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Am Essigberg bei Kassel: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beim Wald-Interview mit blick-Redakteur Olaf Dellit

Am Essigberg bei Kassel: Bischöfin Dr. Beate Hofmann beim Wald-Interview mit blick-Redakteur Olaf Dellit

Kassel / blick in die kirche, Fragen: Olaf Dellit
Veröffentlicht 26 Jun 2026

Der Einsatz für den Wald ist ein Herzensthema von Bischöfin Dr. Beate Hofmann. Was könnte also ein besserer Ort für ein Interview sein als der Wald? Das Gespräch wurde während eines Spaziergangs am Essigberg bei Kassel geführt – in einer Regenpause an einem bewölkten Tag.

Olaf Dellit: Ihre Tage sind voller dienstlicher Termine. Zwischendurch nehmen Sie sich Zeit, hierher zu kommen. Was bedeuten Ihnen diese Stunden im Wald?

Dr. Beate Hofmann: Sie ermöglichen Bewegung, frische Luft, Kontakt mit der Natur und mit der Jahreszeit: Mein Mann und ich laufen sehr oft dieselbe Strecke und dann sieht man, wie sich die Natur verändert. Zuerst kommen die Frühlingsblüher durch und dann langsam der Sommer. Im Herbst kann man hier unglaublich viele Himbeeren essen. Im Winter haben wir Kinder auf den Eisflächen beobachtet. Vor allem bedeuten diese Stunden auch Zeit mit meinem Mann.

Unser Hefttitel heißt „Ins Freie“. Empfinden Sie im Wald Freiheit?

Hofmann: Freiheit ist ein sehr großes Wort, an dem auch viel Politisches hängt. Aber ich fühle mich im Wald meistens so, dass ich freier atmen kann und der Kopf freier wird. Beim Laufen klärt sich manches, und manchmal ist es auch gut, einmal nichts im Kopf zu haben und sich ganz auf das einzulassen, was ich hier höre und sehe.

Sie sind in Bayern aufgewachsen. Kommt aus dieser Zeit die Vorliebe für den Wald?

Hofmann: Da ist die Liebe zur Natur entstanden. Ich bin im Voralpenland aufgewachsen, in einer Landschaft aus Wiesen und Wäldern, und war sehr viel draußen. Wir haben in einem Mietshaus gewohnt, da gab es sehr viele Kinder und direkt daneben ein kleines Wäldchen. Dort haben wir viele Abenteuer erlebt, Baumhäuser gebaut und so etwas. Für mein Verhältnis zum Wald hat auch der Weinberg meiner Familie eine Rolle gespielt. Eine Großtante, die 1936 in die Schweiz emigriert ist, hat im Tessin in einem Bergtal einen Weinberg mit einem großen Waldstück gekauft. Um das zu bewirtschaften, hat sie alle Söhne ihrer Schwester eingeladen, sprich: meinen Vater und seine Geschwister. Ich habe da über 50 Jahre Urlaub gemacht und kannte irgendwann jeden Baum: Ich habe sie wachsen sehen und erlebt, wie Wald die Landschaft stützt. Das sind Steilhänge und wenn da abgeholzt wird, fängt der Hang an zu rutschen. Und wie sich ein starkes Gewitter anfühlt, habe ich da auch erlebt.

Zur Person
Dr. Beate Hofmann, Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (seit 2019) in schwarzer Amtstracht mit Kreuz vor historischer Steinwand und blühenden roten Rosen im Garten

Beate Hofmann (62) ist seit 2019 Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Nach ihrem Theologiestudium und Vikariat war sie Pfarrerin in München, bevor sie eine Hochschullaufbahn einschlug und Professorin für Diakoniewissenschaft und -management war. Hofmann ist verheiratet und wohnt in Kassel. 

Ich finde, dass Gespräche beim Wandern anders sind als zum Beispiel im Büro. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Hofmann: Ich erlebe oft bei Tagungen, dass es ganz anders ist, wenn man ein Thema im Wortsinne er-geht. Und wenn ich mit meinem Mann laufe, sind das oft Gelegenheiten, in Ruhe über etwas zu reden. Ich finde es aber auch wohltuend, einfach mal nicht zu sprechen.

Das geht einfacher, als wenn man sich gegenübersitzt.

Hofmann: Für mich hat das Laufen im Wald tatsächlich auch eine Dimension von „den Gedanken nachhängen”.  

