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Auf der Vorderseite zeigt das neue Gesangbuch einen blaugrundigen, nach rechts oben geöffneten Kreis mit sechs farbigen Segmenten in Blau‑, Rot‑ und Grüntönen; darunter steht in Weiß der Titel „Evangelisches Gesangbuch“.

Auf der Vorderseite zeigt das neue Gesangbuch einen blaugrundigen, nach rechts oben geöffneten Kreis mit sechs farbigen Segmenten in Blau‑, Rot‑ und Grüntönen; darunter steht in Weiß der Titel „Evangelisches Gesangbuch“.

Hannover/Kassel, Redaktion ekkw.de, epd
Veröffentlicht 29 Jan 2026

In rund 600 evangelischen Gemeinden in Deutschland läuft seit der Adventszeit eine umfassende Erprobungsphase für das neue Evangelische Gesangbuch. Insgesamt wurden etwa 30.000 gedruckte Erprobungsbände verteilt, deren Inhalte nun bis März 2026 intensiv im Gemeindealltag getestet werden sollen. Die Ergebnisse fließen in die Weiterentwicklung sowohl des gedruckten Buches als auch seines digitalen Gegenstücks ein.

Gemeinden liefern Rückmeldungen aus der Praxis

Für Kord Michaelis, Vorsitzender der Landeskirchenmusikdirektorenkonferenz, ist die Phase ein entscheidender Schritt: „Es wird dringend Zeit, dass diejenigen, die das Gesangbuch wirklich betrifft, nämlich die Gemeinden und die, die dort haupt- und ehrenamtlich arbeiten, draufschauen können und ihre Rückmeldung geben“, sagt er in einem Interview auf der Website der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ein Gesangbuch brauche nicht nur eine fachkundige Kommission, sondern müsse von den Menschen akzeptiert werden, die es später verwenden.

Die Rückmeldungen sollen sowohl praktische Erfahrungen aus Gottesdiensten als auch theologische und ästhetische Aspekte umfassen. Michaelis betont, dass diese Bereiche eng miteinander verbunden seien: Die theologische Qualität, das Design und die Nutzendenorientierung seien gleichermaßen entscheidend.

30 Gemeinden der EKKW beteiligt

In der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) sind 30 Gemeinden aus allen Regionen an der Erprobung beteiligt, berichtet Kirchenmusikdirektor Peter Hamburger dem Medienhaus der EKKW. Mit dabei sind beispielsweise Wolfhagen im Norden, Nidderau im Süden, Marburg im Westen oder Bebra im Osten.

Im Zuge der bundesweiten Erprobungsphase betont Hamburger, dass die kommende Ausgabe keine vollständige Neuerfindung darstellt. Viele vertraute Lieder blieben erhalten, während wenig genutzte oder inhaltlich nicht mehr zeitgemäße Stücke gestrichen wurden. Ergänzt werde der Bestand durch zahlreiche neue und neuere Lieder, die bereits in Gemeinden gesungen werden – ebenso wie durch einige Entdeckungen, die bisher weniger verbreitet sind.

Portraitfoto von Peter Hamburger
Was bleibt, was kommt?

Peter Hamburger spricht im Kurzinterview zur Erprobung des neuen Gesangbuchs darüber, warum wenig gesungene oder veraltete Lieder weichen, neue Stücke aufgenommen werden und Rückmeldungen aus der Gemeindepraxis für die endgültige Auswahl zentral sind. Hamburger ist Kirchenmusikdirektor der EKKW und leitet den Fachbereich Popularmusik der Landeskirche.

Hamburger unterstreicht die Bedeutung der Rückmeldungen aus den Kirchengemeinden. Entscheidend sei, ob das Gesangbuch im praktischen Gebrauch funktioniere und ob sich Gemeinden vorstellen können, damit über Jahrzehnte zu arbeiten. Die Testphase biete die Chance, verschiedene Gottesdienstsituationen auszuprobieren und Neugier auf das zukünftige Gesangbuch zu wecken.

Diese Gemeinden erproben das Gesangbuch

Alt-Wildungen
Bad Arolsen
Bad Sooden-Allendorf
Bad Hersfeld – Matthäuskirche
Bebra
Borken (Schwalmpforte)
Eiterfeld-Rasdorf (Vorderrhön)
Floh-Seligenthal
Freigericht
Goßfelden-Sarnau
Großenritte-Altenritte
Großseelheim
Homberg
Kassel – Dreifaltigkeitskirche
Kerspenhausen (Niederaula / Kerspenhausen)
Kilianstädten/Oberdorfelden
Knüllwald (Rengshausen)
Marburg – St. Marien
Melsungen
Nidderau-Ostheim
Nidderau-Windecken
Niederaula
Rotenburg
Schlüchtern
Spangenberg
Steinau
Usseln
Vorderrhön (Buchenau / Eiterfeld-Rasdorf)
Volkmarsen
Wildeck-Obersuhl
Wolfhagen
Ziegenhain

Vielfältige Testformate in den Gemeinden

Die Erprobung findet in ganz unterschiedlichen Formaten statt. Neben klassischen Sonntagsgottesdiensten oder thematischen Andachten werden vielerorts kreative Formen entwickelt, berichtet Lukas Bauer vom Projektbüro „Evangelisches Gesangbuch“ des EKD-Kirchenamtes. Zusätzlich sind landeskirchlich organisierte Fach- und Tagungstermine geplant, in denen weitere Rückmeldungen gesammelt werden.

Auch Gemeinden, die keine gedruckten Bände erhalten haben, können teilnehmen – über das Digitalangebot gesangbuch.de oder das E‑Paper in der App „Gesangbuch online“. Für beide digitalen Zugänge sind ebenfalls eigene Fragebögen vorgesehen.

Neben dem gedruckten Band spielt das digitale Gesangbuch eine zentrale Rolle. Nutzende der digitalen Plattform erhalten eigene Fragebögen, damit auch die Bedienbarkeit, Präsentationsmöglichkeiten und digitale Nutzerführung analysiert werden können. Bauer sieht darin einen wichtigen Teil des Gesamtkonzepts des künftigen Gesangbuchs.

Welche Inhalte geprüft werden

Das Erprobungsgesangbuch enthält einen begrenzten, aber gezielt ausgewählten Ausschnitt des späteren Gesamtwerks. Dazu gehören die Rubriken Abend, Nacht, Advent, Weihnachten, Taufe, Konfirmation sowie Loben, danken, feiern und ein großer Teil der Psalmen-Rubrik. Letztere sei besonders interessant, da sie „völlig anders ist als bisher“, sagt Kord Michaelis. Die beschränkte Auswahl ermögliche eine praxisnahe Nutzung im Winterhalbjahr.

Parallel wird das neue thematische Konzept des kommenden Gesangbuchs – etwa die Struktur nach sechs Hauptkategorien wie „TagesZeit“ oder „JahresZeit“ – mitüberprüft.

www.mitsingen.de

Begleitend zum Erprobungsband des neuen Gesangbuchs ist die Plattform mitsingen.de erschienen. Dort kann man Lieder entdecken, Begleitmaterial finden, nach Vermittlungsideen stöbern und sogar Onlinespiele spielen.

Bedeutung der Rückmeldungen und Umgang mit Kritik

Das Projektbüro rechnet mit einer Vielzahl an positiven wie kritischen Rückmeldungen. Projektmitarbeiter Lukas Bauer erklärt: „Wir erwarten natürlich, dass es neben vielen positiven auch zahlreiche kritische Rückfragen gibt.“ Alle Hinweise würden individuell geprüft und in die Weiterarbeit einfließen. Für das Jahr 2026 sei daher ein intensiver Auswertungs- und Überarbeitungsprozess vorgesehen.

Michaelis unterstreicht die Relevanz dieser Phase für die Qualität des Endprodukts: Nichts steigere die Qualität so sehr wie „ein sehr genauer Blick aufs Detail in der Schlussphase des Entwicklungsprozesses“. Jede Rückmeldung könne entscheidende Hinweise geben.

Ein Blick auf die Zukunft

Die Verantwortlichen erhoffen sich, dass das neue Evangelische Gesangbuch 2028 sowohl als Buch als auch digital ein fester Bestandteil der kirchlichen Praxis wird. Michaelis formuliert das Ziel so: „Ich hoffe, dass das neue Gesangbuch ein wirklich spannendes Buch sein wird, das große Lust macht, damit Gottesdienst zu feiern.“ Gleichzeitig solle das digitale Gegenstück selbstverständlich und unverzichtbar werden.

Zugleich sehen die Projektverantwortlichen in der Erprobungsphase eine Chance, das gemeinsame Singen in der Kirche neu zu beleben. Jede Veranstaltung, die Menschen zum Singen zusammenführe, sei ein „wertvoller Erfolg“, heißt es.

Das neue Evangelische Gesangbuch

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat im Reformationsjubiläumsjahr 2017 in Zusammenarbeit mit allen evangelischen Landeskirchen entschieden, dass das Evangelische Gesangbuch aus den 1990er Jahren gemeinsam überarbeitet werden soll. 2020 ging die Arbeit mit einer gut 70‑köpfigen Gesangbuchkommission aus allen Landeskirchen, Fachverbänden und der Evangelischen Kirche in Österreich los. Im Herbst 2024 hat das Buch erste Gestalt angenommen, von Advent 2025 bis Ende März 2026 wird es in ausgewählten Kirchengemeinden erprobt. Erscheinen soll die neue Ausgabe dann 2028.

Auf den ersten Blick wirkt das neue Gesangbuch deutlich lebhafter als die bisherigen Ausgaben: Auf blauem Untergrund ist ein nach rechts oben geöffneter Kreis mit sechs Segmenten in Nuancen von Blau, Rot und Grün zu sehen. Unübersehbar darunter steht in Weiß der Titel „Evangelisches Gesangbuch“. Auf der Rückumschlagseite ist Platz für Logos der Landeskirchen oder auch Prägungen. Der farbige Kreis stellt sich beim Aufschlagen des neuen Buches als wesentliches Gestaltungselement dar. Seine Segmente symbolisieren die sechs großen Themenrubriken, zu denen der Tagesverlauf, der Jahreskreis, Gottesdienst, Psalmen sowie Lebens- und Weltzeit gehören.

Bei der noch bevorstehenden Endauswahl für das neue Gesangbuch geht es nicht nur um musikalische Aspekte. Eine Ethikkommission soll noch einige bekannte Lieder prüfen, deren Autoren in Verruf geraten sind – beispielsweise durch ihre Rolle während des NS‑Regimes oder wegen erhobener Missbrauchsvorwürfe.

Das neue Gesangbuch soll zudem eine weitere „Baustelle“ beseitigen – nämlich eine juristische: Vielerorts bewegen sich Kirchengemeinden rechtlich im Abseits, wenn sie Texte und Melodien auf Liederzetteln drucken, die nicht im Gesangbuch stehen. Für die Nutzung aller Lieder aus dem Gesangbuch sollen künftig sämtliche Rechte vorliegen.