Aktuell: Sexualisierte Gewalt: Betroffene wünschen klares Bekenntnis

Hofgeismar. «Auch in der Evangelischen Kirche von Kurhessen und Waldeck ist es zu sexualisierter Gewalt und eklatantem Fehlverhalten gekommen – das müssen wir benennen und uns unserer Verantwortung stellen.» Dafür warb Pfarrerin Sabine Kresse, kommissarische Koordinatorin zum Thema sexualisierte Gewalt in der EKKW vor der Landessynode. Dazu gehöre nicht nur, aber auch die Zahlung von Anerkennungsleistungen, deren Höhe die Unabhängige Anerkennungskommission (UAK) der Landeskirche vorschlägt. Über die Arbeit dieser dreiköpfigen Kommission, die die EKKW im Herbst 2019 eingerichtet hatte, berichtete Trauma-Therapeutin Friedegunde Bölt. «Wir haben in den vier Jahren unseres Wirkens 21 Menschen getroffen, die sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext erlebt haben.»

Rund 481.000 Euro an Anerkennungszahlungen seien seither mit 15 Betroffenen in unterschiedlicher Höhe vereinbart und bewilligt worden, sagte UAK-Mitglied Bölt. Es gehe aber um weit mehr als um finanzielle Unterstützung. Die Kommission wolle Betroffenen zuhören und nicht nach Aktenlage entscheiden. «Wir wollen sie unterstützen im Suchprozess, was nötig wäre, um mit den schmerzhaften Ereignissen in ihrer Vergangenheit abschließen zu können», erläuterte Bölt. Betroffene wünschten sich ein klares Bekenntnis der Kirche zur aktiven Aufklärung und Aufarbeitung. Ihr Wille «wissen-zu-wollen» müsse deutlich werden. Kirche soll nach Mitwissenden recherchieren und nach jenen, die vertuschten und verharmlosten.

«Der erfahrene Schmerz kann nicht gerecht mit Geld aufgewogen werden»

Bölt warnte indes davor, einen allgemeinen Anerkennungskatalog zu schaffen. Er führe weg von der Notwendigkeit, Betroffene in ihrem individuellen Leid zu sehen. «Für das, was geschehen ist, gibt es keine Wiedergutmachung, keine Entschuldigung – der erfahrene Schmerz kann nicht gerecht mit Geld aufgewogen werden», ist sie überzeugt. Vordringlich bleibe, mit Betroffenen auszuloten, was sie brauchen und gut für sie wäre. Und auch die Frage nach weiteren betroffenen Personen müsse stärker in den Blick geraten. «Täter haben in 85 Prozent auch andere gequält», machte Bölt deutlich. Sie kamen aus unterschiedlichen Bereichen: So habe es Übergriffe in Heimen, bei Pfadfindern, im kirchlichen Musik- und Konfirmandenunterricht und im Kontext der Diakonie gegeben. In der Mehrzahl seien die Täter verstorben. In nur zwei Fällen hätten sie ihre Taten eingestanden und sich entschuldigt. «Für uns eine deprimierende Ausbeute», so Bölt. 

Gleichwohl betonte die Trauma-Therapeutin stellvertretend für die Anerkennungskommisson: «Wir mögen diese Arbeit sehr und sind dankbar, dass Missstände ins Blickfeld geraten. Sie appellierte an die Synodalen: «Schauen Sie in Ihre Gemeinde und darauf, wie darüber gesprochen wird!»

Bischöfin: Künftig regionale Aufarbeitungskommissionen

Bischöfin Dr. Beate Hofmann, die bereits in ihrem Bericht zu Beginn der Herbsttagung auf das Thema sexualisierte Gewalt eingegangen war, berichtete von Plänen der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, regionale Aufarbeitungskommissionen in neun verschiedenen Regionen einzurichten. Die EKKW werde eine gemeinsame Aufarbeitungskommission mit der EKHN für Hessen bilden. Ein wesentliches Element sei die Beteiligung von Betroffenen, so die Bischöfin. Sie machte deutlich, dass es der ausdrückliche Wunsch der Betroffenenvertretung gewesen sei, einheitliche Regelungen für Anerkennungsleistungen zu treffen. Künftig soll es Sockelbeträge für alle Landeskirchen geben. Die Höhe der Zahlungen würde aber mit den Betroffenen ausgelotet.

