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Foto: «Ein Leuchtturm für Lampedusa!» mitten in Kassel. Die markante Außeninstallation am Turm der Karlskirche ist Teil der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg. (Alle Fotos: medio.tv/Schauderna) «Ein Leuchtturm für Lampedusa!» mitten in Kassel. Die markante Außeninstallation am Turm der Karlskirche ist Teil der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg. (Alle Fotos: medio.tv/Schauderna)

Kunstausstellung «Luther und die Avantgarde»
Leuchtfeuer im Stadtzentrum - Künstler verwandeln Kasseler Karlskirche in faszinierenden Ort

Kassel (epd/Prüfer). Flüchtlingen auf dem offenen Meer kann der von dem Künstler Thomas Kilpper zum Leuchtfeuer umfunktionierte Turm der Kasseler Karlskirche natürlich keinen Weg weisen. Zu weit weg ist die See, über die Tausende Menschen mit oft schrottreifen Booten schippern und an europäischen Küsten stranden.

2017-06-22
Dagegen hat hier schon der ein- oder andere Journalist Schiffbruch erlitten, indem er die markante Außeninstallation der Weltkunstausstellung documenta 14 zuordnete - was mitnichten der Fall ist.

Zwar reiht sich das Thema inhaltlich nahtlos in die politisch ambitionierte Weltkunstschau ein, dennoch ist Kilppers Installation Teil der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg, die in Kassel und Berlin zwei kleinere «Satelliten» hat.

Aus Schlauchbootresten und Schriftzügen wie «Melilla» - der ständig von Flüchtlingen belagerten spanischen Exklave in Marokko - oder Wortfetzen wie «legal» oder «escap» weist Kilpper auf die gefährlichen, zugleich aber mit großen Hoffnungen verbundenen Fahrten der Flüchtlinge über das Mittelmeer hin.

Diejenigen, die es schaffen, landen oft auf Lampedusa südlich von Sizilien. Hier plant Kilpper nach eigenen Angaben schon seit Jahren die Errichtung eines echten Leuchtturmes, verbunden mit einem Museum und einer Begegnungsstätte. Umgesetzt werden konnte das Vorhaben aber noch nicht, und so blinkt der Leuchtturm nun prophetisch in Kassel.

  Wesentlich ruhiger ist der zweite Teil der Ausstellung von Kilpper in der Kirche selbst, den er zusammen mit Massimo Ricciardo gestaltet hat. Auf der Orgelempore, beleuchtet von kleinen Strahlern, präsentieren die beiden Künstler Fundstücke von Flüchtlingen, die sie an den Stränden Lampedusas oder in verlassenen Flüchtlingsbooten gefunden haben. Zahnpastatuben, Handys und Schuhe finden sich ebenso wie Ausweise, Listen mit Telefonnummern oder halb verblichene Familienfotos. Auch ein Navigationsgerät ist dabei. Ob die Besitzer der Fundstücke noch leben oder bei der Überfahrt ertrunken oder verdurstet sind - niemand weiß es. Die scheinbar wertlosen Fundstücke - hier bekommen sie einen neuen Wert, wirken bedrückend und stimmen nachdenklich.
 

Nachdenklich auf eine ganz andere Art und Weise ist das Werk einer zweiten Künstlerin, die in der Kirche ausstellt. Die Inderin Shilpa Gupta hat rund 3.500 Mikrofone zusammengebündelt, die wie ein überdimensionales Hornissennest in der stark abgedunkelten Kirche von der Decke baumeln.

  Mantraartig und meditativ ist ein englischsprachiger Text («I keep falling at you») zu hören, ergänzt von Geräuschen. Sie wolle durch ihre Installation die Möglichkeiten und die Kraft von Sprache aufzeigen, kommentiert die Künstlerin ihr Werk, das bedrohlich und faszinierend zugleich wirkt.

Noch drei weitere Arbeiten von ihr sind in der Kirche zu sehen. Interessant vor allem ist das «Heat Book», ein unbeschriebenes, aus Metall gefertigtes Buch auf einem Lesepult, das von unten durch Heizstäbe erhitzt wird. Auch wenn von Gupta sicher nicht intendiert, kommt einem das Bibelwort «Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?» aus Jeremia 23,29 in den Sinn. Zumal dieser Bibelvers auch für Martin Luther von großer Bedeutung war und ihn in seinem Tun ermutigt hat.

Ferner zu sehen sind sechs Zeichnungen von Gupta, die sich geschickt dem Thema Redeverbote widmen sowie eine von Flughäfen und Bahnhöfen bekannte Anzeigetafel, auf der unaufhörlich Worte, Wortfragmente und Zahlen erscheinen. Eine Arbeit, die die äußerliche Nüchternheit der hugenottischen Kirche aufnimmt und sich nicht auf Bilder, sondern nur auf das Wort konzentriert.

«In einer Kirche werden die Objekte möglicherweise anders aufgenommen als in einer Ausstellungshalle», beschrieb Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, den besonderen Reiz der Ausstellung. Trotz - oder gerade wegen - der Ausstellung wird in der Karlskirche jeden Sonntag um 10 Uhr nach wie vor ganz normal Gottesdienst gefeiert. Die Geräusche, die die Installationen verursachen, sind dann allerdings abgestellt. (22.06.2017)

Linktipp:

Weitere Informationen zur Ausstellung in der Kasseler Karlskirche finden Sie unter:

luther-avantgarde-kassel.de

Öffnungszeiten:

Die Ausstellung in der Kasseler Karlskirche ist bis zum 17. September täglich von 13 bis 20 Uhr geöffnet, sonntags nach dem Gottesdienst um 10 Uhr bis 20 Uhr.

Download:

Laden Sie hier die Broschüre zur Ausstellung und Programm in Kassel herunter:

PDF-Dokument

Veranstaltungen:

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