Aktuell: Wie sehen Sie die Kirche?

«Selbst mir fehlen die Argumente.» Das schreibt eine Frau, die sich selbst als «engagierte Christin» beschreibt. Argumente, mit denen sie anderen Menschen erklären kann, warum es gut und richtig ist, Mitglied der evangelischen Kirche zu sein.

Zehn gute Argumente will die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ihren Mitgliedern an die Hand geben, Arbeitsgruppen arbeiten derzeit daran. Zehn Gründe für die Kirche sollen aber auch für Menschen formuliert werden, die eher skeptische Mitglieder sind oder der Kirche den Rücken gekehrt haben. In dieser Arbeitsgruppe bin ich, Redakteur im Medienhaus der Landeskirche, gelandet.

Für Journalisten steht immer die Recherche am Beginn. Die Frage: Was bewegt diese Menschen, die wir erreichen wollen, wie sehen sie die Kirche, was vermissen sie? Sich im inneren Kirchenzirkel – in der Filterblase, wie man heute sagt – zehn Gründe auszudenken, die schön klingen, mag leicht sein. Aber wir wollen uns ja nicht selbst überzeugen.

Also startete ich eine kleine Recherche jenseits der Filterblase mit einer E-Mail an Freunde, Bekannte, frühere Kollegen. Das ist keineswegs repräsentativ, vielmehr ähneln sich die Angefragten in ihrem Bildungshintergrund (Abitur, Studium) und im Alter (40 bis 55 Jahre). Doch es gibt auch wichtige Unterschiede, es sind engagierte Christinnen und aktive Gemeindeglieder ebenso dabei wie eher Distanzierte und solche, die ausgetreten sind. Sie sind verheiratet, geschieden, teils mit, teils ohne Kinder.

Keine wissenschaftliche Untersuchung, aber die Antworten mögen ein paar Anhaltspunkte geben, aus denen wir lernen können – und sollten. Sechs Fragen hatte ich formuliert:

Wie nehmen Sie die EKKW bzw. die Ortsgemeinde wahr?

Die Landeskirche als solche spielt in der Wahrnehmung der Befragten keine Rolle, sondern allenfalls die Gemeinde vor Ort. Allerdings: «Die Akquise funktioniert nicht», schreibt eine und erzählt von ihrem Mann, der neu zugezogen ist: «Niemand hat ihn angeschrieben, besucht oder sonst wie willkommen geheißen. Das ist eine verpasste Chance.» 

Das Problem: Die Gemeinden werden oft (zur Erinnerung: nicht repräsentativ, keine große Stichprobe) als «eingeschworener Haufen» wahrgenommen, nicht als Anlaufstelle. Die Pfarrer/in, so schreibt eine, sei «für mich nicht nahbar und offen genug». Einer hörte zum ersten Mal konkret von seiner Gemeinde, als er austrat: «Da kam ein Brief, dass man gern noch einmal mit mir ins Gespräch kommen möchte.»

Zugleich nimmt er es als positiv wahr, wenn sich Kirchenvertreter – etwa Dekane – in Interviews äußern. «Die Rolle einer moralischen Instanz füllt sie (die Kirche) gut aus.»

Was bietet die Kirche, was andere nicht bieten (können)?

Ganz wichtig und mehrfach genannt, ist die Begleitung an Wendepunkten im Leben: Konfirmation, Eheschließung, Todesfälle. «Wie unendlich trostlos wäre die Zeit der Trauer ohne Beistand durch vertraute Pfarrer?», schreibt eine. Sie selbst habe seinerzeit nur standesamtlich geheiratet, heute wäre es ihr wichtig «mein Ja nicht nur vor einem Schreibtisch, sondern auch vor einem Altar zu sagen». Kirche als Ankerplatz, als Trostspender und Ort der Stille – damit können sich die meisten anfreunden.

Auch das ehemalige Mitglied erinnert sich positiv an die «tröstenden Worte» des Pfarrers bei der Beerdigung seiner Eltern, wendet aber ein, Ähnliches könnten (nicht-kirchliche) Trauerredner auch leisten. Er hat auch Negativbeispiele erlebt, als Pfarrer bei Beerdigungen und Trauungen «kein einziges Wort über die Toten und Liebenden sprach», sondern nur Bibelzitate vortrugen.

Was ärgert Sie an der Kirche?

Hier wird die «Hochschwelligkeit» genannt, Gottesdienste seien zu schwer verständlich. «Wenn man sich vorstellt, wie Amerikaner das angehen würden: Die würden zu einem Gottesdienst ‚for Dummies‘ einladen. Das genauso ankündigen und in der Kirche dann mit Beamer einen genauen Ablaufplan an die Wand projizieren.» (Der Titel «for dummies» bezieht sich auf eine, inzwischen auch auf Deutsch erhältliche Buchreihe, die Sachverhalte leicht verständlich und wenig Vorwissen voraussetzt. Das englische Wort «dummies» ist dabei nicht als «Dummkopf» gemeint.)

Die Kirche müsse viel bodennäher werden, schreibt sie weiter, aber: «Anbiedernde Jugendgottesdienste sind hier ausdrücklich nicht gemeint.»

Wenn sie mal einen Gottesdienst besuche, fühle sie sich beobachtet; auch in der Gemeinde, der sie sich verbunden fühlt. Sie habe den Eindruck, andere registrierten und bewerteten, wie oft sie zum Gottesdienst komme.

Spiritualität, sei ein großes Bedürfnis, das viel ernster genommen werden müsse. Doch die Kirche nutze dieses Potenzial nicht ausreichend, sondern schaue eher „hochnäsig auf die anderen kulturellen Traditionen». Meditative Gottesdienste, spirituelle Abende, da sei mehr möglich, aber nah an den Menschen: «Nicht gleich wieder ein zehnstündiger Mediationskurs oder eine fünfteilige Bildbetrachtung.» Eine zweite Stimme pflichtet bei: Die Kirche müsse mit ihren Pfunden stärker wuchern, denn das Bedürfnis nach Spiritualität sei da: «Aber die Kirche lässt die Leute zum Yoga rennen – obwohl sie jahrtausendealte Erfahrungen und Antwort auf viele Fragen des Lebens hat.»

Wo müsste sich die Kirche stärker engagieren? Wo vermissen Sie ihre Stimme?

Die Kirche solle sich politisch einmischen, da sind sich die Befragten weitgehend einig. Für Umweltschutz, für Toleranz und für Geflüchtete. «Vielleicht würde der Wutbürger von seinem Zorn runter kommen, wenn er öfter hören würde, dass es ihm gut geht und Gott es super mit ihm gemeint hat, als er in Deutschland (welchem Teil auch immer) geboren wurde und nicht in Syrien.» Ganz generell schreibt eine andere. «Kirche muss außerhalb des Kirchentages laut sein – und präsent in der Welt der Menschen.»

Wichtig seien Persönlichkeiten, die für die Kirche stehen – Margot Käßmann wird zweimal genannt. «Wir brauchen heute auch Sprecher, Mutmacher, Ansager»

Was spricht aus Ihrer Sicht für bzw. gegen eine Mitgliedschaft?

Die Kirche, schreibt das ehemalige Mitglied, könne «sicherlich ein guter Raum sein für Leute, die Orientierung, Austausch und gerade in einer Großstadt eine Gemeinschaft suchen». Seine These laute aber, dass das auch in einem Sportverein, einer Partei oder der Peer-Group zu finden sei. Eine andere lobt nicht nur die «Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft», sondern auch die Gottesdienste: «Die Chance auf eine Stunde Stillsitzen, Inspiration, Denk-Impulse und oft auch noch wunderbare Musik dazu.» (17.06.2019)

2019-06-17 28585

Wie sehen Sie die Kirche?

Eine Recherche jenseits der Filterblase

Autorenbeitrag
Unser Foto zeigt Auschnitte aus dem nebenstehenden Flyer des Bildungsdezernats der Landeskirche zum Thema.
Olaf Dellit, Redakteur im Medienhaus der EKKW, hat sich im Auftrag der Arbeitsgruppe „Zehn gute Gründe“ auf eine spannende Recherchereise begeben. Lesen Sie hier seine Erfahrungen und Eindrücke.
Portrait Autor/in

«Selbst mir fehlen die Argumente.» Das schreibt eine Frau, die sich selbst als «engagierte Christin» beschreibt. Argumente, mit denen sie anderen Menschen erklären kann, warum es gut und richtig ist, Mitglied der evangelischen Kirche zu sein.

Zehn gute Argumente will die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ihren Mitgliedern an die Hand geben, Arbeitsgruppen arbeiten derzeit daran. Zehn Gründe für die Kirche sollen aber auch für Menschen formuliert werden, die eher skeptische Mitglieder sind oder der Kirche den Rücken gekehrt haben. In dieser Arbeitsgruppe bin ich, Redakteur im Medienhaus der Landeskirche, gelandet.

Für Journalisten steht immer die Recherche am Beginn. Die Frage: Was bewegt diese Menschen, die wir erreichen wollen, wie sehen sie die Kirche, was vermissen sie? Sich im inneren Kirchenzirkel – in der Filterblase, wie man heute sagt – zehn Gründe auszudenken, die schön klingen, mag leicht sein. Aber wir wollen uns ja nicht selbst überzeugen.

Also startete ich eine kleine Recherche jenseits der Filterblase mit einer E-Mail an Freunde, Bekannte, frühere Kollegen. Das ist keineswegs repräsentativ, vielmehr ähneln sich die Angefragten in ihrem Bildungshintergrund (Abitur, Studium) und im Alter (40 bis 55 Jahre). Doch es gibt auch wichtige Unterschiede, es sind engagierte Christinnen und aktive Gemeindeglieder ebenso dabei wie eher Distanzierte und solche, die ausgetreten sind. Sie sind verheiratet, geschieden, teils mit, teils ohne Kinder.

Keine wissenschaftliche Untersuchung, aber die Antworten mögen ein paar Anhaltspunkte geben, aus denen wir lernen können – und sollten. Sechs Fragen hatte ich formuliert:

Wie nehmen Sie die EKKW bzw. die Ortsgemeinde wahr?

Die Landeskirche als solche spielt in der Wahrnehmung der Befragten keine Rolle, sondern allenfalls die Gemeinde vor Ort. Allerdings: «Die Akquise funktioniert nicht», schreibt eine und erzählt von ihrem Mann, der neu zugezogen ist: «Niemand hat ihn angeschrieben, besucht oder sonst wie willkommen geheißen. Das ist eine verpasste Chance.» 

Das Problem: Die Gemeinden werden oft (zur Erinnerung: nicht repräsentativ, keine große Stichprobe) als «eingeschworener Haufen» wahrgenommen, nicht als Anlaufstelle. Die Pfarrer/in, so schreibt eine, sei «für mich nicht nahbar und offen genug». Einer hörte zum ersten Mal konkret von seiner Gemeinde, als er austrat: «Da kam ein Brief, dass man gern noch einmal mit mir ins Gespräch kommen möchte.»

Zugleich nimmt er es als positiv wahr, wenn sich Kirchenvertreter – etwa Dekane – in Interviews äußern. «Die Rolle einer moralischen Instanz füllt sie (die Kirche) gut aus.»

Was bietet die Kirche, was andere nicht bieten (können)?

Ganz wichtig und mehrfach genannt, ist die Begleitung an Wendepunkten im Leben: Konfirmation, Eheschließung, Todesfälle. «Wie unendlich trostlos wäre die Zeit der Trauer ohne Beistand durch vertraute Pfarrer?», schreibt eine. Sie selbst habe seinerzeit nur standesamtlich geheiratet, heute wäre es ihr wichtig «mein Ja nicht nur vor einem Schreibtisch, sondern auch vor einem Altar zu sagen». Kirche als Ankerplatz, als Trostspender und Ort der Stille – damit können sich die meisten anfreunden.

Auch das ehemalige Mitglied erinnert sich positiv an die «tröstenden Worte» des Pfarrers bei der Beerdigung seiner Eltern, wendet aber ein, Ähnliches könnten (nicht-kirchliche) Trauerredner auch leisten. Er hat auch Negativbeispiele erlebt, als Pfarrer bei Beerdigungen und Trauungen «kein einziges Wort über die Toten und Liebenden sprach», sondern nur Bibelzitate vortrugen.

Was ärgert Sie an der Kirche?

Hier wird die «Hochschwelligkeit» genannt, Gottesdienste seien zu schwer verständlich. «Wenn man sich vorstellt, wie Amerikaner das angehen würden: Die würden zu einem Gottesdienst ‚for Dummies‘ einladen. Das genauso ankündigen und in der Kirche dann mit Beamer einen genauen Ablaufplan an die Wand projizieren.» (Der Titel «for dummies» bezieht sich auf eine, inzwischen auch auf Deutsch erhältliche Buchreihe, die Sachverhalte leicht verständlich und wenig Vorwissen voraussetzt. Das englische Wort «dummies» ist dabei nicht als «Dummkopf» gemeint.)

Die Kirche müsse viel bodennäher werden, schreibt sie weiter, aber: «Anbiedernde Jugendgottesdienste sind hier ausdrücklich nicht gemeint.»

Wenn sie mal einen Gottesdienst besuche, fühle sie sich beobachtet; auch in der Gemeinde, der sie sich verbunden fühlt. Sie habe den Eindruck, andere registrierten und bewerteten, wie oft sie zum Gottesdienst komme.

Spiritualität, sei ein großes Bedürfnis, das viel ernster genommen werden müsse. Doch die Kirche nutze dieses Potenzial nicht ausreichend, sondern schaue eher „hochnäsig auf die anderen kulturellen Traditionen». Meditative Gottesdienste, spirituelle Abende, da sei mehr möglich, aber nah an den Menschen: «Nicht gleich wieder ein zehnstündiger Mediationskurs oder eine fünfteilige Bildbetrachtung.» Eine zweite Stimme pflichtet bei: Die Kirche müsse mit ihren Pfunden stärker wuchern, denn das Bedürfnis nach Spiritualität sei da: «Aber die Kirche lässt die Leute zum Yoga rennen – obwohl sie jahrtausendealte Erfahrungen und Antwort auf viele Fragen des Lebens hat.»

Wo müsste sich die Kirche stärker engagieren? Wo vermissen Sie ihre Stimme?

Die Kirche solle sich politisch einmischen, da sind sich die Befragten weitgehend einig. Für Umweltschutz, für Toleranz und für Geflüchtete. «Vielleicht würde der Wutbürger von seinem Zorn runter kommen, wenn er öfter hören würde, dass es ihm gut geht und Gott es super mit ihm gemeint hat, als er in Deutschland (welchem Teil auch immer) geboren wurde und nicht in Syrien.» Ganz generell schreibt eine andere. «Kirche muss außerhalb des Kirchentages laut sein – und präsent in der Welt der Menschen.»

Wichtig seien Persönlichkeiten, die für die Kirche stehen – Margot Käßmann wird zweimal genannt. «Wir brauchen heute auch Sprecher, Mutmacher, Ansager»

Was spricht aus Ihrer Sicht für bzw. gegen eine Mitgliedschaft?

Die Kirche, schreibt das ehemalige Mitglied, könne «sicherlich ein guter Raum sein für Leute, die Orientierung, Austausch und gerade in einer Großstadt eine Gemeinschaft suchen». Seine These laute aber, dass das auch in einem Sportverein, einer Partei oder der Peer-Group zu finden sei. Eine andere lobt nicht nur die «Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft», sondern auch die Gottesdienste: «Die Chance auf eine Stunde Stillsitzen, Inspiration, Denk-Impulse und oft auch noch wunderbare Musik dazu.» (17.06.2019)


info_outline Zehn Gründe für die Kirche

In zehn Gründen soll knapp zusammengefasst werden, warum es sich lohnt, Mitglied der Kirche zu sein und zu bleiben. Oberlandeskirchenrätin Dr. Gudrun Neebe erläutert, was die Idee dahinter ist: «Es soll deutlich werden, welche Gründe uns Menschen nennen, es soll Menschen zum Nachdenken über ihre eigenen Gründe anregen, und selbstverständlich interessieren uns die Gründe, damit auch die Erwartungen der Menschen für uns deutlich sind. Vielleicht unterstellen wir ja ganz anderes.»

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Hier können Sie den Flyer 10 Gründe für Kirche herunterladen und ihre Gründe ankreuzen.

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