Prälat: Zahl der gemeldeten Fälle steigt an

Prälat Burkhard zu Nieden verwies zudem auf die ForuM-Studie: Der Forschungsverbund «ForuM – Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland» – will seine Ergebnisse im Januar vorstellen. Dafür habe die EKKW in rund 4000 Personalakten 40 Fälle von sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen bzw. 40 Täter ermittelt. In vielen Fällen gebe es aber mehrere betroffene Personen. Hochgerechnet auf 800 Kirchengemeinden und Einrichtungen der Landeskirche habe es somit in jeder 20. Gemeinde bzw. Einrichtung mindestens einen Täter und eine oft unbekannte Anzahl von Betroffenen gegeben, so der Prälat. Er beobachtet zudem eine stärkere Sensibilisierung für das Thema: Infolge der Präventions-Schulungen aller Pfarrpersonen und Mitarbeitenden der Landeskirche sowie zunehmend auch der Ehrenamtlichen sei die Zahl der gemeldeten Fälle deutlich angestiegen: Im Jahr 2020 waren es 5, in diesem Jahr bereits 21 gemeldete Fälle von Grenzverletzungen, Übergriffen und Straftaten, berichtete zur Nieden und ergänzte: «Menschen bekommen Sprache und kommen auf uns zu.»

2023-11-29 38906

Anerkennungskommission berichtet über ihre Arbeit
Sexualisierte Gewalt: Betroffene wünschen klares Bekenntnis

Sexualisierte Gewalt: Betroffene wünschen klares Bekenntnis
Berichteten vor der Landessynode (v.l.): Trauma-Therapeutin Friedegunde Bölt von der Unabhängigen Anerkennungskommission und Pfarrerin Sabine Kresse, kommissarische Koordinatorin des Themas sexualisierte Gewalt in der EKKW (Foto: medio.tv/Schauderna)

Hofgeismar. «Auch in der Evangelischen Kirche von Kurhessen und Waldeck ist es zu sexualisierter Gewalt und eklatantem Fehlverhalten gekommen – das müssen wir benennen und uns unserer Verantwortung stellen.» Dafür warb Pfarrerin Sabine Kresse, kommissarische Koordinatorin zum Thema sexualisierte Gewalt in der EKKW vor der Landessynode. Dazu gehöre nicht nur, aber auch die Zahlung von Anerkennungsleistungen, deren Höhe die Unabhängige Anerkennungskommission (UAK) der Landeskirche vorschlägt. Über die Arbeit dieser dreiköpfigen Kommission, die die EKKW im Herbst 2019 eingerichtet hatte, berichtete Trauma-Therapeutin Friedegunde Bölt. «Wir haben in den vier Jahren unseres Wirkens 21 Menschen getroffen, die sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext erlebt haben.»

Rund 481.000 Euro an Anerkennungszahlungen seien seither mit 15 Betroffenen in unterschiedlicher Höhe vereinbart und bewilligt worden, sagte UAK-Mitglied Bölt. Es gehe aber um weit mehr als um finanzielle Unterstützung. Die Kommission wolle Betroffenen zuhören und nicht nach Aktenlage entscheiden. «Wir wollen sie unterstützen im Suchprozess, was nötig wäre, um mit den schmerzhaften Ereignissen in ihrer Vergangenheit abschließen zu können», erläuterte Bölt. Betroffene wünschten sich ein klares Bekenntnis der Kirche zur aktiven Aufklärung und Aufarbeitung. Ihr Wille «wissen-zu-wollen» müsse deutlich werden. Kirche soll nach Mitwissenden recherchieren und nach jenen, die vertuschten und verharmlosten.

