Aktuell: Lange vergessener Pfarrer der Bekennenden Kirche gewürdigt

Kassel (epd). Einer der Mitbegründer der Bekennenden Kirche in Kassel, Pfarrer Paul Lieberknecht (1886-1947), ist am Dienstagabend in einer Gedenkveranstaltung in der Kasseler Kreuzkirche gewürdigt worden. Die Erinnerung an Lieberknecht, der sich insbesondere für Juden und Christen jüdischer Herkunft einsetzte, sei lange vollständig gelöscht gewesen, sagte der Historiker Dietfrid Krause-Vilmar. Im Verlauf der Veranstaltung wurde auch eine Gedenktafel an Lieberknecht in der Kirche enthüllt.

Lieberknecht sei ein zutiefst religiöser und kirchlich geprägter Gegner der Nationalsozialismus gewesen, erläuterte Krause-Vilmar. Mit den «Deutschen Christen» sei er - anders als die damalige Kirchenleitung - zu keinen Kompromissen bereit gewesen. Von der Gestapo sei er ständig bedroht, im NS-Hetzblatt «Stürmer» als «Judenknecht» verächtlicht gemacht sowie von der Kirchengemeinde angefeindet worden. Die Ehescheidung von seiner Frau Charlotte sei Anlass zu einem schweren Konflikt mit der Kirchenleitung gewesen, so dass Lieberknecht sein Pfarramt 1941 niederlegte und ein Jahr später sogar resigniert aus der Kirche ausgetreten sei.

Nach Kriegsende habe sich Lieberknecht um Wiedereintritt in die Kirche und ins Pfarramt bemüht, fuhr Krause-Vilmar fort. Sehr schnell sei ihm dieser Wunsch jedoch abschlägig beschieden worden. Stattdessen habe sich die Kirchenleitung rufschädigenden Vermutungen angeschlossen, Lieberknecht habe sich nach seinem Kirchenaustritt den Nationalsozialisten angeschlossen. «Der Urheber dieser Verdächtigungen lässt sich nicht mehr ermitteln», sagte Krause-Vilmar. Ende 1945 gründete Lieberknecht dann eine Notgemeinde vor allem für Christen jüdischer Herkunft, bevor er 1947 zutiefst verletzt und gesundheitlich angeschlagen verstarb.

Das Schicksal Lieberknechts sei erschütternd, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. «Aus heutiger Sicht ist Paul Lieberknecht Unrecht geschehen.» Die Kirchenleitung hätte damals auch anders agieren können. Viele kirchliche Akteure, die mit den Nationalsozialisten kooperierten, seien hingegen ungeschoren davongekommen. Die Härte, mit der Lieberknecht damals eine Rehabilitierung verweigert wurde, sei unerträglich, sagte Hein.

Das Schicksal von Lieberknecht geriet zum 100-Jahr-Jubiläum der Kreuzkirchengemeinde 2006 in den Fokus, als das Gemeindemitglied Mechthild-Veronika Burckhardt mehr über die Geschichte der Pfarrer in der NS-Zeit herausfinden wollte. Unterstützung erhielt sie damals von Krause-Vilmar sowie der Studentin Lisa Loer, die mit ihrer Staatsexamensarbeit bei Krause-Vilmar einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Kapitels leistete, so dass anhand von Dokumenten und Nachlässen die Geschichte Lieberknechts aufgedeckt werden konnte. (16.02.2019)

2019-09-16 29157

Gedenktafel für Pfarrer Paul Lieberknecht
Lange vergessener Pfarrer der Bekennenden Kirche gewürdigt

Mit einer Gedenkveranstaltung und der Installation einer Gedenkplakette wurde in der Kreuzkirche der Mitbegründer der Bekennenden Kirche in Kassel, Pfarrer Paul Lieberknecht, gewürdigt. (Foto: medio.tv/Schauderna)

Kassel (epd). Einer der Mitbegründer der Bekennenden Kirche in Kassel, Pfarrer Paul Lieberknecht (1886-1947), ist am Dienstagabend in einer Gedenkveranstaltung in der Kasseler Kreuzkirche gewürdigt worden. Die Erinnerung an Lieberknecht, der sich insbesondere für Juden und Christen jüdischer Herkunft einsetzte, sei lange vollständig gelöscht gewesen, sagte der Historiker Dietfrid Krause-Vilmar. Im Verlauf der Veranstaltung wurde auch eine Gedenktafel an Lieberknecht in der Kirche enthüllt.

Lieberknecht sei ein zutiefst religiöser und kirchlich geprägter Gegner der Nationalsozialismus gewesen, erläuterte Krause-Vilmar. Mit den «Deutschen Christen» sei er - anders als die damalige Kirchenleitung - zu keinen Kompromissen bereit gewesen. Von der Gestapo sei er ständig bedroht, im NS-Hetzblatt «Stürmer» als «Judenknecht» verächtlicht gemacht sowie von der Kirchengemeinde angefeindet worden. Die Ehescheidung von seiner Frau Charlotte sei Anlass zu einem schweren Konflikt mit der Kirchenleitung gewesen, so dass Lieberknecht sein Pfarramt 1941 niederlegte und ein Jahr später sogar resigniert aus der Kirche ausgetreten sei.

Nach Kriegsende habe sich Lieberknecht um Wiedereintritt in die Kirche und ins Pfarramt bemüht, fuhr Krause-Vilmar fort. Sehr schnell sei ihm dieser Wunsch jedoch abschlägig beschieden worden. Stattdessen habe sich die Kirchenleitung rufschädigenden Vermutungen angeschlossen, Lieberknecht habe sich nach seinem Kirchenaustritt den Nationalsozialisten angeschlossen. «Der Urheber dieser Verdächtigungen lässt sich nicht mehr ermitteln», sagte Krause-Vilmar. Ende 1945 gründete Lieberknecht dann eine Notgemeinde vor allem für Christen jüdischer Herkunft, bevor er 1947 zutiefst verletzt und gesundheitlich angeschlagen verstarb.

Das Schicksal Lieberknechts sei erschütternd, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. «Aus heutiger Sicht ist Paul Lieberknecht Unrecht geschehen.» Die Kirchenleitung hätte damals auch anders agieren können. Viele kirchliche Akteure, die mit den Nationalsozialisten kooperierten, seien hingegen ungeschoren davongekommen. Die Härte, mit der Lieberknecht damals eine Rehabilitierung verweigert wurde, sei unerträglich, sagte Hein.

Das Schicksal von Lieberknecht geriet zum 100-Jahr-Jubiläum der Kreuzkirchengemeinde 2006 in den Fokus, als das Gemeindemitglied Mechthild-Veronika Burckhardt mehr über die Geschichte der Pfarrer in der NS-Zeit herausfinden wollte. Unterstützung erhielt sie damals von Krause-Vilmar sowie der Studentin Lisa Loer, die mit ihrer Staatsexamensarbeit bei Krause-Vilmar einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Kapitels leistete, so dass anhand von Dokumenten und Nachlässen die Geschichte Lieberknechts aufgedeckt werden konnte. (16.02.2019)


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