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Schauspieler Thomas Rühmann

Schauspieler Thomas Rühmann

Kassel / blick in die kirche, Fragen: Olaf Dellit
Veröffentlicht 25 Sep 2026

Thomas Rühmann ist einem Millionenpublikum aus der Serie „In aller Freundschaft“ bekannt. Mit einem ganz anderen Projekt, einer szenischen Lesung, kommt er nächstes Jahr nach Kassel. Wir sprachen mit ihm über die Kraft von Geschichten, den Glauben und die Kirche.

„Sie waren neun“ heißt die Geschichte von neun Frauen, die Ende des Zweiten Weltkrieges auf einen Todesmarsch geschickt wurden. Warum hat Sie dieses Buch so berührt?

Thomas Rühmann: Es ist sehr gut geschrieben und überaus gründlich recherchiert. Dadurch, dass es eine Schriftstellerin geschrieben hat, hat es als Sachbuch starke literarische Momente. Die Geschichte der neun geht unter die Haut, weil die Situation, die die jungen Frauen erleben müssen, so nuanciert und literarisch interessant erzählt ist. Man kann sich dem nicht entziehen.

Sie bringen das Buch auf die Bühne. Wie haben Sie das gemacht?

Rühmann: Ich dachte zunächst: Wo kriege ich neun Schauspielerinnen am unkompliziertesten her? Natürlich bei der Serie „In aller Freundschaft“, wo ich seit vielen Jahren mitspiele. 
Dann habe ich an der Textfassung gearbeitet. Das Buch hat fast 400 Seiten. Ich kann Texte ganz gut eindampfen, aber das war ein hartes Stück Arbeit. Wenn man am Computer eine halbe Seite löscht, auf der wichtige, berührende Dinge stehen, fällt das schwer. Für mich war es ein wichtiges Signal, als Fabian Hanspach, der das Buch mit seinen jungen Leuten übersetzt hat, und die Verlagsleiterin von meiner Fassung sehr angetan waren. Ich wollte den Wert des Buches auf keinen Fall verletzen.

Sie haben sich auf die Flucht konzentriert und die Ursprungsgeschichten der Frauen stark gekürzt.

Rühmann: Ja, dabei hat mich sehr berührt, dass die mit 19 oder 20 Jahren in die Résistance gegangen sind und ihr Leben riskiert haben. Dahinter steht ja immer die Frage: Wie hättest du selbst dich unter solchen Bedingungen verhalten? Das ist auch eine Provokation dieses Buches.

Porträt von Thomas Rühmann

Zur Person

Thomas Rühmann (71) ist durch die Serie „In aller Freundschaft“ berühmt geworden, war aber auch in vielen anderen Rollen in Film, Fernsehen und auf der Bühne zu sehen. 1998 gründete er im Oderbruch das „Theater am Rand“, er tritt zudem mit seiner Band auf. Rühmann lebt in Leipzig.

Warum muss man diese Geschichte erzählen?

Rühmann: Wenn wir die Geschichten nicht erzählen, sind sie weg. Hätten wir sie nicht auf die Bühne gebracht, wüssten vielleicht nur noch Fabian Hanspach und seine Leute, dass die neun jungen Mädchen mit ihren Holzpantinen durch den Ort geschlurft sind, in dem sie leben. Sie waren hier in Wurzen eine halbe Nacht auf einer Wiese und sind auch noch bombardiert worden.  
Es ist wichtig, dass man weiß, was damals geschehen ist. Immer, wenn ich mit dem Auto über diese hypermoderne Autobahnbrücke auf Wurzen zufahre, habe ich diese Frauen im Herzen. Das habe ich bei Literatur selten so erlebt.

Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen, man müsse einen Schlussstrich unter die NS-Geschichte ziehen. Ist die Lesung eine Antwort darauf?

Rühmann: Ja, ganz klar. Wenn wir nicht mehr wissen, wo wir herkommen, sind wir verloren. Und wenn wir nicht mehr wissen, aus welcher Dystopie wir als deutsches Volk es irgendwie geschafft haben, uns wieder in die Völkergemeinschaft einzuordnen, sind wir verloren. Wenn man sich nicht erinnert, arbeitet es trotzdem im Verborgenen weiter.

