Aktuell: Vor 500 Jahren trat Luther in Worms für seine Glaubensüberzeugungen ein

Kassel (medio). Vor 500 Jahren ist Martin Luther vor den Reichstag in Worms getreten. Damals ist der Reformator für seine Glaubensüberzeugungen eingetreten und soll gesagt haben:  «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders». Zu diesem besonderen Jubiläum widmet die Evangelische Kirche in Deutschland ein Themenheft mit dem Titel «Gewissen befreien. Haltung zeigen. Gott vertrauen.» Im EKD-Themenheft gibt es außerdem historische Vertiefungen und Antworten auf die Frage: Was es im 21. Jahrhundert bedeutet, die Gesellschaft aus dem christlichen Glauben heraus zu gestalten. Mit dabei ist auch ein Service-Teil.

Übers Gewissen und «Der Luther-Moment»

Um das Gewissen geht es auch in einem Interview mit der Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Dr. Beate Hofmann: «Das Gewissen fällt nicht vom Himmel; es ist kulturell geprägt und an bestimmten Normen orientiert.» Bischöfin Dr. Hofmann spricht im Interview zum Thema Gewissen und der inneren Stimme, die Orientierung gibt. Das ganze Interview lesen Sie weiter unten.  

Der Luther-Moment in den Medien

Um das Gewissen und die Jubiläumsfeier geht es auch im Fernsehprogramm: Der SWR zeigt am 17. April 2021 ab 23 Uhr eine Multimedia-Inszenierung unter dem Titel «Der Luther-Moment», die an die Nacht vor 500 Jahren erinnert, in der Luther seinen Mut und seine Haltung fand, die ihm tags drauf den nötigen Halt gab. Außerdem überträgt das ZDF am 18. April  2021 einen Fernsehgottesdienst aus Worms. (09.02.2021)

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EKD-Themenheft: Interview und Multimedia
Vor 500 Jahren trat Luther in Worms für seine Glaubensüberzeugungen ein

Vor 500 Jahren trat Luther in Worms für seine Glaubensüberzeugungen ein
Logo der Kampagne des Luther-Moments (Motiv: EKHN/Medienhaus)

Kassel (medio). Vor 500 Jahren ist Martin Luther vor den Reichstag in Worms getreten. Damals ist der Reformator für seine Glaubensüberzeugungen eingetreten und soll gesagt haben:  «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders». Zu diesem besonderen Jubiläum widmet die Evangelische Kirche in Deutschland ein Themenheft mit dem Titel «Gewissen befreien. Haltung zeigen. Gott vertrauen.» Im EKD-Themenheft gibt es außerdem historische Vertiefungen und Antworten auf die Frage: Was es im 21. Jahrhundert bedeutet, die Gesellschaft aus dem christlichen Glauben heraus zu gestalten. Mit dabei ist auch ein Service-Teil.

Übers Gewissen und «Der Luther-Moment»

Um das Gewissen geht es auch in einem Interview mit der Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Dr. Beate Hofmann: «Das Gewissen fällt nicht vom Himmel; es ist kulturell geprägt und an bestimmten Normen orientiert.» Bischöfin Dr. Hofmann spricht im Interview zum Thema Gewissen und der inneren Stimme, die Orientierung gibt. Das ganze Interview lesen Sie weiter unten.  

Der Luther-Moment in den Medien

Um das Gewissen und die Jubiläumsfeier geht es auch im Fernsehprogramm: Der SWR zeigt am 17. April 2021 ab 23 Uhr eine Multimedia-Inszenierung unter dem Titel «Der Luther-Moment», die an die Nacht vor 500 Jahren erinnert, in der Luther seinen Mut und seine Haltung fand, die ihm tags drauf den nötigen Halt gab. Außerdem überträgt das ZDF am 18. April  2021 einen Fernsehgottesdienst aus Worms. (09.02.2021)

Bischöfin Dr. Beate Hofmann (Foto: medio.tv/Schauderna)

Interview mit Bischöfin Dr. Beate Hofmann

Pfarrer Vogt: Liebe Frau Hofmann, im Volksmund heißt es so schön: «Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.» Stimmt das?

Bischöfin Beate Hofmann: Auf jeden Fall stimmt das Gegenteil, nämlich dass ein schlechtes Gewissen den Schlaf raubt, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Und ein gutes Gewissen, das Gefühl, mit sich im Reinen zu sein, stiftet inneren Frieden.

Pfarrer Vogt: Fällt Ihnen spontan ein Moment ein, in dem Sie dachten: «Aus Gewissensgründen muss ich jetzt so oder so entscheiden»?

Bischöfin Beate Hofmann: Als ich Mitte Oktober beschlossen habe, wegen der Infektionsgefahr durch die Corona- Pandemie meine Geburtstagsfeier abzusagen. Das war noch kurz bevor die verschärften Kontaktbeschränkungen galten. Doch es war schon klar, dass wir aus Gründen des Gesundheitsschutzes Kontakte wieder reduzieren sollten. So habe ich schweren Herzens meine Gäste am Abend vorher weitgehend wieder ausgeladen und nur mit einer Freundin und meinem Mann schon Gekochtes verspeist.

Pfarrer Vogt: Warum war es so bedeutend, dass sich Luther in Worms auf sein Gewissen berufen hat?

Bischöfin Beate Hofmann: Luther hat an seinen theologischen Überzeugungen festgehalten, obwohl er sich damit prominent gegen die damals geltende Lehre der Kirche und gegen die Autorität des Papstes gestellt hat. Und obwohl klar war, dass ihn das nicht nur seine Stelle an der Universität, seine Verankerung in der Kirche und im Kloster, sondern sogar sein Leben kosten kann, hat er nicht widerrufen. «Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.» Das soll er gesagt haben. Damit hat er das Gewissen als Instanz eingeführt, die über der Autorität von kirchlichen und politischen Institutionen steht.

