Aktuell: Bischof Hein: Im Diskurs zur Digitalisierung mehr Theologie wagen

Kassel (medio). Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Prof. Dr. Martin Hein, sieht in der Digitalisierung einen gesellschaftlichen Prozess, der auf allen Ebenen stattfindet und jeden Menschen betrifft. Die immer stärker fortschreitende Verflechtung der Menschen mit Maschinen und Algorithmen ist für den Bischof weder Drohszenario noch Heilsbotschaft: «Es ist eine Veränderung, die wie die Erfindung des Buchdrucks, der Industrialisierung oder der Mobilität unser Leben neu bestimmt», sagte Hein in einem Interview mit der Onlineredaktion des Medienhauses der EKKW.

Die Kirche stehe bei der Digitalisierung besonders vor einer theologischen Herausforderung. Es gehe nicht einfach darum «auch mal was mit dem Internet zu machen». Die entscheidenden Fragen seien vielmehr, wer und was Kirche in einer digitalen Gesellschaft sein will und wie das Evangelium dort seinen Platz finde, so Hein. Bei den Antworten darauf müsse Kirche mehr Theologie wagen, forderte der Bischof.

Die Hessische Landesregierung hat im vergangenen Jahr einen Rat für Digitalethik ins Leben gerufen, dem Bischof Hein neben weiteren Vertreterinnen und Vertretern aus Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft angehört. Die Mitglieder des Rates sollen die Auswirkungen von neuen Technologien und Anwendungen auf den Menschen bewerten und die Landesregierung in relevanten ethischen Fragen beraten. Hein, der von 2014 bis 2018 dem Deutschen Ethikrat angehörte, sagte zu seiner Mitgliedschaft, dass Christen in ein solches Gremium eine Perspektive auf die Welt mitbringen könnten, die anders sei, als z.B. rein technologische oder ökonomische Sichtweisen. «Wir können auch hier das 'Salz der Erde' sein. Salz muss man bekanntlich fein dosieren, aber verzichten kann man darauf nicht», so Bischof Hein. (30.01.2019)

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Zu seiner Arbeit im Hessischen Rat für Digitalethik
Bischof Hein: Im Diskurs zur Digitalisierung mehr Theologie wagen

Für Bischof Hein sind entscheidenden Fragen, wer und was Kirche in einer digitalen Gesellschaft sein will und wie das Evangelium dort seinen Platz finden kann.

Kassel (medio). Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Prof. Dr. Martin Hein, sieht in der Digitalisierung einen gesellschaftlichen Prozess, der auf allen Ebenen stattfindet und jeden Menschen betrifft. Die immer stärker fortschreitende Verflechtung der Menschen mit Maschinen und Algorithmen ist für den Bischof weder Drohszenario noch Heilsbotschaft: «Es ist eine Veränderung, die wie die Erfindung des Buchdrucks, der Industrialisierung oder der Mobilität unser Leben neu bestimmt», sagte Hein in einem Interview mit der Onlineredaktion des Medienhauses der EKKW.

Die Kirche stehe bei der Digitalisierung besonders vor einer theologischen Herausforderung. Es gehe nicht einfach darum «auch mal was mit dem Internet zu machen». Die entscheidenden Fragen seien vielmehr, wer und was Kirche in einer digitalen Gesellschaft sein will und wie das Evangelium dort seinen Platz finde, so Hein. Bei den Antworten darauf müsse Kirche mehr Theologie wagen, forderte der Bischof.

Die Hessische Landesregierung hat im vergangenen Jahr einen Rat für Digitalethik ins Leben gerufen, dem Bischof Hein neben weiteren Vertreterinnen und Vertretern aus Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft angehört. Die Mitglieder des Rates sollen die Auswirkungen von neuen Technologien und Anwendungen auf den Menschen bewerten und die Landesregierung in relevanten ethischen Fragen beraten. Hein, der von 2014 bis 2018 dem Deutschen Ethikrat angehörte, sagte zu seiner Mitgliedschaft, dass Christen in ein solches Gremium eine Perspektive auf die Welt mitbringen könnten, die anders sei, als z.B. rein technologische oder ökonomische Sichtweisen. «Wir können auch hier das 'Salz der Erde' sein. Salz muss man bekanntlich fein dosieren, aber verzichten kann man darauf nicht», so Bischof Hein. (30.01.2019)

Bischof Prof. Dr. Martin Hein (Archiv-Foto: medio.tv/Schauderna)

Drei Fragen an...