«Der erfahrene Schmerz kann nicht gerecht mit Geld aufgewogen werden»

Bölt warnte indes davor, einen allgemeinen Anerkennungskatalog zu schaffen. Er führe weg von der Notwendigkeit, Betroffene in ihrem individuellen Leid zu sehen. «Für das, was geschehen ist, gibt es keine Wiedergutmachung, keine Entschuldigung – der erfahrene Schmerz kann nicht gerecht mit Geld aufgewogen werden», ist sie überzeugt. Vordringlich bleibe, mit Betroffenen auszuloten, was sie brauchen und gut für sie wäre. Und auch die Frage nach weiteren betroffenen Personen müsse stärker in den Blick geraten. «Täter haben in 85 Prozent auch andere gequält», machte Bölt deutlich. Sie kamen aus unterschiedlichen Bereichen: So habe es Übergriffe in Heimen, bei Pfadfindern, im kirchlichen Musik- und Konfirmandenunterricht und im Kontext der Diakonie gegeben. In der Mehrzahl seien die Täter verstorben. In nur zwei Fällen hätten sie ihre Taten eingestanden und sich entschuldigt. «Für uns eine deprimierende Ausbeute», so Bölt. 

Gleichwohl betonte die Trauma-Therapeutin stellvertretend für die Anerkennungskommisson: «Wir mögen diese Arbeit sehr und sind dankbar, dass Missstände ins Blickfeld geraten. Sie appellierte an die Synodalen: «Schauen Sie in Ihre Gemeinde und darauf, wie darüber gesprochen wird!»

Bischöfin: Künftig regionale Aufarbeitungskommissionen

Bischöfin Dr. Beate Hofmann, die bereits in ihrem Bericht zu Beginn der Herbsttagung auf das Thema sexualisierte Gewalt eingegangen war, berichtete von Plänen der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, regionale Aufarbeitungskommissionen in neun verschiedenen Regionen einzurichten. Die EKKW werde eine gemeinsame Aufarbeitungskommission mit der EKHN für Hessen bilden. Ein wesentliches Element sei die Beteiligung von Betroffenen, so die Bischöfin. Sie machte deutlich, dass es der ausdrückliche Wunsch der Betroffenenvertretung gewesen sei, einheitliche Regelungen für Anerkennungsleistungen zu treffen. Künftig soll es Sockelbeträge für alle Landeskirchen geben. Die Höhe der Zahlungen würde aber mit den Betroffenen ausgelotet.

Prälat: Zahl der gemeldeten Fälle steigt an

Prälat Burkhard zu Nieden verwies zudem auf die ForuM-Studie: Der Forschungsverbund «ForuM – Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland» – will seine Ergebnisse im Januar vorstellen. Dafür habe die EKKW in rund 4000 Personalakten 40 Fälle von sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen bzw. 40 Täter ermittelt. In vielen Fällen gebe es aber mehrere betroffene Personen. Hochgerechnet auf 800 Kirchengemeinden und Einrichtungen der Landeskirche habe es somit in jeder 20. Gemeinde bzw. Einrichtung mindestens einen Täter und eine oft unbekannte Anzahl von Betroffenen gegeben, so der Prälat. Er beobachtet zudem eine stärkere Sensibilisierung für das Thema: Infolge der Präventions-Schulungen aller Pfarrpersonen und Mitarbeitenden der Landeskirche sowie zunehmend auch der Ehrenamtlichen sei die Zahl der gemeldeten Fälle deutlich angestiegen: Im Jahr 2020 waren es 5, in diesem Jahr bereits 21 gemeldete Fälle von Grenzverletzungen, Übergriffen und Straftaten, berichtete zur Nieden und ergänzte: «Menschen bekommen Sprache und kommen auf uns zu.»

Stichwort: Unabhängige Unterstützungskommission

Ende 2019 hat die EKKW eine Unabhängige Unterstützungskommission eingerichtet; sie heißt inzwischen Anerkennungskommission, weil das der bundesweit gebräuchliche Begriff ist. Die drei Mitglieder der Kommission (Dr. h.c. Peter Masuch, Richter im Ruhestand, Trauma-Therapeutin Friedegunde Bölt und die frühere Leiterin von Pro Familia Kassel, Petra Zimmermann) sind von der Kirche unabhängig und begleiten Menschen, die sich als Betroffene melden. Die Kommission klärt, ob ein Fall noch rechtlich verfolgt werden kann. Sie überlegt gemeinsam mit den Betroffenen, was sie sich wünschen bzw. brauchen, zum Beispiel psychologische Unterstützung und/oder eine finanzielle Leistung zur Hilfe und Anerkennung ihres Leids. Bislang wurden Anerkennungszahlungen in 15 Fällen in Höhe von 481.250 Euro gezahlt.

(27.11.2023, aktualisiert am 28.11.2023)


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