Pfarrer Vogt: Allerdings spricht Luther ja nicht von einem autonomen, sondern von einem an die Heilige Schrift gebundenen Gewissen. Wo ist denn da für Sie der Unterschied?

Bischöfin Beate Hofmann: Das Gewissen fällt nicht vom Himmel; es ist kulturell geprägt und an bestimmten Normen orientiert. Luther wusste um diese Prägung. Für ihn war das Gewissen der Ort, an dem sich entscheidet, an wen ein Mensch gebunden ist, ob an das «versklavende Wort des Teufels» oder an das «befreiende Wort Christi». Für ihn war die zentrale Orientierungsgröße das, woran er sich und sein Gewissen gebunden sah: die Heilige Schrift und nicht weltliche Autoritäten.

Pfarrer Vogt: Luther war überzeugt: Nur Gott schenkt ein «getröstetes Gewissen, das alle Tränen menschlicher Beschwernisse aufzehrt wie die Mittagssonne den Tau». Warum braucht es Gott für ein «getröstetes Gewissen»?

Bischöfin Beate Hofmann: Weil es viele Situationen gibt, in denen wir unserem Gewissen nicht gerecht werden und wissen: Wir sind auf Vergebung angewiesen, die uns Gott zuspricht. Konkret: Ohne Vergebung könnte ich meinen ökologischen Fußabdruck oder das privilegierte Leben in der ersten Welt nicht aushalten. Denn dieses Leben ist ein ständiger Kompromiss zwischen dem, was das Gewissen sagt, was ökologisch notwendig wäre, und dem, was ich brauche und tue, um zu arbeiten, um mich zu erholen oder um Menschen zu treffen. Von der Schuld, die ich dabei auf mich lade, kann ich mich nicht selbst befreien, selbst wenn ich spende und versuche, meinen Fußabdruck finanziell auszugleichen. Und manchmal gibt es Situationen, in denen ich jemandem etwas schuldig bleibe und weiß, ich kann das nicht ungeschehen machen, ich kann den Menschen nicht mal mehr um Entschuldigung bitten. Dann plagt mich mein Gewissen. Und dann ist es für mich sehr tröstlich, dass ich weiß, dass Gott all das, was mich plagt, hört, dass er meine Bitte um Vergebung annimmt und mich dadurch entlastet. Das löst mein Gewissen und seine kritische Stimme nicht auf, aber es lässt mich weiterleben und auch nach Wegen suchen, so gut wie möglich meinem Gewissen gemäß zu handeln.

Pfarrer Vogt: Wie würden Sie heute, 500 Jahre nach dem Wormser Reichstag, einem Menschen die Bedeutung des Gewissens erklären?

Bischöfin Beate Hofmann: Das Gewissen ist die innere Stimme, die dir hilft herauszufinden, was jetzt richtig und was falsch ist. Das Gewissen ist der Ort, an dem sich entscheidet, welchen Normen sich ein Mensch verpflichtet weiß, es ist wie ein Kompass, der hilft, verantwortungsvoll zu handeln. Von Immanuel Kant stammt das schöne Bild: Das Gewissen ist der innere Gerichtshof der Vernunft. Das Gewissen ist nicht ein Sortiment von fertigen Sätzen über Gut und Böse, sondern ein innerer Prozess, der sich, bei Christ*innen jedenfalls, am Evangelium und damit am Nächsten orientiert.

Pfarrer Vogt: Und wie kann die Kirche aktiv dazu beitragen, dass Menschen nach bestem Wissen und Gewissen handeln?

Bischöfin Beate Hofmann: Sie kann zur Reflexion des eigenen Handelns ermuntern, dadurch Räume schaffen, in denen Menschen auf ihr Gewissen achten und es schärfen durch den Diskurs über ethische Dilemma-Situationen, über das, was wir als Gut und Böse wahrnehmen und was uns dabei leitet.

Pfarrer Vogt: Gibt es also so etwas wie ein «christliches Gewissen»?

Bischöfin Beate Hofmann: Es gibt ein an der christlichen Botschaft ausgerichtetes und davon geprägtes Gewissen. Nun berufen sich ja auch Radikale und Extremisten gerne auf ihr Gewissen.

Pfarrer Vogt: Was sagen Sie einem Menschen, der behauptet, er sei aus Gewissensgründen gegen Asylsuchende?

Bischöfin Beate Hofmann: Ich wüsste gern, woran dieser Mensch sein Gewissen prüft und was daraus für ihn folgt, wie er das in Beziehung zu Recht und Gesetz setzt und wie er diese Haltung – falls er sich als Christ sieht – mit dem biblischen Gebot der Nächstenliebe zusammenbringt.

Pfarrer Vogt: Verraten Sie mir noch, was mir den Mut schenkt, wie Luther zu meinem Gewissen zu stehen?

Bischöfin Beate Hofmann: Das zu tun, was man für richtig hält, schenkt Kraft, weil man mit sich im Reinen ist. Das hilft, auszuhalten, dass Gewissensentscheidungen auch einsam machen und in Konflikte führen können, weil man sich gegen die Meinung von Freunden, Vorgesetzten oder gegen den gesellschaftlichen Mainstream stellt. Es kann aber auch neue Freundschaften stiften – das erleben viele Menschen, die sich in ethischen Dilemma-Fragen oder für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung engagieren.

Pfarrer Vogt: Vielen Dank!


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