Nachrichten & Berichte: Mit viel Gespür im Aktenkeller

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat 34 Verdachtsfälle gemeldet, die zwischen 1945 bis 2020 aktenkundig sind. Die Zahl der Betroffenen liegt jedoch höher, weil bei manchen Tätern von jeweils mehreren Betroffenen auszugehen sei, erläutert Dr. Thomas Zippert, EKKW-Beauftragter für das Thema sexualisierte Gewalt. Die Zahlen seien nicht exorbitant hoch, das sei aber kein Grund zur Beruhigung. Zudem geht er von einem Dunkelfeld aus, das sich in seiner Dimension noch nicht seriös einschätzen lasse. Im Fokus dieser Teilstudie stehen Fälle mit minderjährigen Betroffenen.

Die pensionierten Kriminaler hatten zunächst Fälle geprüft, in denen sich Betroffene gemeldet hatten. Wo gibt es Disziplinarakten zu den Personalakten? Und was steht darin? Später wurden die Akten von pensionierten Pfarrern und Pfarrerinnen darauf durchgesehen, ob es entsprechende Disziplinareinträge gibt. Auch weitere Akten früherer Pröpste sowie Prälaten und Prälatinnen wurden untersucht.

Die Polizeibeamten und die -beamtin wurden als außenstehende und unabhängige Experten eingesetzt - in ihrem Berufsleben hatten sie viel mit Betrugsdelikten und dadurch auch mit Akten zu tun. Ihnen fallen Merkwürdigkeiten auf, die andere Menschen übersehen würden. «Sie haben», sagt Thomas Zippert, «besonderen Spürsinn.» Patricia Krassowsky nennt ein Beispiel: Aus der Notiz eines Personalgesprächs ging hervor, dass ein Pfarrer unbedingt in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden wollte: «Da geht die Alarmglocke an», sagt sie. Es bedeutet nicht, dass hier ein Täter gefunden wurde, aber es könnte ein Verdachtsmoment sein – dem wird dann nachgegangen. 

Auffällig kann auch eine Lücke in der Akte sein, ergänzt Werner Holstein. Wenn zehn Jahre lang gar nichts in die Personalakte eingetragen wurde, macht ihn das stutzig. Oder eine Aktenseite passe nicht zur vorherigen, weil der Anschluss nicht stimmte. Häufig mangele es in den alten Unterlagen an einer präzisen Dokumentation, sagt Patricia Krassowsky. Da sei beispielsweise etwas an das Jugendamt gemeldet worden, doch man erfahre nicht, wie es weiterging. Auch eine frühzeitige Versetzung in den Ruhestand, obwohl jemand nicht krank war, könne verdächtig sein. 

Die Unterlagen waren oft nicht so, wie die Ermittler und die Ermittlerin sich das gewünscht hätten. 1943 waren die landeskirchlichen Akten, wie Zippert erläutert, im Bombenhagel verbrannt. Erst nach und nach sei eine ordentliche Aktenführung aufgebaut worden. Manches, was die Ex-Polizisten fanden, war lückenhaft, manches ähnelte einer Lose-Blatt-Sammlung. «Es wurde viel geredet und wenig dokumentiert», formuliert es Christopher Lange. Wichtig sei, dass daraus nun gelernt werde. Es müsse feste Verfahren und Vorgaben geben, fordert Jochen Ringelhann, auch für die Dokumentation. Roger Dietrich plädiert bei Vorwürfen sexualisierter Gewalt für ein Sechs-Augen-Prinzip: bei einem Gespräch müssten dann immer drei Personen dabei sein. Und Christopher Lange bringt eine spezielle Fehlverhalten-Konferenz ins Spiel, wie er sie aus dem Polizeipräsidium kennt. Dort bespreche man Verdachtsfälle regelmäßig, bis sie bestätigt oder ausgeräumt seien. Das sorge dafür, dass nichts einfach im Sand verlaufe.

Thomas Zippert hat es schockiert, dass beinahe immer die Täter im Mittelpunkt des Interesses standen: «Die Betroffenen kamen in den Akten fast gar nicht vor.» Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, dass sich das ändert – unterstützt von sechs Männern und einer Frau mit besonderem Spürsinn. (03.05.2023)

2023-05-03 37725

Mit viel Gespür im Aktenkeller

Ehemalige Polizistinnen und Polizisten suchten Fälle sexualisierter Gewalt

Autorenbeitrag
Im Aktenkeller des Landeskirchenamtes (v.l.): die ehemaligen Kriminalbeamten Frank Theis, Christopher Lange, Pfarrer Dr. Thomas Zippert (EKKW), Patricia Krassowsky, Nina Djamali (EKKW), Jochen Ringelhann, Roger Dietrich und Werner Holstein.
Diese sieben werden bei Akten an Stellen stutzig, wo andere einfach weiterblättern würden: Eine Frau und sechs Männer, allesamt pensionierte Kriminalbeamte, haben von Januar bis Ende März Akten des Landeskirchenamtes systematisch durchgesehen, um darin Hinweise auf sexualisierte Gewalt zu finden. Die Ergebnisse fließen in eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein, die sexualisierte Gewalt und andere Formen von Missbrauch in Kirche und Diakonie wissenschaftlich aufarbeiten soll. Die ForuM-Studie soll im Herbst veröffentlicht werden. Ein Einblick von Medienhaus-Redakteur Olaf Dellit.
Portrait

