Warum bereiten manche Bibelgeschichten Bauchschmerzen?
Es gibt Texte in der Bibel, die verstehe ich nicht. Viele davon sind mir gleichgültig, weil sie sich mit Themen befassen, die mich nicht berühren. Manche ärgern mich aber richtig und einige bereiten mir Bauchschmerzen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es um Gewalt geht.
Eigentlich finde ich Gott ganz gut. Der Gedanke, dass mein Leben einen Sinn und einen Wert hat, unabhängig von meinen persönlichen Voraussetzungen, Neigungen und Leistungen, stärkt mich innerlich. Dass es eine Macht gibt, die für Freiheit im Miteinander der Geschöpfe einsteht und vor der man sich auch für sein Leben verantworten muss, ist ein Konzept, das mir Halt gibt. Wenn nun allerdings genau diese Macht, also Gott, gewalttätig wird, Gewaltakte fordert und / oder Menschen willentlich schädigt oder ausgrenzt, habe ich ein Problem. Mit so einem Gott möchte ich nichts zu tun haben.
Die Bibel als Sammlung menschlicher Glaubenserfahrungen
Glücklicherweise sind die Texte der christlichen Bibel nicht vom Himmel gefallen. Bibelforscher:innen wissen schon lange, dass Menschen diese Texte geschrieben haben. Biblische Briefe, Abhandlungen, Poesie und Erzählungen spiegeln, wie Menschen sich Gott vorstellten. Sie sprechen von den Lebens- und Glaubenserfahrungen in einem Spektrum, das ca. 1000 Jahre Menschheitsgeschichte in verschiedenen Regionen des Nahen Ostens abbildet. Natürlich sind die Erfahrungen, die diese Menschen machen, nicht deckungsgleich. Denn jede Person bringt ja ihre eigene Lebensweise, Lebensgeschichte und Persönlichkeit mit. Und was als gesellschaftlich „normal“ angesehen wird, unterscheidet sich schon innerhalb des Spektrums der biblischen Texte. Es unterscheidet sich aber natürlich auch deutlich von dem, was in Westeuropa im 21. Jahrhundert als politisch korrekt gilt. Und dies ist wieder verschieden von dem, was eine Einzelperson innerhalb dieser Gesellschaft denkt und lebt.

Dr. Insa Rohrschneider
Dr. Insa Rohrschneider ist seit 1. Juni Pfarrerin der Citypfarrstelle St. Martin in Kassel. Sie hat in Münster, Tübingen und Marburg Theologie studiert und nach dem Vikariat ihre Dissertation in Systematischer Theologie geschrieben. Sie war Studienleiterin am Religionspädagogischen Institut der hessischen Landeskirchen sowie Gemeindepfarrerin in Altenbauna und in Wolfsanger. Von 2014 bis 2022 war sie Vorsitzende der Theologischen Kammer der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.
Kann man mit der Bibel wirklich alles begründen?
Ist also alles beliebig? Kann man mit der Bibel ALLES begründen und rechtfertigen? Wenn man sie wörtlich nimmt: Ja. Dann muss man nur das richtige Zitat finden. Und das ist angesichts der Bandbreite der Texte gar nicht schwer.
Betrachtet man die biblischen Texte jedoch auf dem Hintergrund der Situation, in der sie jeweils entstanden sind, und fragt nach der Botschaft für die Menschen damals und heute, lautet die Antwort: Nein. Der Gehalt der meisten biblischen Texte zielt auf ein gelingendes Zusammenleben der Lebewesen auf dem Planeten Erde. Menschen sollen so miteinander und mit der sie umgebenden Welt (Tiere, Pflanzen, Meere, Land, Luft) umgehen, dass alle sich gut entwickeln können. In meinen Worten: Sie sollen in gelingenden Beziehungen miteinander leben. Das schließt auch die Beziehung zu sich selbst ein. Die Beziehungen zu sich selbst, zu anderen (und anderem) und zu Gott hängen in diesem Verständnis zusammen. Gott wird als Quelle und Orientierung gedacht, um im eigenen Leben für Freiheit und Liebe (im Sinne unbedingter Achtung und Anerkennung des Lebens) einzustehen.
Wie mit schwierigen Bibeltexten umgehen?
Biblische Texte und Erzählungen, in denen Menschen zu Schaden kommen, vor allem wenn dies durch Gott oder auf seinen Auftrag hin geschieht, sind also wirklich schwierig. Sollte man sie vielleicht deshalb aus der Bibel aussondern? Ich denke: Nein. Erstmal ist es wichtig sie zu verstehen. Sie als Texte einer bestimmten Zeit und Problemlage ernst zu nehmen und zu schauen, ob sich von hier aus ein Zugang eröffnet. Dies soll im Folgenden mit drei bekannten Geschichten erprobt werden: der Erzählung von der Sintflut, der Geschichte von der Opferung Isaaks und der Kreuzigung Jesu.
Die Sintflut und die Arche Noah: Gott ist treu
Die Geschichte von Noah und der Arche gehört zu den bekanntesten Erzählungen der Bibel. Doch wie lässt sich eine Geschichte verstehen, in der so viel Leid und Zerstörung vorkommen? Theologin Insa Rohrschneider blickt hinter die vertrauten Bilder und fragt nach der eigentlichen Botschaft. Im Mittelpunkt steht eine überraschende Hoffnung: Gott gibt seine Schöpfung trotz aller Brüche nicht auf, sondern bleibt dem Leben und den Menschen treu.
Die Opferung Isaaks und das Versprechen
Die Geschichte von Abraham und Isaak lässt viele ratlos zurück. Ein Vater soll seinen lang ersehnten Sohn opfern und vertraut dennoch weiter auf Gott. Was erzählt dieser schwierige Bibeltext über Zweifel, Leid und Hoffnung? Insa Rohrschneider nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine spannende Spurensuche und eröffnet einen überraschenden Blick auf Gottes Treue.
Warum Jesus sterben musste und das trotzdem Hoffnung macht
Die Geschichte von Kreuzigung und Auferstehung gehört zum Kern des christlichen Glaubens und wirft bis heute Fragen auf. Die Theologin Insa Rohrschneider schaut auf die biblischen Texte, ihre Entstehung und ihre Deutungen. Dabei eröffnet sie einen Blick auf eine Botschaft, die trotz Leid und Tod von Hoffnung, Vertrauen und Gottes Treue zum Leben spricht.

„Erzähl doch mal“ als E-Paper
„Geschichten können viel bewirken“, sagt Schauspieler Thomas Rühmann, bekannt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Im Interview mit dem „blick in die kirche-Magazin“ spricht er über eine szenische Lesung, mit der er auch nach Kassel kommt, über seinen Blick auf den Glauben und die junge Generation. Unter dem Titel „Erzähl doch mal!“ dreht sich in der neuen Ausgabe alles um die Kraft des Erzählens. Gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern besuchen wir eine Buch-Kita, lernen eine Vorleseinitiative für krebskranke Kinder kennen und lassen uns von einer Familie erzählen, wie sie mit zwei schwerstbehinderten Kindern lebt.
Zu Wort kommen außerdem Erzählprofis wie die Märchenerzählerin Gudrun Rathke und Pfarrer Enwood Longwe. Drei Grundschulkinder stellen ihre Lieblingsgeschichten aus der Bibel vor. Das Magazin fragt aber auch, wie sich mit problematischen biblischen Erzählungen umgehen lässt. Bei der Telefonseelsorge und in einem Altenheim zeigt sich, wie gut es tun kann, sich etwas von der Seele zu reden. Und schließlich geht es um Märchen, die sogar einen Gottesdienst prägen können. In der September-Ausgabe gibt es beim Gewinnspiel diesmal einen Hotelaufenthalt im Quellenhof in Bad Wildungen zu gewinnen.
Das „blick in die kirche-Magazin“ ist die Publikumszeitschrift der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und liegt viermal im Jahr den Tageszeitungen auf dem Gebiet der Landeskirche kostenfrei bei. Die Druckauflage beträgt 211.000 Exemplare, hinzu kommen E-Paper und Webseite.



