Nachrichten & Berichte: Es helfen nur Aufmerksamkeit und klare Regeln

Vollmarshausen. Einer Frau, die auf der Straße entlang geht, hinterherpfeifen – okay oder geht das gar nicht? Die Meinung der 15 Frauen und Männer ist an diesem Abend in Vollmarshausen war geteilt. In einer Übung wurden sie von Britta Korinth (Gemeindereferentin in Vellmar) gebeten, sich je nach Position (von Ablehnung bis Zustimmung) im Raum zu verteilen. Bei anderen Beispielen waren die Meinungen eindeutig: Wenn ein Mädchen mit Bauchschmerzen auf einer Freizeit den Pfarrer anspricht, darf er ihr selbstverständlich nicht den Bauch streicheln. Aber wie ist es mit dem zehnjährigen Kind, das sich auf den Schoß des Praktikanten setzt? 

In der Schulung zum Thema sexualisierte Gewalt wurde schnell klar, dass die Sache nicht immer einfach ist und es Grauzonen gibt. Umso wichtiger sind klare Regeln und Fachwissen. Dem hat sich die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck verschrieben und organisiert deswegen Schulungen wie diese in Vollmarshausen. 30 Multiplikatoren und Multiplikatorinnen sind dafür ausgebildet worden, um Pfarrerinnen und Pfarrer, Hauptamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit, Ehrenamtliche und Mitglieder von Kirchenvorständen zu schulen. 

Annette Rothe, Jan Krämer und Britta Korinth gestalteten bereits ihre 6. Schulung im Kirchenkreis Kaufungen, das Interesse sei groß. Die 15 Teilnehmenden aus unterschiedlichen Gemeinden bekamen in drei Stunden viele Informationen rund um das Thema sexualisierte Gewalt. Dazu gehören auch die Begriffe: «Missbrauch» wird – außer in strafrechtlichen Zusammenhängen – möglichst vermieden, weil es andeuten könnte, es gäbe auch einen (positiven) «Gebrauch». Und es geht eben um Gewalt, die sexualisiert wird – mit Sexualität im eigentlichen Sinn hat das wenig zu tun – also sollte es nicht «sexuelle Gewalt» heißen. Auch der Begriff «Opfer» sei zu vermeiden, weil er den Betroffenen eine passive, hilflose Rolle zuweist, die sie oft nicht einnehmen möchten. 

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Es helfen nur Aufmerksamkeit und klare Regeln

Zu Gast bei einer Schulung gegen sexualisierte Gewalt

Autorenbeitrag
Die Teilnehmenden stellten sich keinem einfachen Thema. Unser Foto zeigt die Männer und Frauen beim diskutieren über Situationen mit Kindern und Jugendlichen. Hilfestellung gaben dabei Wimmelbilder voller Figuren und Details. (Foto: medio.tv/Dellit)
Zum Selbstverständnis der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck gehört es, dass Kirche ein Schutzraum ist, in dem alle Menschen vor sexualisierter Gewalt geschützt werden. Um das zu erreichen, werden Mitarbeitende in Präventionsschulungen für das Thema sensibilisiert. Unser Redakteur Olaf Dellit war bei einer Schulung in Vollmarshausen im Kirchenkreis Kaufungen mit dabei.
Portrait

Vollmarshausen. Einer Frau, die auf der Straße entlang geht, hinterherpfeifen – okay oder geht das gar nicht? Die Meinung der 15 Frauen und Männer ist an diesem Abend in Vollmarshausen war geteilt. In einer Übung wurden sie von Britta Korinth (Gemeindereferentin in Vellmar) gebeten, sich je nach Position (von Ablehnung bis Zustimmung) im Raum zu verteilen. Bei anderen Beispielen waren die Meinungen eindeutig: Wenn ein Mädchen mit Bauchschmerzen auf einer Freizeit den Pfarrer anspricht, darf er ihr selbstverständlich nicht den Bauch streicheln. Aber wie ist es mit dem zehnjährigen Kind, das sich auf den Schoß des Praktikanten setzt? 

In der Schulung zum Thema sexualisierte Gewalt wurde schnell klar, dass die Sache nicht immer einfach ist und es Grauzonen gibt. Umso wichtiger sind klare Regeln und Fachwissen. Dem hat sich die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck verschrieben und organisiert deswegen Schulungen wie diese in Vollmarshausen. 30 Multiplikatoren und Multiplikatorinnen sind dafür ausgebildet worden, um Pfarrerinnen und Pfarrer, Hauptamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit, Ehrenamtliche und Mitglieder von Kirchenvorständen zu schulen. 

Annette Rothe, Jan Krämer und Britta Korinth gestalteten bereits ihre 6. Schulung im Kirchenkreis Kaufungen, das Interesse sei groß. Die 15 Teilnehmenden aus unterschiedlichen Gemeinden bekamen in drei Stunden viele Informationen rund um das Thema sexualisierte Gewalt. Dazu gehören auch die Begriffe: «Missbrauch» wird – außer in strafrechtlichen Zusammenhängen – möglichst vermieden, weil es andeuten könnte, es gäbe auch einen (positiven) «Gebrauch». Und es geht eben um Gewalt, die sexualisiert wird – mit Sexualität im eigentlichen Sinn hat das wenig zu tun – also sollte es nicht «sexuelle Gewalt» heißen. Auch der Begriff «Opfer» sei zu vermeiden, weil er den Betroffenen eine passive, hilflose Rolle zuweist, die sie oft nicht einnehmen möchten. 

