Foto: Bedeutender Ort für Juden und Muslime: Der Tempelberg in Jerusalem mit Felsendom und Klagemauer. Am «Israelsonntag» erinnern die Kirchen an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. (Foto: Wikipedia/Berthold Werner) Bedeutender Ort für Juden und Muslime: Der Tempelberg in Jerusalem mit Felsendom und Klagemauer. Am «Israelsonntag» erinnern die Kirchen an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. (Foto: Wikipedia/Berthold Werner)

Kanzelabkündigung zum Nahostkonflikt und zum aufkeimenden Antisemitismus
Bischof Hein: Antisemitismus darf in Deutschland keine neue Heimat finden

Kassel (medio). In einer Kanzelabkündigung zum «Israelsonntag» (24.8.) hat der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr.  Martin Hein, dazu aufgerufen, wachsam für alle Anflüge von Rassismus zu sein und ermutigte die Gemeindemitglieder, antisemitischen Äußerungen entgegenzutreten: «Antisemitismus darf in Deutschland keine neue Heimat finden!»

Hein betont in seinem bischöflichen Wort, das am vergangenen Sonntag in den Gemeinden der Landeskirche verlesen wurde, dass öffentliche Kritik Teil der politischen Kultur in einem demokratischen Gemeinwesen sei. Die Politik der Regierung des Staates Israel zu kritisieren, sei daher das Eine. Aber es sei deutlich antisemitisch, wenn dabei jüdische Menschen herabgesetzt und der jüdische Glaube diffamiert würden.

Krieg ist immer Scheitern von Politik

Der Bischof verwies darauf, dass evangelische Christen in diesen Tagen mit Erschrecken und Ratlosigkeit den Krieg zwischen Israel und der Hamas verfolgten. Zwar bestehe ein berechtigtes Sicherheitsinteresse Israels. Dem stehe aber gegenüber, dass den Menschen in Gaza durch massive militärische Schläge jede Hoffnung und Lebensperspektive geraubt werde. So erzeuge Gewalt nur neue Gewalt. «Krieg ist immer Scheitern von Politik. Die tödlichen Folgen tragen die Zivilbevölkerung und die Soldaten», so Hein wörtlich.

Aufruf zur Bitte um Frieden

Bischof Hein fordert die Gemeinden dazu auf, Gott um Kraft, Mut und Fantasie zu bitten. Es gelte, dem Hass keinen Raum zu geben und Wege zu finden, dem Frieden in der Welt zu dienen.

Stichwort «Israelsonntag»

Am 10. Sonntag nach Trinitatis erinnert die Kirche jährlich an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 nach Christus. Die Geschichte des Volkes Israel ist seit dieser Zeit geprägt von wiederkehrenden Verfolgungen bis hin zum Versuch der vollständigen Vernichtung, der vom nationalsozialistischen Deutschland ausging. Gedenken des Vergangenen und Mahnung für die Zukunft verbinden sich an diesem Tag. (25.08.2014)

Im Wortlaut:
Kanzelabkündigung für den «Israelsonntag», 24. August 2014

«Liebe Schwestern und Brüder,

mit Erschrecken und Ratlosigkeit verfolgen wir in diesen Tagen den Krieg zwischen Israel und der terroristischen Hamas. Auf der einen Seite steht das berechtigte und verständliche Sicherheitsinteresse Israels. Auf der anderen Seite sehen wir, dass eine rein militärische Durchsetzung dieses Sicherheitsinteresses durch Israel den Menschen in Gaza jede Hoffnung und Lebensperspektive raubt und neues Unheil sät. Krieg ist immer Scheitern von Politik. Die tödlichen Folgen tragen die Zivilbevölkerung und die Soldaten.

Am 10. Sonntag nach Trinitatis erinnert die Kirche an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. Seit diesem Tag hat das Gottesvolk Israel immer wieder schwere Verfolgungen ertragen müssen. Dies geschah gerade durch Christen – bis hin zum Versuch der vollständigen Vernichtung, der vom nationalsozialistischen Deutschland ausging.

Wir müssen darum besonders wachsam sein gegenüber allen Anflügen von Rassismus. Wir haben in den letzten Wochen in unserem Land aus verschiedenen Richtungen offen antisemitische Parolen gehört. Ich möchte Sie ermutigen, darauf besonders zu achten und dem entgegenzutreten. Antisemitismus darf in Deutschland keine neue Heimat finden! Es ist eines, die Politik der Regierung des Staates Israel zu kritisieren. Öffentliche Kritik ist in einem demokratischen Gemeinwesen Teil der politischen Kultur. Aber es ist deutlich antisemitisch, wenn jüdische Menschen herabgesetzt und der jüdische Glaube diffamiert werden, wenn Synagogen beschmiert und jüdische Friedhöfe geschändet werden. Das dürfen wir nicht zulassen!

Lassen Sie uns um Gottes Hilfe bitten, dass er uns mit Kraft, Mut und Fantasie be-schenkt, dem Frieden in der Welt zu dienen, indem wir dem Hass keinen Raum geben. Auch wenn heute das Schicksal des jüdischen Volkes besonders im Blick ist: In unsere Fürbitte nehmen wir alle Menschen auf. Das Leid des Krieges kennt, wenn er einmal entfesselt ist, keine Grenzen, keine Nationen und keine Religionen – und am Ende gibt es nur Verlierer. Dem müssen wir, in Gottes Namen und um der Menschen willen, Einhalt gebieten.»

Prof. Dr. Martin Hein
Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck