Evangelischer Kirchenkreis Schwalm Eder - Dekanat Ziegenhain

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BETRACHTUNG ZUM KARFREITAG

Zum Karfreitag 2004 verweist der Dekan des Kirchenkreises Ziegenhain auf die Bedeutung dieses wichtigen Feiertags der Christenheit hin.

Das Kreuz ist ein unersetzliches Zeichen der Solidarität Gottes mit unserer Welt, gerade in einer Zeit, in der Solidarität zwischen den Generationen in unserer Gesellschaft neu gefordert ist.

Etwas Gutes hat Mel Gibsons Film "Die Passion Christi": Der Karfreitag erfährt neue Beachtung für eine größere Zahl von Menschen.

In der Karwoche - das ist die Woche vor Ostern - werden einige von Ihnen dieses Werk des amerikanischen Regisseurs sich angeschaut haben. Wie werden sie aus dem Film herausgekommen sein? Angewidert und schockiert ob solch grausamer sadistischer und brutaler Szenen? Oder staunend darüber, was unser Herr Jesus Christus alles erdulden musste?

Der heutige Karfreitag ist sicher kein Gedenktag brutaler Grausamkeiten an einem jüdischen Wander-Rabbi vor knapp 2000 Jahren. Von daher ist der Film wenig geeignet als Aufhänger für einen sachgemäßen Umgang mit dem heutigen Feiertag. Auch nährt die judenfeindliche Darstellung der Volksmenge und der Hohenpriester alte antijüdische Vorurteile, die wir doch eigentlich hinter uns haben sollten. Von daher muss man sich den Film nichts ansehen.

Dennoch ist die Diskussion über ihn nicht uninteressant. Im Vorfeld wurden ja schon viele Beurteilungen und Kritiken in den Medien verbreitet. Wir werden aufmerksam auf einen, vielleicht auch für uns evangelische Christen manchmal unterschätzten und vergessenen hohen Feiertag. Das Symbol dieses Tages ist das Kreuz als Zeichen der Solidarität Gottes mit uns Menschen.

Seit Anfang letzter Woche stellt die HNA-Redaktion jeden Tag ein Kreuz aus unserer Region vor. Heute finden Sie alle Kreuze noch einmal vereinigt in dieser Ausgabe. So hängen und stehen sie in unseren Kirchen. Manchmal auch außerhalb der Gotteshäuser. Einige stellen den leidenden Christus dar, andere zeigen eher den siegreichen oder erlösten, der alles vollbracht hat. Manche Kreuze verzichten ganz auf den Christus-Körper, wie es eher der Tradition unserer Gegend entspricht. Das Kreuz genügt.

In unseren Kirchen dient das Kreuz von jeher als Erkennungszeichen. Wer ein Gotteshaus betritt, soll wissen, auch wenn er sich nicht auskennt, dass er eine christliche Kirche betritt.

Aber im öffentlichen Leben wird bereits angefragt, ob da Kreuze hingehören müssen.

Das Bundesland Berlin plant ein Gesetz, das das Kreuz in der Öffentlichkeit verbieten will. Im Zusammenhang mit dem Kopftuchstreit wird hier argumentiert. Abgesehen von der jüdisch-christlichen Prägung Europas ist zu fragen, ob man sich auch aus anderen Gründen bewusst ist, was man da vorhat.

Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass eine selbstverständliche Solidarität nicht mehr funktioniert. Bisher lebten wir immer davon, dass man füreinander Verantwortung übernahm:

Die Familienmitglieder füreinander, die Jungen für die Alten, die Alten für die Jungen, die Berufstätigen für die Ruheständler, die Gesunden für die Kranken, die Reichen für die Armen. Das funktioniert nur noch mit Mühe. Manchmal meint man, wir wären alle krank, alle arm, ein jeder nur noch für sich selber verantwortlich.

Es sind also nicht nur die demographischen Gründe, die uns Sorgen machen, weil die jungen Leute als Träger unseres Sozialsystems fehlen. Das Gefühl der Verantwortung für andere hat nachgelassen. Ein Solidaritätsgefühl bezieht sich fast nur noch auf die eigene eng begrenzte Gruppierung, in der man sich wohl fühlt. Die nächsten Jahre und Jahrzehnte werden deshalb sehr schwierig werden, wenn das Bewusstsein einer stärkeren Verantwortung füreinander nicht wieder wächst. Andere Überlegungen, wie mit der Unlust der Bevölkerung, Kinder in die Welt zu setzen, umzugehen ist, müssen dazu kommen.

Ausgerechnet in einer solchen Zeit statt die Wahrheit über unsere problematischer werdende Zukunft zu verbreiten, das christliche Zeichen der Solidarität aus der Öffentlichkeit verbannen. Ich bin überzeugt, es gibt auch Leute hierzulande, die darauf ganz begierig sind.

Im Raum der Kirche mag es ja seinen Platz haben, so mag man sagen. Aber uns als Gesellschaft geht das nichts mehr an. Wer glaubt schon an diesen elend zu Grunde gegangenen Kleinrevolutionär?

Der Karfreitag dagegen und mit ihm das Kreuz ist das Zeichen dafür, dass da einer mit seinem Tod für uns ein Opfer gebracht und damit ein lebendiges Denkmal der Solidarität gesetzt hat.

Opfer und Solidarität sind die Stichworte für unsere Zukunft. Schmerzhafte Einschnitte sind nötig und Solidarität mit denen, die uns brauchen. Dabei sind einige mehr gefordert als andere.

Deshalb soll der Karfreitag mit seinem Kreuz nicht in erster Linie an einen schrecklichen und grausamen Tod erinnern, um die Bedürfnisse mancher Menschen nach Brutalität und Horror zu befriedigen. Das könnte manchen egoistischen Konsumenten so passen. Im übrigen liefert das alles unsere Welt in ausreichendem Maß.

Das Kreuz vom Karfreitag zeigt dagegen eine erlösende und befreiende Perspektive durch den, der aus Solidarität für diese unsere Welt gestorben ist, um uns auf einen heilsamen Weg zu bringen.

Diese Botschaft gehört natürlich in die Kirche. Aber das reicht doch nicht. Sie gehört auch in die nachdenkliche oder gleichgültige Öffentlichkeit am heutigen Tag. Da wir Menschen zur Bequemlichkeit neigen, wird sie sonst leicht vergessen.

Ich appelliere deshalb an die Menschen, die Chance dieses Feiertags nicht zu verspielen. Ich appelliere an die Geschäftswelt, die Würde dieses stillen Feiertags nicht zur Disposition zu stellen und ich erinnere unsere Städte, Gemeinden und Ordnungsämter gerade an einem solchen stillen Feiertag besonders darauf zu achten, dass die Feiertagsruhe gewahrt bleibt.

Es gilt, den Karfreitag zu achten, ihn zu schützen und seine Botschaft für die Welt nicht zu vergessen.

Gottlieb Dellit, Dekan des Kirchenkreises Ziegenhain

(05.04.2004)