Das Buch wurde durch junge Menschen aus Wurzen übersetzt und veröffentlicht. Wie blicken Sie auf diese Generation?

Rühmann: Wir machen mit meiner Band gerade eine neue Platte, die „Brückenschlag“ heißen wird. Und ein Refrain ist:

Immer wenn ich wiederkomme,
gilt die Jugend als verdorben.
Immer wenn ich wiederkomme,
wird fürs Vaterland gestorben.

Ich teile die vorherrschende Meinung nicht, dass die Jugend von heute nicht mehr arbeiten will. Das war auch mein Erlebnis mit den jungen Leuten aus Wurzen. Die waren in jeder Vorstellung da, sie gehörten eigentlich mit zum Ensemble.

Es ist eine evangelische Jugendgruppe. Welche Bedeutung messen Sie der Kirche bei?

Rühmann: Ich bin selber nicht kirchlich geprägt. Aber mich hat berührt, dass die Kirche uns diesen Raum gegeben hat. Der Kirchenraum macht noch mal das Exemplarische der Geschichte deutlich. In Dresden haben wir in der Dreikönigskirche gespielt, mit einem zerstörten Portal hinter den Spielerinnen. Ein besseres Bühnenbild kann man sich nicht vorstellen. Die zerschundenen Gestalten aller Jahrtausende, die praktisch durch die Kirchengeschichte gehen, haben wir immer noch irgendwie bei uns.

Sie sind in mehreren Kirchen aufgetreten.

Rühmann: In Oschatz haben wir zweimal gespielt und da ist es schleppend angelaufen. Wir haben uns schon gefragt: Haben die da eine starke Zivilgesellschaft oder nicht? Und auf einmal war die Kirche rappelvoll. Die Pfarrerin hat zu mir gesagt: „Herr Rühmann, das letzte Mal, dass unsere Kirche so voll war, war im Herbst 1989.“ Das hat mich sehr gefreut. ’89 waren die Kirchen der Raum für Diskussionen, auch als es gefährlich wurde.

Bücher und Tickets zu gewinnen
Buchtitel «Sie waren neun»

Im Interview spricht Thomas Rühmann über das bewegende Buch «Sie waren neun» (Sax-Verlag, 368 Seiten, 24,80 Euro), das er zu einer szenischen Lesung gestaltet hat. Der Sax-Verlag hat uns fünf Bücher zur Verfügung gestellt, die wir unter unseren Leserinnen und Lesern verlosen. Außerdem können Sie bei uns drei Tickets für die szenische Lesung in der Martinskirche am 16. April 2027 gewinnen. (Weitere Informationen dazu siehe unten)

Schreiben Sie bis zum 17. Oktober das Stichwort «Neun» per Mail oder Postkarte, um an der Verlosung teilzunehmen an:

Redaktion blick in die kirche
Heinrich-Wimmer-Straße 4
34131 Kassel
E-Mail: verlosung@blickindiekirche.de

(Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.)

Ist der Glauben für Sie persönlich wichtig?

Rühmann: Man ist ja angesichts dieser Weltsituation so unruhig und erschöpft. Ein Freund unseres „Theaters am Rand“ ist Sten Nadolny, der „Die Entdeckung der Langsamkeit“ geschrieben hat. Er hat neulich mal gesagt: „Herr Rühmann, vielleicht braucht man in solchen Zeiten einfach ein Gottvertrauen.“ Das hat er mir, dem Atheisten, gesagt, und das nehme ich auf.  

Einem breiten Publikum sind Sie als Arzt Dr. Heilmann bekannt. Seit sage und schreibe 28 Jahren läuft „In aller Freundschaft“. Warum bleibt die Serie so populär?

Rühmann: Es ist eine geglückte Mischung aus einer Krankenhausserie, wozu Leben und Tod, weiße Kittel, Trauer, Rettung und Erlösung gehören; gleichzeitig wird auch über Familie erzählt. Es ist vielleicht eine Serie, wo die Leute sich wieder vor dem Fernseher versammeln, was ja nicht mehr oft vorkommt.

In so einem Krankenhaus-Setting spitzt sich vieles zu.

