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Rettungswesten auf der Sea-Watch 4, einem Rettungsschiff des Vereins United4Rescue, das mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland Flüchtlinge im Mittelmeer rettet.

Rettungswesten auf der Sea-Watch 4, einem Rettungsschiff des Vereins United4Rescue, das mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland Flüchtlinge im Mittelmeer rettet.

Kassel/Frankfurt am Main, Redaktion ekkw.de
Veröffentlicht 19 Jun 2026

„Anstatt die Genfer Flüchtlingskonvention und den Flüchtlingsschutz international weiter zu stärken, erleben wir aktuell ihre Aushöhlung: in Hessen, an den EU-Außengrenzen, weltweit“, sagt Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen.

Portraitfoto von Oliver Teufel
«Die Flüchtlingspolitik entfernt sich von den Grundprinzipien der Menschenrechte und zielt immer mehr auf Abschreckung.»
Pfarrer Oliver Teufel

Auch Oliver Teufel, Beauftragter für Flucht und Migration der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, sieht eine problematische Entwicklung: „Die Flüchtlingspolitik entfernt sich von den Grundprinzipien der Menschenrechte und zielt immer mehr auf Abschreckung.“ Rechte von Schutzsuchenden würden eingeschränkt, Menschen zunehmend kriminalisiert oder inhaftiert. Abschiebungen – auch von Familien mit Kindern – hätten häufig „tiefgreifende traumatisierende Folgen“.

Folgen für die Gesellschaft

Tag warnt vor den gesellschaftlichen Auswirkungen: „Wir alle profitieren von einem menschenwürdigen Umgang miteinander. Es geht nicht nur um Geflüchtete – es geht um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.“ Eine ausgrenzende Politik gefährde das Miteinander, während Teilhabe die Gesellschaft stärke.

Memorandum als Gegenentwurf

Als Gegenentwurf verweist die Diakonie Hessen auf das Memorandum „Es geht auch anders! Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt“, das sie mit 275 Organisationen unterstützt. Es formuliert die Vision einer Flüchtlingspolitik, die Schutz und Teilhabe verbindet. Dazu gehören unter anderem sichere Fluchtwege, faire Asylverfahren sowie bessere Zugänge zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe.

Titelblatt des Memorandums

Titelblatt des Memorandums

„Es geht auch anders!“

Das Memorandum von 275 Organisationen skizziert konkrete Wege für einen stärkeren Flüchtlingsschutz. Im Mittelpunkt stehen fünf Handlungsfelder:

  • Globalen Schutz stärken: internationale Verantwortung ausbauen, Konzept sicherer Drittstaaten abschaffen
  • Sichere Fluchtwege und gewaltfreie Grenzen: Pushbacks beenden, Seenotrettung sichern, Familiennachzug und Aufnahmeprogramme wieder aufnehmen
  • Faire Verfahren und Perspektiven: Asylverfahren verlässlich prüfen, unabhängige Beratung stärken
  • Soziale Rechte von Anfang an: Existenzminimum sichern, Zugang zu Sprache, Bildung und Arbeit ermöglichen
  • Teilhabe und Mitbestimmung: gesellschaftliche Beteiligung ausbauen und Integration langfristig sichern

Ziel ist eine Politik, die Schutz und gesellschaftlichen Zusammenhalt verbindet.

Integration als zentrales Prinzip

Im Mittelpunkt steht dabei die Forderung nach früher Integration. Zugang zu Sprache, Bildung und Arbeit ermögliche es Geflüchteten, ihre Fähigkeiten einzubringen und am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken. „Der Bedarf an Fachkräften wächst – etwa in Pflege, Bildung und Industrie. Nehmen wir die Menschen gut in unserer Gesellschaft auf, profitieren nicht nur die Geflüchteten, sondern unsere Gesellschaft insgesamt“, sagt Teufel. „Was wir jetzt brauchen, ist ein Kurswechsel: weg von Abwehr, hin zu einer nachhaltigen, menschenrechtsbasierten Integrationspolitik.“

Zum Jahrestag der Genfer Flüchtlingskonvention erinnert die Diakonie Hessen an deren grundlegende Prinzipien. „Würde, Rechtsstaatlichkeit und Solidarität – an diesen Prinzipien sollte sich Flüchtlingspolitik auch weiterhin orientieren“, sagt Tag.

Flüchtlingszahlen weltweit

Ende 2025 waren weltweit rund 117,8 Millionen Menschen auf der Flucht. Trotz eines leichten Rückgangs gegenüber dem Vorjahr bleibt die Zahl damit auf einem sehr hohen Niveau, wie aus aktuellen Daten der UNO‑Flüchtlingshilfe hervorgeht.

Zu den Betroffenen zählen 41,6 Millionen Flüchtlinge, die ihr Land verlassen haben, 68,7 Millionen Binnenvertriebene sowie 9 Millionen Asylsuchende. Damit zeigt sich: Die Mehrheit der Menschen auf der Flucht bleibt innerhalb des eigenen Landes.

Etwa 70 Prozent der Geflüchteten leben in langanhaltenden Krisensituationen. Zu den wichtigsten Herkunftsländern zählen Venezuela, die Ukraine, Syrien, Afghanistan und Sudan. Die größten Aufnahmeländer sind unter anderem Kolumbien, Deutschland und die Türkei.

Gleichzeitig konnten 14,7 Millionen Vertriebene in ihre Herkunftsländer oder -regionen zurückkehren. Damit erreichte die Zahl der Rückkehrer einen der höchsten Werte seit Jahrzehnten – allerdings kehrten viele Menschen nicht freiwillig und unter schwierigen Bedingungen zurück.

menschen-wie-wir.de

Das Portal von Diakonie Hessen, EKHN und EKKW informiert über evangelische und diakonische Positionen zu Flucht und Migration sowie über Entwicklungen in Hessen und Rheinland-Pfalz. Dord finden sich auch weitere Informationen zum Memorandum.