Fabian Hanspach kommt aus dem Staunen nicht heraus – und das ungefähr seit 2022. Der Diakon aus dem sächsischen Wurzen hat mit der dortigen Evangelischen Jugend aber auch wirklich Staunenswertes geschafft: Aus einer Idee ist Großes geworden.
Im Gespräch mit dem 30-Jährigen springt die Begeisterung sofort über, wenn Hanspach von der Arbeit in der 16.000-Einwohner-Stadt erzählt. 2018 hat er die Stelle in der Jugendarbeit in seiner Heimat angetreten. Es begann mit einer Frage: Auf dem Wurzener Friedhof gibt es einige Grabsteine mit polnischen Namen – aber warum eigentlich?
Die Jugendgruppe begann ihre Recherche, die sie bald zur Geschichte eines Zwangsarbeiterlagers in Wurzen führte. Darüber lag lange der Mantel des Schweigens. „Das“, sagt Hanspach, „hat uns aufgewühlt und bewegt.“ Für das Projekt erhielt die Evangelische Jugend Wurzen den Hubertusburger Friedenspreis.
Niemand von ihnen ahnte, dass das nächste Projekt höhere Wellen schlagen würde, viel höhere. Diakon Hanspach wollte noch mehr über seine Heimat herausfinden. Als eine Frau am örtlichen Vereinsstammtisch von einem Buch erzählte, in dem es um Todesmärsche ging, war sein Interesse geweckt.
In der Endphase der Nazi-Diktatur wurden vielerorts Gefangene aus Konzentrationslagern zu langen Märschen gezwungen. Viele tausend kamen durch Kälte oder Hunger um, es gab Erschießungen und Gewalt. Ein solcher Marsch, erfuhr Hanspach, führte durch seine Heimat.
In dem Buch „The Nine“ der US-Amerikanerin Gwen Strauss wird die Geschichte von neun Frauen erzählt, die mitlaufen mussten und die Flucht wagten. Eine der Figuren aus dem Tatsachenroman war Hélène Podliasky, die Großtante der Autorin. Das Buch war, erzählt Hanspach in 16 Sprachen übersetzt worden, aber merkwürdigerweise nie ins Deutsche.
Um die Geschichte des Todesmarsches besser verstehen zu können, übersetzten die Jugendlichen einige Seiten und fragten sich schließlich: Warum übersetzen wir nicht das ganze Buch? Eine Übersetzerin und eine Amerikanistin aus dem Ort versprachen Unterstützung. Also fragten sie bei der Autorin an. Ein wenig naiv sei das vielleicht gewesen, findet Hanspach.
Auf eine E-Mail antwortete Strauss’ Agent freundlich, aber ablehnend: schöne Idee, aber eine Jugendgruppe als Übersetzer dann doch nicht. Lustigerweise sah die Autorin selbst das anders und schaltete sich in den Mailwechsel ein. Da sie sowieso bald in Berlin sei, kündigte sie einen Besuch in Wurzen an. Und offenbar gefielen Gwenn Strauss die engagierten jungen Leute von der Kirche. Sie durften die Übersetzung wagen.
Keine leichte Arbeit für 14 junge Leute zwischen 14 und 20 Jahren mit unterschiedlich guten Englischkenntnissen. Doch es gelang. Aber damit war es noch lange nicht getan, denn viele Verlage lehnten das Manuskript ab, weil es sich wirtschaftlich nicht lohne. Dann jedoch gefiel der Chefin des lokalen Sax-Verlags das Projekt. Was Florian Hanspach besonders freut, war die Mitsprache, die ihm und seinem Team ermöglicht wurde – bis hin zum Titelbild, das sie am historischen Ort selbst fotografierten.
Beim Versuch, Prominente zu gewinnen, um das Buch bekannt zu machen, stießen die Wurzener auf die Margot-Friedländer-Stiftung. Tatsächlich, auch da staunt Fabian Hanspach bis heute, gewann die Evangelische Jugend den nach der Holocaust-Überlebenden benannten Preis. Bei der Verleihung wollte Alt-Bundespräsident Joachim Gauck plötzlich ein Foto mit ihnen. Durch den Preis öffneten sich viele Türen für „Sie waren neun“, auch die szenische Lesung mit Thomas Rühmann kam so zustande.
Für die Evangelische Jugend Wurzen sei und bleibe es ein „Herzensprojekt“, sagt Diakon Hanspach. Sie seien auf der Basis des christlichen Glaubens „politisch, aber nicht parteiisch“. Es gehe ihnen um Nächstenliebe und Menschlichkeit, denn er finde es „gruselig, wie blind wir oft auf dem rechten Auge sind“.

„Erzähl doch mal“ als E-Paper
„Geschichten können viel bewirken“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann, bekannt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Im Interview mit dem „blick in die kirche-Magazin“ spricht er über eine szenische Lesung, mit der er auch nach Kassel kommt, über seinen Blick auf den Glauben und die junge Generation. Unter dem Titel „Erzähl doch mal!“ dreht sich in der neuen Ausgabe alles um die Kraft des Erzählens. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern besuchen wir eine Buch-Kita, lernen eine Vorleseinitiative für krebskranke Kinder kennen und lassen uns von einer Familie erzählen, wie sie mit zwei schwerstbehinderten Kindern lebt.
Zu Wort kommen außerdem Erzählprofis wie die Märchenerzählerin Gudrun Rathke und Pfarrer Enwood Longwe. Drei Grundschulkinder stellen ihre Lieblingsgeschichten aus der Bibel vor. Das Magazin fragt aber auch, wie sich mit problematischen biblischen Erzählungen umgehen lässt. Bei der Telefonseelsorge und in einem Altenheim zeigt sich, wie gut es tun kann, sich etwas von der Seele zu reden. Und schließlich geht es um Märchen, die sogar einen Gottesdienst prägen können. In der September-Ausgabe gibt es beim Gewinnspiel diesmal einen Hotelaufenthalt im Quellenhof in Bad Wildungen zu gewinnen.
Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.








