Aktuell: Sehnsucht nach Segen: Bischöfin wirbt, aktiv einzuladen

Hofgeismar. Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Bestattungen einladend und im engen Austausch mit den Beteiligten zu gestalten – dafür warb die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Dr. Beate Hofmann, zum Auftakt der Herbsttagung der Landessynode. Ihr dem sogenannten Kirchenparlament vorgelegter Bericht trägt den Titel: «Das segnende Handeln der Kirche im Horizont der mutigen Gnade Gottes.» Darin sprach sie über die Sehnsucht nach Segen und lenkte den Blick auf «das Ringen um Frieden im Nahen Osten», auf den Krieg in der Ukraine und die Krisenherde unserer Zeit. «Menschen sehnen sich in diesen unruhigen Zeiten nach Begleitung, nach Frieden und Geborgenheit – und doch verlassen sie unsere Kirche. Ihre Hoffnung auf Gottes Segen im Kontext dieser Welt aber bleibt.»

«Empörend und beschämend, dass Menschen den Raum des Segens missbrauchen»

Auch das Thema sexualisierte Gewalt in der EKKW sprach die Bischöfin an und damit «die bittere Erkenntnis, wie nahe Segen und sein Missbrauch beieinander liegen». Sie verwies auf Berichte von Personen, deren Vertrauen missbraucht wurde und denen auf eine Weise Leid zugefügt wurde, das ihr ganzes Leben gezeichnet habe. Sie nannte es «empörend und beschämend zugleich, dass Menschen in unserer Kirche diesen besonderen Raum des Segens missbrauchen für ihre psychischen und sexuellen Machtgelüste». Es sei gut, dass solche Taten ans Licht kommen und aufgearbeitet werden. Sie appellierte: «Wir müssen alles tun, was an Prävention, klarer Intervention und konsequenter Aufarbeitung möglich ist. Nur so gestalten wir die uns anvertraute Gabe des segnenden Handelns angemessen und vertrauenswürdig.»

Kirche wird zum Segensraum, wenn sie auf Menschen zugeht

Unter diesen Voraussetzungen ließe sich auch auf die positiven Erfahrungen mit Segen blicken, etwa auf die Landesgartenschau in Fulda, wo am «Himmelszelt» der evangelischen Kirche mehr als 500 Einzel-, Paar- und Gruppensegnungen stattgefunden haben. Auch an die über 50 Tauffeste mit rund 500 Taufen in diesem Sommer erinnerte Bischöfin Hofmann: «Nach wie vor gibt es eine Sehnsucht nach Segen.» Und nach wie vor könne Kirche ein Ort sein, wo diese Sehnsucht gestillt werde. «Sie eröffnet diesen Segensraum, wenn sie dahin geht, wo sich Menschen gern aufhalten oder wenn sie das Potenzial ungewöhnlicher Orte nutzt», so die Bischöfin. Der Zuspruch von Gottes Schutz und Begleitung im Segen treffe den Nerv vieler Menschen in diesen unsicheren Zeiten. Allerdings veränderten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Begegnung mit diesem Segen rasant, so die Bischöfin. Kirche habe kein Monopol mehr.

Menschen in der Gestaltung von Taufe, Trauung oder Beerdigung gut begleiten

Der Wandel zeige sich zum Beispiel an folgenden Beobachtungen: Tauforte und Taufalter werden immer vielfältiger; die Konfirmandenzeit ist inzwischen die bedeutendste Kircheneintrittsgelegenheit; durchschnittlich gibt es nur noch ein bis zwei kirchliche Trauungen im Jahr pro Gemeinde; immer mehr Evangelische lassen sich nicht mehr kirchlich bestatten, berichtete die Bischöfin. Kirche bewege sich zunehmend auf einem Markt in der Konkurrenz zu «freien» Anbietern. Sie sollte aktiv und selbstbewusst einladen, Lebensschwellen mit Gottes Segen zu feiern. Menschen in der Gestaltung von Taufe, Trauung oder Beerdigung gut zu begleiten und ein persönliches Fest zu feiern, sei eine Stärke der Kirche, so Bischöfin Hofmann.

Kirche ist herausgefordert: Mitgliedschaft oder Zugehörigkeit?

Dabei zeigten sich einige Herausforderungen, etwa der Umgang mit Kirchenmitgliedschaft. «Lassen wir zu oder laden wir ein? Fragen wir zuerst nach der Kirchenmitgliedschaft, um zu entscheiden, ob jemand getraut, beerdigt oder Taufpate werden kann. Oder bieten wir Segen und Begleitung an, ohne Bedingungen zu stellen?», fragte die Bischöfin. Das Nebeneinander von Verbundenen, die «treu Kirchensteuer bezahlen» und jenen, die sich (zeitweise) zugehörig fühlen und engagieren – etwa im Chor, bei Festen oder diakonischen Aktivitäten – führe in ein Dilemma. Die evangelische Kirche sei auf die verbindliche Form der Zugehörigkeit und Finanzierung als Basis angewiesen. Könne es dennoch gelingen, Trost und Segen anzubieten, ohne Mitgliedschaft zu erwarten?