Der Wald ist Ihnen so wichtig, dass Sie eine Aktion der Landeskirche initiiert haben: 700.000 Bäume in sieben Jahren. Wie ist der Stand?

Hofmann: Wir sind bei knapp 70.000 Bäumen und damit nach drei Jahren noch nicht da, wo wir gerne wären. Die Aktion ist aus einem Fernsehgottesdienst zum Thema Wald entstanden. Eine Frage war: Wo erleben wir Herausforderungen zur gesellschaftlichen Umkehr? Ein Beispiel ist die veränderte Nutzung und Pflanzung von Wald. Und dann hat das Fernsehteam immer gefragt: Ja, und was macht ihr konkret? Daraus ist die Challenge mit den 700.000 Bäumen in sieben Jahren geworden. Wahrscheinlich sind es jetzt schon mehr als 70.000, weil viele im Rahmen unserer Aktion Bäume pflanzen, es aber bei uns nicht melden.

Die Waldaktion der Landeskirche
Logo der Aktion «7 Jahre – 700.000 Bäume»

7 Jahre – 700.000 Bäume. Ein großes Ziel hat sich die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck 2023 gesteckt. Allerdings geht es nicht in erster Linie um die Zahl, wie Bischöfin Beate Hofmann im Interview erläutert. Sie wünscht sich ein Bewusstsein für den Wald und seine Verletzlichkeit. Die Aktion ist so angelegt, dass sich jeder und jede beteiligen kann. Sie möchten selbst einen Baum pflanzen, der bei der Aktion gezählt wird? Dann können Sie ihn im Internet registrieren. 

Trotzdem wird es mit den 700.000 wohl eng, oder?

Hofmann: Ist die Aktion gescheitert, weil wir nach drei Jahren nur bei ungefähr 70.000 Bäumen sind? Nein. Das Entscheidende ist der Anstoß, sich mit Bäumen und mit der Situation des Waldes und der Schöpfung auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, wie es unseren Mitgeschöpfen geht und was sich in unserer Welt verändern muss, damit die Schöpfung nicht so leidet.

Kritiker sagen: Fürs Bäume pflanzen ist doch die Forstverwaltung zuständig. Wieso tut das die Kirche?

Hofmann: Das Wesentliche ist nicht, dass wir möglichst viele Bäume pflanzen und alle selber pflanzen. Die Idee war, dass jedes Kirchenmitglied – damals noch 700.000 Menschen – einmal im Kontakt mit der Herausforderung der Transformation des Waldes gewesen sein soll. Durch diese Pflanzaktionen sollen sie sich mit der Situation des Waldes auseinandersetzen und erleben, wie sich der Klimawandel dort niederschlägt. Sie erleben, wie durch das Pflanzen neuer Bäume nach den starken Schäden aus den Stürmen 2019 und der Dürre der Jahre danach etwas Neues entstehen kann, das unser Klima nachhaltig kühler hält, für Boden- und Luftqualität sorgt und Biodiversität erhält.

Bei jedem Klimabericht wird deutlich: Es hängt in unseren Regionen total viel am Wald. Wenn ich Schöpfung bewahren will, kann ich das im Wald tun. Deswegen haben wir gesagt: Jeder und jede soll das mal an einem Baum erlebt haben. Und es ist schon so: Zu Bäumen, die ich selber gepflanzt habe, habe ich eine andere Beziehung.
 

Baumpflanzaktionen planen - ein Leitfaden

Beteiligen Sie sich und pflanzen Sie Bäume. Egal, ob einen einzelnen Baum oder gleich einen ganzen Wald – jeder Baum zählt! Im PDF-Flyer gibt es eine Checkliste, die bei der Planung von Baumpflanzaktionen helfen kann und Infos zur Förderung von Pflanzaktionen.

Inwiefern?

Hofmann: Ich will dann wissen: Wachsen die? Bei Obstbäumen: Tragen sie? Blühen sie? Werden sie von Borkenkäfern aufgefressen, fallen sie um oder verdursten sie?

Ist das auch das, was mit dem Begriff Waldbewusstsein gemeint ist?

Hofmann: Der Begriff meint ein Bewusstsein dafür, welchen Wert der Wald hat, aber auch, in welcher Gefahr er und damit auch unser Klima und letztendlich unsere Lebensgrundlage ist.

Also fällt Ihre bisherige Bilanz der Waldaktion positiv aus?