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat 34 Verdachtsfälle gemeldet, die zwischen 1945 bis 2020 aktenkundig sind. Die Zahl der Betroffenen liegt jedoch höher, weil bei manchen Tätern von jeweils mehreren Betroffenen auszugehen sei, erläutert Dr. Thomas Zippert, EKKW-Beauftragter für das Thema sexualisierte Gewalt. Die Zahlen seien nicht exorbitant hoch, das sei aber kein Grund zur Beruhigung. Zudem geht er von einem Dunkelfeld aus, das sich in seiner Dimension noch nicht seriös einschätzen lasse. Im Fokus dieser Teilstudie stehen Fälle mit minderjährigen Betroffenen.

Die pensionierten Kriminaler hatten zunächst Fälle geprüft, in denen sich Betroffene gemeldet hatten. Wo gibt es Disziplinarakten zu den Personalakten? Und was steht darin? Später wurden die Akten von pensionierten Pfarrern und Pfarrerinnen darauf durchgesehen, ob es entsprechende Disziplinareinträge gibt. Auch weitere Akten früherer Pröpste sowie Prälaten und Prälatinnen wurden untersucht.

Die Polizeibeamten und die -beamtin wurden als außenstehende und unabhängige Experten eingesetzt - in ihrem Berufsleben hatten sie viel mit Betrugsdelikten und dadurch auch mit Akten zu tun. Ihnen fallen Merkwürdigkeiten auf, die andere Menschen übersehen würden. «Sie haben», sagt Thomas Zippert, «besonderen Spürsinn.» Patricia Krassowsky nennt ein Beispiel: Aus der Notiz eines Personalgesprächs ging hervor, dass ein Pfarrer unbedingt in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden wollte: «Da geht die Alarmglocke an», sagt sie. Es bedeutet nicht, dass hier ein Täter gefunden wurde, aber es könnte ein Verdachtsmoment sein – dem wird dann nachgegangen. 

Auffällig kann auch eine Lücke in der Akte sein, ergänzt Werner Holstein. Wenn zehn Jahre lang gar nichts in die Personalakte eingetragen wurde, macht ihn das stutzig. Oder eine Aktenseite passe nicht zur vorherigen, weil der Anschluss nicht stimmte. Häufig mangele es in den alten Unterlagen an einer präzisen Dokumentation, sagt Patricia Krassowsky. Da sei beispielsweise etwas an das Jugendamt gemeldet worden, doch man erfahre nicht, wie es weiterging. Auch eine frühzeitige Versetzung in den Ruhestand, obwohl jemand nicht krank war, könne verdächtig sein. 

Die Unterlagen waren oft nicht so, wie die Ermittler und die Ermittlerin sich das gewünscht hätten. 1943 waren die landeskirchlichen Akten, wie Zippert erläutert, im Bombenhagel verbrannt. Erst nach und nach sei eine ordentliche Aktenführung aufgebaut worden. Manches, was die Ex-Polizisten fanden, war lückenhaft, manches ähnelte einer Lose-Blatt-Sammlung. «Es wurde viel geredet und wenig dokumentiert», formuliert es Christopher Lange. Wichtig sei, dass daraus nun gelernt werde. Es müsse feste Verfahren und Vorgaben geben, fordert Jochen Ringelhann, auch für die Dokumentation. Roger Dietrich plädiert bei Vorwürfen sexualisierter Gewalt für ein Sechs-Augen-Prinzip: bei einem Gespräch müssten dann immer drei Personen dabei sein. Und Christopher Lange bringt eine spezielle Fehlverhalten-Konferenz ins Spiel, wie er sie aus dem Polizeipräsidium kennt. Dort bespreche man Verdachtsfälle regelmäßig, bis sie bestätigt oder ausgeräumt seien. Das sorge dafür, dass nichts einfach im Sand verlaufe.

Thomas Zippert hat es schockiert, dass beinahe immer die Täter im Mittelpunkt des Interesses standen: «Die Betroffenen kamen in den Akten fast gar nicht vor.» Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, dass sich das ändert – unterstützt von sechs Männern und einer Frau mit besonderem Spürsinn. (03.05.2023)


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Mehr zur ForuM-Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland, die sexualisierte Gewalt und andere Formen von Missbrauch in Kirche und Diakonie wissenschaftlich aufarbeiten soll, finden Sie unter:

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