„Drei Fragen an...“ die Rassismus-Expertin Sarah Vecera:
Kirche und Rassismus - Das passt doch nicht zusammen, oder?
Sarah Vecera: Doch, Rassismus und Kirche passen leider insofern zusammen, dass Kirche Teil der Gesellschaft ist und es keine rassismusfreien Räume auf dieser Welt gibt. Kirche ist Teil von Gesellschaft und hat eine Geschichte, die dazu beigetragen hat, dass Rassenideologie geistlich untermauert wurde. Das geschah während der Kolonialzeit.
Zur Zeit der Entstehung der Ideologie von Menschenrassen, die es ja so nicht gibt, hat man in der Kirche aktiv dazu beigetragen: In der Bibel ist Schwarz böse und Weiß das Göttliche. Es waren damit zwar nie Hautfarben gemeint und kein Mensch ist weiß oder schwarz. Aber das Bild wurde dankbar angenommen, weil Menschen eine Erklärung dafür brauchten, warum die Würde der einen hoch gehalten wird und die anderen entmenschlicht wurden. Außerdem sieht man ja: Wer steht in der Kirche auf der Kanzel? Und wer putzt im Gemeindehaus die Toiletten? Unsere Räume sind klar verteilt.
Ich war die erste deutsche Frau of Colour im Talar, die ich gesehen habe. Heute kenne ich mehrere und das ist schön. Aber ich hatte keine Repräsentationsfiguren in meiner Kindheit, in meiner Jugend, in meinem Großwerden. Das ist ein strukturelles Problem in einer vielfältigen Gesellschaft. Wir müssen uns ernsthaft fragen: Was können wir tun, um die einladende und offene Kirche zu sein, die wir eigentlich sein wollen? Und dafür muss man sich mit Rassismus auseinandersetzen!
In der Kirche wird sich schon klar an vielen Stellen gegen den Rechtsruck in unserer Gesellschaft distanziert und gegen Rassismus positioniert. Das ist gut. Die Theorie ist da. Das Ganze braucht jedoch noch mehr Praxis.

Zur Person
Sarah Vecera ist Referentin im internationalen Bildungsteam der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) mit dem Themenschwerpunkt „Antirassismus und Kirche“. Auf ihrem Instagram-Profil @moyo.me zeigt sie ihren Alltag als berufstätige Mutter, Prädikantin, und sie nimmt den deutschen Alltagsrassismus in den Blick – ebenso den in der Kirche. Auch im Podcast „Stachel & Herz" widmet sich Sarah diesem Thema. Sie gehört dem evangelischen Contentnetzwerk yeet an.
Sie haben ein Buch mit dem Titel „Wie ist Jesus weiß geworden?“ geschrieben. Wie ist Jesus denn weiß geworden?
Vecera: Damals gab es tatsächlich noch kein Buch in deutscher Sprache, das sich mit Rassismus und Kirche auseinandergesetzt hat. Heute gibt es mehrere Veröffentlichungen und darüber bin ich glücklich.
Weiß geworden ist Jesus nicht einfach so zufällig. Das ging mit einer weißen Dominanzkultur in der Kolonialzeit und der Zeit der Versklavung einher. Man wollte sagen: weiße Menschen haben die Macht, sind nah am Göttlichen.
Daraus entstand ein Bild von Jesus, das seine jüdischen Wurzeln und auch seine Person of Color im Prinzip verleugnet hat. Weiß und christlich dominierten in der Kolonialzeit. Das wurde so weit getrieben, dass im Nationalsozialismus Jesus als Arier dargestellt wurde.
So einstand die Geschichte eines weißen, europäischen und christlich gelesenen Jesus und darüber müssen wir sprechen!
Was können wir als einzelne Christinnen und Christen tun?
Vecera: In unserer Gesellschaft gibt es zurzeit sehr viel Polarisierung und in der Kirche haben wir Räume, in denen wir Dialoge schaffen können. Mit Rassismus soll eine Empathielücke zwischen Schwarz und Weiß geschaffen werden. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen!
Und dann empfehle ich allen Menschen, ein Antirassismus-Training oder ein Empowerment-Training zu machen. Wichtig ist auch, sich dafür wirklich Zeit zunehmen. Nur so kommt man mit der eigenen rassistischen Sozialisation in Kontakt und mit dem Schmerz, der damit einhergeht.
In der Kirche sind wir ja auch seelsorgerlich tätig. Da klingt es erstmal simpel, dem Ganzen auch Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Aber Rassismus ist 500 Jahre alt! Es braucht Zeit, das „zu verlernen“. Denn über Generationen steckt diese Sozialisation in uns.
Dem Rassismus kann man entgegenwirken, genau dafür haben wir in den Kirchen die Räume und Möglichkeiten - und das, ohne uns zu beschämen, sondern uns wirklich empathisch zuzuhören. Das wirkt so klein, kann aber sehr große Veränderungen herbeiführen!

Buchtipp
Sarah Vecera träumt von einer Kirche ohne Rassismus. Im Jahr 2024 veröffentlichte sie ihr Buch mit dem Titel „Wie ist Jesus weiß geworden?“ Von Anfang ist die Kirche für alle Menschen gedacht gewesen, heißt es im Infotext zum Buch. Trotzdem gibt es auch in ihr rassistische Strukturen, die weißen Menschen meistens gar nicht auffallen.
Sarah Vecera macht in ihrer Veröffentlichung auf diese Strukturen aufmerksam und erklärt, wie jeder und jede etwas dagegen tun kann. Sie ermutigt dazu, im Sinne des christlichen Glaubens eine Kirche zu gestalten, in der sich alle willkommen und angenommen fühlen.
Wie ist Jesus weiß geworden?
Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus
von Sarah Vecera
Patmos Verlag
ISBN: 978-3-8436-1352-1
