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Foto: Eröffnungsgottesdienst vor dem Reichstagsgebäude am Platz der Republik in Berlin.(Foto: medio.tv/Dellit) Eröffnungsgottesdienst vor dem Reichstagsgebäude am Platz der Republik in Berlin.(Foto: medio.tv/Dellit)

Kirchentag in Berlin und Wittenberg: Tage des Dialogs
Viele Teilnehmer und Mitwirkende aus Kurhessen-Waldeck

Berlin/Wittenberg (medio/Olaf Dellit). 120.000 Menschen haben zum Abschluss des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages einen Festgottesdienst in den Elbauen bei Wittenberg gefeiert. Damit endete die Veranstaltung, die unter dem Bibelwort «Du siehst mich» (1. Mose 16,13) stand. 106.000 Dauerkarten für die Zeit von Mittwoch bis Sonntag waren verkauft worden, hinzu kamen tausende Tagesbesucher.

2017-05-29
Spekakulärer Höhepunkt in Berlin war der gemeinsame Auftritt von Ex-US-Präsident Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor vor geschätzten 70.000 Zuschauern. Diese mussten, wie während des gesamten Kirchentags, verschärfte Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen. So wurden immer wieder Taschen und Rucksäcke durchsucht, schwer bewaffnete Polizisten und Straßensperren gehörten zum Stadtbild. Obama diskutierte mit Merkel über das sehr weit gefasste Thema «Engagiert Demokratie gestalten», die Moderation hatten Kirchentagspräsidentin Christina aus der Au und EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm übernommen.
  Großer Andrang herrschte auch bei der gemeinsamen Bibelarbeit von Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EDK, und Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, die gemeinsam die Geschichte der Versöhnung von Jakob und Esau auslegten und Bezüge zur Ökumene suchten. Versöhnung brauche feste Absprachen, aber auch Zeichen und Riten, sagte Marx. Und Bedford-Strohm erinnerte in diesem Zusammenhang an den gemeinsamen Gottesdienst («Healing of Memories») zum Reformationsgedenken in Hildesheim. Im Gegensatz zu Jakob und Esau gebe es zwischen den beiden Kirchen keine Konkurrenz um den Segen, denn dieser sei wunderbarerweise in Fülle da, so Bedford-Strohm.

  Aus Kurhessen-Waldeck waren viele Menschen nach Berlin und Wittenberg gereist, sowohl als Teilnehmer als auch als Mitwirkende. Am Stand des Kirchentags-Landesausschusses Kurhessen-Waldeck auf dem «Markt der Möglichkeiten» konnten Kirchentagsbesucher sprichwörtlich «aus dem Rahmen fallen».Dort stellte sich am Freitag die Evangelische Jugend des Kirchenkreises Eder vor. Sie initierte eine Fotoaktion unter der Überschrift «Wir sind hier. Wo bist du?». Gäste wurden in einem Bilderrahmen abgelichtet, das Foto wurde dann an eine Landkarte angeheftet, um die Herkunft der Besucher zu zeigen. Die Jugendlichen - das Team bestand aus 26 Personen - hatten sichtlich Freude. Anstrengend sei das nicht, sagte Fiona Menne aus Höringshausen: «Wir sprechen doch über Dinge, die uns Spaß machen.»

Am ersten Tag auf dem Messegelände hatte sich dort der Mittagstisch Ziegenhain präsentiert, am Samstag das Begegnungscafé Oase aus Hanau. Ausgewählt hatte die Projekte der Landesausschuss, der zudem ebenfalls eine Fotoaktion anbot. Man habe kleinere Projekte ausgesucht, die nicht die Kapazitäten für einen eigenen Stand hätten, sagte Pfarrer Christian Rehkate vom Ausschuss, zudem habe man auf die geografische und altersmäßige Verteilung geachtet. Wer den Stand besuchte, bekam einen Eindruck von der Vielfalt der Landeskirche. Und er konnte erfahren, wo sie sich genau befindet: Die Eder-Jugendlichen hatten sich die geografischen Koordinaten des Edersees auf ihre T-Shirts drucken lassen.

Bischof Prof. Martin Hein setzte auf dem Kirchentag seinen Dialog mit dem Islam fort. Mit seiner – teils umstrittenen – These, dass Juden, Christen und Muslime zum selben Gott beteten, hatte Hein im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt. Beim Kirchentag legte er die Bibelgeschichte des Zöllners Zachäus (Lukas 19, 1-10) im Dialog mit Taoufik Hartit aus, dem Gründungspräsidenten des Bundes Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinderinnen Deutschland. 

Hein begann mit seiner eigenen Zachäus-Erfahrung und beschrieb launig, wie sich seine kindliche Solidarität mit dem kleinen Mann gewandelt habe, als er selbst immer weiter gewachsen sei: «Wer hinter mir im Theater seinen Sitzplatz hat, ist alles andere als erfreut.» Nachdem ihm die Geschichte in einer «Überdosis an Kinderbibeln» immer wieder begegnet sei, habe er sich durch die Theologie zunächst von ihr distanzieren müssen, um sie dann neu zu deuten. Der Bischof sagte, dass Jesus sich dem ungeliebten, ausgegrenzten Zöllner bedingungslos zugewendet habe. Da treffe sich das christliche Bild von Gott, der sich ohne Vorleistungen öffne, mit der Bezeichnung Gottes als «Allerbarmer» und «Allvergebendem» im Islam.

Hartit interpretierte die Figur des Zachäus gänzlich anders. Er sei schon vor der Begegnung mit Jesus ein rechtschaffener Mann gewesen, der ausgegrenzt wurde. Das System zwinge ihn zwar dazu, den Menschen hohe Zölle abzunehmen, aber er habe es ihnen schon bisher vierfach zurückgezahlt. Deswegen sei der Text «...wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück» auch im Präsens formuliert. Diese Botschaft der Barmherzigkeit, so Hartit, vereine Christen und Muslime.

So galt für diese Bibelarbeit wie für die gesamte Zeit in Berlin und Wittenberg: Es waren Tage der Begegnung und des Dialogs. (29.05.2017)

Impressionen

(Fotos. medio.tv/ Dellit / A.Fischer / Scheuermann)

Internetradio:

Bereits beim Abend der Begegnung war eine feierliche Stimmung auf dem Kirchentag zu vernehmen. medio-Reporter Torsten Scheuermann hat sich unter die Besucher gemischt:

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Internetradio:

Fünf Paare haben sich auf dem Kirchentag trauen lassen und alle Kirchentagsbesucher waren dazu eingeladen. medio-Reporter Götz Greiner war bei einer der Trauungen dabei:

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Internetradio:

Biblische Geschichten mit Legosteinen erzählen - das konnte man auf dem Kirchentag machen. Der 10-jährige Janne hat die Teilung des Meeres durch Mose nachgebaut. medio-Reporter Torsten Scheuermann hat sich das angeschaut:

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