Aktuell: Project Art Works - Ein Lieblingskunstwerk der Bischöfin

Der Raum könnte irgendwo sein: in einer Schule, einem Heim oder in einem Atelier. Beate Hofmann, Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, erinnert er an manchen Kirchentag. Wird hier wie dort doch gewerkelt und experimentiert, suchen und finden Menschen für sich und mit anderen über die Kunst den Ausdruck für das, was für sie die Welt zusammenhält.  Der Raum ist nicht irgendwo, sondern im Fridericianum, dem bisherigen Herzstück jeder documenta. «Die Kuratoren haben es geschafft, das Übersehene sichtbar zu machen», sagt die Bischöfin und begründet damit, warum dieser Raum der Gruppe Project Art Works zu ihren Lieblingskunstwerken der documenta fifteen zählt. 

Das britische Künstlerkollektiv arbeitet mit neurodiversen Kindern und Jugendlichen, also jungen Menschen mit Lernschwierigkeiten. Bei Hofmann sorgte nicht nur der Werkstattcharakter für ein Déjà-vu-Erlebnis, sondern auch die großformatigen Bilder mit konzentrischen Kreisen. In kräftigen Farben auf schwarzem Untergrund hängen sie an den Wänden wie überdimensionale Dartscheiben. Auch hier geht es um die Mitte, die der Mensch braucht. 

Noch deutlicher zeigt sich das auf den Fahnen, die von der Decke hängen. Dort haben Gruppen, auch aus der Region, ihre Ergebnisse festgehalten. Was braucht es für Glück, Freiheit und Erfüllung? Wer muss uns nah sein und wer uns aus der Ferne stützen?  Die Bischöfin erinnern diese Bilder an ihre Spinnennetzgrafiken, die sie mit Mitarbeitenden zum Beispiel auch in der Gruppenarbeit im Reformprozess der Landeskirche einsetzt. «Als Forscherin schließt sich hier für mich ein Kreis», sagt sie lächelnd.

«Cosmologies of care» nennt Project Art Works diese Grafiken. Für Hofmann spiegeln sie den eigenen Einsatz für das, was sie Sorgennetze nennt: Menschen miteinander in Beziehung bringen und dafür sorgen, dass niemand durch die Maschen fällt. Nur eines kommt aus ihrer Sicht in dem Raum zu kurz: die Werke der neurodiversen Künstler, die sie ebenso begeistert haben. 

Es ist die alte neue Frage um Kunst und Kultur, die diese documenta aufwirft und nicht lösen mag.  Fest steht aus Sicht der Bischöfin: Dieser Raum ist sehr politisch, erhebt er doch den Anspruch jedes Menschen auf künstlerischen Ausdruck. «Das Übersehene in den Mittelpunkt stellen», das habe die documenta geschafft. «Zu dem, was bisher übersehen wurde, gehören auch die antisemitischen Stereotype, die in Bildern entdeckt wurden und für viele Diskussionen gesorgt haben», sagt sie und stellt gleich klar: «Ich finde es wichtig, antisemitische Stereotype aufzudecken und zu kritisieren. Der Versuch, die kritisierten Werke 'zu kontextualisieren', ist noch nicht befriedigend gelöst, Ich hätte mir dazu mehr Dialog mit den Künstlerinnen und Künstlern gewünscht und mehr Versuche, einander zuzuhören und zu verstehen.» Diese Leerstelle in der Kommunikation bedauert sie. 

Die documenta fifteen nur auf das Antisemitismus-Thema zu reduzieren oder gar den Abbruch der Kunstschau zu fordern, findet sie gegenüber Ruangrupa und den vielen engagierten Kollektiven ungerecht. «Die Lumbung-Werte sind auch unsere Werte als Kirche», sagt sie. Und auch der Spruch «Educate, agitate, organize», der eines der Werke der umstrittenen Gruppe Taring Padi ziert, deckt sich mit ihrem Verständnis von kirchlichem Engagement und dem, was wir in der weltweiten Ökumene für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung tun. 

2022-09-06 36020

Project Art Works - Ein Lieblingskunstwerk der Bischöfin

documenta fifteen: Das Übersehene sichtbar machen

Autorinnenbeitrag
Bischöfin Dr. Beate Hofmann im Raum des Kollektivs Project Art Works auf der documenta fifteen. Der Raum im Fridericianum ist eines ihrer Lieblingskunstwerke der Kunstschau. (Foto: medio.tv/Schaudern)
Hat Bischöfin Beate Hofmann auf der documenta fifteen ein Lieblingskunstwerk? Was spricht sie auf der Kunstschau in Kassel besonders an und sieht die Bischöfin in der ausgestellten Kunst auch Parallelen zur Kirche? Unsere Redakteurin Christine Lang-Blieffert hat Dr. Hofmann im Fridericianum in Kassel getroffen.
Portrait Autor/in

Der Raum könnte irgendwo sein: in einer Schule, einem Heim oder in einem Atelier. Beate Hofmann, Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, erinnert er an manchen Kirchentag. Wird hier wie dort doch gewerkelt und experimentiert, suchen und finden Menschen für sich und mit anderen über die Kunst den Ausdruck für das, was für sie die Welt zusammenhält.  Der Raum ist nicht irgendwo, sondern im Fridericianum, dem bisherigen Herzstück jeder documenta. «Die Kuratoren haben es geschafft, das Übersehene sichtbar zu machen», sagt die Bischöfin und begründet damit, warum dieser Raum der Gruppe Project Art Works zu ihren Lieblingskunstwerken der documenta fifteen zählt. 

