Aktuell: Bischöfin Dr. Beate Hofmann zur Studie des Forschungsverbunds ForuM

Kassel/Hannover. Auch in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) gab und gibt es sexualisierte Gewalt. Die so genannte ForuM-Studie, deren Ergebnisse am Donnerstag (25. Januar) vorgestellt wurden, beschreibe und analysiere «das jahrzehntelange institutionelle Versagen», sagt Bischöfin Dr. Beate Hofmann und ergänzt: «Auch unsere Kirche hat versagt und jahrzehntelang nicht auf die Betroffenen und ihr Leid gehört, sondern vor allem die Täter, ihre Familien und das Ansehen unserer Institution im Blick gehabt und falsche Entscheidungen getroffen.» 

Für sie als Bischöfin sei es «bedrückend und beschämend, die Ausmaße dieses Versagens zu erkennen», heißt es in einer Mitteilung der Landeskirche. Zugleich bezeichnet Hofmann es als es gut und wichtig, dass dieses Versagen klar zum Ausdruck komme und untersucht werde. «Wir müssen alles tun, damit denen, die Gewalt erfahren haben und deren Vertrauen missbraucht wurde, zugehört wird, ihr Leid anerkannt und das Unrecht, das ihnen geschehen ist, klar benannt wird», so die Bischöfin. Sie kündigte an, dass die Landeskirche die Erkenntnisse und Empfehlungen der Studie intensiv studieren und im Dialog mit betroffenen Personen die notwendigen Konsequenzen ziehen werde. «Wir müssen unser Selbstbild kritisch überprüfen und unsere Abwehrmuster überwinden», sagt sie. Dabei gelte es vor Augen zu haben: «Gott steht auf der Seite derer, die Gewalt erfahren. Er schützt nicht die, die Gewalt ausüben oder vertuschen.»

2024-02-05 39241

Sexualisierte Gewalt: «Auch unsere Kirche hat versagt»
Bischöfin Dr. Beate Hofmann zur Studie des Forschungsverbunds ForuM

Bischöfin Dr. Beate Hofmann zur Studie des Forschungsverbunds ForuM
Pressekonferenz in Hannover: Prof. Dr. Martin Wazlawik (Hochschule Hannover) übergibt gemeinsam mit den Forschenden des Forschungsverbundes den Abschlussbericht der Studie an Kirsten Fehrs, Amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das Foto stammt aus dem Livestream der Pressekonferenz. Rechts in der Bild-Montage: Bischöfin Dr. Beate Hofmann (Foto: medio.tv/Schauderna)

Kassel/Hannover. Auch in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) gab und gibt es sexualisierte Gewalt. Die so genannte ForuM-Studie, deren Ergebnisse am Donnerstag (25. Januar) vorgestellt wurden, beschreibe und analysiere «das jahrzehntelange institutionelle Versagen», sagt Bischöfin Dr. Beate Hofmann und ergänzt: «Auch unsere Kirche hat versagt und jahrzehntelang nicht auf die Betroffenen und ihr Leid gehört, sondern vor allem die Täter, ihre Familien und das Ansehen unserer Institution im Blick gehabt und falsche Entscheidungen getroffen.» 

Für sie als Bischöfin sei es «bedrückend und beschämend, die Ausmaße dieses Versagens zu erkennen», heißt es in einer Mitteilung der Landeskirche. Zugleich bezeichnet Hofmann es als es gut und wichtig, dass dieses Versagen klar zum Ausdruck komme und untersucht werde. «Wir müssen alles tun, damit denen, die Gewalt erfahren haben und deren Vertrauen missbraucht wurde, zugehört wird, ihr Leid anerkannt und das Unrecht, das ihnen geschehen ist, klar benannt wird», so die Bischöfin. Sie kündigte an, dass die Landeskirche die Erkenntnisse und Empfehlungen der Studie intensiv studieren und im Dialog mit betroffenen Personen die notwendigen Konsequenzen ziehen werde. «Wir müssen unser Selbstbild kritisch überprüfen und unsere Abwehrmuster überwinden», sagt sie. Dabei gelte es vor Augen zu haben: «Gott steht auf der Seite derer, die Gewalt erfahren. Er schützt nicht die, die Gewalt ausüben oder vertuschen.»

Das Statement der Bischöfin im Wortlaut

Die ForuM-Studie hat das jahrzehntelange institutionelle Versagen der evangelischen Kirche im Blick auf sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche beschrieben und analysiert. Deutlich wird: Auch unsere Kirche hat versagt und jahrzehntelang nicht auf die Betroffenen und ihr Leid gehört, sondern vor allem die Täter, ihre Familien und das Ansehen unserer Institution im Blick gehabt und falsche Entscheidungen getroffen.

Für mich als Bischöfin ist es bedrückend und beschämend, die Ausmaße unseres Versagens zu erkennen. Und zugleich ist es gut und wichtig, dass dieses Versagen so klar benannt und analysiert wird. Uns Verantwortlichen auf allen Ebenen unserer Kirche ist unsere Verantwortung bewusst: Wir müssen alles tun, damit denen, die Gewalt erfahren haben und deren Vertrauen missbraucht wurde, zugehört wird, ihr Leid anerkannt und das Unrecht, das ihnen geschehen ist, klar benannt wird. 

Es ist deutlich: Sexualisierte Gewalt ist kein Einzelfall, es ist nicht nur ein Problem der Vergangenheit und diese Gewalt muss überall ernstgenommen werden. 

Wir müssen unser Selbstbild kritisch überprüfen, unsere Abwehrmuster überwinden und strukturelle Konsequenzen ziehen, zum Beispiel in der Dokumentation von Hinweisen, in der konsequenten Aufarbeitung und im Blick auf Strukturen, die Verantwortung verwischen. Und dabei müssen wir immer vor Augen haben: Gott steht auf der Seite derer, die Gewalt erfahren. Er schützt nicht die, die Gewalt ausüben oder vertuschen.

Wir werden die Erkenntnisse und Empfehlungen der ForuM-Studie intensiv studieren, diskutieren und im Dialog mit den Betroffenen die notwendigen Konsequenzen ziehen.

Bischöfin Dr. Beate Hofmann (Foto: medio.tv/Schauderna)

Täter und beschuldigte Personen: EKKW hat 34 Fälle für Studie übermittelt

Für die unabhängige Studie des Forschungsverbundes ForuM (Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland») habe auch die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ihre Akten – ihre Disziplinarakten, aber auch rund 1.400 Personalakten von aktiven sowie noch lebenden, im Ruhestand befindlichen Pfarrpersonen – untersucht und Fallzahlen übermittelt. Angefordert seien sowohl Verdachts- als auch bestätigte Fälle im Zeitraum 1946 bis 2020 gewesen, die sexualisierte Gewalt gegenüber Minderjährigen betrafen. Die EKKW habe 34 Fragebögen zu beschuldigten Personen bzw. Tätern gemeldet, darunter sind 22 Pfarrpersonen. Hinzu sein 76 Fragebögen zu betroffenen Personen gekommen, wobei diese Zahl nicht der tatsächlichen Anzahl der Betroffenen entspreche. Die Dunkelziffer sei deutlich höher. Die EKKW ermutigt betroffene Personen, sich zu melden. 

Im Rahmen der Untersuchung seien weitere Fälle ans Licht gekommen, unter anderem mit erwachsenen Personen. Aufgrund der in der Aktenrecherche ermittelten sowie der laufenden und geschätzten Fälle sei nach jetzigem Kenntnisstand von etwa 40 bis 50 Tatpersonen auszugehen. Fragen und Antworten dazu, wie die Aktenrecherche für die Studie in der EKKW ablief...

Aufarbeitung, Prävention, Intervention: Das unternimmt die EKKW

Beim Thema sexualisierte Gewalt verfolgt die EKKW mit Aufarbeitung, Intervention und Prävention mehrere Stränge gleichzeitig. 

Unabhängige Anerkennungskommission

Ende 2019 wurde eine unabhängige Anerkennungskommission (vormals Unterstützungskommission) ins Leben gerufen. Die drei Mitglieder der Kommission – ein Richter im Ruhestand, eine Trauma-Therapeutin und die frühere Leiterin von Pro Familia Kassel – sind von der Kirche unabhängig und begleiten Menschen, die sich als Betroffene melden. Die Kommission klärt, ob ein Fall noch rechtlich verfolgt werden kann. Sie überlegt gemeinsam mit den Betroffenen, was sie sich wünschen bzw. brauchen, zum Beispiel psychologische Unterstützung und/oder eine finanzielle Leistung zur Hilfe und Anerkennung ihres Leids. Die Anerkennungskommission hat bislang 21 Menschen getroffen, die sexualisierte Gewalt im Kontext unserer Landeskirche erlebt haben. Rund 481.000 Euro an Anerkennungszahlungen sind seither mit 15 Betroffenen in unterschiedlicher Höhe vereinbart und bewilligt worden. Kontakt: anerkennungskommission@ekkw.de 

Aufarbeitung unklarer Fälle

Um unklar gebliebene oder unzureichend dokumentierte Altfälle aufzuarbeiten, hatte die EKKW 2022 zwei Personen mit juristischer Expertise im Sexualstrafrecht hinzugezogen: eine ehemalige Kasseler Staatsanwältin sowie den früheren Vizepräsidenten des Landgerichts Mühlhausen. Sie waren damit beauftragt, Altfälle rechtlich zu prüfen.