Es ist wahrlich kein leichtes Thema, das diesen Abend prägte, doch Britta Korinth versuchte einen positiven Blick. «Wir haben Verantwortung und können auch etwas tun», sagte sie. Dazu gehörten, wie Annette Rothe betonte, «klare Regeln, was geht und was nicht geht». Die Jugendreferentin erklärte gemeinsam mit Krämer und Korinth grundlegende Begriffe, etwa die Unterscheidung von Grenzverletzungen, die aus Versehen geschehen können, Übergriffen, die immer gezielt stattfinden und Straftaten. Diese seien immer geplant und organisiert, niemals jedoch ein Versehen.

Jan Krämer erläuterte Strategien, die Täter und Täterinnen (80 bis 90 Prozent sind Männer) nutzen, die aber oft nicht leicht zu entdecken sind. Ähnlich verhält es sich mit Anzeichen, dass Kinder oder Jugendliche sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Diese reichten von extremen Verhaltensänderungen über Konzentrationsstörungen bis hin zu einem Rückfall in kindliche Verhaltensweisen, erläuterte Korinth. Allerdings könnten diese Anzeichen auch ganz andere Ursachen haben, deswegen sei bei einem Verdacht eine behutsame Vorgehensweise so wichtig. 

Mit einer Pause und einer weiteren Übung wurde die Runde in Vollmarshausen ein wenig aufgelockert. Anhand von ausliegenden Wimmelbildern, also bunten Zeichnungen voller Figuren und Details, diskutierten die Männer und Frauen über Situationen mit Kindern und Jugendlichen. Steht da ein Kind ganz isoliert am Rand? Ist da nicht in der Körperhaltung eine Abwehr erkennbar? Es geht um Wahrnehmung von Signalen in Gestik und Mimik.

Der letzte Abschnitt der Schulung befasste sich mit dem Schutzkonzept, das jede Gemeinde und jede Einrichtung der Landeskirche erarbeiten muss. Unter anderem wird dabei nach spezifischen Risikofaktoren geschaut. Wie sind die Räume beschaffen, wer hat Zutritt und Schlüssel zu einem Gebäude? Dann werden fachliche Standards und ein Verhaltenskodex festgelegt. Welche Spiele werden gespielt und welche nicht, weil dabei Grenzen überschritten werden? Wie werden Geschenke geregelt? Die Frage mag komisch klingen, aber gerade Geschenke spielen in der Strategie von Tätern bzw. Täterinnen oft eine Rolle. Auch hier helfen klare Regeln.

Der Kirchenkreis Kaufungen, erklärte Annette Rothe, hat selbst ein Musterkonzept erarbeitet, das dann den Gemeinden als Grundlage zur Verfügung steht und an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden kann. Diese Konzepte würden nicht nur Kindern und Jugendlichen sowie anderen Schutz bieten, die betroffen sein könnten, sondern auch den Mitarbeitenden Sicherheit bieten. 

Es waren dichte, auch anstrengende drei Stunden an diesem Montagabend im Gemeindehaus Arche in Vollmarshausen. Sexualisierte Gewalt wird wohl nie ganz verschwinden. Aber es gibt Wege, etwas zu tun, die Risiken zu verringern und aufmerksamer zu werden. Diese Wege müssen nun beschritten werden, und das nicht alleine. Britta Korinth schloss den Abend mit einem Gebet und mit dem Satz: «Es ist gut, dass wir gemeinsam unterwegs sind.» (10.11.2023)

Name (Foto: Landeskirchenamt)
  • Wege gegen sexualisierte Gewalt – Zur Kultur der Grenzachtung. 
  • Zur Erstellung, Einführung und Anwendung von Schutzkonzepten gegen sexualisierte Gewalt in Gemeinden und Einrichtungen der EKKW wurde ein Werkbuch erstellt. Bischöfin Dr. Beate Hofmann schreibt in ihrem Geleitwort: «Kirche wird zu einem Sprechraum, in dem Menschen jeden Alters leidvolle Erfahrungen zur Sprache bringen können. Sie finden dort ein offenes Ohr und werden ernstgenommen. erlittenes Unrecht wird nicht vertuscht oder Täterverhalten beschwichtigt. Das sind die Ziele, denen sich auch dieses Rahmenschutzkonzept und das Werkbuch verschrieben haben. Um das zu erreichen, brauchen wir einen Kulturwandel. Wo bisher Schweigen, Beklemmung, Tabuisierung, manchmal auch Verschweigen und Wegschauen dominiert haben, müssen wir wahrnehmen, vorbeugen und miteinander sprechen üben.»

  • Werkbuch als PDF-Dokument

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