Hofmann: Ich bin immer wieder überrascht, dass doch in vielen Regionen der Landeskirche etwas wächst. Ich war neulich in einem Taufwald in der Nähe von Hanau, wo für jedes getaufte Kind ein Baum gesetzt wird. Ich erlebe bei Gemeindejubiläen, dass Bäume gepflanzt werden. Ich weiß von Gemeinden, in denen der Konfirmationsjahrgang einen Baum pflanzt.

Und unsere Idee, Bäume zu verschenken, die dann in einem unserer Wälder gepflanzt werden, läuft ziemlich gut.


Ich will für Bäume spenden oder Bäume verschenken


Das Wort Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Es stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Kann man Nachhaltigkeit und Glauben verbinden?

Hofmann: Der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, setzt auf Langfristigkeit und damit auf Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit gibt es als Vokabel in der Bibel natürlich noch nicht. Aber es gibt dort den Grundgedanken, nicht nur an die eigene Generation, sondern auch an die der Kinder und Kindeskinder zu denken. 

Wenn ich es richtig verstehe, braucht es eine theologische Abgrenzung. Wäre es so halbwegs richtig: Wir beten nicht den Wald an, sondern wir begegnen Gott in der Schöpfung?

Hofmann: Ich wäre auch mit dieser Aussage vorsichtig. Die Schöpfung ist etwas, was Gott uns als Lebenswelt gegeben hat, in die er alle Geschöpfe hineingesetzt hat. Und wir sind eines dieser Geschöpfe. Für mich ist der Wald Mitgeschöpf. Ich bin zurückhaltend mit solchen Zuschreibungen, dass man in der Natur Gott in besonderer Weise erleben könne.

Die Natur ist ein Ort, an dem ich zur Ruhe kommen kann und, wie gesagt, den Kopf frei kriegen kann. Ich kann mich auf meine Mitwelt und meine Beziehungen zu den Menschen um mich herum, zu anderen Geschöpfen und zu Gott besinnen. Ich würde aber nicht sagen, dass mir Gott im Wald anders oder besser begegnet als bei anderen Gelegenheiten (Gottesdienst, Gebet, Bibellese, Gespräche). Das wäre eine Form von Naturfrömmigkeit, die nicht dem christlichen Glauben entspricht.

Aber vielleicht kann man die Schönheit der Schöpfung im Wald gut wahrnehmen.

Hofmann: Ja, man sieht im Wald die Schönheit und auch die Verletzlichkeit der Schöpfung. Faszinierend ist die Vernetzung und Symbiose im Wald. Es geht nicht nur um Bäume, sondern um unendlich viele Tier- und Pflanzenarten, die sich alle gegenseitig in ihren Lebensmöglichkeiten beeinflussen.

Und was für mich tatsächlich ein völlig neuer Aspekt war: Im Gespräch mit Försterinnen und Förstern habe ich gelernt, dass die eigentlich in einer ähnlichen Situation sind wie wir Kirchenmenschen. Sie wissen, dass vieles angesichts des Klimawandels nicht mehr so funktioniert, wie sie es bisher gedacht hatten.
 

Bischöfin Hofmann pflanzt Bäume im Wald bei Malsfeld

Im Wald bei Malsfeld: Im Jahr 2024 pflanzte die Bischöfin gemeinsam mit dem Forstamt Melsungen Bäume

Was bedeutet das?

Hofmann: Keiner kann genau sagen, was richtig ist; also welche Bäume tatsächlich in 50 oder 80 Jahren noch wachsen werden. Forstleute befinden sich in einer Phase von Ausprobieren, Erproben, Herantasten und sie lernen, verschiedene Zeichen zu lesen – wie wir in der Kirche. Ich habe dabei auch gelernt, was Pionierbäume sind. Das sind die ersten, die wachsen und das relativ schnell. Ihr Holz ist wirtschaftlich nicht besonders wertvoll, aber sie sorgen dafür, dass Bäume sich auf einer Fläche breitmachen können. Sie bereiten den Weg. 

Das ist ein interessantes Bild für Kirchenveränderungen: Was sind sozusagen unsere Pionierbäume? An welchen Stellen macht sich fest, dass hier Neues wächst?

Ich habe bei der Recherche einige neue Begriffe rund um den Wald kennengelernt. Eine andere Welt.

Hofmann: Ich war selbst keine Waldexpertin, werde aber langsam zu einer. Ich wusste zum Beispiel überhaupt nicht, wie ideologisch umstritten der Wald ist. Die einen sagen: nur Naturverjüngung, alles wachsen oder umfallen lassen. Totholz ist ganz wichtig für das Ökosystem. Es gibt andere, die sagen: Man muss den Wald auch aufräumen; sie halten eine gewisse Nutzung des Waldes unter wirtschaftlichen Aspekten für erlaubt.