Forschungsprojekt an der Uni Kassel

Auch an einer systemischen Aufarbeitung ist der EKKW gelegen: Im Herbst 2023 ist ein Forschungsprojekt an der Universität Kassel gestartet, um einen Altfall aus unabhängiger wissenschaftlicher Perspektive aufzuarbeiten. 

Schulung von haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden

Die Haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der EKKW wurden und werden geschult, um sexualisierte Gewalt bzw. die Risiken ihrer Entstehung zu erkennen und Betroffenen professionelle Unterstützung zu vermitteln. Mehr als 2.000 Schulungen haben bereits stattgefunden. Geschult wurden Pfarrpersonen, die Beschäftigten im Landeskirchenamt sowie aus Kirchenmusik und Jugendarbeit. Diese Schulungen werden derzeit auf Ehrenamtliche ausgeweitet: Etwa zwei Drittel der Kirchenvorstände sind dank des Einsatzes von rund 30 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bereits geschult. 

Einrichtung einer Fachstelle

Die EKKW nimmt jeden Verdachtsfall ernst und geht ihm nach. Jeder Vorfall wird der Kirchenleitung und bei strafrechtlicher Relevanz den zuständigen staatlichen Stellen gemeldet, sofern die Betroffenen letzteres nicht (vorerst) untersagen. Koordiniert wird der Bereich von einer 2019 eingerichteten Fachstelle. Kontakt: Pfarrerin Sabine Kresse, Tel. 0151-1675 2077 oder 0561-9378 404, per E-Mail: praevention@ekkw.de

Die ForuM-Studie

Ein unabhängiges Forscherteam hat am Donnerstag (25.1.) eine Studie über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche veröffentlicht. Es ist die erste bundesweite Studie dieser Art. Sie wurde vom interdisziplinären Forschungsverbund «ForuM - Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland» erstellt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) fördert die Studie mit 3,6 Millionen Euro.

Die Studie besteht aus fünf themenbezogenen Teilprojekten und einer Meta-Studie. Ziel der Studie ist es, eine empirische Grundlage für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den 20 evangelischen Landeskirchen, der EKD und der Diakonie zu legen. Dazu wurden neben Fallzahlen auch strukturelle Ursachen für Missbrauch und der Umgang mit Betroffenen erforscht. Betroffene waren zum Teil auch selbst als Co-Forschende beteiligt oder wurden zu ihren Erfahrungen interviewt.

Der Forschungsverbund wird von dem Professor Martin Wazlawik von der Hochschule Hannover koordiniert, der sich auf Kinder- und Jugendhilfe spezialisiert hat. An dem Forschungsverbund ForuM sind zudem die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, die Bergische Universität Wuppertal, die Freie Universität Berlin, das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim sowie die Universität Heidelberg beteiligt.

Im wissenschaftlichen Beirat der Studie sitzen auch Vertreter der EKD und von Betroffenen. Für die EKD wirkt unter anderem die kommissarische Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs in dem Gremium mit, die im November nach dem Rücktritt ihrer Vorgängerin Annette Kurschus an die Spitze der EKD rückte. Die Betroffenen sind vertreten durch Detlev Zander, Sprecher der Betroffenen im Beteiligungsforum in der EKD, sowie Katharina Kracht, die dem 2021 gescheiterten Betroffenenbeirat angehörte.

So geht die EKKW mit dem Thema sexualisierte Gewalt um

Wie verhält sich die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck zu sexualisierter Gewalt? Was wurde in den vergangenen Jahren zum Schutz davor unternommen und wie arbeitet die Landeskirche geschehene sexualisierte Gewalt auf? Neben der Unterstützung des Forschungsvorhabens hat die Landeskirche in den vergangenen Jahren viele Schritte unternommen, um sexualisierte Gewalt in ihren Gemeinden und Einrichtungen zu verhindern und Menschen, denen sexualisierte Gewalt in kirchlichen Zusammenhängen widerfahren ist, zu unterstützen. Wir beantworten hier wichtige Fragen(25.01.2024, ekkw.de/epd)


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Der gesamte Abschlussbericht der Aufarbeitungsstudie ForuM zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche und Diakonie, eine Zusammenfassung und weitere Informationen zum Forschungsprojekt finden sich unter:

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