Aktuell: Ein Bischof mit öffentlicher Wirkung

Nach fast zwei Jahrzehnten an der Spitze der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck geht Bischof Prof. Dr. Martin Hein Ende September in den Ruhestand. Ein Rückblick auf seine Amtszeit in Bildern und im Interview. Das Interview führten die Medienhaus-Redakteure Lothar Simmank und Olaf Dellit. Es ist erschienen in blick-magazin, September 2019.

blick: Sie haben während Ihrer Amtszeit häufig öffentlich geredet und gepredigt. Hören die Menschen zu, wenn der Bischof das Wort ergreift?

Dr. Hein: Die Menschen kommen nicht wegen des Bischofs, sondern wegen des Anlasses, aus dem der Bischof kommt: etwa Festgottesdienste zu Kirchenjubiläen. Da bin ich oft eingeladen worden, habe diese Gelegenheiten aber nie genutzt, um Programmatisches zu sagen, sondern mich meist an den vorgeschriebenen Predigttext des Sonntags gehalten. Bei Reden war das anders: Da wurde ich oft wegen des Themas eingeladen. Ich habe mich gern auch außerhalb der Kirchenräume bewegt.

2019-09-26 29297

Interview mit Dr. Martin Hein
Ein Bischof mit öffentlicher Wirkung

Bischof Martin Hein bei einer Veranstaltung in der Kapelle des Hauses der Kirche in Kassel. (Foto: medio.tv/Schauderna)

Nach fast zwei Jahrzehnten an der Spitze der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck geht Bischof Prof. Dr. Martin Hein Ende September in den Ruhestand. Ein Rückblick auf seine Amtszeit in Bildern und im Interview. Das Interview führten die Medienhaus-Redakteure Lothar Simmank und Olaf Dellit. Es ist erschienen in blick-magazin, September 2019.

blick: Sie haben während Ihrer Amtszeit häufig öffentlich geredet und gepredigt. Hören die Menschen zu, wenn der Bischof das Wort ergreift?

Dr. Hein: Die Menschen kommen nicht wegen des Bischofs, sondern wegen des Anlasses, aus dem der Bischof kommt: etwa Festgottesdienste zu Kirchenjubiläen. Da bin ich oft eingeladen worden, habe diese Gelegenheiten aber nie genutzt, um Programmatisches zu sagen, sondern mich meist an den vorgeschriebenen Predigttext des Sonntags gehalten. Bei Reden war das anders: Da wurde ich oft wegen des Themas eingeladen. Ich habe mich gern auch außerhalb der Kirchenräume bewegt.

blick: Nach Ihrer Wahl trafen Sie sich für die blick-Titelstory mit Ihrem Amtsvorgänger Bischof Zippert in der Martinskirche. Sie möchten für eine «durchlässige Kirche» stehen, haben Sie damals gesagt, nicht für eine abgeschottete. Hat sich das bewahrheitet? 

Dr. Hein: Fast 25 Jahre habe ich in der Martinskirche gepredigt, regelmäßig Gottesdienste dort gefeiert. Es fällt mir schwer, dort Abschied zu nehmen. Die offene Kirche im übertragenen Sinne – ich glaube, ich habe es geschafft, die Präsenz der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck im gesellschaftlichen Leben zu gewährleisten. In viele politische Debatten habe ich mich nicht nur eingebracht, sondern ich bin auch zu Stellungnahmen angefragt worden. Ich hatte den Eindruck, man nimmt mich als Theologen ernst in einer Öffentlichkeit, die zunehmend säkularisiert ist. Meine Berufungen etwa in den Deutschen Ethikrat oder in den Hessischen Rat für Digitalethik sprechen dafür.

Dr. Hein (r.) nach seiner Wahl zum Bischof im Jahr 2000 mit Amtsvorgänger Bischof Zippert (1936-2007) vor der Kasseler Martinskirche. (Foto: medio.tv)

blick: Mit dem katholischen ehemaligen Bischof von Fulda verbindet sie eine Freundschaft. Was ist in der Ökumene erreicht worden?

