blick in die kirche

Das komplette Interview mit Bischof Prof. Martin Hein u¨ber seinen Blick auf die weltweite Ökumene
„Es geht um ein gemeinsame Zeugnis“

Bischof Prof. Dr. Martin Hein
Foto: medio.tv/Schauderna

Olaf Dellit sprach mit Bischof Prof. Dr. Martin Hein über dessen Blick auf die weltweite Ökumene.

blick in die kirche: Sie waren 13 Jahre lang Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), dem fast 350 Kirchen weltweit angehören. Könnte man den Rat mit der UNO auf politischer Ebene vergleichen?
Bischof Prof. Martin Hein: Prinzipiell schon. Der Weltkirchenrat hat sich genau wie die Vereinten Nationen nach dem 2. Weltkrieg etabliert. Er wurde 1948 in Amsterdam gegründet und feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. Die Katastrophe des  Zweiten Weltkriegs, die ja nicht nur in Europa, sondern etwa auch in Asien und Afrika massive Folgen hatte, hat dazu geführt, dass sich die Kirchen stärker ihrer ökumenischen Verantwortung bewusstgeworden sind. Insofern ist es ähnlich wie mit der UNO, manchmal auch mit der gleichen Machtlosigkeit verbunden.  

blick: Was kann ein solches Gremium für die Christen im Alltag bewirken?
Hein: In der Geschichte des Weltkirchenrats gab es zwei ganz entscheidende Epochen, in denen er Impulse gesetzt hat.  Zunächst war das der Umgang mit der Apartheid in Südafrika; damals ist im Rat intensiv diskutiert worden, dann wurde ein eindeutiges Nein zur Apartheid gesprochen. Das hat den Weltkirchenrat damals sehr geeint und seine Stimme hörbar gemacht.
Der zweite Punkt ist, dass in den 60er-Jahren auch die orthodoxen Nationalkirchen  Mitglied geworden sind – dies in einer Zeit des Kalten Kriegs und der Teilung der Welt in zwei Machtblöcke. Damals hat der Weltkirchenrat eine ganz bedeutende Brückenfunktion gehabt – auch in politischer Hinsicht.

blick: Absprachen und Einigungen in so einem Maßstab sind sicher schwierig. Gilt da auch die Redensart vom Fortschritt, der eine Schnecke ist?
Hein: Nach Max Weber ist Politik das beharrliche Bohren dicker Bretter, und das ist auch in der Kirche so. Die neue Herausforderung  besteht darin, dass wir neben der römisch-katholischen Kirche, die ja kein Mitglied ist, ein deutliches Erstarken charismatisch-pfingstlicher Bewegungen erleben, die eher in Distanz zum Weltkirchenrat stehen. Man muss deutlich sagen: Ökumene ist mehr als der Weltkirchenrat. Über ihn hinaus gibt es die katholische Kirche, die eine Milliarde Christen repräsentiert, und eben die charismatische Bewegung, die mindestens so viele Mitglieder umfasst wie der ÖRK.

blick: Wie verändert sich der Blick auf die eigene Landeskirche vor dem Hintergrund der Kirchen aus aller Welt?
Hein: Wir merken, dass wir Teil einer weltweiten Bewegung sind. Das hat mich gelehrt, nicht zu provinziell zu denken. Ich habe in den 13 Jahren im Ausschuss zur Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen mitgearbeitet und erfahren, dass die Orthodoxie anders denkt als wir und in ganz anderer Weise tief verwurzelt ist in der Tradition. Da geht es für mich dann um die Frage: Kann ich damit leben, dass andere das Verwurzeltsein in der Verheißung der Kirche auf ihre eigene Weise Gestalt werden lassen? Das erzieht mich zu Toleranz – ich glaube nicht, dass die Form des evangelischen Christentums hier in Deutschland das Maß aller Dinge sein darf. Und es lehrt mich, manche Fragestellungen aus der Perspektive von anderen Ländern heraus zu betrachten. Für Menschen etwa aus dem Südpazifik ist die Erderwärmung eine Überlebensfrage: Wenn der Meeresspiegel um 40 Zentimeter steigt, sind die Inseln dort verschwunden. Für uns scheinen 40 Zentimeter dagegen nicht viel auszumachen.

blick: Wenn Sie auf die Zeit im ÖRK zurückblicken, welche Erfahrung hat Sie besonders bereichert?
Hein: Ich empfand die Mitarbeit insgesamt als ausgesprochen bereichernd. Höhepunkte waren sicher die beiden Vollversammlungen in Porto Alegre (Brasilien) und Busan (Südkorea), um dort zu erleben, wie sich die unterschiedlichen Formen kirchlichen Lebens und kirchlicher Frömmigkeit darstellen. Ich würde mich freuen, wenn 2021 die Vollversammlung in Karlsruhe stattfinden würde.

