Liebe Leserin, lieber Leser
bis ich selbst lesen konnte, hat mein Vater mir jeden Abend vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählt. Er war ein guter Erzähler. Sein Repertoire reichte von Erlebnissen aus seinem Leben über biblische Geschichten bis zur Biografie von Martin Luther. Noch im theologischen Examen hat es mir geholfen, dass mir all diese Geschichten vertraut waren.
Erzählen ist die Muttersprache des christlichen Glaubens. Schon die ersten Kapitel der Bibel erzählen Geschichten, um die Welt zu erklären. Nicht als wissenschaftliche Analyse, sondern als Antwort auf die Fragen: Warum ist unser Leben so, wie es ist? Warum tun sich Menschen Gewalt an? Warum müssen wir im Schweiße unseres Angesichts arbeiten oder unter Schmerzen Kinder gebären? Warum gibt es so viele verschiedene Sprachen und Völker?
Auch Jesus hat gerne erzählt: Gleichnisse und Beispielgeschichten über das Reich Gottes und über die Liebe Gottes zu uns Menschen. Oft haben die Zuhörenden das Gehörte weitererzählt und mit Geschichten über Jesus verbunden. So ist das Neue Testament entstanden. Wo immer diese Geschichten heute erzählt werden, wird unsere eigene Geschichte mit der Geschichte Gottes verwoben.
Es beglückt mich immer wieder, wenn in Seminaren oder in Gottesdiensten Menschen plötzlich entdecken: Diese Geschichte hat etwas mit mir zu tun, auch wenn sie 2.000 Jahre alt ist. Die Erfahrungen darin kenne ich auch. Und das, was Gott da tut, das kann auch mein Leben in ein neues Licht tauchen. Es kann mir helfen, mich, andere Menschen und Gott besser zu verstehen.
Mögen die Geschichten in diesem Magazin Sie berühren und zum eigenen Erzählen anregen!
Ihre
Beate Hofmann
Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