Wir haben Bischof Prof. Dr. Martin Hein zu seiner Arbeit im Hessischen Rat für Digitalethik und zu den Herausforderungen der Digitalisierung befragt. Die Fragen stellte Christian Küster, Onlineredakteur im Medienhaus der EKKW:

Herr Bischof Hein, das Land Hessen hat im vergangenen Jahr einen Rat für Digitalethik gegründet. Welche Rolle kann ein solcher Rat für die Hessische Landesregierung und die Menschen in Hessen spielen?

Bischof Hein: Die Leiterin des Digitalrates, Kristin Sinemus, ist jetzt auch Hessische Ministerin für digitale Strategie und Entwicklung geworden. Sie ist auf Erfahrung und Kenntnisse aus möglichst vielen gesellschaftlichen Bereichen angewiesen, weil Digitalisierung nicht einfach nur ein technischer Vorgang ist, sondern eine gesellschaftliche Entwicklung, die man vermutlich sogar als Umwälzung beschreiben kann.

Sie wurden vom Hessischen Ministerpräsidenten als Mitglied berufen. Welche Akzente wollen Sie als evangelischer Bischof in dem Rat setzen?

Bischof Hein: Vor allem bringe ich die Expertise aus meiner früheren Mitgliedschaft im Deutschen Ethikrat mit, in dem ich mich mit den Arbeitsformen, den Inhalten und den Aufgaben eines solchen Rates vertraut machen konnte. Dort habe ich gelernt, dass wir als Kirchen – oder sagen wir besser: als Christen – eine Perspektive auf die Welt mitbringen, die eine andere Sichtweise bedeutet, als es z.B. rein technologische oder ökonomische Sichtweisen mitbringen. Wir können auch hier das «Salz der Erde» sein. Salz muss man bekanntlich fein dosieren, aber verzichten kann man darauf nicht.

Stichwort Digitalisierung: Wo sehen Sie für die Kirche die drängendsten Herausforderungen und die größten Chancen in diesem Bereich?

Bischof Hein: Zuerst sollten wir als Kirche wahrnehmen, dass die Digitalisierung ein gesellschaftlicher Prozess ist, der auf allen Ebenen stattfindet und wirklich jeden Menschen betrifft. Wir neigen als Kirche dazu, die Frage: «Was müssen wir tun?» viel zu früh und zu schnell zu stellen. Erst einmal müssen wir erkennen: «Was bedeutet die Digitalisierung?», «Wie verändert sich das Verständnis von Gemeinschaft, von Kommunikation, von Teilhabe, Wohlstand, Demokratie, ja: und auch von Glauben, wenn wir immer stärker mit Maschinen verflochten und mit Algorithmen verbunden sind?» Das ist weder ein Drohszenario noch eine Heilsbotschaft. Es ist eine Veränderung, die wie die Erfindung des Buchdrucks, der Industrialisierung oder der Mobilität unser Leben neu bestimmt.

Es ist darum eine theologische Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Es geht nicht einfach darum, zu sagen: «Wir müssen als Kirche auch mal was mit dem Internet machen!». Die Frage lautet vielmehr: «Wer und was wollen wir als Kirche in einer digitalen Gesellschaft sein?», «Wo und wie hat das Evangelium da seinen Platz?». Wir müssen also auch hier, wie ich es in meinem letzten Bischofsbericht gefordert habe, mehr Theologie wagen. Daneben sollten wir die technologischen Innovationen, die uns die Arbeit erleichtern, natürlich nutzen und dafür auch finanzielle Mittel bereitstellen, immer unter der Leitfrage: «Was dient der Verkündigung und dem Dienst am Nächsten?» Das sind starke Kriterien, die wir aber nur gewinnen, wenn wir die theologischen Fragen zuerst stellen.

(30.01.2019)


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Weitere Informationen zum «Rat für Digitalethik» und alle Mitglieder des Gremiums unter: