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Kassel / Anne-Kathrin Stöber, blick in die kirche
Veröffentlicht 25 Sep 2026

Es klingt so einfach und ist doch Kunst. Faszinierend, diese Märchenerzählerin und ihr Handwerk. Oder muss es Mundwerk heißen? Gudrun Rathke heißt die Frau mit dem lebendigen Gesicht, den grauen Haaren, dem verschmitzten Lächeln, dem warmen Ton in der Stimme.

Sie kam über Umwege zum Erzählen – ist geboren in Kärnten, hat Germanistik studiert und Skandinavistik, sogar ein halbes Jahr in Schweden gelebt, wollte Lektorin werden, war fasziniert von Kinder- und Jugendliteratur, geriet dann als freie Mitarbeiterin an die damals neue Kasseler Montessori-Schule – und da lag der rote Faden des Erzählens: Kreativ sein mit den Kindern, ihnen Geschichten erzählen und sie damit in Atem halten, gerade die, die es sonst schwer hatten mit dem stillen Genießen. Und da saßen sie, völlig ruhig, mit großen Augen. Das war ihr Ding! Erst vor kurzem traf sie einen früheren Schüler: „Deine Geschichten haben immer so gut geschmeckt“, habe er gesagt.

Wo erzählt sie denn und wem? Sie ist unterwegs; geht in Kindergärten und Schulen, Bibliotheken und Buchhandlungen, man kann sie im Hessischen Rundfunk im Podcast „Von Wegen – Geschichten für Erwachsene“ und „Unterwegs – Geschichten für Kinder“ hören. Gemeinsam mit anderen begibt sie sich auf Tourneen zu Fuß durch Wälder und Dörfer, sie mit Kiepe, ein anderer mit Musikinstrument. Just diesen Sommer war sie in Kärnten unterwegs, knüpfte Kontakte, klopfte an Türen; im Mai ’27 wollen die Wandervögel wieder unterwegs sein im Land der Kindheit.

Im Herbst kann man sie mit ihrem Orgelmärchen in Nidderau erleben (17. Oktober), in Frankfurt im Zusammenspiel mit ihrer Geigerin in der Marienkirche in Seckbach (20. November) und in der Frauenfriedenskirche (22. November) sowie am 1. Advent und am Nikolaustag in der Grimmwelt in Kassel.

Gudrun Rathke erzählt frei. Märchen aus aller Welt und eigene Geschichten – jedes Mal neu gesprochen, nicht abgelesen, nicht auswendig gelernt. „Ich lerne sie inwendig, geh in den Geschichten spazieren, versuche sie richtig gut kennenzulernen und bin dann genauso gespannt wie die Zuhörer,“ sagt sie lächelnd. Es ist immer ein bisschen anders, je nach dem Echo der Zuhörenden, nach der Stimmung im Raum und in der Gruppe. „Ich bin ja nicht allein“, sagt sie, „die Zuhöratmosphäre entsteht im Miteinander.“

Porträt Gudrun Rathke
«Ich bin ja nicht alleine, die Zuhöratmosphäre entsteht im Miteinander.»
Gudrun Rathke

Es braucht eigentlich nichts, sagt Gudrun Rathke, außer das Vertrauen in die „Basis aller Künste“: Spielen und Erzählen. Ohne eine gute Vorbereitung geht aber nichts. In Kitas und Grundschulen hat sie meist eine Schatzkiste dabei. Daraus zieht sie allerlei kleine Gegenstände und schon ist der Anfang der Geschichte da. Mit den ersten Sätzen wird es still.

Ist es wirklich so leicht? Wie schafft sie es, die Kinder und auch Erwachsene zu fesseln? Haben wir das Zuhören und auch das Erzählen nicht längst verlernt? „Da wären wir arm dran“, sagt die 61-jährige Profi-Erzählerin. Es gibt Handwerkszeug, einfache Tipps und Tricks. Die Sinne mit hineinnehmen in die Geschichten, sagt sie – wie riecht es, wie schmeckt es? Wortbilder malen. Besonders Gefühle, die geweckt werden – ob Spannung, Mitleid oder Freude – nehmen die Kinder mit ins Geschehen.

Gerade für jene, die die deutsche Sprache gerade erst erlernen, sei freies Erzählen die beste Sprachförderung. Schnell können Kinder selbst zu Erzählenden werden. Sie holt dafür weitere Kistchen aus ihrem Materialschrank. Holztiere und Karten, mit Wünschen drauf, sind es diesmal. Und schon ist der Anfang einer Geschichte gefunden. Animiert durch simple Aufgaben entstehen im Nu aus Phantasie und Redelust kleine Storys.

Das Erzählen stirbt nicht aus, sagt sie, nein, an der Uni der Künste in Berlin gibt es seit Jahren einen Kurs „Künstlerisches Erzählen“. England und die skandinavischen Länder seien in diesem Bereich jedoch viel weiter. In Nordhessen aber gibt es seit 2012 im Herbst das Sparda-Erzählfestival, dessen künstlerische Leiterin Rathke ist. Dafür holt sie Jahr für Jahr die besten Erzähler und Erzählerinnen nach Kassel. Was sie sich wünscht? Dass das mündliche Erzählen fest in der Gesellschaft verankert sei und endlich in die Ausbildung für Erzieherinnen und Lehrer integriert würde. Es brauche so wenig dazu, sagt sie. Und tut so gut.

www.spielraum-sprache.de

Geschichten, Märchen und Sprachförderung stehen im Mittelpunkt der Angebote von Gudrun Rathke. Die zertifizierte Erzählerin gestaltet Programme für Kinder und Erwachsene, Erzählabende mit Musik sowie Fortbildungen zu Lesemotivation, Sprachförderung und freiem Erzählen. Ihre Website bietet einen Überblick über aktuelle Angebote und Veranstaltungen.

„Erzähl doch mal“ als E-Paper

„Geschichten können viel bewirken“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann, bekannt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Im Interview mit dem „blick in die kirche-Magazin“ spricht er über eine szenische Lesung, mit der er auch nach Kassel kommt, über seinen Blick auf den Glauben und die junge Generation. Unter dem Titel „Erzähl doch mal!“ dreht sich in der neuen Ausgabe alles um die Kraft des Erzählens. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern besuchen wir eine Buch-Kita, lernen eine Vorleseinitiative für krebskranke Kinder kennen und lassen uns von einer Familie erzählen, wie sie mit zwei schwerstbehinderten Kindern lebt.

Zu Wort kommen außerdem Erzählprofis wie die Märchenerzählerin Gudrun Rathke und Pfarrer Enwood Longwe. Drei Grundschulkinder stellen ihre Lieblingsgeschichten aus der Bibel vor. Das Magazin fragt aber auch, wie sich mit problematischen biblischen Erzählungen umgehen lässt. Bei der Telefonseelsorge und in einem Altenheim zeigt sich, wie gut es tun kann, sich etwas von der Seele zu reden. Und schließlich geht es um Märchen, die sogar einen Gottesdienst prägen können. In der September-Ausgabe gibt es beim Gewinnspiel diesmal einen Hotelaufenthalt im Quellenhof in Bad Wildungen zu gewinnen.

Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.