Es gibt ein großes Bedürfnis im Menschen, von sich zu erzählen; Erlebnisse und Erfahrungen und manchmal sogar die eigene Lebensgeschichte mitzuteilen. „Erzähl doch mal“ ist eine wunderbare Einladung zum Gespräch. Wenn diese Einladung ernst gemeint ist, bedeutet das, da ist jemand, der an mir interessiert ist und Lust hat, etwas von mir zu erfahren und mir zuzuhören.
In der Telefonseelsorge begegnen wir vielen Menschen, die etwas zu erzählen haben. Die Inhalte sind so unterschiedlich, wie die Erzählenden selbst. Sie erzählen ihre Lebensgeschichte, erzählen von Verlusten und Verletzungen, von schweren und schönen Erlebnissen. Manche erzählen ihre Geschichte zum ersten Mal, weil sie sich das nur anonym am Telefon trauen. Andere teilen Dinge aus ihrem Leben mit der Telefonseelsorge, weil ihnen keiner sonst zuhört. Ich bin überzeugt davon, dass hinter jedem Menschen eine Geschichte steckt, die es wert ist, erzählt zu werden.

Erzählen kann ganz Unterschiedliches im Erzählenden bewirken: Entlastung und Klärung, Selbstvergewisserung und manchmal ein wohltuendes Erleben von Nähe. Es gibt sie, die heilsame Kraft des Erzählens. Heilsam kann das Erzählen dann sein, wenn in einem geschützten Rahmen ein echter Kontakt zwischen zwei Menschen entsteht, wenn eine Person Wesentliches von sich erzählt und sich mit ihren Gefühlen zeigt und die andere Person sich berühren lässt und mit dem Herzen zuhört.
Sich verstanden zu fühlen und echten Kontakt zu erleben, kann tröstlich und wohltuend sein. Manchmal gelingt es, Erfahrungen aus der Vergangenheit im Erzählen eine neue Bedeutung zu geben, auch das kann ein Schritt in Richtung Heilung sein. Denn nicht nur unsere real gemachten Erfahrungen und Erlebnisse prägen unsere Person und unsere Geschichte, sondern vor allen Dingen unser Narrativ.
Das Narrativ ist die Geschichte, die sich aus unserer Erinnerung an unsere erlebten Erfahrungen speist, die wir immer wieder etwas verändert konstruieren und erzählen. Es ist tröstlich zu wissen, dass das Narrativ unserer Vergangenheit sich verändern kann durch das Erzählen und durch die immer etwas veränderte Bedeutung, die wir den Erlebnissen im Erzählen geben. Menschen bilden ihre Persönlichkeit wesentlich über ihre Narrative.
Und was passiert im Zuhörenden? In der zuhörenden Person entstehen innere Bilder, sie bekommt Innenansichten einer bunten, oft ganz fremden Welt. Wer zum Zuhören eingeladen wird, darf Besucher in einer unbekannten Lebenswelt sein. Der Psychotherapeut Uwe Böschemeyer beschreibt das so: „Wer zuhören kann, hört hin auf das, was der andere sagt, hört sich ein in das, was ihm fremd erscheint …wer zuhören kann, entbindet in dem, der spricht, nicht selten gute Erinnerungen und neue Einsichten … wer zuhören kann, gibt dem anderen Zeit und Raum und für die Dauer des Gesprächs auch Heimat.“ Wo das gelingt, fühlen sich zwei Menschen beschenkt.
Welche Geschichte haben Sie zu erzählen? Ist es eine Mutmach-Geschichte, eine Überlebens-Geschichte oder eine Trotzdem-Geschichte? Und wo können Sie einer Person in Ihrer Umgebung Zuhörerin sein? Wen wollen Sie einladen, von sich zu erzählen? „Erzähl doch mal“ kann dafür ein wunderbarer Einstieg sein.
Die Telefonseelsorge

Das Team der Telefonseelsorge Nordhessen ist anonym und kostenlos rund um die Uhr erreichbar unter Tel. 0800 111 0 111 und online über www.telefonseelsorge-nordhessen.de (Mail- und Chatseelsorge)
Die Telefonseelsorge Nordhessen ist auf Spenden angewiesen: IBAN: DE 62 5206 0410 0000 2140 35

„Erzähl doch mal“ als E-Paper
„Geschichten können viel bewirken“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann, bekannt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Im Interview mit dem „blick in die kirche-Magazin“ spricht er über eine szenische Lesung, mit der er auch nach Kassel kommt, über seinen Blick auf den Glauben und die junge Generation. Unter dem Titel „Erzähl doch mal!“ dreht sich in der neuen Ausgabe alles um die Kraft des Erzählens. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern besuchen wir eine Buch-Kita, lernen eine Vorleseinitiative für krebskranke Kinder kennen und lassen uns von einer Familie erzählen, wie sie mit zwei schwerstbehinderten Kindern lebt.
Zu Wort kommen außerdem Erzählprofis wie die Märchenerzählerin Gudrun Rathke und Pfarrer Enwood Longwe. Drei Grundschulkinder stellen ihre Lieblingsgeschichten aus der Bibel vor. Das Magazin fragt aber auch, wie sich mit problematischen biblischen Erzählungen umgehen lässt. Bei der Telefonseelsorge und in einem Altenheim zeigt sich, wie gut es tun kann, sich etwas von der Seele zu reden. Und schließlich geht es um Märchen, die sogar einen Gottesdienst prägen können. In der September-Ausgabe gibt es beim Gewinnspiel diesmal einen Hotelaufenthalt im Quellenhof in Bad Wildungen zu gewinnen.
Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.