Gottes Gnade sei bedingungslos – das komme im Segen zum Ausdruck, sagte Bischöfin Hofmann. Sie warb dafür, unterschiedliche Formen von Religiosität und Kirchenbindung zu akzeptieren und berichtete von überraschenden Erfahrungen mit neuen Begegnungs- und Begleitungsangeboten, beispielsweise in «Kasual-Agenturen» wie der Projektstelle «Leben.feiern» in Hanau oder dem geplanten Zentrum für Trauerkultur in Kassel.  (27.11.2023)

2023-11-29 38883

Bericht über segnendes Handeln im Wandel
Sehnsucht nach Segen: Bischöfin wirbt, aktiv einzuladen

Sehnsucht nach Segen: Bischöfin wirbt, aktiv einzuladen
Bischöfin Dr. Beate Hofmann während ihres Berichts in Hofgeismar. (Foto: medio.tv/Schauderna)

Hofgeismar. Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Bestattungen einladend und im engen Austausch mit den Beteiligten zu gestalten – dafür warb die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Dr. Beate Hofmann, zum Auftakt der Herbsttagung der Landessynode. Ihr dem sogenannten Kirchenparlament vorgelegter Bericht trägt den Titel: «Das segnende Handeln der Kirche im Horizont der mutigen Gnade Gottes.» Darin sprach sie über die Sehnsucht nach Segen und lenkte den Blick auf «das Ringen um Frieden im Nahen Osten», auf den Krieg in der Ukraine und die Krisenherde unserer Zeit. «Menschen sehnen sich in diesen unruhigen Zeiten nach Begleitung, nach Frieden und Geborgenheit – und doch verlassen sie unsere Kirche. Ihre Hoffnung auf Gottes Segen im Kontext dieser Welt aber bleibt.»

«Empörend und beschämend, dass Menschen den Raum des Segens missbrauchen»

Auch das Thema sexualisierte Gewalt in der EKKW sprach die Bischöfin an und damit «die bittere Erkenntnis, wie nahe Segen und sein Missbrauch beieinander liegen». Sie verwies auf Berichte von Personen, deren Vertrauen missbraucht wurde und denen auf eine Weise Leid zugefügt wurde, das ihr ganzes Leben gezeichnet habe. Sie nannte es «empörend und beschämend zugleich, dass Menschen in unserer Kirche diesen besonderen Raum des Segens missbrauchen für ihre psychischen und sexuellen Machtgelüste». Es sei gut, dass solche Taten ans Licht kommen und aufgearbeitet werden. Sie appellierte: «Wir müssen alles tun, was an Prävention, klarer Intervention und konsequenter Aufarbeitung möglich ist. Nur so gestalten wir die uns anvertraute Gabe des segnenden Handelns angemessen und vertrauenswürdig.»

Kirche wird zum Segensraum, wenn sie auf Menschen zugeht

Unter diesen Voraussetzungen ließe sich auch auf die positiven Erfahrungen mit Segen blicken, etwa auf die Landesgartenschau in Fulda, wo am «Himmelszelt» der evangelischen Kirche mehr als 500 Einzel-, Paar- und Gruppensegnungen stattgefunden haben. Auch an die über 50 Tauffeste mit rund 500 Taufen in diesem Sommer erinnerte Bischöfin Hofmann: «Nach wie vor gibt es eine Sehnsucht nach Segen.» Und nach wie vor könne Kirche ein Ort sein, wo diese Sehnsucht gestillt werde. «Sie eröffnet diesen Segensraum, wenn sie dahin geht, wo sich Menschen gern aufhalten oder wenn sie das Potenzial ungewöhnlicher Orte nutzt», so die Bischöfin. Der Zuspruch von Gottes Schutz und Begleitung im Segen treffe den Nerv vieler Menschen in diesen unsicheren Zeiten. Allerdings veränderten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Begegnung mit diesem Segen rasant, so die Bischöfin. Kirche habe kein Monopol mehr.

Menschen in der Gestaltung von Taufe, Trauung oder Beerdigung gut begleiten

Der Wandel zeige sich zum Beispiel an folgenden Beobachtungen: Tauforte und Taufalter werden immer vielfältiger; die Konfirmandenzeit ist inzwischen die bedeutendste Kircheneintrittsgelegenheit; durchschnittlich gibt es nur noch ein bis zwei kirchliche Trauungen im Jahr pro Gemeinde; immer mehr Evangelische lassen sich nicht mehr kirchlich bestatten, berichtete die Bischöfin. Kirche bewege sich zunehmend auf einem Markt in der Konkurrenz zu «freien» Anbietern. Sie sollte aktiv und selbstbewusst einladen, Lebensschwellen mit Gottes Segen zu feiern. Menschen in der Gestaltung von Taufe, Trauung oder Beerdigung gut zu begleiten und ein persönliches Fest zu feiern, sei eine Stärke der Kirche, so Bischöfin Hofmann.

Kirche ist herausgefordert: Mitgliedschaft oder Zugehörigkeit?

Dabei zeigten sich einige Herausforderungen, etwa der Umgang mit Kirchenmitgliedschaft. «Lassen wir zu oder laden wir ein? Fragen wir zuerst nach der Kirchenmitgliedschaft, um zu entscheiden, ob jemand getraut, beerdigt oder Taufpate werden kann. Oder bieten wir Segen und Begleitung an, ohne Bedingungen zu stellen?», fragte die Bischöfin. Das Nebeneinander von Verbundenen, die «treu Kirchensteuer bezahlen» und jenen, die sich (zeitweise) zugehörig fühlen und engagieren – etwa im Chor, bei Festen oder diakonischen Aktivitäten – führe in ein Dilemma. Die evangelische Kirche sei auf die verbindliche Form der Zugehörigkeit und Finanzierung als Basis angewiesen. Könne es dennoch gelingen, Trost und Segen anzubieten, ohne Mitgliedschaft zu erwarten?

Gottes Gnade sei bedingungslos – das komme im Segen zum Ausdruck, sagte Bischöfin Hofmann. Sie warb dafür, unterschiedliche Formen von Religiosität und Kirchenbindung zu akzeptieren und berichtete von überraschenden Erfahrungen mit neuen Begegnungs- und Begleitungsangeboten, beispielsweise in «Kasual-Agenturen» wie der Projektstelle «Leben.feiern» in Hanau oder dem geplanten Zentrum für Trauerkultur in Kassel.  (27.11.2023)


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