Rühmann: Ja, und man hat nur 43 Minuten Zeit. Und es muss, sagen wir mal, 80-prozentig gut ausgehen.

Passiert es Ihnen, dass Sie privat um medizinischen Rat gebeten werden?

Rühmann: Wenn Leute das machen, dann aus Spaß. Die sind ja nicht blöd. Es gab allerdings schon mal eine ältere Dame, die wollte sich unbedingt in der „Sachsenklinik“ ihr Knie behandeln lassen.  
Die schönste Geschichte ist aber die von meinem Kollegen Joachim Lätsch, der in „Sturm der Liebe“ den Koch Konopka spielte. Bei einem Fantreffen wurde er gefragt: „Herr Konopka, wie sind Sie denn zur Schauspielerei gekommen, so als Koch?“

Sie sind Schauspieler, Musiker und Theatermacher. Was hat für Sie den größten Reiz? 

Rühmann: Es gab Phasen in meinem Leben, da habe ich mich mehr auf das Theater oder auf die Musik konzentriert. Jetzt im Alter hat sich so ein Nebeneinander von ganz unterschiedlichen Sachen entfaltet, die ich einfach unheimlich gerne auch nebeneinander tue. Das ist eine schöne Kraftquelle. Es hält einen im Kopf frisch und auch sonst. Wenn Sie mich da auf der Bühne hüpfen sehen, würden Sie auch manchmal denken: Der hat sie ja wohl nicht alle.

Als Schlussfrage: Warum sollten wir nicht aufhören, Geschichten zu erzählen?

Rühmann: Weil es nichts Spannenderes gibt und weil man aus Geschichten eigentlich immer etwas mitnimmt. In unserem „Podcast am Rand“ hatten wir jetzt Lutz Fiebig aus Magdeburg zu Gast. Er hat 1981 gemeinsam mit einem Kumpel versucht, mit einem Ballon über die innerdeutsche Grenze zu fliegen. Der hat uns eineinhalb Stunden in seinem Bann gehabt. Uns ist richtig die Kinnlade runtergeklappt, so knochentrocken, pointiert und detailversessen hat er erzählt. Beredte Geschichten können viel bewirken. Aber sie müssen gut erzählt sein. 

Ticketbestellung Szenische Lesung «Sie waren neun»
Internetseite der Ticketbestellung von der Lesung «Sie waren neun»

Am Freitag, 16. April 2027 wird das Ensemble rund um Rühmann mit der szenischen Lesung „Sie waren neun“ ab 19 Uhr in der Kasseler Martinskirche auftreten. Der Erlös geht an den Verein Jumpers in Kassel, der Projekte für Kinder und Jugendliche in den Bereichen Bildung, Sport, Musik und Kreativität anbietet.

Karten: 37 Euro, ermäßigt 22 Euro

„Erzähl doch mal“ als E-Paper

„Geschichten können viel bewirken“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann, bekannt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Im Interview mit dem „blick in die kirche-Magazin“ spricht er über eine szenische Lesung, mit der er auch nach Kassel kommt, über seinen Blick auf den Glauben und die junge Generation. Unter dem Titel „Erzähl doch mal!“ dreht sich in der neuen Ausgabe alles um die Kraft des Erzählens. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern besuchen wir eine Buch-Kita, lernen eine Vorleseinitiative für krebskranke Kinder kennen und lassen uns von einer Familie erzählen, wie sie mit zwei schwerstbehinderten Kindern lebt.

Zu Wort kommen außerdem Erzählprofis wie die Märchenerzählerin Gudrun Rathke und Pfarrer Enwood Longwe. Drei Grundschulkinder stellen ihre Lieblingsgeschichten aus der Bibel vor. Das Magazin fragt aber auch, wie sich mit problematischen biblischen Erzählungen umgehen lässt. Bei der Telefonseelsorge und in einem Altenheim zeigt sich, wie gut es tun kann, sich etwas von der Seele zu reden. Und schließlich geht es um Märchen, die sogar einen Gottesdienst prägen können. In der September-Ausgabe gibt es beim Gewinnspiel diesmal einen Hotelaufenthalt im Quellenhof in Bad Wildungen zu gewinnen.

Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.