Warum betreibt die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) eigene Schulen? Diese Frage greift Martin Michel in einem ausführlichen Interview auf, das anlässlich seiner Einführung als neuer Schulleiter der Melanchthon-Schule Steinatal entstanden ist. Der 56-Jährige war bislang stellvertretender Schulleiter, folgt in der Leitung Dr. Anke Holl und hat selbst einst sein Abitur an der Schule abgelegt.
Michel beschreibt evangelische Schulen nicht allein als Orte des Lernens. Sie seien Lebensräume, in denen junge Menschen Gemeinschaft erfahren, Verantwortung übernehmen und Orientierung finden könnten. Gerade Menschen, die kaum Berührungspunkte mit Kirche haben, würden hier mit christlich geprägten Werten und Erfahrungen in Kontakt kommen.

Zugleich versteht Michel kirchliche Schulen als Beitrag der Kirche für die gesamte Gesellschaft. Themen wie Demokratiebildung, Verantwortung für Mitmenschen und die Bewahrung der Schöpfung gehörten aus seiner Sicht ebenso zum Auftrag evangelischer Bildung wie fachliches Lernen. Deshalb seien Schulen in evangelischer Trägerschaft auch heute ein wichtiger Teil kirchlichen Handelns.
Lesen Sie das komplette Interview mit Martin Michel im Wortlaut. Die Fragen stellte Silke Bremer, Redakteurin für interne Kommunikation:
Das neue Schuljahr beginnt und mit ihm eine neue Aufgabe für Sie: Wird jetzt alles anders?
Martin Michel: Gewissermaßen bleibt es wie es war und wird gleichzeitig alles anders. Durch das gemeinsame Büro mit Frau Holl als Schulleiterin hatte ich genügend Anknüpfungspunkte, Informationen und Erfahrung, die täglichen Aufgaben nun bewerkstelligen zu können. Aber in der Schulleitung, insbesondere in nicht staatlicher Trägerschaft, kommen täglich neue Herausforderungen, denen man geeignet begegnen muss. Kurzgesagt, wird es nie langweilig.
Als der Stellvertreter von Anke Holl waren Sie als Nachfolger gesetzt, oder?
Michel: Nein, dass kann man so nicht sagen. Ich habe wohl meine Arbeit als Stellvertreter gut genug gemacht, dass so Mancher sich mich als Nachfolger vorstellen konnte; daher vielleicht dieser Eindruck. Aber die Besetzung der Stelle war sowohl bei mir persönlich als auch bei der Trägerin ein Ergebnis aus einem Prozess heraus.
Ihr Lebensweg ist ja eng mit der Melanchthon-Schule verknüpft. Viele Schüler und Schülerinnen machen um ihre ehemalige Schule einen großen Bogen. Bei Ihnen war das anders…
Michel: Ich bin da nicht alleine. Etwa ein Fünftel des Kollegiums besteht aus ehemaligen Schülerinnen oder Schülern unserer Schule. Das zeugt von einer hohen Verbundenheit mit der Schule und der Region. Ich bin davon überzeugt, dass viele ehemaligen Schülerinnen und Schülern sich wie ich an eine gute und erfüllte Schulzeit an der Melanchthon-Schule zurückerinnern und gerne ähnlich wie ich ihren Lernort zu ihrem Lehrort gemacht hätten.
Welche Rolle spielt das evangelische Profil der Schule bei dieser hohen Verbundenheit?
Michel: Da kann ich nur für mich sprechen. In meinem Fall bin ich seit meiner Kindheit durch die evangelische Jugendarbeit in meinem Heimatort christlich sozialisiert aufgewachsen: Jungschar, erst als Teilnehmer, dann als Betreuer, Posaunenchor, auch in der Jungbläserausbildung, TenSing, dort als Chorleiter, mit 18 Kirchenvorsteher. Da reiht sich die evangelische Schule sehr homogen ein.
Worin wird das Profil sichtbar?
Michel: Von dem evangelischen Profil der Schule kann ich aus meiner 46-jährigen Erfahrung nicht sprechen. Zu jeder Zeit gibt es Schwerpunkte und gesellschaftliche Einflüsse, die an der Ausgestaltung des evangelischen Profils der Schule mitformen. Was ich als gemeinsamen Nenner über all diese Jahre am ehesten als Konstante nennen kann, ist, dass sich die Melanchthon-Schule nicht nur als Lernort, sondern als Lebensraum, als Schulgemeinde versteht. Und dass dieses Verständnis auch von vielen unserer Schülerinnen und Schülern mitgetragen wird. Hier wirkt Kirche unmittelbar in die Gesellschaft in einer Breite, die sich nur schwer mit der örtlichen Gemeindearbeit vergleichen lässt.
Vieles kommt angesichts knapper werdender finanzieller Ressourcen auf den Prüfstand. Warum braucht es Ihrer Ansicht nach heute noch ein Gymnasium in evangelischer Trägerschaft?
Michel: Ich habe es gerade angedeutet: In der Gemeindearbeit erreicht man nur schwer Menschen ohne oder mit geringer christlichen Prägung aus dem Elternhaus. Evangelische Schulen können das kompensieren, einen Lebensraum anbieten, mit Blick auf die Verantwortung für den Nächsten, für die Schöpfung, mit Hilfs- und Trostangeboten für schwere Zeiten. Eigentlich braucht es mehr solcher Schulen, verteilt über die ganze Landeskirche. Angesichts knapper finanzieller Ressourcen ist dieser Gedanke zwar utopisch, aber mit nur einem evangelischen Gymnasium wirkt die Landeskirche zumindest exemplarisch und erkennbar auf die Schullandschaft regional und überregional ein. Es gibt viele Aspekte aus der Steinataler Schulgeschichte, die gute und nachgeahmte Vorbilder für staatliche Schulen waren und sind. Als jüngeres Beispiel ist unser Demokratiefest zum 80-jährigen Weltkriegsende im Mai 2025 zu nennen, bei dem wir vielfältige Projekte zusammengetragen, entwickelt und erprobt haben, die nun durch die Lehrkräfteakademie als gute Beispiele für Demokratie Lernen den Schulen in ganz Hessen vorgestellt werden.
Verstehe. Sie sehen sich als Schule in der Tradition Ihres Namensgebers…
Michel: Genau. Wenn wir schon bei sinkenden Mitgliederzahlen vielleicht um unsere gesellschaftliche Relevanz fürchten müssen, sollten wir neben der zweifelsfrei wichtigen Begleitung unserer schrumpfenden Kirchengemeinden auch den großen Rest der Gesellschaft im Blick behalten. Philipp Melanchthon setzte in der Reformation deutliche Akzente auf ein Recht auf Bildung für Alle, um als mündiger und verantwortungsvoller Teil der Gesellschaft wirken zu können. Ohne dieses Wirken gäbe es die heutige Schullandschaft so nicht. Es genügt nicht, durch vielleicht zwei Stunden Religionsunterricht pro Woche einen Teil der Schülerinnen und Schülern von unserem Glauben zu erzählen. Es braucht Lebensräume, die man gemeinsam auch mit kirchenfernen Menschen gestaltet, die Halt in der Gemeinschaft und vielleicht auch im Glauben anbieten. Wenn wir es schaffen, so Schule zu machen, kann Kirche auch in der Gesellschaft besser Schule machen.
www.melanchthon-schule.de

Die Melanchthon-Schule Steinatal im Kirchenkreis Schwalm-Eder ist ein staatlich anerkanntes evangelisches Gymnasium mit einer besonderen Lernkultur: Sie orientiert sich am christlichen Menschenbild und legt Wert auf eine werteorientierte Erziehung. Die Schule steht allen Kindern und Jugendlichen offen – unabhängig von ihrer Konfession. Neben der fachlichen Leistung ist auch die Förderung der aktuell 675 Schülerinnen und Schüler wichtig.
Die Schule versteht sich als einen Ort, an dem christlicher Glaube und evangelische Kirche erfahr- und erlebbar werden können. Daher gehören vielfältige spirituelle Angebote und Formen ganz selbstverständlich zur Schulkultur und wirken im gesamten Schulleben weiter. Religiöse Bildung und die Förderung einer Sprachfähigkeit in Fragen des eigenen Glaubens haben einen hohen Stellenwert. Die Teilnahme am Religionsunterricht ist für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend. Alle Lehrkräfte gehören zudem einer christlichen Kirche an. Für den Besuch wird ein sozial gestaffeltes Schulgeld erhoben, das auf Antrag erlassen werden kann, damit kein Kind aus finanziellen Gründen ausgeschlossen wird.
Neben der Melanchthon-Schule unterhält die EKKW zwei evangelische Grundschulen, die sich ebenfalls durch ein besonderes pädagogisches und evangelisches Profil auszeichnen. Dazu gehören die Katharina-von-Bora-Schule in Oberissigheim im Kirchenkreis Hanau und die Martin-Luther-Schule in Schmalkalden im gleichnamigen Kirchenkreis. Koordiniert werden die Aktivitäten im Schulreferat im Landeskirchenamt in Kassel.
