Aktuell: Erste Großgruppenkonferenz zum Reformprozess

Zu Beginn der Videokonferenz mit fast 100 Bildschirmkacheln steht ein einziger Teilnehmer vertikal – seine Kamera ist offenbar falsch eingestellt. Technisch ist das bald behoben, aber es könnte sinnbildlich sein für diese Veranstaltung namens «Großgruppenkonferenz». Auch hier sollen übliche Hierarchien und Dienstwege mal nicht gelten – es darf auch mal etwas quer stehen. 

Die Konferenz, die erste ihrer Art, gehört zum Reformprozess «Auftrag der Kirche». Dieser wiederum ist Teil des großen Umbruchs in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der seit 2005 läuft. Es soll darum gehen, neben den Gremien wie Synoden und Rat der Landeskirche viele Menschen mit ihren Ansichten in den Prozess einzubinden, Mitarbeitende ebenso wie eher Kirchenferne.

Nun hatten sich also 93 Mitarbeitende ganz unterschiedlicher Couleur vor ihren Bildschirmen versammelt, ob Theologiestudentin, Kirchenmusiker, Pfarrerin oder Angestellte aus der Verwaltung – ob Kirchenleitung oder -basis. «Jeder und jede von Ihnen ist genau richtig hier», sagte Pfarrerin Eva Hillebold (Geschäftsführerin des Reformprozesses) zur Begrüßung.

Mit den vielen Menschen auf dem Bildschirm ist es etwas unübersichtlich, das ganze erinnert an die Setzkästen aus den 80er-Jahren – davon gibt es nun gleich vier, durch die man sich klicken kann. Gut, dass im Laufe des fünfstündigen Workshops vier Phasen mit Kleingruppen eingeschoben werden. 

In der ersten Runde geht es gleich um das Kernthema. «Was hat mich an der christlichen Botschaft berührt?», lautet die Leitfrage.  In allen Gruppenphasen gibt es eine wichtige Regel: Zunächst sagt jeder und jede etwas, bevor dann die Diskussion beginnt. So bleibt niemand ungehört. Im Plenum, in dem die Ergebnisse in aller Kürze zusammengetragen werden, zeigt sich bereits das Spektrum der möglichen Antworten. Nächstenliebe und Gemeinschaft sind zentrale Begriffe. 

Wer wohin gehört

Als kleine Auflockerung ruft Christoph Gerken (IPOS-Institut), der die Veranstaltung gemeinsam mit Eva Hillebold moderiert, einzelne Gruppen auf – etwa Studierende oder Kita-Mitarbeiterinnen – ihre Kameras einzuschalten, während die anderen ausgeschaltet bleiben. So sieht man, wer wohin gehört. 

Dann läutet Gerken die zweite Gruppenrunde ein – diesmal zum Thema «Wozu ist Kirche künftig da?». Diese Frage solle man aus «dem Grunde seines Herzens» beantworten, sagt Gerken und fügt noch hinzu: «Halten Sie Ihre Gedanken nicht für unwichtig!» Gerade auch die Nicht-Theologen sollten sich einbringen. In 16 Gruppen wird daran gearbeitet, Ergebnisse werden vorgestellt und über eine Internet-Abstimmung bewertet. Die meisten Stimmen entfielen auf: «Menschen in ihren individuellen Lebenssituationen begleiten» (siehe Grafik).

Nach einer kurzen Verschnaufpause stellt Bischöfin Dr. Beate Hofmann ihr Modell vor, auf dessen Grundlage anhand von Grundaufgaben und Kriterien die Zukunft der kirchlichen Arbeit gestaltet werden soll. «Wie nehmen wir die Dynamik auf, die durch die Pandemie entstanden ist?», fragt sie mit Blick auf viele Veränderungen in den Arbeitsbereichen. 

 

2021-10-08 33859

Erste Großgruppenkonferenz zum Reformprozess

«Sie sind hier genau richtig»

Autorenbeitrag
Der Reformprozess «Kirche bewegt» will verschiedenste Menschen in unserer Kirche zusammenbringen. Dazu gab es jetzt die erste Großgruppenkonferenz mit Mitarbeitenden zum Auftrag der Kirche. Olaf Dellit, Redakteur im Medienhaus der EKKW, war dabei und berichtet von seinen Erfahrungen und Eindrücken.
Portrait Autor/in

Zu Beginn der Videokonferenz mit fast 100 Bildschirmkacheln steht ein einziger Teilnehmer vertikal – seine Kamera ist offenbar falsch eingestellt. Technisch ist das bald behoben, aber es könnte sinnbildlich sein für diese Veranstaltung namens «Großgruppenkonferenz». Auch hier sollen übliche Hierarchien und Dienstwege mal nicht gelten – es darf auch mal etwas quer stehen. 

Die Konferenz, die erste ihrer Art, gehört zum Reformprozess «Auftrag der Kirche». Dieser wiederum ist Teil des großen Umbruchs in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der seit 2005 läuft. Es soll darum gehen, neben den Gremien wie Synoden und Rat der Landeskirche viele Menschen mit ihren Ansichten in den Prozess einzubinden, Mitarbeitende ebenso wie eher Kirchenferne.

Nun hatten sich also 93 Mitarbeitende ganz unterschiedlicher Couleur vor ihren Bildschirmen versammelt, ob Theologiestudentin, Kirchenmusiker, Pfarrerin oder Angestellte aus der Verwaltung – ob Kirchenleitung oder -basis. «Jeder und jede von Ihnen ist genau richtig hier», sagte Pfarrerin Eva Hillebold (Geschäftsführerin des Reformprozesses) zur Begrüßung.

