Erzbischof Urmas Viilma von der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK) und Bischöfin Dr. Beate Hofmann von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) unterzeichneten die Vereinbarung am 17. Oktober während eines Festgottesdienstes im Tallinner Dom. Zuvor hatten die Delegationen beider Kirchen an der Konsultation „Kirche inmitten der Krise – zwischen militärischer Bedrohung und Friedenssehnsucht“ teilgenommen.
Der Besuch führte die Kirchenleitungen sowie Vertreterinnen und Vertreter der vier regionalen Partnerschaften zusammen. Zur EKKW-Delegation gehörten neben Bischöfin Hofmann der Dezernent für Diakonie und Ökumene, Dr. Diethelm Meißner, und Pfarrer Michael Schümers aus Spangenberg, der die Partnerschaftsarbeit koordiniert. Beteiligt waren außerdem die Kirchenkreise Hofgeismar-Wolfhagen, Kirchhain, Schmalkalden und Werra-Meißner.
Verantwortung in Zeiten der Krise
Bei der Konsultation ging es darum, wie Kirchen im Spannungsfeld zwischen Friedenssehnsucht und einer als real wahrgenommenen militärischen Bedrohung handeln können. Bischöfin Hofmann und Erzbischof Viilma brachten theologische Perspektiven ein, weitere Beiträge nahmen die praktische Arbeit der Gemeinden in den Blick.
In Gesprächsgruppen und einem World-Café berieten die Teilnehmenden über die Verantwortung von Kirchen und Gemeinden in einer Krise. Unter den Ergebnissen stach besonders die Möglichkeit der gemeindlichen Krisenvorsorge hervor, berichtete Dezernent Dr. Meißner.
Dabei seien auch unterschiedliche friedensethische Erfahrungen sichtbar geworden. Meißner fasste die estnische Perspektive so zusammen: Das Gebot der Feindesliebe dürfe nicht bedeuten, einen angegriffenen Nächsten schutzlos zu lassen. Die Kirche verstehe ihren Auftrag darin, den Menschen vor, während und nach einer Krise beizustehen.
Die Sorge vor Russland ist nach Meißners Beobachtung gegenwärtig in Estland präsent, bestimme aber nicht ständig den Alltag. Nach der starken Verunsicherung zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sei wieder mehr Normalität eingekehrt. Die mögliche Bedrohung werde jedoch weiterhin ernst genommen. Eine besondere militärische Präsenz nahm Meißner in Tallinn nicht wahr. Sichtbar wurde für ihn dagegen, wie sich Gemeinden auf Krisen und den Ausfall öffentlicher Infrastruktur vorbereiten.
Kirche als Schutz- und Versorgungsort
Wie konkret die estnische Kirche vorsorgt, zeigte sich beim Besuch der Gemeinde Harkujärve. In den Kellerräumen des Kirchengebäudes könnten im Krisenfall rund 40 Menschen etwa 14 Tage lang versorgt werden. Dafür stehen Lebensmittel, Matratzen, Notstrom sowie Trink- und Warmwasser bereit. Andere Gemeinden setzen z.B. auf satellitengestützte Kommunikation, damit sie auch beim Ausfall regulärer Netze in Verbindung bleiben können.
Die Vorkehrungen dienen nicht allein einem möglichen militärischen Konflikt. Sie sollen Gemeinden auch bei längeren Stromausfällen, schweren Wetterereignissen und anderen Notlagen handlungsfähig halten. Die Kirche versteht ihre Einrichtungen dabei als Ergänzung des kommunalen Zivilschutzes.

Besichtigung der Schutzräume im Kirchengebäude der Gemeinde Harkujärve.
„We are prepared“
Besonders in Erinnerung blieb Meißner ein Satz des estnischen Pfarrers Toomas Nigola: „We are prepared“ – wir sind vorbereitet. Beeindruckt habe ihn die Selbstverständlichkeit und das Selbstbewusstsein, mit denen Nigola diese Haltung vertreten habe. Darin zeige sich ein Unterschied zu Debatten in Deutschland, sagte Meißner. Hierzulande könnten bereits Überlegungen der Kirche zur Vorbereitung auf Krieg und Katastrophen auf Widerstand stoßen.
Ob die Vorkehrungen in Estland im Ernstfall ausreichen würden, lasse sich nicht beurteilen. Entscheidend sei jedoch, dass die Kirche Verantwortung übernehme und Menschen in einer Krise nicht sich selbst überlasse, so der Dezernent.

Pfarrers Toomas Nigola bei seinem Impuls zur Konsultation
Eine Partnerschaft auf Augenhöhe
Der erste Partnerschaftsvertrag zwischen der EELK und der EKKW wurde am 18. März 2001 in Fritzlar geschlossen und seither mehrfach verlängert. Er verbindet beide Kirchen in dem gemeinsamen Auftrag, das Evangelium zu bezeugen, den Menschen zu dienen und für Frieden und Versöhnung in Europa einzutreten. Zur Zusammenarbeit gehören Fürbitte und gegenseitige Besuche, der Austausch von Mitarbeitenden, gemeinsame Fortbildungen sowie Begegnungen in der Kirchenmusik und in der Kinder- und Jugendarbeit.
Für Meißner zeichnet sich die Verbindung durch ein „lebendiges Hin und Her“ aus. Sie sei nicht von einer dauerhaften Geber- und Empfängerrolle geprägt. Beide Kirchen könnten theologische, gesellschaftliche und kirchenpolitische Fragen weitgehend auf Augenhöhe besprechen. Die Reise habe erneut gezeigt, wie groß das persönliche Vertrauen zwischen den Beteiligten sei.
Getragen wird die Partnerschaft auch von den vier regionalen Verbindungen: Kirchhain und Ida-Harju, Schmalkalden und Lääne, Werra-Meißner und Valga sowie Hofgeismar-Wolfhagen und Järva. Dort finden Begegnungen, Gottesdienste und gemeinsame Projekte statt. Gerade auf dieser Ebene werde Partnerschaft konkret, sagte Meißner. Nach dem gemeinsamen Programm in Tallinn reisten die Delegierten deshalb zu ihren Partnerpropsteien weiter.























