Jeden Donnerstagnachmittag kommen im Café MIR, in der Kirche der Trinitatiskirchengemeinde im Kasseler Stadtteil Forstfeld, 20 bis 30 Geflüchtete aus der Ukraine zusammen, um sich auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen. Von Kindern bis zu Senioren sind alle Altersgruppen vertreten. Pfarrer Jochen Löber spricht fließend Russisch und übersetzt, wenn die Deutschkenntnisse der Geflüchteten noch nicht ausreichen. Seit nunmehr vier Jahren setzt er sich für die Ukrainerinnen und Ukrainer ein, berät, vermittelt und übersetzt. "Die Menschen liegen mir am Herzen", sagt er.
Ukrainerinnen helfen anderen Geflüchteten
Mittlerweile helfen einige Ukrainerinnen selbst mit: Sie kochen Kaffee, decken die Tische ein, sammeln und verteilen nützliche Haushaltsgegenstände und Kleiderspenden. Die Kirche stellt die Räume bereit, organisiert die Treffen, und Mitarbeitende begleiten Geflüchtete bei Bedarf zu Arztbesuchen und Jobcenter-Terminen und unterrichten Deutsch. "Wir haben von Anfang an dreisprachige Gottesdienste angeboten", berichtet Löber. Auf Deutsch, Russisch und Ukrainisch – das sei einmalig in der Region, sagt er.
Die Geflüchteten nehmen die Hilfe dankbar an. "Hier habe ich mein Leben normalisieren können", sagt die 52‑jährige Raisa Tretiak, obwohl sie und ihr Sohn mit einer weiteren Familie ein Zimmer in einem Flüchtlingswohnheim teilen. "Wir bemühen uns, dass es konfliktfrei abläuft, aber optimal ist es nicht", gesteht sie. Ihr sechsjähriger Sohn Artäm habe noch keinen Betreuungsplatz, erhalte aber zweimal pro Woche Sprachunterricht.
Arbeitsstelle in der Heimatstadt Charkiw verloren
Tretiak hat Verwandte und Freunde in der Ukraine. Aber sie kann sich nicht vorstellen, in das Kriegsgebiet zurückzukehren. Eine Arbeitsstelle hätte sie in ihrer Heimatstadt Charkiw nicht mehr, denn in dem Kindergarten, in dem sie als Erzieherin tätig war, sei wegen der ständigen Bedrohung allen Beschäftigten gekündigt worden. Das betreffe auch ihre Freundin und ehemalige Kollegin Larysa Yevmenkina, die schon vorher nach Deutschland kam und zurzeit nach einer Möglichkeit sucht, in einer Kasseler Kita ein Praktikum zu machen.
Larysa Yevmenkina hat bereits Sprachkurse besucht und das Sprachniveau B2 erreicht, doch die Arbeitgeber verlangten mehr, sagt sie. "Ich möchte arbeiten, aber es ist schwer für mich zu kommunizieren. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, ukrainische Kinder zu betreuen." Sie will weiterlernen, denn für die Witwe ist klar: "Wir möchten in Deutschland bleiben." Auch ihre vier Söhne leben hier. Der Jüngste wohne mit ihr in einer Wohnung im Südwesten von Kassel, nachdem sie in verschiedenen Flüchtlingsheimen gelebt hätten. Er besuche eine Schule und strebe eine Ausbildung an.
Kirchengemeinde will Menschen in Not beistehen
Das Café MIR wurde im März 2022 gegründet. Zu Beginn öffnete es zweimal pro Woche. Nach wie vor kommen weitere, neu in Kassel ankommende Geflüchtete hinzu. Diese fühlten sich hier sicher, manche fürchteten allerdings, dass Russland die Angriffe in Richtung Westen ausdehnen könnte. "Niemand weiß, was wird", sagt Pfarrer Löber. Die christliche Gemeinde habe die Aufgabe, Menschen in Not beizustehen und die Integration zu fördern. Das Café bleibe als Treffpunkt weiterhin bestehen.
"Wir sind dankbar für die Angebote", betont Larysa Yevmenkina. "Sie sind wichtig für uns. Wenn wir Hilfe brauchen, kommen wir zur Kirche." Yevmenkina formt mit den Händen ein Herz und sagt: "Danke Deutschland."
trinitatisgemeinde-kassel.de

Das Café MIR („Friedenscafé“) ist ein Projekt der evangelischen Immanuelkirche Kassel und wurde 2022 als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gegründet. Rund 20 russisch- und ukrainischsprachige Ehrenamtliche, darunter auch Geflüchtete, unterstützen ukrainische Flüchtlinge im Alltag – von Behördenfragen und Spracherwerb bis hin zu Arztbesuchen, Wohnungssuche und seelsorgerlicher Begleitung.