Ilse Wilke hat etwas mitgebracht. Vier Päckchen mit Feuchttüchern reicht sie den Nachbarn über den Zaun. Die würden gut gegen den lästigen Blütenstaub helfen, der sich an diesem Tag über alles gelegt hat: über Wohnwagen, Campinghütten, Tische, Stühle, über den ganzen Campingplatz am Bärensee bei Hanau.
Wenn sich jemand mit Campen im Allgemeinen und speziell am Bärensee auskennt, dann Ilse Wilke. Sie ist stolze 86 Jahre alt und mehr als die Hälfte ihres Lebens Camperin, genau genommen seit 47 Jahren. Sie hat zwar eine Wohnung in der Wetterau, aber am See ist sie viel häufiger. Eigentlich hatte sie damals nur ihren Schwager besucht, aber dann gesehen, dass das hier ideal für eine Familie mit fünf Kindern war: «Am selben Tag haben wir den Platz gemietet.»

Ilse Wilke
Einst stand darauf ein Wohnwagen, irgendwann waren es zwei, dann wurden sie umbaut – jetzt ist es ein kleines grünes, bunt verziertes Camping-Paradies. Über dem Eingang prangt der Spruch «Des Campers Fluch – Es kommt Besuch», aber wenn man Ilse Wilke zuhört, weiß man schnell, dass ihr das Gegenteil wichtig ist: «der Zusammenhalt».
Als sie mit den Feuchttüchern vorbeikommt, sitzen gerade Susanne Gehbauer, ihre Schwester Simone Willner, deren Tochter Jaquelyne und Ehemann Andreas Klein mit dem Reporter von der Kirche zusammen und erzählen von ihrem Ehrenamt. Jaquelyne und Andreas Klein sind am Bärensee das Herz von «Kirche unterwegs».
«Kirchen unterwegs» an Eder-, Diemel- und Bärensee
In den Ferienregionen Edersee, Diemelsee und Bärensee bietet die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck jedes Jahr unter dem Motto «Kirche unterwegs» ein vielseitiges Programm für Urlauberinnen und Urlauber an. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende gestalten in den Sommermonaten Konzerte, Gottesdienste und zahlreiche kreative und sportliche Veranstaltungen für die ganze Familie – ganz nach dem Motto: «Wo wir sind, ist Sommer. Immer.»
Ziel des Teams ist es, Menschen in ihrem Urlaub zu begleiten, Raum für Begegnung zu schaffen und mit geistlichen Angeboten Impulse fürs Leben zu geben. Dabei steht nicht nur das gemeinsame Erleben im Vordergrund, sondern auch das persönliche Gespräch – sei es am Seeufer, bei einer Aktion oder bei einer Tasse Kaffee.

Dauercamperin: Simone Willner
Auch sie sind schon lange Camper. Damals, 2002, stellte Simone Willner fest, dass zwei Wochen Camping ungefähr so viel koste wie ein Familienbesuch im Freizeitpark. «Seitdem», sagt sie, «hocken wir hier fest.» Früh war für ihre Kinder «Kirche unterwegs» Anlaufpunkt, dort war in den Ferien immer etwas los. Seit 19 Jahren ist sie dabei, erzählt die 32-jährige Jaquelyne Klein – weit mehr als die Hälfte ihres Lebens. Da kann es einen auch nicht erstaunen, dass sie sich ganz kurz nach der Geburt ihrer Tochter aus dem Krankenhaus abholen ließ, um mit der ganzen Familie zur Team-Fortbildung zu fahren.
Basteln, Ferienprogramm, Gottesdienste, Spiele, all das bot «Kirche unterwegs» damals in eigenen Hütten, die heute nicht mehr stehen. Im Sommer wird ein Circuszelt am Seeufer aufgebaut. Klein hofft darauf, dass in absehbarer Zeit wieder ein fester Standort entsteht. Die Idee: vier oder fünf Überseecontainer ausbauen, inklusive Küche und Sanitäranlagen. Die geschätzten Kosten: 45.000 Euro.
Doch egal, ob Zelt oder Container, für das Ehepaar Klein und zwei bis drei andere Helfer ist das Ganze «eine Herzenssache», wie Jaquelyne es formuliert. Viel zu tun gibt es dabei. In den Ferien ist an sechs Tagen die Woche bei der Kirche etwas los: Stockbrot, Wandern, Fußballturnier, Basteln, Spieleabend, Andachten, Nachtgeschichten, Kuchenbacken und -verkauf, gestreamte Gottesdienste vom Edersee und vieles mehr.

Bei solch einem großen Angebot ist Organisationstalent gefragt. Andreas Klein erzählt von dem Tag, als sie für 20 Kinder Pizzabacken geplant hatten. Dann kamen 65. Also setzte er sich ins Auto und kaufte ein. Zum Glück gleich so viel, dass es auch nicht mehr schlimm war, als die erste Pizza völlig verkohlt aus dem Ofen kam. «Irgendwie», sagt er, «kriegen wir es immer hin.»
Nach fast zwei Jahrzehnten im Ehrenamt könne sie nicht über den Platz laufen, ohne angesprochen zu werden, wann wieder etwas los sei, erzählt Jaquelyne Klein. Dabei sei vielen nicht wichtig, dass die Kirche Veranstalterin sei, manche schrecke das sogar ab. Dabei ist die Rolle von «Kirche unterwegs» auf diesem Campingplatz ganz ähnlich wie die einer Kirche in einem Dorf: Hier wird Gemeinschaft gelebt, gefeiert, getauft, über Gott und die Welt gesprochen, getrauert und gelacht.
Jaquelyne Klein erinnert sich an eine alte Frau, die bei ihr saß, nachdem der Mann verstorben war, und ausführlich erzählte, vom Kennenlernen bis zum Tod und von den Kindern, die ebenfalls schon tot sind. Einsamkeit sei ein großes Problem, auch auf dem Campingplatz. Gerade wenn die kalten Tage kämen und die Menschen sich in ihre Wagen und Hütten zurückzögen, werde es einsam. Manche griffen dann auch zum Alkohol. Klein würde gerne auch in der Advents- und Weihnachtszeit ein Angebot organisieren, um zu helfen. Nach dem langen Gespräch mit der Witwe sagte diese: «Danke, dass Sie da sind.»
Neben dem Spaß und der Gemeinschaft gibt es ernste Themen, die dem Kirche-unterwegs-Team wichtig sind. So gab es einen Schwerpunkt zu Kinderrechten. Jaquelyne Klein war erschüttert, dass manchen Kindern nicht klar war, dass sie sich nicht berühren oder küssen lassen müssen, wenn sie es nicht wollen.
Der Campingplatz am Bärensee ist wie ein Dorf. Hier gibt es die gute Gemeinschaft ebenso wie den Streit. All das hat Camping-Veteranin Ilse Wilke schon erlebt. Sie erinnert sich an große Feste, bei denen Spenden gesammelt wurden, aber auch an die Nachbarin, mit der es Streit gab: «Wenn einer querschießt, verdirbt es die Atmosphäre.»
Und mittendrin ist immer das kleine, ehrenamtliche Team von «Kirche unterwegs», über dessen Anspruch Jaquelyne Klein sagt: «Wir können die Welt nicht retten, aber wir können sie ein bisschen besser machen.»

„Ins Freie“ als E-Paper
Passend zum Ferienbeginn führt das „blick in die kirche Magazin“ seine Leserinnen und Leser „Ins Freie“. Das ist einerseits ganz wörtlich gemeint: So hat die Redaktion ein Interview mit Bischöfin Dr. Beate Hofmann im und über den Wald geführt und einen 14-Jährigen besucht, der Segelfliegen lernt. „blick in die kirche“ war auf Hessens größtem Campingplatz am Hanauer Bärensee zu Besuch, wo auch ein Team von „Kirche unterwegs“ aktiv ist. Eine Frau erzählt, wie sie auf die Idee kam, rückwärts zu pilgern, und Teilnehmende, warum sie im höheren Alter einen Pedelec-Fahrkurs besuchen.
Andererseits geht es auch um Freiheit. Eine Christin, die aus dem Iran stammt, erzählt von ihrer Flucht und ihr Ehrenamt in der evangelischen Kirche. Die Geschichte der Waldenser zeigt, dass auch vor Jahrhunderten schon Menschen wegen ihres Glauben ihr Heimatland verlassen musste – die Spuren der Waldenser sind bis heute zu finden.
Außerdem gibt es ganz konkrete Tipps zu besonderen Kirchen und Anlässen für die Freizeit und den Urlaub. Passend dazu berichtet eine Urlaubsseelsorgerin von ihrer Arbeit auf der Nordseeinsel Langeoog.
Wie immer gibt es ein Preisrätsel: Diesmal ist ein Hotelaufenthalt mit Abendessen in Hanau zu gewinnen.
Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt über 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.