blick: Hat Sie auch etwas überrascht?
Hein: Wie langsam manche Entscheidung von statten geht, obwohl klar sein müsste, dass man auf Herausforderungen schneller reagieren sollte.  Gerade die Situation der bedrängten Christen im Orient hat nicht den Nachhall gefunden, den man ihr zubilligen müsste. Da hätte ich mir  schnellere, vielleicht auch Worte gewünscht. Ich weiß aber, dass die Kirchen dort sehr vorsichtig sein müssen und ein zu lautes Wort negative Rückwirkungen haben kann. Das habe ich bei der Reise mit einer ÖRK-Delegation 2017 in den Irak und nach Kurdistan deutlich gespürt.

blick: Und vielleicht auch geärgert?
Hein: Ja. Der Wechsel des Generalsekretärs Samuel Kobia zu dem jetzigen Olav Fykse Tveit wurde ursächlich mit mir in Verbindung gebracht, weil ich mich in einem Interview kritisch zur Amtsführung geäußert hatte. Ich hatte das als sachlichen Beitrag einer bereits bestehenden Debatte verstanden. Es ist übrigens das einzige Mal, dass ich es bis in die Washington Post geschafft habe: Die deutsche Delegation im ÖRK und vor allem Bischof Hein hätten massive Kritik geäußert, und dies habe zu einer Stimmung gegen Samuel Kobia und letztlich zu seinem Rücktritt geführt Da hat man mir viel zu viel Einfluss  zugemessen!

blick: Seit zehn Jahren sind Sie außerdem der evangelische Leiter des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen. Ihr katholisches Gegenstück war der kürzlich verstorbene Kardinal Lehmann. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Hein: Ausgesprochen offen und vertrauensvoll. Kardinal Lehmann arbeitete als Professor ja bereits seit 1969 in diesem Arbeitskreis – da  konnte anfangs ein jüngerer, manchmal auch unbekümmert oder forsch  auftretender evangelischer Bischof nur lernen. Ich habe in diesem Arbeitskreis die Beharrlichkeit schätzen gelernt, Fragen wirklich theologisch anzugehen. Der Arbeitskreis macht eben keine Kirchenpolitik – dort sitzen 26 Theologen und Theologinnen – und unterliegt keinen Vorgaben. Darin liegt seine Freiheit! Das Schwergewicht unserer Arbeit richtet sich darauf, Probleme in der evangelisch-katholischen Ökumene theologisch anzugehen. Das braucht einen langen Atem.    

blick: Unter den katholischen deutschen Bischöfen gibt es derzeit Streit um die Zulassung von konfessionsverschiedenen Ehepaaren zum Abendmahl. Werden solche Fragen im ÖAK behandelt?
Hein: Der Arbeitskreis beschäftigt sich aktuell mit der Frage, ob es theologisch legitimiert ist, Angehörige anderer Konfessionen nicht zum Abendmahl zuzulassen. Der Arbeitskreis  ist nach vielen Arbeitsgängen und Diskussionen – das Papier ist noch im Entwurfsstadium – denn doch überzeugt, dass es auch von katholischer Seite keine prinzipiellen Gründe für die Nicht-Zulassung gibt. Das liegt nicht im Mainstream der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, aber es gibt offenkundig innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland deutliche Differenzen. Ich glaube, dass unsere Stellungnahme, wenn sie denn im Herbst erscheint, eine Hilfestellung aus theologischer Sicht zur Urteilsbildung sein kann.

blick: Beide Gremien haben zum Ziel, die Kirchenspaltung zu überwinden bzw. die sichtbare Einheit der Kirche zu erreichen. Ein realistisches Ziel?
Hein: Es geht darum, was wir unter „sichtbarer Einheit“ verstehen: eine Kirchenunion, eine gemeinsame Liturgie oder ein gemeinsames Zeugnis in politischer und sozialdiakonischer Hinsicht. Eine Kirchenunion, also eine evangelisch-katholische Kirche, wird es nicht geben. Es könnte aber eine wesentliche Annäherung im Verständnis der Lehrunterschiede geben, also eine Kirchengemeinschaft unter Beibehaltung der Besonderheiten.
Und im öffentlichen Wirken bleibt uns überhaupt nichts anderes übrig, als gemeinsam zu agieren. Die Zahl derer, die die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht begreifen, und die Zahl derer, die sich von der Kirche abgewendet haben, ist so groß, dass es nur um ein gemeinsames christliches Zeugnis in dieser Welt gehen kann. Diese „sichtbare Einheit“ halte ich schon jetzt für dringend geboten und weitgehend auch für gegeben. Ich persönlich könnte mir auch den Papst, den gegenwärtigen ganz besonders, als einen Sprecher der Gesamt-Christenheit vorstellen. In dieser Frage sind die Meinungen aber auch unter uns geteilt.

Fragen: Olaf Dellit