Dr. Hein: Ökumene könnte weiter sein als sie ist – auch auf Leitungsebene. Ich bin seit vielen Jahren Vorsitzender des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen. Im September veröffentlichen wir eine Stellungnahme, aus der hervorgeht, dass es aus Perspektive beider Konfessionen eigentlich keine Gründe mehr gibt, sich nicht gegenseitig zum Abendmahl einzuladen. Ob solch eine theologische Ausarbeitung im kirchlichen Lehramt Nachhall findet, vermag ich nicht einzuschätzen. Insgesamt gesehen ist die Ökumene eine Erfolgsgeschichte, aber es sind ganz kleine Schritte, die wir auf offizieller Ebene tun. Und dazu hilft oft, wenn man eine persönliche Beziehung hat, wie etwa zu Bischof Algermissen.

Ökumenisch: Bischof Hein mit seinem katholischen Amtskollegen, dem Fuldaer Bischof Algermissen (2002). (Foto: medio.tv)

blick: Als bekennender Fußballfan – oder wie hier beim Basketball – waren Sie immer sportbegeistert. Wer wird deutscher Fußballmeister?

Dr. Hein: Ich habe lange Basketball gespielt – von meiner Körpergröße her auch naheliegend. Aber meine eigentliche sportliche Liebe gilt dem Fußball, der Frankfurter Eintracht, die natürlich mit dem Titelkampf nichts zu tun hat. Wenn man auf die aktuellen Kader blickt, könnte man in diesem Jahr mit Borussia Dortmund rechnen. FC Bayern braucht noch Verstärkung, vor allem im Sturm. Wenn das gelingen sollte, dann ist der FC Bayern einer der beiden Favoriten. Ich denke, die Meisterschaft wird zwischen Dortmund und Bayern ausgemacht. Mit Tendenz diesmal für Dortmund, obwohl ich kein Fan dieser Mannschaft bin.

Ob Fußball oder Basketball - Bischof Hein zeigte sich oft sportbegeistert (2003). (Foto: Meyer)

blick: Was haben Sie von Frauen in der Kirche gelernt?

Dr. Hein: Frauen in der Kirche sind unverzichtbar. Eine Kirche, die auf ihrer Leitungsebene und auch in der Gestalt ihrer Seelsorger nur aus Männern besteht, repräsentiert nur die Hälfte der Bevölkerung – und ihr fehlt ganz Wesentliches. Ich hab mich während meiner Zeit sehr für Frauenförderung eingesetzt. Das hat dazu geführt, dass wir eine Zeitlang auf Platz 1 aller EKD-Kirchen, was Frauen in Leitungsämtern anging, standen. Was lerne ich von Frauen? Einen anderen Blick auf die Dinge. Auch Empathie und hohes Engagement. Aber Frauen in der Kirche sind heute eine Selbstverständlichkeit – genauso wie der Übergang zu meiner Nachfolgerin. Alles völlig unproblematisch. 

Bischof Hein führt mit Prälatin Natt den Festzug anlässlich des Jubiläums der ersten Frauenordination vor 50 Jahren in Kurhessen-Waldeck an (2012). (Foto: medio.tv/Schauderna)

blick: Ihr 60. Geburtstag: Die Luther-Statue in Ihrem Arbeitszimmer erinnerte an das 500. Reformationsjubiläum 2017. Wo ist heute Reformation nötig?

Dr. Hein: Wir müssen genau bedenken, was wir meinen, wenn wir von Reformation sprechen. Reformation heißt nicht Reform der Kirche. Alle kirchenreformerischen Maßnahmen, die notwendig sind in finanzieller, struktureller, auch in personeller Hinsicht, sollte man nicht mit dem Stichwort Reformation belegen. Reformation ist die Rückkehr zu den Wurzeln des Glaubens, das heißt zum Evangelium, aus dem wir leben. Und solch eine Reformation hat die Kirche zu allen Zeiten nötig.

Geburtstagsgruß zum 60.: Der Präsident des Hessischen Landtags, Norbert Kartmann (CDU), zu Gast im Haus der Kirche in Kassel (2014). (Foto: medio.tv/Fischer)

blick: 2015 kamen in großer Zahl Flüchtlinge nach Deutschland. Das hat die politische Landschaft verändert. Wie haben Sie das erlebt?