Apropos Ideologie: Es gibt Versuche von Rechtsextremen, den Wald mit einer Blut-und-Boden-Ideologie zu verknüpfen. Was ist Ihre Antwort?

Hofmann: Wald ist international und kein Blut-und-Boden-Thema. Bäume wachsen auf der ganzen Erde. Es gibt sehr interessante Projekte, zum Beispiel zur Begrünung der Sahara oder zur Wiederaufforstung von Regenwald und andere. Am Regenwald hängt letztlich das Klima des ganzen Planeten. 

Ich weiß, dass es diese Vereinnahmungsversuche gibt, auch hier in der Nähe beim Streit um Windkraft im Reinhardswald. Das ist ein sehr alter Wald mit besonderen Bäumen und da tobt jetzt ein wilder Kampf um die Windenergie. Der Widerstand dagegen ist von Rechtsradikalen genutzt worden, um das Ganze mit ihrer Ideologie zu verbinden. So eine Frage ist immer ein Abwägen verschiedener Interessen. Ich halte es aber für falsch, das ideologisch aufzuladen. 

Unser Engagement kommt nicht aus einer bestimmten Waldideologie heraus. Deswegen reden wir auch mit ganz unterschiedlichen Menschen: mit Förstern, mit der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, mit Waldbesitzern, Naturschützern und vielen anderen.

«Man sieht die Schönheit und die Verletzlichkeit der Schöpfung.»
Bischöfin Dr. Beate Hofmann

Zurück zur Theologie: In der Bibel kommen immer wieder Bäume vor. Haben Sie eine Lieblingsstelle?

Hofmann: Natürlich ist der Baum der Erkenntnis in der Schöpfungsgeschichte ein besonderer Baum, der sich mit ganz vielen symbolischen Geschichten verbindet. Eine schöne Baumgeschichte ist auch die vom Feigenbaum, der nicht abgehackt werden soll. Man gibt ihm noch eine Chance, um als Zeichen von Gottes Güte und Langmut doch noch zu wachsen. (Lukas 13,6–9)

Am Schluss dürfen Sie unseren Leserinnen und Lesern noch sagen, warum sie unbedingt mal wieder in den Wald gehen sollten.

Hofmann: Probiert es einfach mal aus! Gerade jetzt, besonders wenn es geregnet hat, gibt es tausende verschiedene Formen, Arten, Geräusche und Spielarten von Grün. Ich finde das wunderbar und es zeigt die Vielfalt der Schöpfung. Das kann man nicht im Film oder in den eigenen vier Wänden sehen, dazu muss man sich rausbewegen.

Titelbild der Ausgabe des blick in die kirche-Magazin „Ins Freie“
„Ins Freie“ als E-Paper

Passend zum Ferienbeginn führt das „blick in die kirche Magazin“ seine Leserinnen und Leser „Ins Freie“. Das ist einerseits ganz wörtlich gemeint: So hat die Redaktion ein Interview mit Bischöfin Dr. Beate Hofmann im und über den Wald geführt und einen 14-Jährigen besucht, der Segelfliegen lernt. „blick in die kirche“ war auf Hessens größtem Campingplatz am Hanauer Bärensee zu Besuch, wo auch ein Team von „Kirche unterwegs“ aktiv ist. Eine Frau erzählt, wie sie auf die Idee kam, rückwärts zu pilgern, und Teilnehmende, warum sie im höheren Alter einen Pedelec-Fahrkurs besuchen.

Andererseits geht es auch um Freiheit. Eine Christin, die aus dem Iran stammt, erzählt von ihrer Flucht und ihr Ehrenamt in der evangelischen Kirche. Die Geschichte der Waldenser zeigt, dass auch vor Jahrhunderten schon Menschen wegen ihres Glauben ihr Heimatland verlassen musste – die Spuren der Waldenser sind bis heute zu finden.

Außerdem gibt es ganz konkrete Tipps zu besonderen Kirchen und Anlässen für die Freizeit und den Urlaub. Passend dazu berichtet eine Urlaubsseelsorgerin von ihrer Arbeit auf der Nordseeinsel Langeoog. 
Wie immer gibt es ein Preisrätsel: Diesmal ist ein Hotelaufenthalt mit Abendessen in Hanau zu gewinnen. 

Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt über 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.