Mit Blick auf die Ereignisse sagt Bischöfin Dr. Beate Hofmann: „Der 11. September 2001 markiert eine neue Stufe des internationalen Terrors und gewaltsamer Konflikte, die angeblich im Auftrag Gottes geführt werden. 25 Jahre später bleibt die Aufgabe, aus der Friedenskraft der Weltreligionen zu leben und jeder Gewalt im Namen Gottes entgegenzutreten.“

Die Anschläge mit fast 3.000 Todesopfern veränderten die politische und gesellschaftliche Lage weltweit. Doch in den Tagen unmittelbar nach dem 11. September ging es für viele Menschen zunächst um etwas anderes: um die Suche nach Worten für das Unfassbare.
Bittgottesdienste, Andachten und Gebet
In zahlreichen Kirchengemeinden der EKKW fanden direkt nach den Anschlägen spontan Bittgottesdienste, Andachten und Gebetszeiten statt. So dokumentiert unser ekkw.de-Archiv, dass am 12. September in der gesamten Landeskirche die Glocken läuteten. In Hanau, Gelnhausen, Kassel und vielen anderen Orten kamen Menschen zusammen, um der Opfer zu gedenken, ihre Betroffenheit auszudrücken und für den Frieden zu beten.
Den zentralen Bittgottesdienst am 13. September in der Kasseler Martinskirche gestaltete der damaligen Bischof der EKKW, Dr. Martin Hein. Zuvor gab es einen Schweigemarsch vom Kasseler Rathaus durch die Innenstadt zur Martinskirche. Die Atmosphäre der ersten Tage beschrieb Hein damals als eine Mischung aus Trauer, Ohnmacht und Angst. Die Bilder aus New York hätten deutlich gemacht, wie verletzlich menschliches Leben und gesellschaftliche Sicherheit seien.
Auch online entstanden Räume der Anteilnahme
Die Reaktionen beschränkten sich nicht auf Gottesdienste und Veranstaltungen allein. Auf ekkw.de richtete die Landeskirche einen digitalen „Raum für Klage und Bitte“ ein, in dem Menschen Gebete und Gedanken eintragen konnten. Außerdem entstand ein Online-Forum, in dem über die Anschläge und ihre Folgen diskutiert wurde.
Klare Absage an Terror und Gewalt
Neben der Trauer bestimmte eine zweite Frage die kirchlichen Angebote: Wie sollte auf die Gewalt reagiert werden? In Predigten und Stellungnahmen wurde das Leid der Opfer klar benannt. Zugleich warnten viele Stimmen davor, dass der Terror neue Gewalt hervorbringen könnte.
Bischof Hein erklärte bereits zwei Tage nach den Anschlägen, die Verfolgung der Täter sei notwendig. Gleichzeitig dürfe dies nicht in eine Spirale der Vergeltung führen, die erneut unschuldige Menschen treffe. Angesichts der Schockstarre und der weltweit aufkommenden Rufe nach Vergeltung warb er für „besonnene und klare Gedanken“, um den Frieden zu bewahren.
Deutlich zurückgewiesen wurde auch jede religiöse Rechtfertigung des Terrors. Wer im Namen Gottes Menschen töte, missbrauche Gottes Namen, betonte Hein. Diese Haltung prägte nicht nur Äußerungen der Kirchenleitung, sondern auch Wortmeldungen aus Gemeinden, Initiativen und ökumenischen Zusammenhängen.
Umfrage
25 Jahre nach den Ereignissen des 11. Septembers haben wir Menschen in Kassel dazu gefragt, an was sie sich erinnern oder was sie über die Anschläge heute denken...
Gespräch statt Generalverdacht
Während vielerorts die Sorge vor wachsender Feindseligkeit gegenüber Muslimen zunahm, setzten Verantwortliche in der EKKW bewusst auf Begegnung und Austausch mit Musliminnen und Muslimen. Sie riefen dazu auf, bestehende Kontakte zu pflegen und neue Begegnungen zu ermöglichen. Der damalige Kasseler Ausländerpfarrer Dieter Runzheimer empfahl Christinnen und Christen ausdrücklich, muslimische Nachbarn aufzusuchen oder einzuladen, um Vertrauen zu stärken.
Bereits zwei Wochen nach den Anschlägen kamen mehr als 150 Menschen verschiedener Religionen, Kulturen und Nationen zu einer interreligiösen Begegnungs- und Gebetsstunde in der Kasseler Martinskirche zusammen. Vertreterinnen und Vertreter christlicher Kirchen, der Kasseler Moschee und weiterer Gruppen setzten damit ein bewusstes Zeichen gegen Ausgrenzung und religiöse Vorurteile.
Auch an anderen Orten entstanden gemeinsame Initiativen. In Maintal formulierten Christinnen und Christen gemeinsam mit Muslimen eine Erklärung gegen Hass und Gewalt. Darin bekannten sie sich zu einem friedlichen Zusammenleben verschiedener Religionen, Kulturen und Nationen und warnten vor weiteren Eskalationen.
Gebet und Hoffnung in einer verunsicherten Welt
Die Terroranschläge erschütterten damals viele Gewissheiten. In Gottesdiensten, Andachten und öffentlichen Veranstaltungen wurde deutlich, wie sehr Menschen nach Orientierung suchten. So nahmen in Hofgeismar mehr als tausend Schülerinnen und Schüler an Gedenkgottesdiensten teil. In eigenen Gebeten brachten sie ihre Angst vor Krieg, ihr Mitgefühl für die Opfer und ihre Hoffnung auf Frieden zum Ausdruck. Auch muslimische Stimmen waren beteiligt.
In seinem späteren Kanzelwort für die Gottesdienste am 30. September 2001 fasste Bischof Hein die Haltung zusammen, die vielerorts in der Landeskirche erkennbar geworden war: Die Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden. Gleichzeitig gelte es, den „Nährboden der Gewalt“ zu überwinden, für weltweite Gerechtigkeit einzutreten und das Gespräch mit Musliminnen und Muslimen zu suchen. Angst dürfe nicht zum bestimmenden Maßstab werden.
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