Das britische Künstlerkollektiv arbeitet mit neurodiversen Kindern und Jugendlichen, also jungen Menschen mit Lernschwierigkeiten. Bei Hofmann sorgte nicht nur der Werkstattcharakter für ein Déjà-vu-Erlebnis, sondern auch die großformatigen Bilder mit konzentrischen Kreisen. In kräftigen Farben auf schwarzem Untergrund hängen sie an den Wänden wie überdimensionale Dartscheiben. Auch hier geht es um die Mitte, die der Mensch braucht. 

Noch deutlicher zeigt sich das auf den Fahnen, die von der Decke hängen. Dort haben Gruppen, auch aus der Region, ihre Ergebnisse festgehalten. Was braucht es für Glück, Freiheit und Erfüllung? Wer muss uns nah sein und wer uns aus der Ferne stützen?  Die Bischöfin erinnern diese Bilder an ihre Spinnennetzgrafiken, die sie mit Mitarbeitenden zum Beispiel auch in der Gruppenarbeit im Reformprozess der Landeskirche einsetzt. «Als Forscherin schließt sich hier für mich ein Kreis», sagt sie lächelnd.

«Cosmologies of care» nennt Project Art Works diese Grafiken. Für Hofmann spiegeln sie den eigenen Einsatz für das, was sie Sorgennetze nennt: Menschen miteinander in Beziehung bringen und dafür sorgen, dass niemand durch die Maschen fällt. Nur eines kommt aus ihrer Sicht in dem Raum zu kurz: die Werke der neurodiversen Künstler, die sie ebenso begeistert haben. 

Es ist die alte neue Frage um Kunst und Kultur, die diese documenta aufwirft und nicht lösen mag.  Fest steht aus Sicht der Bischöfin: Dieser Raum ist sehr politisch, erhebt er doch den Anspruch jedes Menschen auf künstlerischen Ausdruck. «Das Übersehene in den Mittelpunkt stellen», das habe die documenta geschafft. «Zu dem, was bisher übersehen wurde, gehören auch die antisemitischen Stereotype, die in Bildern entdeckt wurden und für viele Diskussionen gesorgt haben», sagt sie und stellt gleich klar: «Ich finde es wichtig, antisemitische Stereotype aufzudecken und zu kritisieren. Der Versuch, die kritisierten Werke 'zu kontextualisieren', ist noch nicht befriedigend gelöst, Ich hätte mir dazu mehr Dialog mit den Künstlerinnen und Künstlern gewünscht und mehr Versuche, einander zuzuhören und zu verstehen.» Diese Leerstelle in der Kommunikation bedauert sie. 

Die documenta fifteen nur auf das Antisemitismus-Thema zu reduzieren oder gar den Abbruch der Kunstschau zu fordern, findet sie gegenüber Ruangrupa und den vielen engagierten Kollektiven ungerecht. «Die Lumbung-Werte sind auch unsere Werte als Kirche», sagt sie. Und auch der Spruch «Educate, agitate, organize», der eines der Werke der umstrittenen Gruppe Taring Padi ziert, deckt sich mit ihrem Verständnis von kirchlichem Engagement und dem, was wir in der weltweiten Ökumene für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung tun. 

Project Art Works ist deshalb nur eines von einigen Lieblingskunstwerken der Bischöfin. Auch dabei: die humorvolle Installation von Agus Nur Amal PMTOH in der Grimmwelt, die Fahnen der Fridskul («Für diese Art von Pädagogik habe ich auch viele Jahre gestritten»), die Rauminstallation in St. Kunigundis und das monumentale Bild «Birth» des RomaMoMa-Projekts, das lange Jahre ein Schattendasein führte. «Was einmal auf der documenta zu sehen war, wird nie wieder im Keller landen», zitiert die Bischöfin das Kollektiv Ruangrupa und hofft, dass diese documenta auch mit ihren Stärken im Gedächtnis bleibt: die Begegnung mit Perspektiven des globalen Südens. Kunstwerke dazu gibt es genug. Eines davon ist die Installation «Return to sender» aus Altkleidern und Müll des kenianischen NEST-Kollektivs in der Aue. Das sollte künftig nicht irgendwo stehen, sondern in Kassel. (05.09.2022)


arrow_forward documenta & Religion:

«Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?» Das ist die ursprüngliche Gretchenfrage, wie sie Johann Wolfgang von Goethe in seinem «Faust» geschrieben hat. Mit dieser Frage im Hinterkopf hat unser Redakteur Olaf Dellit einen Blick auf Kunstwerke der documenta 15 in Kassel geworfen, in denen Religion eine Rolle spielt:

arrow_forward Linktipp:

Weitere Informationen zur documenta fifteen finden Sie im Internet unter: