Redaktion ekkw.de
Veröffentlicht 22 Jan 2024

Kassel. Wie verhält sich die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) zu sexualisierter Gewalt? Was wurde in den vergangenen Jahren zum Schutz davor unternommen und wie arbeitet die Landeskirche geschehene sexualisierte Gewalt auf? Diese und weitere Fragen sind in dieser Woche von besonderem Interesse. Anlass ist die Veröffentlichung der ForuM-Studie, mit der 25. Januar der gleichnamige Forschungsverbund seine Ergebnisse zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland vorlegte.

Der Verbund hatte seit 2020 mit einem breit angelegten und unabhängigen Forschungsprojekt das Thema sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche untersucht. Auch die EKKW hat dafür Fallzahlen übermittelt. 

Neben der Unterstützung des Forschungsvorhabens hat die EKKW in den vergangenen Jahren viele Schritte unternommen, um sexualisierte Gewalt in ihren Gemeinden und Einrichtungen zu verhindern und Menschen, denen sexualisierte Gewalt in kirchlichen Zusammenhängen widerfahren ist, zu unterstützen. Gleichzeitig setzt sie viel daran, das Thema aufzuarbeiten.

Wichtige Fragen und Antworten:

Was tut die EKKW, um Missbrauch und sexualisierte Gewalt zu verhindern?

Die haupt-, ehren- und nebenamtlichen Mitarbeitenden der EKKW wurden oder werden seit 2020 geschult, um sexualisierte Gewalt bzw. die Risiken ihrer Entstehung zu erkennen und Betroffenen professionelle Unterstützung zu vermitteln. Sie haben eine Selbstverpflichtungserklärung auf einen Verhaltenskodex unterzeichnet. Seit 2020 gab bereits mehr als 2000 Schulungen für die Pfarrerinnen und Pfarrer sowie die Beschäftigten im Landeskirchenamt, in der Kirchenmusik und in der Jugendarbeit. Auch zwei Drittel der Kirchenvorstände wurden durch einen Stab von rund 30 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren geschult. Wie so eine Schulung abläuft, können Sie hier nachlesen...

Die Landeskirche bemüht sich nach Kräften, Risiken zu minimieren, wachsam und aufmerksam zu sein. Erste Erfolge sind sichtbar: Die Zahl von Beratungsanfragen, aber auch die Meldung von Verdachtsfällen hat seit Beginn der Schulungen zugenommen. Zugleich wissen wir, dass trotz aller Bemühungen weiterhin sexualisierte Gewalt geschehen kann. Dann ist es wichtig, dass es Strukturen für die Aufklärung und Verfolgung, vor allem aber die Unterstützung Betroffener, gibt. 

Das Thema sexualisierte Gewalt kommt zunehmend heraus aus der Tabuzone. Eben das wollen wir nach Kräften unterstützen. 

Was passiert bei einem Verdachtsfall?

Die EKKW nimmt jeden Verdachtsfall ernst und geht ihm nach. Jeder Fall wird der Kirchenleitung und bei strafrechtlicher Relevanz den staatlichen Stellen gemeldet (es sei denn, die Betroffenen untersagen das). Damit wird eine unabhängige, gründliche und sachbezogene Prüfung der Vorwürfe ermöglicht. Geht es um Kinder und Jugendliche, müssen oft auch das Jugendamt oder Fachberatungsstellen einbezogen werden, um das Kindswohl zu schützen. 

Bei Vorwürfen gegen kirchliche Mitarbeitende werden diese in der Regel bis zum Ende eines Verfahrens vom Dienst freigestellt. Arbeits- und disziplinarrechtliche Schritte werden unabhängig vom Strafrecht geprüft. Sanktionen können auch verhängt werden, wenn ein Fall strafrechtlich bereits verjährt ist oder ein staatsanwaltschaftliches Verfahren eingestellt wird. Unsere Landeskirche erwartet von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein dem Auftrag der Kirche entsprechendes Verhalten. Das kann bedeuten, dass eine sexuelle Belästigung nicht staatlich bestraft wird, aber trotzdem arbeitsrechtliche Konsequenzen hat. Sollte es hingegen zu falschen Verdächtigungen kommen, muss es eine Rehabilitation geben. 

Es gibt eine Vielzahl von Ansprechstellen, wenn man einen Verdacht hat oder gar selbst sexualisierte Gewalt erleben musste. Hier ist eine Übersicht unabhängiger und kirchlicher Stellen.

Wie kann es sein, dass niemand von den Taten gewusst haben will?

Das Thema sexualisierte Gewalt ist mit Angst und Scham besetzt. Es gibt Betroffene, die sich vor einer Retraumatisierung schützen möchten. Für andere kann der Weg in die Öffentlichkeit indes befreiend sein. Hinzu kommt eine Mischung aus Ansehen, Status und Beliebtheit: Sie führt oft dazu, dass man Vertrauenspersonen solche Taten nicht zutraut und/oder sich ein Mantel des Schweigens über das Thema legt. 

Manchmal wird Betroffenen erst später klar, dass sie in dem, was sie für eine besondere Freundschaft hielten, in Wirklichkeit missbraucht wurden. Mitunter sprechen auch befreundete Menschen nicht über einen Missbrauch, den sie von einem gemeinsamen Bekannten oder Freund erfahren haben. 

Im Alter der Loslösung ziehen Jugendliche Erwachsene ungern ins Vertrauen «Und wenn sie es werden, gilt leider oft die Vermutung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Eigene Bilder über eine Person werden nicht infrage gestellt, so dass Betroffene abgewiesen und nicht ernst genommen werden», berichtet die landeskirchliche Koordinatorin Sabine Kresse.  

Wie viele Fälle gab es?

Für die ForuM-Studie wurden die Disziplinarakten von Pfarrpersonen sowie weitere einschlägige Unterlagen gesichtet. Gemeldet wurden 34 beschuldigte Personen, die bei der EKKW angestellt sind oder waren; für die Studie waren Fälle bis zum Jahr 2020 angefordert. Dabei handelt es sich um Fälle von sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen. Gemeldet wurden zudem 76 Fragebögen von betroffenen Personen, wobei diese Zahl nicht der tatsächlichen Anzahl der Betroffenen entspricht. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Die EKKW ermutigt betroffene Personen daher, sich zu melden, z.B. bei der Unabhängigen Anerkennungskommission.

Durch die Recherche kamen mehr Fälle ans Licht, unter anderem mit erwachsenen Betroffenen. Aufgrund der in der Aktenreche ermittelten sowie der laufenden und geschätzten Fälle ist nach jetzigem Kenntnisstand von 40 bis 50 Tatpersonen auszugehen. Hochgerechnet auf 800 Kirchengemeinden und Einrichtungen der Landeskirche hat es somit in jeder 20. Gemeinde bzw. Einrichtung mindestens einen Täter bzw. eine beschuldigte Person und eine oft unbekannte Anzahl von Betroffenen gegeben.

Wurde auch in den eigenen Akten nachgesehen?

Sieben pensionierte Kriminalbeamte und -beamtinnen haben entsprechenden Akten im Landeskirchenamt durchforstet. Dazu gehörten Disziplinarakten, aber auch rund 1.400 Personalakten von aktiven sowie noch lebenden, im Ruhestand befindlichen Pfarrpersonen. Diese Arbeit war auch die Grundlage dafür, dass 34 Fragebögen über Verdächtige und Täter in die ForuM-Studie eingeflossen sind. Was noch aussteht, ist eine Durchsicht aller Akten von verstorbenen Pfarrpersonen. Weitere Fälle wurden durch die Recherche bekannt. Da sich die Studie jedoch auf minderjährige Betroffene konzentriert, flossen diese dort nicht ein. Sie sind aber Grundlage unserer eigenen Aufklärungsarbeit.

Zum Bericht über die Recherchearbeiten...
Zu Fragen und Antworten, wie die Aktenrecherche in der EKKW ablief...

Ein Altfall aus unserer Landeskirche wird zudem in einem eigenen Forschungsprojekt der Universität Kassel aus unabhängiger, wissenschaftlicher Perspektive erforscht. Dabei soll es unter anderem um die Frage gehen, inwiefern Strukturen der Kirche die Täter schützten bzw. die Gewalt begünstigten. 

Kann die Kirche wirklich ihre eigenen Fälle aufarbeiten?

Um Interessenkonflikte zu vermeiden, hat die EKKW 2019 die Unabhängige Anerkennungskommission (UAK) berufen, in der keine Kirchenmitarbeitenden sitzen. Sie besteht aus einem Richter im Ruhestand, einer Traumatherapeutin und der ehemaligen Leiterin von Pro Familia Kassel. Diese Fachleute prüfen Fälle und überlegen gemeinsam mit den Betroffenen, welche Unterstützung diese benötigen. Das kann eine finanzielle Hilfe sein, aber auch psychologische Unterstützung. Jeder Fall ist anders. Zu den Mitgliedern mit Kontaktmöglichkeiten...

Außerdem klärt die UAK, ob Fälle noch rechtlich verfolgt werden können. Bis Ende 2023 hat die Kommission 21 Menschen betreut, die im Kontext unserer Landeskirche sexualisierte Gewalt erleben mussten. An 15 Betroffene wurde eine Anerkennungszahlung in unterschiedlicher Höhe geleistet, insgesamt 481.000 Euro. Uns ist bewusst, dass das keine Wiedergutmachung sein kann, denn gutzumachen sind die Taten nicht. Es geht vielmehr um die Anerkennung erlittenen Unrechts. 

Was wurde bereits zum Schutz vor sexualisierter Gewalt unternommen?

Im Jahr 2019 hat die Landeskirche eine Fachstelle eingerichtet, bei der viele Fäden zusammenlaufen. Ansprechpartnerin ist Pfarrerin Sabine Kresse (Telefon: (0151) 1675 2077 oder (0561) 9378 404, E-Mail: praevention@ekkw.de).

Daneben bemüht sich die EKKW um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit. Neben der Zuarbeit für die ForuM-Studie hat sie weitere Anstrengungen für die Aufarbeitung unternommen.

Wie verhält sich die EKKW zu sexualisierter Gewalt?

Wir wissen, dass es auch in unserer Landeskirche sexualisierte Gewalt gab und gibt. Menschen wurde Unrecht getan und Leid zugefügt, das ihr ganzes Leben gezeichnet hat. Das ist für unsere Kirche zutiefst beschämend und empörend. 

Aus diesem Wissen entsteht die Verpflichtung, dass wir uns dem Thema stellen. Dabei stehen die Interessen und Bedürfnisse der Betroffenen im Mittelpunkt: Wir hören sie und unterstützen sie individuell; ihnen gegenüber fühlen wir uns verpflichtet. Die Verantwortung, die daraus erwächst, ist uns bewusst. Wir sind ihr leider bisher nicht immer gerecht geworden. Aufarbeitung muss daher ehrlich im Blick auf unser eigenes Versagen stattfinden – dies auch im Blick auf täterschützende Strukturen. Wir stehen ein für die konsequente Aufklärung und Ahndung zurückliegender Taten. Und wir machen uns stark für klare Aufarbeitungsstrukturen.

Grundlage für weitere Aufarbeitungsschritte ist die bundesweite, unabhängige ForuM-Studie, an deren Finanzierung sich alle Landeskirchen und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) beteiligt haben. Sie wird am 25. Januar öffentlich vorgestellt. Mehr zu Studie unter www.forum-studie.de

Hintergrund: Forschungsverbund ForuM

Ende 2020 hat der Forschungsverbund ForuM (Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland) mit einer breit angelegten unabhängigen Studie zum Thema sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche seine Arbeit aufgenommen. Die Ergebnisse wurden am 25. Januar 2024 veröffentlicht.

Beteiligte Institutionen sind die Hochschule Hannover, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, die Bergische Universität Wuppertal, die Freie Universität Berlin, das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München, das Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sowie die Universität Heidelberg. Die Kosten belaufen sich auf ca. 3,6 Millionen Euro. Alle 20 Landeskirchen beteiligten sich an der Finanzierung.

Nach Veröffentlichung der Forschungsergebnisse ist davon auszugehen, dass diese in einem längeren Prozess ausgewertet werden und dabei viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure eingebunden werden müssen. Eine zentrale Rolle bei der Auswertung und Rezeption der Ergebnisse spielt das Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Forschungsverbund sieht es aber auch als unabdingbar an, die gesamte evangelischen Kirche und ihre Mitglieder, die Synoden aller Landeskirchen und ihre Bildungseinrichtungen sowie andere Akteure mit einzubinden. (22.01.2024, aktualisiert am 25.01.2024)

Linktipp:

Weitere Informationen zum Forschungsverbund und der ForuM-Studie finden Sie unter:

forum-studie.de

ekkw.de-Ratgeber:

Betroffene oder deren Angehörige und Freunde können sich auf unterschiedlichen Wegen Hilfe oder Beratung holen. Im ekkw.de-Ratgeber finden Sie Informationen, Ansprechpersonen und Links.