Dr. Hein: Ich war von Anfang an der Meinung, weil ich öfter in Syrien gewesen bin, dass wir als ein hoch entwickeltes Land in der Lage sind, Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen hier Schutz zu bieten. Und ich war begeistert und bin es bis heute, wie viele Kirchengemeinden und Initiativen im Raum der Kirche sich engagiert haben, um diese Flüchtlinge bei uns angemessen aufzunehmen und zu betreuen. Ohne das zivilgesellschaftliche Engagement vieler Christinnen und Christen wäre das bei uns in Deutschland nicht gelungen. Umso schlimmer ist festzustellen, wie das Klima gekippt ist. Dafür gibt es ein Datum: Silvester 2015, die Kölner Domplatte. Das war eine Stimmungsveränderung, die wir seither nicht mehr eingeholt haben.

Besuch 2015 in der Flüchtlingsunterkunft in Calden. (Foto: medio.tv/Schauderna)

blick: Sie haben von 2014 bis 2018 im Ethikrat mitgearbeitet. Welche wichtige Frage haben Sie dort mitbeeinflusst?

Dr. Hein: Das Bild entstand bei einer Diskussion zur Gen-Schere CRISPR Cas 9, also die Eingriffe in die Keimbahn. Die sind erst 2012 entdeckt und handhabbar gemacht worden. Das verändert unsere Anschauung von Menschen erheblich. Auch im Umgang mit Krankheiten. Das ist die Fragestellung der Zukunft: Eingriffe in die Keimbahn.

Dr. Hein bei einer Podiumsdiskussion als Mitglied des Deutschen Ethikrats, dem er von 2014 bis 2018 angehörte. (Foto: Ethikrat)

blick: Sie waren mehrmals in Syrien. Wie schätzen Sie die Situation dort ein?

Dr. Hein: Anfang August war ich zuletzt dort und hatte eine Begegnung mit Patriarch Johannes im Kloster des Heiligen Georg. Die Situation in Syrien hat sich nach dem Ende des Krieges in einigen Teilen stabilisiert, ohne Frage. Aber insgesamt gesehen ist Syrien natürlich verschiedensten politischen Einflüssen ausgesetzt und mitnichten stabil. Das schlägt sich auf die Situation der Menschen insgesamt, aber auch besonders der Christen nieder. In den Bereichen, die wir besucht haben, fassen die Menschen neuen Lebensmut, es wird viel gebaut, das Gemeindeleben ist rege. Aber es gibt eben auch Gebiete, aus denen die Menschen weiterhin wegen der Bedrohung fliehen. Aber vor drei Jahren, als ich während des Krieges in Syrien war, sah die Situation hoffnungsloser aus als jetzt.

Besuch in Syrien bei Patriarch Johannes X. von der Rum-orthodoxen Kirche, zu der die Landeskirche freundschaftliche Beziehungen pflegt. (2016). (Foto: medio.tv)

blick: Zu Besuch in Rom bei Papst Franziskus: Brauchen wir einen Papst für alle, auch für Protestanten?

Dr. Hein: Nein, wir brauchen keinen Papst, aber wir müssen auch nicht gegen den römisch-katholischen Papst sein. Der Papst hat unabhängig von der jeweiligen Person eine hohe Autorität. Er ist ja auch der Repräsentant eines – wenn auch kleinen – Staates und genießt deswegen auch besondere Bedeutung. 
Es kommt auf die jeweilige Person an, die dieses Amt prägt. Und bei der Begegnung des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (Foto) sagte uns der Papst auf Deutsch: «Machen Sie weiter.» Das war ein ganz wichtiger Impuls. Als Evangelische können wir Kirche sein, ohne einen Papst haben zu müssen. Ich persönlich glaube schon, dass der Einfluss des Papstes im Leben insgesamt nicht zu unterschätzen ist.

Ökumene: Begegenung mit Papst Franziskus in Rom im Jahr des Reformationsjubiläums 2017. (Foto: Osservatore Romano)

blick: Sie haben die Trauerfeier für den ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke gehalten. War das auch ein Akt der Seelsorge für die Familie?