Mit den vielen Menschen auf dem Bildschirm ist es etwas unübersichtlich, das ganze erinnert an die Setzkästen aus den 80er-Jahren – davon gibt es nun gleich vier, durch die man sich klicken kann. Gut, dass im Laufe des fünfstündigen Workshops vier Phasen mit Kleingruppen eingeschoben werden. 

In der ersten Runde geht es gleich um das Kernthema. «Was hat mich an der christlichen Botschaft berührt?», lautet die Leitfrage.  In allen Gruppenphasen gibt es eine wichtige Regel: Zunächst sagt jeder und jede etwas, bevor dann die Diskussion beginnt. So bleibt niemand ungehört. Im Plenum, in dem die Ergebnisse in aller Kürze zusammengetragen werden, zeigt sich bereits das Spektrum der möglichen Antworten. Nächstenliebe und Gemeinschaft sind zentrale Begriffe. 

Wer wohin gehört

Als kleine Auflockerung ruft Christoph Gerken (IPOS-Institut), der die Veranstaltung gemeinsam mit Eva Hillebold moderiert, einzelne Gruppen auf – etwa Studierende oder Kita-Mitarbeiterinnen – ihre Kameras einzuschalten, während die anderen ausgeschaltet bleiben. So sieht man, wer wohin gehört. 

Dann läutet Gerken die zweite Gruppenrunde ein – diesmal zum Thema «Wozu ist Kirche künftig da?». Diese Frage solle man aus «dem Grunde seines Herzens» beantworten, sagt Gerken und fügt noch hinzu: «Halten Sie Ihre Gedanken nicht für unwichtig!» Gerade auch die Nicht-Theologen sollten sich einbringen. In 16 Gruppen wird daran gearbeitet, Ergebnisse werden vorgestellt und über eine Internet-Abstimmung bewertet. Die meisten Stimmen entfielen auf: «Menschen in ihren individuellen Lebenssituationen begleiten» (siehe Grafik).

Nach einer kurzen Verschnaufpause stellt Bischöfin Dr. Beate Hofmann ihr Modell vor, auf dessen Grundlage anhand von Grundaufgaben und Kriterien die Zukunft der kirchlichen Arbeit gestaltet werden soll. «Wie nehmen wir die Dynamik auf, die durch die Pandemie entstanden ist?», fragt sie mit Blick auf viele Veränderungen in den Arbeitsbereichen. 

 

Ergebnis der Internet-Abstimmung bei der Großgruppenkonferenz

Keine Gespräche zwischen Tür und Angel

In der nun folgenden Phase können sich die Teilnehmenden erstmals selbst eine Gruppe wählen, nämlich passend zu der Grundaufgabe, die ihnen selbst am nächsten liegt und zu der sie etwas beruflich beitragen. Nach einer Auswertung folgt die Mittagspause, die nach so viel Zeit vor dem Bildschirm zur rechten Zeit kommt. Wäre man auf einer analogen Tagung, wäre das sicher auch die Gelegenheit für einen Austausch zwischen Tür und Angel, auf dem Flur oder beim Mittagessen – das fehlt.

Mit den Grundaufgaben werden fünf Kriterien verknüpft, die die Bischöfin nach der Pause vorstellt, bevor die Mitarbeitenden wieder in Kleingruppen geschickt werden: motivierend, Kontaktflächen bietend, ausstrahlungsfördernd, nachhaltig, Kooperation stärkend. Wie tun wir, was wir tun? Diese Frage bestimmt diese Kriterien. Mit ihnen soll nun in den Kleingruppen konkret die eigene Arbeit beleuchtet werden. Nach einer erneuten Auswertung im Plenum und über das Abstimmungs-Tool  werden Reaktionen auf die Konferenz im Chat gesammelt – erstmals herrscht währenddessen völlige Stille auf dem Bildschirm – beinahe mediativ. Die meisten Kommentare, wie auch in einer abschließenden Runde, sind positiv. Eine Teilnehmerin lobt die Gesprächsatmosphäre, das «Gefühl, alles frei sagen zu können.» Das sei, auch in der Kirche, nicht immer so.

Dieses «Reden auf Augenhöhe» sah auch Geschäftsführerin Hillebold als positives Merkmal, als sie später ein Fazit zog. Allein schon dadurch sei es keine vergeudete Zeit gewesen, das hätten viele Reaktionen nach der Konferenz gezeigt. Über die erste Konferenz in dieser Größenordnung sagt sie: «Es ist gelungen, was gelingen sollte.» 

Wie es weitergeht

Bischöfin Hofmann beschrieb, wie der Prozess nun weitergeht. Es soll noch mindestens drei weitere Großkonferenzen geben, zusätzlich treffen sich Fokusgruppen mit spezifischerem Zuschnitt. Die Kreissynoden waren bereits mit dem Prozess befasst. All das, was dabei zusammengetragen wird, soll dann – auch mithilfe eines Instituts – gebündelt, dokumentiert und ausgewertet werden. Eine Definition des Auftrags der Kirche soll die Landessynode Anfang März beraten und beschließen. Doch das ist längst nicht das Ende der Reformen, sondern ein erster, großer Schritt. Die Umsetzung folgt danach, so soll 2022 auch in den Regionen der Landeskirche intensiv diskutiert werden. Zu der Arbeit gehöre eine Überarbeitung der Grundordnung, sozusagen das Grundgesetz, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. 

Über den neuen Newsletter und immer wieder aktualisierte Informationen auf ekkw.de könne jeder und jede informiert bleiben. Es werde immer wieder Möglichkeiten geben, sich einzubringen, kündigte Hofmann an. Vielleicht auch mal mit einer Idee, die im Gegensatz zu allen anderen vertikal steht – so wie der eine Bildschirm zu Beginn der Konferenz. (07.10.2021)


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