Geld war nie genug da. Also sammelten die Freunde die Woche über leere Flaschen, verkauften diese und schickten zwei Auserwählte ins Kino. Danach stellten sich die beiden auf eine selbst gezimmerte Bühne, spielten und erzählten den ganzen Film nach – inklusive Schussgeräusche und Effekte.
Mit Geschichten hat Enwood Longwe, der von dieser Erinnerung aus Malawi erzählt, in seinem Leben immer zu tun gehabt. Heute ist Longwe Pfarrer im nordhessischen Bad Arolsen. Die mündliche Überlieferung sei in Malawi das „A und O“, sagt er. Seine Großeltern hätten immer Geschichten erzählt. In der Schule gab es sogar ein eigenes Fach „mündliches Englisch“ („oral English“), in diesem Unterricht wurde nur gesprochen. Der Lehrer, ein Schotte, der Pilot im Zweiten Weltkrieg gewesen war, erzählte oft von dieser Zeit. Die Kinder dachten sich selbst Geschichten aus und trugen sie vor.
Doch auch die wahre Lebensgeschichte von Enwood Longwe ist eine Erzählung wert. Wie er in den USA zunächst Psychologie, Soziologie und Sport studierte, bevor ihn drei Pfarrer für ihre jeweiligen Theologie-Hochschulen anwerben wollten. Wie er zum Pfarrer ordiniert wurde und in Texas Christiane kennenlernte und heiratete. Und wie sie schließlich beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen; nach Hanau, wo Christiane Luckhardt eine Pfarrstelle bekam. „Die Liebe hat entschieden“, sagt Longwe.

In Deutschland erlebte er eine Kirche, die so anders war als in Afrika und in den USA. Dort habe man immer signalisiert, Neuankömmlinge kennenlernen zu wollen. Anders hier. „In Deutschland fehlt oft die Neugier, zu fragen: Wer ist da eigentlich zu uns gekommen?” Auch die Amtskirche machte es ihm oft schwer und begegnete ihm mit Misstrauen. Es war ein langer Weg zum „ordentlichen kurhessischen Pfarrer“, wie es einmal bürokratisch formuliert war.
Erfahrungen von blankem Rassismus hat er ebenso gemacht wie die, dass es immer wieder Menschen gab, die ihm den Rücken stärkten.
In seinem Studium in den USA habe er gelernt, die eigene Geschichte in die Exegese – also die Bibelauslegung – einzubringen. Umgekehrt gebe es auch in jeder literarischen Geschichte ein theologisches Element, ist Longwe überzeugt. Seine biblische Lieblingssgeschichte steht im Markusevangelium (2,1–5): In einem Haus in Kapernaum drängt sich eine Menge um Jesus. Vier Menschen, die einen Gelähmten zu ihm bringen wollen, kommen einfach nicht durch. Sie öffnen das Dach und lassen den Mann auf seiner Trage herunter. Jesus heilt ihn.
Für ihn sei nicht die Heilung das Entscheidende, sagt Pfarrer Longwe: „Mich faszinieren die vier Leute, die ihn mitgenommen haben.“ Sie hätten sich trotz Schwierigkeiten und Widerständen nicht davon abhalten lassen, Gutes zu tun. Etwas wagen, wenn man weiß, dass es das Richtige ist, genau das sei der christliche Auftrag. Die Erzählung sei, so Longwe, auch „eine Heilungsgeschichte für unsere Gesellschaft“.
Ob im Gottesdienst, im Kindergarten, im Seniorenkreis oder in Form von Musik; zum Beispiel beim Gospelkonzert – für Enwood Longwe ist der Pfarrberuf ohne Erzählen schlicht undenkbar. Die Kirche habe so viele positive Dinge zu erzählen und könne das noch mehr tun: „Wir Christen haben unsere Erzählkultur vernachlässigt, die uns immer getragen hat.“
Und er sagt: „Wir haben als Kirche eine Bühne.“ Die wartet darauf, mit Geschichten gefüllt werden. So ähnlich wie vor vielen Jahren bei den filmbegeisterten Kindern in Malawi.

„Erzähl doch mal“ als E-Paper
„Geschichten können viel bewirken“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann, bekannt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Im Interview mit dem „blick in die kirche-Magazin“ spricht er über eine szenische Lesung, mit der er auch nach Kassel kommt, über seinen Blick auf den Glauben und die junge Generation. Unter dem Titel „Erzähl doch mal!“ dreht sich in der neuen Ausgabe alles um die Kraft des Erzählens. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern besuchen wir eine Buch-Kita, lernen eine Vorleseinitiative für krebskranke Kinder kennen und lassen uns von einer Familie erzählen, wie sie mit zwei schwerstbehinderten Kindern lebt.
Zu Wort kommen außerdem Erzählprofis wie die Märchenerzählerin Gudrun Rathke und Pfarrer Enwood Longwe. Drei Grundschulkinder stellen ihre Lieblingsgeschichten aus der Bibel vor. Das Magazin fragt aber auch, wie sich mit problematischen biblischen Erzählungen umgehen lässt. Bei der Telefonseelsorge und in einem Altenheim zeigt sich, wie gut es tun kann, sich etwas von der Seele zu reden. Und schließlich geht es um Märchen, die sogar einen Gottesdienst prägen können. In der September-Ausgabe gibt es beim Gewinnspiel diesmal einen Hotelaufenthalt im Quellenhof in Bad Wildungen zu gewinnen.
Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.