Dr. Hein: Damals bei der bewegenden Trauerfeier war noch unklar, aus welchem Grund Walter Lübcke erschossen worden ist. Diese Ungewissheit prägte die Gespräche vorher und nachher. Für die Familie war das eine fürchterliche Situation, auf die sie damals und auch, glaube ich, bis jetzt keinerlei Antwort hatte. In solch einer Situation den Trost des Evangeliums sagen zu müssen, aber auch sagen zu können, habe ich persönlich als eine große Gnade empfunden. Ich glaube, dass es bei all den Fragen, die die 2.000 Menschen in der Martinskirche und außerhalb bewegt haben, wichtig war, nicht nur zu schweigen, sondern aus dem Evangelium heraus reden zu können.

Trauerfeier für den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in der Kasseler Martinskirche im Jahr 2019. Das Foto zeigt Dr. Hein mit Christoph Lübcke, dem Sohn des Verstorbenen. (Foto: Fischer)

blick: Politisch haben Sie sich auf der Kasseler Kundgebung und auch bei der Demonstration wenig später eindeutig gegen Rechtsextremisten positioniert. Gab es daran auch Kritik?

Dr. Hein: Vereinzelt. Aber dass nicht alle mit der Haltung eines Bischofs einverstanden sind, habe ich auch sonst erlebt. Mir war wichtig, dass unsere Landeskirche hier deutlich Position bezieht – aufgrund der persönlichen Verbundenheit mit Walter Lübcke, aber auch aufgrund der Tatsache, dass wir in Deutschland aufpassen müssen, keine rechtsradikalen und antisemitischen Tendenzen wachsen zu lassen. Ich war dankbar, dass bei der Demonstration auch der Präses unserer Landessynode dabei war. Hier gilt es, ohne Wenn und Aber zu sagen: Mit uns nicht! Wir stellen uns damit in ein großes zivilgesellschaftliches Bündnis. Kassel ist eine offene, demokratische, freiheitliche Stadt, in der Rechtsradikale oder Nazis nichts zu suchen haben.  

blick: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft!

Bischof Hein spricht bei der Kundgebung «Zusammen sind wir stark» für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit in Kassel am 27. Juni 2019. (Foto: medio.tv/Schauderna)

Zur Person:

Prof. Dr. Martin Hein (65) ist seit dem 1. September 2000 Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Neben seinem Bischofsamt wirkte Hein von 2003 bis 2016 im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen. Von 2014 bis 2018 war er Mitglied im Deutschen Ethikrat. Er gilt als Experte in ethischen Fragen zu den Themen Beginn und Ende des Lebens. 

In Wuppertal geboren und in Hanau aufgewachsen, studierte Hein zunächst Rechtswissenschaften, dann Theologie. 1984 wurde er ordiniert und arbeitete bis 1989 als Pfarrer in Grebenstein (Kirchenkreis Hofgeismar). Zuvor hatte er 1982 in Erlangen promoviert. Aus dem Pfarrdienst wechselte er als Studienleiter an das Predigerseminar in Hofgeismar, wo er bis 1994 blieb. 1995 wurde er zum Dekan des damaligen Kirchenkreises Kassel-Mitte berufen, bevor er dann im Frühjahr 2000 zum Bischof gewählt wurde. Im April 2000 hatte er sich zuvor an der Universität Kassel habilitiert. Hein ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und ein Enkelkind.


radio Internetradio:

Was Dr. Hein am Bischofsamt besonders gefallen hat und was er seiner Nachfolgerin Dr. Beate Hofmann wünscht, hören Sie im Audio-Beitrag von Radio-Reporter Torsten Scheuermann:

arrow_forward Wechsel im Bischofsamt:

Mit einem Festgottesdienst am 29. September in der Kasseler Martinskirche wird der Wechsel im Bischofsamt der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck vollzogen. Verfolgen Sie die Ereignisse am Sonntag ab 15 Uhr im hr-Fernsehen oder im Livestream auf ekkw.de:

arrow_forward Hintergrund:

Viele weitere Informationen zu Dr. Hein und seiner Amtszeit als Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck finden Sie auf ekkw.de im Bereich «Bischof»: