das sind also keine Entscheidungen, die am grünen Tisch getroffen wurden, sondern das sind Entscheidungen, die durch einen langen Prozess gemeinsamer Verständigung erfolgt sind.

Fischer: Haben Sie sich auch manchmal geärgert bei den synodalen Beratungen?

Bischof Hein: Man sagt mir ja nach, dass ich auf Dinge, die mir nicht gefallen, mit einem entsprechenden Gesichtsausdruck reagiere. Insofern wäre es ganz angemessen, einmal andere zu fragen, wie oft ich da mit den Augenbrauen gezuckt habe oder den Mundwinkel nach unten gezogen habe. Insgesamt gesehen bin ich jemand, der ganz gerne zügig arbeitet und zu Beschlüssen kommt, die dann tragfähig sind. Eine Synode braucht Zeit. Das ist so. Manchmal dachte ich mir, es hätte schneller gehen können. Aber Zeit ist eben die Voraussetzung dafür, den über 90 Synodalen die Gelegenheit zu geben, ihre Sicht der Dinge beizutragen. Und da gibt es dann eben auch mal eine Redeliste von über 20 Meldungen, bei der der Eindruck entsteht, nach der achten Meldung sei eigentlich schon alles gesagt worden.
Aber es wäre unfair und es gehört sich auch nicht, diejenigen nicht mehr zu Wort kommen zu lassen, die nur in etwa das wiederholen, was jemand vor ihnen bereits gesagt hat. Das ist dann manchmal etwas ermüdend. Es tritt aber nicht so oft ein, dass ich jetzt sagen müsste, die Synodalverhandlungen wären Geduldsproben für mich. Mitnichten! Ich finde es eher spannend zu erleben, dass es bei bestimmten Fragen, bei denen ich persönlich meine, die Antwort müsste doch überzeugen, noch ganz andere Sichtweisen gibt. Das macht eben das evangelische Kirchenprofil aus.

Fischer: Was ist für Sie das ganz Einzigartige an der Synode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck?

Bischof Hein: Wir sind etwas Besonderes im Blick auf den Versuch, zu tragfähigen Entscheidungen zu kommen, die im Konsens getroffen werden. Die meisten Abstimmungen, die in der Synode stattfinden, erfolgen unisono. Es gibt nur wenige Positionen, bei denen es einmal wenige Gegenstimmen gibt, und ganz selten habe ich erlebt, dass es zu Kampfabstimmungen kam. Die kurhessische Synode, wie auch die kurhessische Kirche, ist eine auf dem Konsens aufgebaute Kirche, und das halte ich für ein ausgesprochen tragfähiges und zukunftsweisendes Konzept.

Fischer: Herr Bischof, kommen wir zur letzten Frage. Es steht eine Synode bevor, bei der Ihre Nachfolge im Bischofsamt entschieden werden soll. Was wünschen Sie der Synode jetzt für die bevorstehende Wahl Ihrer Nachfolgerin am 9. Mai?

Bischof Hein: Dass es nicht allzu lange dauert, bis es zu einer Entscheidung kommt. Quälend wäre eine Fülle von Wahlgängen, die im Übrigen auch die beiden Kandidatinnen beschädigen würde. Ich will mich inhaltlich gar nicht äußern, aber ich hoffe, dass die Entscheidung dann deutlich für eine der beiden ausfällt.

Fischer: Herr Bischof, vielen Dank für dieses Interview heute und für die vielen weiteren Interviews im Rahmen der Synode der letzten Jahre!

(07.05.2019)

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Nachgefragt...
Interview zur Frühjahrstagung 2019 der Landessynode mit Bischof Prof. Dr. Martin Hein

(Foto: medio.tv/Schauderna)

Bischof Hein stellte sich den Fragen von Pfarrer Christian Fischer, Leiter des Medienhauses der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, 2. Mai 2019 in Kassel.

Fischer: Herr Bischof, das ist Ihre letzte Synode als Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Wie fühlt sich das an, Herr Bischof?

Bischof Hein: Ich kann nicht leugnen, dass mich das in einer gewissen Hinsicht sentimental stimmt. Nimmt man die Sondersynode hinzu, habe ich an rund 40 Synodaltagungen vorne auf meinem Platz teilgenommen. Das bestimmt dann schon das eigene Gefühl. Ich werde am Samstag zum Abschluss der Synode mit den Synodalen einen Abendmahlsgottesdienst feiern. Dann ist mir ganz deutlich bewusst, jetzt ist es vorbei. Jetzt haben andere die Aufgabe, die Kirche verantwortlich zu leiten. Abschied hat immer etwas Melancholisches.

Fischer: Werfen wir einen Blick zurück. Was haben Sie an den synodalen Beratungen geschätzt?

Bischof Hein: Die hohe Konzentration auf die Sachfragen. Wir haben viel weniger Polarisierungen in den Sachfragen und auch keine Fraktionsbildungen. Das habe ich in der EKD-Synode oft als lähmend erlebt. Da gab es im Vorfeld je nach kirchenpolitischer Ausrichtung Absprachen, so dass dann hinterher die Ergebnisse nicht überraschend waren. Hier in Kurhessen-Waldeck gibt es solche Fraktionen wie «Offene Kirche», «Lebendige Gemeinde» oder wie immer man sie nennt, nicht. Ich hatte den Eindruck, hier wird nach dem Verlauf der Diskussion entschieden, unabhängig davon, wie man sich vorher selbst positioniert. Und das fand ich  ausgesprochen hilfreich. Die einzige Frage, die immer Bedeutung hatte, war die Berücksichtigung der verschiedenen Regionen. Nordhessen, der Raum Kassel, ist eben doch anders als Oberhessen mit Marburg. Und der Bereich des Rhein-Main-Gebietes mit dem Schwerpunkt Hanau tickt nochmal anders. So kommen Stimmen aus den verschiedenen Regionen zusammen. Die Synode dient auch dazu, diese Unterschiedlichkeiten wahrzunehmen.

Fischer: Gibt es zurückblickend eine Diskussion, die Sie als Highlight erlebten? Bei der Sie sagen, das war eine Sternstunde der Synode der EKKW in Ihrer Amtszeit?

Bischof Hein: Im Jahr 2015 haben wir auf einer Synodaltagung den Maßnahmenkatalog verabschiedet, der sich mit den Perspektiven unserer Landeskirche bis zum Jahr 2026 befasst. Wir haben dort eine ganze Fülle von Entscheidungen getroffen, die wir möglicherweise in ihrer Auswirkung aufs Ganze gar nicht einschätzen konnten, die aber ungemein wichtig waren und die wir seither konstant und mit Augenmaß zu erfüllen suchen. Dass es der Synode ohne tiefgreifende Dissonanzen gelungen ist, sich für diesen Maßnahmenkatalog zu entscheiden, um so unsere Kirche auf Zukunft hin stabil aufzustellen, das fand ich schon ausgesprochen beeindruckend. Es war auch hilfreich, weil wir als Kirchenleitung die beschlossenen Maßnahmen umsetzen mussten und weiterhin müssen, uns dabei aber immer wieder auf das Mandat der Synode berufen können. Das sind also keine Entscheidungen, die am grünen Tisch getroffen wurden, sondern das sind Entscheidungen, die durch einen langen Prozess gemeinsamer Verständigung erfolgt sind.

Fischer: Haben Sie sich auch manchmal geärgert bei den synodalen Beratungen?

Bischof Hein: Man sagt mir ja nach, dass ich auf Dinge, die mir nicht gefallen, mit einem entsprechenden Gesichtsausdruck reagiere. Insofern wäre es ganz angemessen, einmal andere zu fragen, wie oft ich da mit den Augenbrauen gezuckt habe oder den Mundwinkel nach unten gezogen habe. Insgesamt gesehen bin ich jemand, der ganz gerne zügig arbeitet und zu Beschlüssen kommt, die dann tragfähig sind. Eine Synode braucht Zeit. Das ist so. Manchmal dachte ich mir, es hätte schneller gehen können. Aber Zeit ist eben die Voraussetzung dafür, den über 90 Synodalen die Gelegenheit zu geben, ihre Sicht der Dinge beizutragen. Und da gibt es dann eben auch mal eine Redeliste von über 20 Meldungen, bei der der Eindruck entsteht, nach der achten Meldung sei eigentlich schon alles gesagt worden.
Aber es wäre unfair und es gehört sich auch nicht, diejenigen nicht mehr zu Wort kommen zu lassen, die nur in etwa das wiederholen, was jemand vor ihnen bereits gesagt hat. Das ist dann manchmal etwas ermüdend. Es tritt aber nicht so oft ein, dass ich jetzt sagen müsste, die Synodalverhandlungen wären Geduldsproben für mich. Mitnichten! Ich finde es eher spannend zu erleben, dass es bei bestimmten Fragen, bei denen ich persönlich meine, die Antwort müsste doch überzeugen, noch ganz andere Sichtweisen gibt. Das macht eben das evangelische Kirchenprofil aus.

Fischer: Was ist für Sie das ganz Einzigartige an der Synode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck?

Bischof Hein: Wir sind etwas Besonderes im Blick auf den Versuch, zu tragfähigen Entscheidungen zu kommen, die im Konsens getroffen werden. Die meisten Abstimmungen, die in der Synode stattfinden, erfolgen unisono. Es gibt nur wenige Positionen, bei denen es einmal wenige Gegenstimmen gibt, und ganz selten habe ich erlebt, dass es zu Kampfabstimmungen kam. Die kurhessische Synode, wie auch die kurhessische Kirche, ist eine auf dem Konsens aufgebaute Kirche, und das halte ich für ein ausgesprochen tragfähiges und zukunftsweisendes Konzept.

Fischer: Herr Bischof, kommen wir zur letzten Frage. Es steht eine Synode bevor, bei der Ihre Nachfolge im Bischofsamt entschieden werden soll. Was wünschen Sie der Synode jetzt für die bevorstehende Wahl Ihrer Nachfolgerin am 9. Mai?

Bischof Hein: Dass es nicht allzu lange dauert, bis es zu einer Entscheidung kommt. Quälend wäre eine Fülle von Wahlgängen, die im Übrigen auch die beiden Kandidatinnen beschädigen würde. Ich will mich inhaltlich gar nicht äußern, aber ich hoffe, dass die Entscheidung dann deutlich für eine der beiden ausfällt.

Fischer: Herr Bischof, vielen Dank für dieses Interview heute und für die vielen weiteren Interviews im Rahmen der Synode der letzten Jahre!

(07.05.2019)


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